Zu Besuch bei der Linus Weber Denkmalpflege in Viersen

Der studierte Musiker Linus Weber hat als Quereinsteiger einen Fachbetrieb für Baudenkmalpflege aufgebaut. Er sieht sich selbst als „Mediator“, der zwischen den Ansprüchen der Häuser und denen der Bauherren vermittelt. Auch auf der Baustelle pflegt er einen kommunikativen Führungsstil.

Wer in einem Orchester eine Sinfonie spielen will, muss nicht nur sein eigenes Handwerk – sein Instrument – perfekt beherrschen, sondern auch in der Lage sein, auf Basis der Partitur mit den anderen Musikern und dem Dirigenten so zu kommunizieren, dass aus den Beiträgen der vielen Solisten ein großes Ganzes entsteht, das mehr ist, als die Summe seiner Teile. Der österreichische Dirigent Christian Gansch hat diese Analogie zwischen der Arbeit eines Orchester und den Prozessen innerhalb von Unternehmen in seinem Buch „Vom Solo zur Sinfonie – Was Unternehmen von Orchestern lernen können“ beschrieben. Insofern ist der Werdegang von Linus Weber, Inhaber eines Betriebes für Denkmalpflege in Viersen, nicht typisch für die Leitung eines Bauunternehmens, andererseits ist gerade beim Bauen im Bestand die Kommunikation zwischen den Gewerken das A und O für das Gelingen eines Projektes. Darüber hinaus hat der Quereinsteiger zwar keine Gesellenprüfung in einem bestimmten Gewerk abgelegt, verfügt aber über fundierte fachliche Kenntnisse und handwerkliche Fähigkeiten in mehreren Gewerken, die er sich in seinen „Lehrjahren“ in einem größeren Denkmalpflege-Unternehmen erworben hat.

Von der Musik zum Baudenkmal

Viele Faktoren sprechen dafür, dass Weber den „Umweg“ über die Musik nicht hätte gehen müssen. Denn sein Interesse für Architektur und fürs Bauen hatte er schon in der Kindheit entdeckt, als seine Eltern einen alten Bauernhof kauften und selber instand setzten, wobei er eifrig mithalf. Auch die Affinität zu traditionellen und ökologischen Baustoffen wurde dem Viersener quasi in die Wiege gelegt, schließlich hat mit der Firma Claytec einer der Pioniere des modernen Lehmbaus seinen Stammsitz in der Nachbarschaft.

Mit Anfang 30 war dann der Entschluss gereift, dass es Zeit sei, das schon so lange empfundene Interesse für Denkmalpflege zu seinem Beruf zu machen. Und wieder ging Weber nicht den auf der Hand liegenden Weg, eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren, sondern stürzte sich als Hilfskraft kopfüber in die Praxis. Der Chef eines auf Denkmalpflege spezialisierten Bauunternehmens äußerte sich beim Vorstellungsgespräch zunächst wenig optimistisch, ob der ausgebildete Cellist den Anforderungen auf einer Baustelle gewachsen sein würde. „Du kannst das ja mal zwei Wochen lang ausprobieren“, lautete sein skeptisches Jobangebot. „Ich wollte unbedingt praktisch mit allen Materialien arbeiten“, erinnert sich Linus Weber an seine „Lehrzeit“ auf den Baustellen. Dabei erstreckten sich seine Tätigkeiten vom Zementsäcke-Schleppen über Parkett verlegen bis zum Mauern und Verputzen. Aus zwei Wochen wurden dreieinhalb Jahre, in denen sich Weber einen umfangreichen Gesamtüberblick über alle Gewerke aneignete und zu einem geschätzten Mitarbeiter entwickelte.

Schwierige Anfangsphase

Auf Vorschlag seines Chefs wagte er schließlich vor etwa zehn Jahren den Schritt in die Selbständigkeit. „Ich bin damals kopfüber ins kalte Wasser gesprungen. Das würde ich heute nicht mehr so machen“, erinnert sich Linus Weber. Zwangsläufig musste er daher bei seinem ersten eigenen Projekt ordentlich „Lehrgeld“ zahlen. Zwar ist die Baustelle fachlich durchaus gelungen, in wirtschaftlicher Hinsicht war sie für den Jungunternehmer allerdings ein Misserfolg. Gleichzeitig bildet diese Erfahrung aber den Ausgangspunkt für eine Neuausrichtung, mit der er bis heute sehr erfolgreich agiert. „Am Anfang hatte ich den Gedanken, alles aus einer Hand anzubieten. Ich habe aber gelernt, dass man besser damit fährt, sehr gute Leute um sich zu scharen, die auf einem fachlich hohen Niveau arbeiten.“

Durch die Zusammenarbeit mit zwei festangestellten Mitarbeitern und einer Handvoll Partnerunternehmen verschiedener Gewerke hat er außerdem mehr Freiraum gewonnen, um seine eigentlichen Stärken ausspielen zu können. „So bin ich im Laufe der Zeit immer mehr in die Planung und Bauleitung reingekommen“, sagt Weber, der sich weder Architekt nennen will noch darf, dessen tägliche Arbeit aber in weiten Teilen denen eines Planers entspricht.

„Anwalt“ der Häuser

Mit dem Unterschied, dass er sich einem Gebäude mit einem ganz anderen Ansatz nähert. „Ein heute als erhaltenswert beurteiltes historisches Gebäude wurde ja schließlich mal von einem Architekten oder Baumeister geplant. Und der hat das in der Regel gut gemacht, sonst würde das Haus nicht mehr stehen. Deshalb geht es mir auch nicht darum, mich beim Bauen selbst zu verwirklichen und meinen Gestaltungswillen auszuleben, sondern den Gebäuden ihre Schönheit und Würde zurückzugeben“. Dazu untersucht er nicht nur die Gebäude selbst, sondern recherchiert in Archiven die Geschichte der Häuser und ihrer Bewohner, um so die stimmigste Restaurierungslösung zu entwickeln. Oft tritt er danach mit seinen Auftraggebern in einen regelrechten Mediationsprozess ein, in dem der „Anwalt der Häuser“ (Weber über Weber) die Bauherren von seinen Ideen zu überzeugen versucht. „Alle Leute wollen heute große Bäder und offene Küchen“, beschreibt er typische Erwartungen. Da historische Häuser bauzeitlich fast nie über eigene Badezimmer verfügten, schon gar nicht über große, steht er der Umwidmung anderer Räume zu diesem Zweck recht offen gegenüber. Dagegen wirbt er für – notfalls auch kleine – separate Küchen, die häufig nicht nur historisch richtig sind, sondern auch praktische Vorteile bieten. „Manchmal hat man Gebäude regelrecht entfremdet, indem aus großen Einfamilien­häusern Häuser mit mehreren Wohnungen gemacht wurden.“

Auch bei der Gestaltung der Oberflächen plädiert er dafür, Rücksicht auf die historische Substanz zu nehmen. „Wenn man sich für ein altes Haus entscheidet, sollte man auch den Mut haben, kleinere Macken, zum Beispiel Risse oder Abplatzungen an Fliesen, zu akzeptieren.“

Ähnliches gelte für den energetischen Standard. „Aus den meisten Altbauten kann man keine Energiesparhäuser machen“, sagt Linus Weber. Wie bei der Gestaltung auch gehe es darum, einen Kompromiss zwischen Energieeinsparung auf der einen Seite und dem Charakter des Gebäudes auf der anderen Seite zu finden. Oft reichten neue Fenster sowie eine Dämmung der Kellerdecke und der obersten Geschossdecke beziehungsweise des Daches schon aus, um eine deutliche Verbesserung zu bewirken.

Bei der Auswahl von Farben lässt er sich von vorgefundenen Wand- oder Bodenfliesen, Hölzern oder freigelegten Wandanstrichen inspirieren. Ein mehrjähriger Aufenthalt im Westen Kanadas hat ihn zu einem Fan der viktorianischen Architektur mit ihrer lebhaften Farbigkeit gemacht, in der die hierzulande üblichen, weiß gestrichenen Räume weitgehend unbekannt sind.

Um seine Vorstellungen umsetzen zu können, greift er vor allem auf natürliche und traditionelle Materia­lien zurück, wie sie beispielsweise von Auro und Farrow & Ball (Farben), Claytec (Lehmputz) und Steico, Isocell und Isofloc (Dämmstoffe) angeboten werden.

Doch kein Umweg

Gute Planung und ausgesuchte Baustoffe ergeben aber erst durch eine perfekte Ausführung ein Ergebnis, das die Auftraggeber begeistert. Genau hier schließt sich der Kreis, denn der anfangs vermutete „Umweg“ über die Musikerausbildung hat bei Linus Weber wohlmöglich genau jene Kompetenzen geschult, die auf einer komplexen Baustelle wichtig sind. „Bei Neubauten arbeiten die Gewerke oft nebeneinander her, und der Bauleiter muss das koordinieren“, sagt Linus Weber. Ihm ist es dagegen wichtig, die Kommunikation der Handwerker untereinander zu fördern und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen. „Sowohl meine eigenen Mitarbeiter als auch die Partnerfirmen sind nicht nur handwerklich spitze, sondern auch fachlich und menschlich dazu in der Lage, eigene Ideen zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen.“ Dadurch entstehe eine Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung, die sich wiederum förderlich auf die Qualität der Ausführung auswirke.

Qualiät spricht sich rum

Eine hohe Ausführungsqualität hat wiederum zufriedene Kunden zur Folge, weswegen Linus Weber wenig Zeit und Energie für Akquise einsetzen muss, da diese durch Mundpropaganda und Weiterempfehlungen dafür sorgen, dass ihm so schnell nicht die Arbeit ausgeht. Zumal die intensive und individuelle Betreuung einerseits sowie die bewusst kleine Betriebsgröße von Linus Weber Denkmalpflege andererseits maximal zwei größere Projekte pro Jahr ermöglichen.

Nach rund anderthalb Dutzend erfolgreich abgeschlossenen Aufträgen verfügt der autodidaktische Denkmalhandwerker über genug Erfahrung, um Bauwilligen recht präzise Kostenschätzungen und für beide Seiten faire Angebote abgeben zu können. Nicht auf der Rechnung taucht ein spezieller Service auf: Ist ein Projekt abgeschlossen, erhalten die Auftraggeber ein hochwertig gestaltetes Fotobuch mit Bildern, die er ohnehin zu Dokumentationszwecken regelmäßig während der Bauphase anfertigt. Ergänzt mit Texten zur Geschichte des Hauses und seines Sanierungskonzeptes verstärkt dieses Geschenk die Identifikation der Bauherren mit ihrem Haus und wirkt – wenn die Auftraggeber es im Freundeskreis zeigen – zugleich als Werbebroschüre für neue Aufträge.

Autor

Thomas Schwarzmann ist Redakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Ich lese bauhandwerk, weil diese Zeitschrift die ganze Klaviatur des Handwerks abdeckt

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