Sanierung eines Siedlerhauses für Heimatvertriebene aus den 1940er Jahren von Egon Eiermann in Buchen-Hettingen

In Buchen-Hettingen wurde ein Frühwerk des Architekten Egon Eiermann denkmalgerecht instandgesetzt. Die Doppelhaushälfte wurde als Bestandteil einer von 1946 bis 1948 erbauten Notsiedlung errichtet. In annähernd originalem Zustand erhalten dokumentiert das kleine Haus, wie mit begrenzten Mitteln gebaut werden konnte.

Maßstäbliche Pläne

Maßstäbliche Pläne finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Zeitschrift bauhandwerk.

Das „Eiermann-Magnani-Haus“ steht in Buchen-Hettingen nach der im vergangenen Jahr abgeschlossenen Instandsetzung als Museum nun allen Interessierten offen. Es dokumentiert sowohl die Architektur als auch mit einer umfassenden Ausstellung die Geschichte dieser Siedlung und die Lebensumstände der damaligen Bewohner. Das Dorf Hettingen hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen nur 1500 Einwohnern rund 500 Vertriebene aus den osteuropäischen Nachbarländern aufzunehmen. Für sie sollte auf Initiative des damaligen Ortspfarrers Heinrich Magnani mit einer kirchlichen Baugenossenschaft erschwinglicher Wohnraum geschaffen werden – größtenteils in Eigenleistung der zukünftigen Bewohner und mithilfe ehrenamtlicher Freiwilliger. Die zehn Doppelhäuser dieser neuen Siedlung entwarf der Architekt Egon Eiermann. Er war nach Kriegsende aus Berlin in das benachbarte Buchen, die Heimatstadt seines Vaters, zurückgekehrt. So entstand von 1946 bis 1948 die Siedlung als eine der ersten Genossenschaftssiedlungen für Heimatvertriebene und Einheimische.

Begrenzte Mittel führten zu ungewöhnlichen Lösungen

Die Baumaterialien waren knapp und die Wohnungssuchenden meist mittellos. Egon Eiermann entwickelte deshalb einen Haustyp, der in Eigenleistung mit den verfügbaren Baustoffen errichtet werden konnte: einen einfach geschnittenen, zweigeschossigen Baukörper, mit flachem, ziegelgedeckten Dach und angegliedertem Schuppen, der zugleich den Eingangsbereich überdacht. Das Einfamilienhaus bot auf nur 6,49 x 8,83 m und trotz begrenzter Mittel durch seine moderne Raumaufteilung und die großen Fensteröffnungen großzügige und qualitätsvolle Wohnräume. Zwar als „Notbauten“ errichtet, war es für Eiermann wesentlich, nicht eine behelfsmäßige Unterkunft, sondern langlebige Häuser mit Wohnwert zu errichten, wie er 1946 schrieb: „Ich halte es für falsch, Fehlinvestitionen in der Art zu machen, dass jetzt notdürftige Bauten, die später ersetzt werden müssen, erstellt werden.“ Für diese besondere Bauaufgabe entwarf Egon Eiermann das Haus komplett bis indie Details – von den ungewöhnlichen Grundrissen über die maßgeschneiderten Einbauten bis hin zu Türgriffen und ausgeklügelten Kastenfenstern. Schon die Fassade, die das Gebäude prägt, ist einfach und raffiniert zugleich: eine rote, vorgemauerte Klinkerschale im Prüßverband, bei dem die Klinker abwechselnd horizontal und vertikal gesetzt sind. Die grafische Wirkung der Fassadenflächen unterstützen die weißen Kastenfenster, die feingliedrig unterteilt sind. Anstelle kleiner Zimmer gehen Wohn- und Essbereich ineinander über, und auch die Küche ist mit diesem großzügigen Raum über eine Durchreiche verbunden. Große Fenster sorgen für viel Licht und eine Tür für den direkten Zugang zum Garten, was bei Siedlerhäusern der damaligen Zeit selten war. Im Obergeschoss sind die beiden Schlafräume durch eine begehbare Ankleide verbunden – alles ist sehr durchdacht gestaltet, um auf der kleinen Fläche ein Optimum an Funktionalität und Wohnlichkeit zu erzielen.

Denkmalgerechte Instandsetzung

Während viele der Gebäude der Siedlung in den vergangenen Jahrzehnten um- und ausgebaut wurden, war die Doppelhaushälfte des „Eiermann-Magnani-Hauses“ kaum verändert und erstaunlich viel von der Originalsubstanz erhalten. Bei den Doppelhaustypen sind zwei Häuser jeweils leicht gegeneinander versetzt. Nachdem die Familie des Erstbesitzers aus ihrer Doppelhaushälfte ausgezogen war, stand das Gebäude einige Jahre leer; es erlitt zwar keine größeren baulichen Schäden, war jedoch stark sanierungsbedürftig. 2011 erwarb ein Verein mit Unterstützung der Denkmalstiftung Baden-Württemberg das als Kulturdenkmal klassifizierte Gebäude. Die Wüstenrot Stiftung nahm das Haus 2012 in ihr Denkmalprogramm auf und setzte es im Zeitraum von fünf Jahren instand – für eine Nutzung als Museum, das sowohl die Planung des Architekten als auch die Initiative des Ortspfarrers und das Leben der Siedlungsbewohner dokumentiert und so die architekturhistorisch und sozialgeschichtliche Bedeutung zeigt.

Ein Glücksfall ist, dass hinsichtlich der Bausubstanz und auch des Innenausbaus noch vieles original erhalten war. Die früheren Besitzer hatten, teils auch aus Geldmangel, keine größeren Umbauten durchgeführt und die Bauteile, die sie im Lauf der Jahre ersetzt hatten, im Schuppen aufbewahrt. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie wurden Konstruktion, Haustechnik und Außenanlagen untersucht und daraufhin ein Reparatur- und Instandsetzungskonzept erstellt. Wesentlich war dabei, die verschiedenen Schichten aus der Bauzeit und den nachfolgenden Jahrzehnten zu erhalten, um den ursprünglichen Zustand, aber auch die Spuren der Nutzung ablesbar zu machen.

Fassadenklinker und Kastenfenster

Die Konstruktion der Außenwand entwickelte Eiermann aus den zur Verfügung stehenden Baustoffen. Das tragende zweischalige Mauerwerk besteht aus luftgetrockneten Lehmziegeln. Diese sogenannten Grünlinge konnten relativ einfach mit Material aus der Region hergestellt werden und mussten nicht gebrannt werden – ein Vorteil in der kohlearmen Nachkriegszeit. Davor wurde eine witterungsbeständige einlagige Außenschale aus gebrannten Klinkern gemauert; diese ist punktuell mit Bandeisen an der Lehmziegelwand befestigt. Die Klinker waren zu 95 Prozent erhalten. Nur stark verwitterte oder gebrochene Ziegelsteine wurden gegen Originalklinker ausgetauscht, die die Besitzer im Schuppen aufbewahrt hatten. Der Fugenmörtel war stark ausgewaschen, deshalb lagen teilweise die Bandeisen frei. Sie wurden mit Korrosionsschutzmittel behandelt und die Fugen mit Mörtel aufgefüllt, der dem bauzeitlich verwendeten entspricht.

In der Fassade der Gartenseite hatte man drei der ursprünglichen Kastenfenster und die Doppeltür durch neue Elemente ersetzt. Doch zumindest die Fensterflügel lagerten ebenfalls im Schuppen und konnten repariert und wieder eingesetzt werden; die Fensterstöcke und die Doppeltür baute man auf der Grundlage der erhaltenen anderen Fassadenseite originalgetreu nach. Auch entsprechende Zeichnungen von Egon Eiermann sind im saai, dem Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau in Karlsruhe, aufbewahrt. So zeigt sich die Gartenfassade nun wieder in der ursprünglichen Gestaltung mit den Kastenfenstern und ihren besonderen, nach außen ausstellbaren Öffnungsflügeln.

Zwei Konzepte für die Innenräume

Bei den Innenräumen wurden zwei unterschiedliche Konzepte realisiert: Das Erdgeschoss passten die Restauratoren behutsam an den ursprünglichen Zustand an, um die architektonischen Ideen Eiermanns zu vermitteln; im Obergeschoss wurde dagegen der letzte bewohnte Zustand erhalten und veranschaulicht das Leben der Bewohner. So entfernten die Handwerker im Erdgeschoss eine nachträglich eingebaute leichte Trennwand, um den großzügigen Raumeindruck wieder erlebbar zu machen. Auch der originale holzsichtige Dielenboden, der von verschiedenen Belägen bedeckt war, ist hier wieder freigelegt. Im Gegensatz dazu sicherten die Restauratoren den Stragula-Belag im Obergeschoss als zeittypischer Belag der 1950er-Jahre: Stragula ist eine preiswerte Linoleum-Imitation aus Wollfilzpappe, die mit Teer imprägniert und mit Ölfarbe bedruckt ist – in diesem Fall mit einem Teppichmuster. In beiden Etagen wurden verschiedene Farb- und Tapezierschichten freigelegt. Die Wand- und Deckenflächen des Erdgeschosses erhielten einen reversiblen Anstrich mit leichter Körnung, um das ursprüngliche Erscheinungsbild zu zeigen; darunter blieben die Schichten erhalten und wurden konserviert. Im Obergeschoss blieben die Wandverzierungen, die die Bewohner mit Musterwalzen auftrugen, erhalten und wurden restauratorisch gesichert. Hierzu mussten Übermalungen entfernt und lose Putzschichten zum Teil hinterspritzt werden. Erfreulicherweise haben auch die originalen Einbaumöbel, Wasch- und Spülbecken die Zeit überdauert. Sie wurden behutsam restauriert und wieder eingesetzt.

Die Haustechnik musste an heutige Sicherheitsstandards und die neue Nutzung als Museum angepasst werden. Das erforderte neue Elektroleitungen, die in den schon bauzeitlich unter Putz verlegten Leerrohren eingezogen werden konnten. Erhalten wurde das ausgeklügelte Heizsystem mit zentralem Ofen und Heißluftkanälen. Die ergänzend installierte Wärmepumpe nutzt ebenso wie der Ofen das bestehende Luftkanalsystem.

Dieses einfache, bis ins Detail durchdachte, kostengünstig und materialeffizient, kompakte und doch relativ großzügig erbaute Haus ist ebenso ein architektonisches Statement wie ein außergewöhnliches Zeitdokument der ersten Nachkriegsjahre, das Einblick in das Leben seiner ehemaligen Bewohner gewährt.

Autorin

Dipl.-Ing. Claudia Fuchs studierte Architektur an der TU München. Sie arbeitet als freie Redakteurin und Autorin unter anderem für die Zeitschriften Detail, Baumeister und bauhandwerk.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg, www.wuestenrot-stiftung.de

Eigentümer/Nutzer Eiermann-Magnai-Dokumentationsstätte e.V., Buchen-Hettingen, www.dokumentation-eiermann-magnani.de

Machbarkeitsstudie Crowell Architekten, Karslruhe,

Instandsetzungsplanung wolfram architekten Partnerschaft, Buchen, www.architekt-buchen.de

Projektsteuerung Büro Knappheide, Wiesbaden, www.knappheide.eu

Statik Ing.-Büro Färber & Hollerbach, Walldürn, www.ifh-gmbh.de

Restauratorische Beratung

Dr. Helmut F. Reichwald, Stuttgart

Restaurierungsarbeiten Böttcher Restaurierungen, Sinsheim-Rohrbach, http://boettcher-restaurierung.de / Marcus Steidle und Carl Robert Graf Douglas Restaurierung, Rottenburg am Neckar

Im Internet finden Sie weitere Fotos aus dem Eiermann-Magnani-Haus in Buchen-Hettingen. Geben Sie hierzu bitte den Webcode in die Suchleiste ein. Besuchszeiten und nähere Informationen finden Sie unter www.dokumentation-eiermann-magnani.de. Zudem ist mit „Das Eiermann-Magnani-Haus“ ein vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg und der Wüstenrot Stiftung herausgegebenes Buch mit ausführlicher Dokumentation des Gebäudes und der Ausstellung erschienen.

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