Sanierung und Restaurierung der Lübecker Carlebach-Synagoge

Die Geschichte der Lübecker Carlebach-Synagoge, deren rund 8,4 Millionen Euro teure Sanierung im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde, ist gar nicht so alt und doch sehr bewegt. Erschreckender Weise war ein zentrales Thema der Sanierung die Sicherung des Gebäudes gegen mögliche Anschläge.

Die von 1878 bis 1880 nach Plänen des Lübecker Architekten F. H. A. Münzenberger in der Altstadt von Lübeck errichtete Synagoge erlangte traurige Bekanntheit, als sie 1994 als erste Synagoge in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Ziel eines antisemitisch motivierten Brandanschlags wurde. Es folgte noch ein zweiter Anschlag ein Jahr später. Die Anschläge sind aber nicht der einzige Grund, warum dieser Ort, der für die Gemeindeglieder doch ein Ort des Friedens sein sollte, wie ein Hochsicherheitstrakt geschützt werden musste. „Die Auflage hat nicht die Gemeinde formuliert, sondern sie gilt landesweit und wird vom Staatsschutz in Kiel vorgegeben“, erläutert Architektin Petra Woppowa, die für das Büro Schröder-Berkentien Architekten aus Lübeck die Sanierung als Projektleiterin begleitet hat. „Es war die größte Herausforderung in diesem Projekt, die hohen sicherheitstechnischen Anforderungen auf der einen Seite mit den Denkmalschutzauflagen auf der anderen Seite in Einklang zu bringen!“

Der Sanierungsansatz

Dabei hatte das Gebäude die Reichspogromnacht von 1938 relativ heil überstanden, da in erster Linie Mobiliar und Einbauten im Inneren beschädigt worden waren. Vermutlich aufgrund der engen innerstädtischen Bebauung und der direkten Nachbarschaft zum St. Annen-Museum hatten die Nationalsozialisten die Synagoge nicht in Brand gesetzt. Zudem war der Zwangsverkauf des Gebäudes an die Stadt Lübeck schon lange geplant, um das Gebäude zu entweihen. Im Zuge der Übernahme durch die Stadt wurde die Kuppel der Synagoge entfernt und die alte maurische Fassade gegen eine schlichte Backsteinfassade ersetzt. „Unser Anliegen war, die Synagoge wiederherzurichten, ohne über ihre Geschichte hinwegzusanieren“, erläutert Architekt Thomas Schröder-Berkentien den Entwurfsansatz seines Büros. „Gemeinsam mit dem Denkmalamt einigten wir uns auf ein Konzept, in dem sehr differenziert entschieden wurde, an welchem Punkt, welcher Teil der (Bau)geschichte wie sichtbar gemacht wird. Ein Aspekt war, bei der Sanierung der erwähnten Straßenfassade auf die Fassung von 1939/40 und nicht auf die Ursprungsfassung zu gehen.“ Nach der gleichen Idee wurde auch mit dem Bereich der südlichen Fassade umgegangen, an dem das kleine Nebengebäude stand, das in den 1990er Jahren angezündet worden war. Auch diese Spuren sollten sichtbar bleiben und nicht gänzlich überdeckt werden. Eine Entscheidung, die gesellschaftspolitisch sicher richtig, für die Gemeindeglieder vielleicht nicht immer leicht zu ertragen ist. Für die Nutzer der Synagoge ist die nach wie vor erschreckend bedrohliche Situation allerdings ohnehin nicht zu übersehen. Das beginnt schon, wenn man das Grundstück durch das gesicherte Tor im Stahlstelen-Zaun betritt, rechter Hand der ständige Wach-Container der Lübecker Polizei.

550 kg schwere Fensterflügel in historischem Mauerwerk

Alle Fenster und Außentüren mussten sicherheitstechnisch ertüchtigt werden. So wurde vor die Fenster von innen, nach dem Kastenfenster-Prinzip, ein zweites gesetzt. Im ersten Obergeschoss an der Straßenfassade, wo die Fensterflügel Maße von 0,973 x 2,266 m haben, hängt daher nun ein Gewicht von 550 kg pro Flügel, das im historischen Mauerwerk verankert werden musste. Die Sicherheitsfenster bestehen aus extrem dickem, schusssicherem Panzerglas und einem Rahmen aus hochbelastbaren Stahlprofilen, die von der Firma Thiem Security Solutions GmbH angefertigt wurden. „Unsere Aufgabe liegt in erster Linie darin, den geforderten Sicherheitsmaßstäben gerecht zu werden, ohne beispielsweise durch breitere Profile aufzufallen“, erklärt hierzu Geschäftsführer Jürgen Thiem. „Abgesehen vom ästhetischen Anspruch soll schließlich nicht für jeden sofort sichtbar sein, welche Elemente ertüchtigt sind und welche nicht.“ Auch in Lübeck mussten daher möglichst schlanke Konstruktionen und Profile gefunden werden. „Eine weitere Besonderheit war für uns in der Lübecker Synagoge die Anfertigung der Sicherheitsfenster im Gebetsraum. Diese sind zwar relativ klein, haben aber sehr spitze Bögen, die wir nicht mit der üblichen Biegetechnik fertigen konnten, sondern aus Einzelteilen mit Innen- und Außenring herstellen mussten“, so Thiem.

Die Sicherheitsmaßnahmen betrafen auch die Rohbauarbeiten, da das bestehende Mauerwerk nicht nur saniert, sondern auch an verschiedenen Stellen statisch durch Stahlträger, spezielle Unterkonstruktionen aus Stahlrahmen oder ins Mauerwerk eingegossene Betonpolster, ertüchtigt werden musste, um die schweren Fenster halten zu können. Immer wieder überschnitten sich daher die Arbeiten der verschiedenen Gewerke, die sich untereinander sehr gut abstimmen und kooperieren mussten.

„Der bauseitige Einbau solcher Fenster und ihre Befestigung war für die uns betreffenden Arbeiten (hier die  Ausführung der Putz- und Mauerwerksarbeiten) an und um die Fensterrahmen herum, auch für uns etwas nicht Alltägliches“, erzählt Hartmut Golke, Geschäftsführer der Rohbau-Firma Zarow Baugesellschaft mbH, „bei dem wir manchmal auch sehr spontan reagieren und uns mit dem Statiker absprechen mussten, um beispielsweise irgendwo einen zusätzlichen Träger einzusetzen oder ein Stahlbetonauflager zu ergänzen.“

Fassadensanierung

Natürlich und zum Glück war die Sicherheit nicht das einzige Thema des Projektes und es stand auch eine Vielzahl klassischer Sanierungsarbeiten auf dem Programm. So mussten Fundamente ertüchtigt, teilweise sehr massive und hohe Unterfangungen eingebracht oder das Außenmauerwerk gereinigt und repariert werden. „Das war gerade an den hinteren Fassaden mit den bauzeitlichen schmalen Fugen aufwendig, da wir sehr sorgfältig arbeiten mussten, um die Kanten der denkmalgeschützten historischen Steine beim Auskratzen der alten Fugen nicht zu beschädigen“, erläutert Bauingenieur Golke.

Neue Decken für die Vorsynagoge

Neu gemacht werden musste auch die Zwischendecke über der Vorsynagoge. Hier wurde im Gegensatz zu den anderen Decken aus Holz eine neue Betondecke mit Rundbögen betoniert. In einem ersten Schritt war hier eine durch Drehsteifen gehaltene provisorische Schalebene eingezogen worden, auf die dann die hölzernen Schalkörper für die Bögen gestellt wurden. Anschließend konnten erst die Stahlbetonbögen und dann die Stahlbetondecke gegossen werden. Schließlich wurde die provisorische Ebene wieder entfernt und vier neue Stahlstützen aus Winkelstahl, nach Vorgabe des Denkmalschutzes, unter die Bögen eingebaut.

Sowohl die Bögen als auch die Stützen sind als moderne Elemente ablesbar. „Wir wollten eine Gesamtwirkung, die dem Original nahekommt, ohne zusätzliche Rekonstruktionen. In einigen Bereichen haben wir daher auch mit modernen Elementen gearbeitet“, so Architektin Woppowa. Und auch Britta Butt, deren Firma für die Restaurierung der Wand- und Deckenmalereien zuständig war, ergänzt: „Die Maßgabe, die über der gesamten Restaurierung stand, war, das Original dort zu zeigen, wo es möglich war und dort, wo dies nicht oder nur durch sehr hohen Aufwand möglich gewesen wäre, die Grundstrukturen des ursprünglichen Farbkonzeptes zu zeigen. Wichtig war also vor allen Dingen, den historischen Raumeindruck wiederherzustellen.“

Sorgfältige Restaurierung der originalen Malereien

Originale, bauzeitliche Malereien sind beispielsweise die Teppichmalereien in der Apsis neben dem Thoraschrein und die Deckenmalereien im vordersten der vier Bogenfelder im Gebetsraum. Sie wurden durch das bis zu zehnköpfige Team aus Restauratorinnen mit Diplom beziehungsweise Masterabschluss in aufwendiger, sorgfältigster Arbeit mit Mikromeißel und anderen Feinwerkzeugen freigelegt und anschließend restauriert und konserviert. „Die sehr schlichte vor der Restaurierung vorgefundene Farbgebung der Synagoge in Weiß und Hellblau stammte vermutlich aus den 1960er Jahren und spiegelt den damaligen Zeitgeschmack wider“, erzählt Kunsthistorikerin Butt. „Wir haben im Gesamteindruck die bauzeitliche Farbgebung wiederhergestellt. Dennoch wurden im Detail, je nach Befundlage und Schadensbild, sehr unterschiedliche Maßnahmen ergriffen.“ So war es in einigen Bereichen, wie beispielsweise an den Stuckaturen, notwendig, den Zustand der 1960er Jahre zu erhalten und mit einzubinden, da das darunterliegende Original kaum freilegbar ist.

Der Erhalt der überlieferten, originalen Befunde ist von zentraler Bedeutung. Dabei spielte natürlich auch das Festigen von Farbschichten eine große Rolle. Substantiell gefährdete Malereien wurden gefestigt und niederlegt. Dies erfolgte mit je nach Bindemittel und Schadensbild ausgewählten Festigungsmitteln und Festigungsmethoden.

In einigen Bereichen konnte die aufwendige Decken- und Wandbemalung komplett freigelegt, konserviert und restauriert werden, in anderen entschied man sich für die beispielhafte Freilegung und Dokumentation in kleinen, wenige Quadratzentimeter großen Befundflächen. Dort, wo eine Freilegung nicht oder nur für einen enormen zeitlichen und monetären Aufwand möglich gewesen wäre, wie beispielsweise in einigen der dekorativen Felder über den Fenstern der Frauenempore, wurde der originale Farbton – hier in einem kräftigen Grün – übernommen.

Ein wichtiger Leitgedanke bei der Restaurierung des Gebetsraumes der Synagoge war die Reversibilität der Maßnahmen. Sie betrifft unter anderem die Wahl der Farbsysteme für die Retusche der freigelegten Malereien wie auch die nach Vorgabe der Befunde neu gestrichenen monochromen Wand- und Deckenbereiche. Dies soll auch künftigen Generationen weitere Freilegungen von originalen Malereien ermöglichen.

Restaurierung der Metallelemente

Immer wieder ging es also um Spuren und Schichten, die erhalten, geschützt und gezeigt werden sollten. Spuren erhalten hieß beispielsweise auch, das ornamentale Geländer auf der Brüstung der Frauenempore, das in der Reichspogromnacht zum Teil abgerissen worden war, nicht wieder zu ergänzen. Nur ein schmales Metallprofil sorgt hier für die notwendige Absturzsicherung. Ergänzt wurden hingegen die vom Metallrestaurator Peter Eingrüber nach eigenem Entwurf gefertigten Kandelaber an Brüstung, Bima und Apsis. Auch an dieser Stelle sollte die Geschichte nicht vergessen werden.

Restaurator Eingrüber hat mit seiner Firma Eisenzeit außerdem die gusseisernen Fenster des Gebetsraumes restauriert und ergänzt. „Die meisten Fenster konnten von uns restauriert werden“, so Eingrüber. „Hierfür wurden die Risse im Metall im Guss-Schweiß-Verfahren geschweißt. Zwei Fensterelemente, die nicht mehr zu retten waren, wurden von uns aus gewalzten Stahlprofilen nachgebaut, indem wir diese über Schablonen gebogen haben.“ Die Gläser der Bogenfenster wurden in einer Glasmacherei in Böhmen gefertigt und von der Glaserei Brede in Lübeck eingesetzt.

In einer Kooperation von Metallbau und Glasrestaurierung wurde das bunte Oberlicht der Apsis wiederhergestellt. Die Besonderheit hier: Es handelt sich heute nicht um ein echtes Oberlicht, bei dem Tageslicht in den Raum gelangt. Der Eindruck wird durch tageslichtähnliches Kunstlicht erzeugt.

Im straßenseitigen Teil der Synagoge befand sich früher übrigens die Wohnung des Rabbiners, die nun zu Büro-, vor allen Dingen aber zu Ausstellungsflächen über das jüdische Leben in Lübeck umgebaut wurde. In der Ausstellung und im Gebäude selbst können (ab Sommer 2021) die Besucher nun gemeinsam auf Spurensuche gehen.

In der kommenden Ausgabe der bauhandwerk 9.2021 beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit der Umnutzung des Güterbahnhofs Gare Maritime in Brüssel.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Jüdische Gemeinde Lübeck e.V., www.jg-luebeck.de

Architektur Schröder-Berkentien Architekten, Lübeck, www.tsb-architekten.de

Rohbauarbeiten Zarow Baugesellschaft, Ferdinandshof,  www.zarow-bau.de

Restaurierung der Malereien butt restaurierungen, Lübeck, www.butt-restaurierungen.de

Maler- und Lackiererarbeiten Neumühler Bauhütt, Schwerin, https://nbh-gmbh.de

Tischler- und Trockenbauarbeiten Tischlerei und Taubenschlagbau, Grevesmühlen, https://tischlerei-tege.de

Schmiedearbeiten Eisenzeit, Groß Disnack, www.eisenzeit-schmiede.de

Sicherheitselemente Thiem Security Solutions, Schkeuditz, www.mbthiem.de

Fensterprofile Jansen, CH-Oberriet, www.jansen.com

Einbau der Möbel

Die sakralen Möbel der Synagoge, also der Thoraschrein, die Bima und die Gebetsbänke wurden in einem Kibbutz in Israel nach historischen Vorbildern gefertigt und nach Lübeck gebracht. Hier sollten sie eigentlich von Handwerkern des Kibbutz aufgebaut werden. Aufgrund der Pandemie war dies seinerzeit nicht möglich. Stattdessen reiste ein Tischlerteam aus Manchster (England) an, das Erfahrungen mit dem Aufbau der Möbel hatte und wurde dabei durch ein Videostream von dem Ingenieur des Kibbutz angeleitet.

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