Neubau eines Giebelhauses in Ziegelbauweise in Lübeck

Im UNESCO-Welterbe „Lübecker Altstadt“ bebaute das Architekturbüro Henrik Becker für rund 1,7 Mio. Euro brutto eine der Parzellen des historischen Gründungsviertels. Die Ziegelfassade mit Schmuckgiebel zeigt dabei den nötigen Respekt und lässt den Betrachter doch ein wenig schmunzeln.

Markantes Gestaltungsmerkmal des Schmuckgiebels zur Straßenseite hin ist der Halbkreis Markantes Gestaltungsmerkmal des Schmuckgiebels zur Straßenseite hin ist der Halbkreis
Foto: Hannes Heitmüller

Markantes Gestaltungsmerkmal des Schmuckgiebels zur Straßenseite hin ist der Halbkreis
Foto: Hannes Heitmüller
Mit dem Lübecker Gründungsviertel verhielt es sich lange so wie beispielsweise mit dem Frankfurter Römer oder dem Dresdner Neumarkt. Immer wieder stand die Frage im Raum: Soll die ursprüngliche Bebauung des etwa 10 000 m2 großen Areals bestmöglich rekonstruiert werden oder wie reagiert man adäquat auf die Baugeschichte in dieser besonderen Lage? In Lübeck, dessen gesamte Altstadt als UNESCO-Welterbe einen sorgfältigen Umgang notwendig macht, entschied man sich zunächst für ein Wettbewerbsverfahren.  In dem Ideenwettbewerb von 2015 stand der Umgang mit den Fassaden der Wohn- und Geschäftshäuser auf den historischen 38 Parzellen des innerstädtischen Quartiers im Fokus.

Der Bereich war im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden, vermutlich auch, weil ein brennender Kirchturm der Marienkirche auf die Häuser hinabgestürzt war. Aus diesem Wettbewerbsverfahren ging allerdings letztendlich nur ein Architekturbüro hervor, das direkt beauftragt wurde. Alle anderen 37 Parzellen wurden zunächst verkauft und die Architekturbüros entsprechend von den jeweiligen Bauherren beauftragt. So kam auch Henrik Becker, Architekt des Gebäudes in der Fischstraße 18, in das Projekt.

Lübecker Kontorhaus aktuell

Grundlage der Planung war schließlich der Gestaltungsleitfaden „Lübeck gründet“, in dessen Vorwort darauf hingewiesen wird, dass dieses Quartier zwischen Markt und dem Fluss Trave als „Keimzelle der mittelalterlichen Handelsstadt“ galt, in dem sich ursprünglich die Fernhändler ansiedelten, die jahrhundertelang das Leben in der Stadt prägten. Die Vorgaben des Leitfadens beziehen sich dabei hauptsächlich auf Kubatur und Typologie der Gebäude und treffen Aussagen zu Dachformen und vor allen Dingen den Fassaden. Vorbilder sollten die typischen Lübecker Kontorhäuser mit zweigeschossiger Diele und gotischem Giebel an der Straßenseite sein. Der Gestaltungsleitfaden macht dabei einerseits recht genaue Vorgaben zur Fassadengliederung und -plastizität und lässt doch genug Spielraum für durchaus moderne Interpretationen. Gerade für die Materialwahl der Gebäude lässt er den Bauherren und Planenden recht freie Hand. Das Büro Henrik Becker entschied sich für eine Ziegelfassade mit Steinen aus Erkelenz. „Wir haben lange gesucht, bis wir schließlich bei dem Gillrath Ziegel- und Klinkerwerk fündig wurden“, erzählt Becker. „Der typische Lübecker Backstein ist sehr ­orange und wurde seinerzeit im Klosterformat hergestellt. Ein so orangefarbener Stein war heute nicht mehr zu bekommen und das Klosterformat im Grunde nicht zu bezahlen. Der jetzige Stein kam unseren Vorstellungen eindeutig am nächsten.“

Der umgedrehte Rundbogensturz im Dachgeschoss wurde als Fertigteil eingebaut Der umgedrehte Rundbogensturz im Dachgeschoss wurde als Fertigteil eingebaut
Foto: Hannes Heitmüller

Der umgedrehte Rundbogensturz im Dachgeschoss wurde als Fertigteil eingebaut
Foto: Hannes Heitmüller
Einerseits bezieht sich der Entwurf mit dem gewählten Ziegel, der Fassadenzonierung und dem geschmückten Blendgiebel sehr klar auf die historischen Vorbilder und formt sie andererseits mit einem leichten Augenzwinkern aus. So fällt in der Dachgeschosszone am Giebel ein kopfüber „hängender“ Rundbogen auf, der wie eine Girlande vor dem obersten Fenster platziert ist. Auch im Erdgeschoss entdeckt man neben einem großen, quadratischen Fenster und dem Eingang ein kleines Fenster mit geradem oberen Abschluss und dem hängenden Bogen nach unten. Bei allen anderen straßenseitigen Öffnungen handelt es sich um Rundbogenfenster in gewohnter Gestalt.

Betritt man das Gebäude von der Fischstraße, zeigt sich auch hier der historische Bezug zu den Lübecker Kaufmannshäusern durch eine zweigeschossige Diele, die in ihrer Anmutung in Sichtbeton beziehungsweise Kalkputz gefilzt, grünem Quarzit, einem Stahlgitter-Geländer sowie grünen Wandfliesen allerdings sehr modern interpretiert ist. Nach hinten ist das Gebäude um einen zweigeschossigen Anbau verlängert, der mit der Decke des ersten Obergeschosses abschließt. Das war möglich, da die Kellerdecke hier um etwa 0,9 m nach unten versetzt wurde. Insgesamt beherbergt das Gebäude bei einer Breite von 9 m fünf  Wohneinheiten.

Herausforderung Baustellenlogistik

Der Schmuckgiebel ist über eine Höhe von 10,50 m freistehend. Er musste mit all seinen Rundungen und Öffnungen als eine Scheibe geschalt und betoniert werden Der Schmuckgiebel ist über eine Höhe von 10,50 m freistehend. Er musste mit all seinen Rundungen und Öffnungen als eine Scheibe geschalt und betoniert werden
Foto: Ralf Käcker Bauunternehmung

Der Schmuckgiebel ist über eine Höhe von 10,50 m freistehend. Er musste mit all seinen Rundungen und Öffnungen als eine Scheibe geschalt und betoniert werden
Foto: Ralf Käcker Bauunternehmung
Als das Bauunternehmen Ralf Käcker mit der Umsetzung beauftragt wurde, stellten sich ihm diverse ­Herausforderungen. Eine Vorgängerfirma hatte bereits ihre Arbeiten abgebrochen. „Vor allen Dingen die Baustellenlogistik hat uns sehr gefordert“, erläutert Norman Laudan, Geschäftsführer des Unternehmens aus Neustadt-Glewe. „Rund um das Baufeld waren bereits andere Baufelder in der Bauphase und daher mit mehreren Kränen bestückt. Um hier störungsfrei agieren zu können, haben wir uns schließlich für einen 42 m hohen Obendreher entschieden.“ Auf diese Weise konnte die Baustelle ungestört mit Material versorgt werden. Eine weitere Mammutaufgabe war der große freistehende Giebel an der Straßenseite. „Der über 10 m hohe Giebel musste mit seinen Rundungen und Wölbungen als eine Scheibe geschalt und betoniert werden“, so der Bauunternehmer. „Nur der umgedrehte Rundbogensturz im Dachgeschoss wurde als Fertigteil geliefert und in der Betonscheibe mit Konsolankern befestigt.“ Bei dem gedrehten Sturz handelt es sich um ein Beton-Fertigteil-Element mit Klinker-Halbsteinen und Klinkerriemchen.

Das gesamte Gebäude steht, wie alle Gebäude des Areals, auf einer Pfahlgründung, die bereits von Seiten der Stadt einschließlich einer durchgehenden Bodenplatte vorbereitet worden war. Wie aus dem Schnitt gut zu erkennen ist, springt die Kellerwand an der Straßenseite um etwa 1,70 m zurück, so dass die Fassadenebene nicht mit ihr in einer Flucht liegt. Das liegt daran, dass sich hier noch Fundamentreste befinden, die unter Schutz stehen und nicht entfernt, aber auch nicht genutzt werden konnten. Die Ziegelfassade sitzt also vor der tragenden Wand aus Stahlbeton, die von den Geschossdecken gehalten wird. Hinter dem Sichtmauerwerk mit Steinen im Reichsformat wurde mit 2 cm Abstand (Luftschicht) eine 14 cm dicke Schicht Mineralwolle vor der Stahlbetonwand aufgebracht, von innen lediglich ein 1 cm dicker Kalkzementputz aufgetragen. Ab einer Höhe von

10,35 m ist die Giebelwand über 10,58 m freistehend und musste daher in die oberste Geschossdecke eingespannt werden.

Alle Decken sind aus Stahlbeton, ebenso Kellerwände, Bodenplatte, die beiden Längswände sowie Unterzüge und Stützen im Erdgeschoss. Alle anderen Wände wurden aus Kalksandstein errichtet. „Wir sind sehr stolz darauf, dass die monolithisch erstellten Betonwände qualitativ so hochwertig hergestellt wurden“, so Bauunternehmer Laudan.

Die Auswahl der Ziegel

Doch noch einmal zurück zur Klinkerfassade, die im Allgemeinen als Visitenkarte des Hauses, aber auch im Speziellen in Bezug auf die Vorgaben des Leitfadens eine wesentliche Rolle spielte. Wie findet man den passenden Stein und was muss so ein Stein überhaupt leisten können? „Für uns war die Entscheidungsfindung mit dem Architekten sehr spannend“, berichtet Marcus Gillrath aus der Geschäftsführung des Erkelenzer Ziegelwerks. „Wir haben gemeinsam mit ihm viele Paletten geöffnet und eine große Fläche ausgelegt, um die Steine auszusuchen. Das Erscheinungsbild haben wir dann dokumentiert und die Ziegel entsprechend zusammengestellt.“

Klar war von Anfang an, dass die Fassade nicht zu clean aussehen durfte. Gewünscht waren charakteristische Steine mit entsprechender Haptik, Textur und ansprechenden Fehlerbildern. „Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Formgebungsverfahren für Ziegel bei der Ziegelei Gillrath: das Strangpress-Verfahren und das Wasserstrich-Verfahren. Steine, die im Wasserstrichverfahren hergestellt werden, erinnern stark an historische handgeschlagene Steine. Daher fiel bei diesem Projekt die Wahl auf diese Variante. „Nach dem Formgebungsverfahren werden die Rohlinge – auch Grünlinge genannt – zunächst mit warmer Abluft vom Ofen getrocknet und dann im Ringofen gebrannt, wobei sie ihre charakteristische und individuelle Farbgebung sowie Beständigkeit erhalten“, erläutert Vertriebsleiter Gillrath das Prinzip. Zudem spielt bei der Auswahl des Steins auch das Klima eine Rolle. So war für das Projekt in Lübeck eigentlich nur ein Klinker mit hoher Druckfestigkeit und einer Wasseraufnahme von unter 6 Prozent möglich. Verlegt wurden die Steine im Flämischen Mauerwerksverband mit einem Wechsel von Binderköpfen und Läufern, was für ein lebendiges, aber nicht zu unruhiges Fassadenbild sorgt.

Bei der Auswahl des Mörtels berät die Firma ebenfalls. „Wir haben bei uns die Musterkoffer quasi aller namhaften Mörtelhersteller in Deutschland vorliegen“, so Gillrath. Und Architekt Becker ergänzt dazu: „Ich habe mich für einen beigen Muschelkalk der Firma Marbos entschieden, der auf Grund seiner Textur sehr gut zu dem gewählten Ziegel passt.“ 

Eingangsbereich mit Tonnengewölbe

Im Eingangsbereich mussten zunächst die Auflager für das Tonnengewölbe erstellt werden Im Eingangsbereich mussten zunächst die Auflager für das Tonnengewölbe erstellt werden
Foto: Henrik Becker

Im Eingangsbereich mussten zunächst die Auflager für das Tonnengewölbe erstellt werden
Foto: Henrik Becker
An der Fassade selbst mussten die Maurer, wie beschrieben, Rundbögen nach oben und einmal nach unten mauern. Eine besondere Herausforderung war zudem der Eingangsbereich, da hier hinter der Fassade über einer etwa 2,7 m2 großen Fläche ein Tonnengewölbe errichtet werden sollte. „Das war nicht so einfach“, erläutert hierzu Bauunternehmer Laudan. „Ein Tonnengewölbe benötigt eine Auflast. Zugleich musste das Problem der Kältebrücken berücksichtigt werden. Da man nach Erstellung des Mauerwerks nicht mehr von unten rankommt, haben wir in diesem Bereich in der Stahlbetondecke des Erdgeschosses eine Aussparung gelassen. Hier wurde dann, nach Fertigstellung des Gewölbes, von oben Magerbeton aufgefüllt, die Dämmung verlegt und die Deckenaussparung wieder geschlossen.“

Das Gestaltungsmerkmal „Halbkreis“ taucht übrigens nicht nur an der Fassade auf. Auch bei der Innenraumgestaltung wurde es immer wieder eingebunden. So ist beispielsweise das Bad im ersten Obergeschoss durch eine halbkreisförmig abgerundete Wand vom Zimmer getrennt. Selbst in der Einbauküche findet man das Motiv in dezenter Weise als aufgesetzte Griffe an den Schränken.

 

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Fischstraße GbR, Lübeck                                                             

Architektur Henrik Becker Architekt, Lübeck  

Tragwerksplanung Ingenieurbüro Hartmann & Stange, Lübeck

Bauunternehmen Ralf Käcker Bauunternehmung, Neustadt-Glewe, kaecker-bauunternehmung.de 

Fensterbau Tischlerei Seltz, Bliestorf, www.tischlereiseltz.de 

Dach- und Klempnerarbeiten Zimmerei Carl-August Hoffmann, Reinfeld, www.zimmerei-c-a-hoffmann.de 

 

Herstellerindex (Auswahl)

 

Ziegel Gillrath Ziegel- und Klinkerwerk, Erkelenz, gillrath.de 

Fugenmörtel Marbos, Dortmund, www.marbos.de

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