Umbau der alten Oberpostdirektion in Hamburg mit Aufstockung für Büros

Zwei 100 m lange Fassaden, zwei Erschließungskerne und eine Hallenkonstruktion aus Stahl bildeten die historische Grundlage für die Überarbeitung des Mittelbaus der Alten Oberpostdirektion in Hamburg. Eine gläserne Aufstockung ergänzt das Ensemble in zeitgemäßer Architektursprache.

Die Alte Oberpostdirektion in Hamburg ist ein Prachtbau im Stil der Neorenaissance. Dies kommt insbesondere am Stephansplatz, im so genannten Ostbau, zur Geltung, wo sich das Gebäude fast schon schlossartig mit Türmchen und Kuppeln präsentiert. Aber auch hinter der daran anschließenden 100 m langen Fassade entlang des Gorch-Fock-Walls, der das Gebäude von den gegenüberliegenden Wallanlagen trennt, vermutete man nicht unbedingt eine profane Wagenhalle, in der die Post über viele Jahrzehnte ihre Fahrzeuge parkte und belud. „Bereits zur Erbauungszeit war es den Verantwortlichen der Stadt wichtig gewesen, an dieser prominenten Stelle keinen schnöden Funktionsbau zu errichten, sondern das Gebäude in das Stadtbild zu integrieren“, erläutert Udo Schaumburg, Projektleiter und Partner im Büro LH Architekten, das die Sanierung und Erweiterung des Mittelbaus entworfen und geplant hat.

Auch auf der Rückseite, entlang des Dammtorwalls, verbindet eine etwas schlichtere, ebenfalls 100 m lange Natur- und Backsteinfassade die beiden Kopfbauten zwischen Stephansplatz im Osten und dem einstigen Telegrafenamt im Westen. Zwischen den beiden straßenbegleitenden Gebäuderiegeln befanden sich auf zwei Geschossen die erwähnte Wagenhalle sowie die dazugehörigen Funktionsräume wie Abfertigung, Paketzustellung, Packkammern, Rechnungsstelle, Kasse und dergleichen.

Aufgrund der vorgefundenen schlechten und durch viele Umbauten inhomogenen Bausubstanz wurden außer den beiden historischen Fassaden nur noch die bauzeitliche genietete Stahlkonstruktion der Halle sowie die beiden Erschließungskerne erhalten. Erstaunlicherweise waren nicht nur die Fassaden selbst, sondern auch die ebenfalls überwiegend bauzeitlichen Fenster in einem ungewöhnlich guten Zustand. „Nicht nur die Fensterrahmen waren noch von guter Qualität, es waren sogar noch vereinzelt Glasscheiben aus der Erbauungszeit zu finden“, so Architekt Schaumburg. „Wir haben die Fensterflügel daher ausbauen und aufarbeiten lassen. Die Rahmen wurden vor Ort saniert. Die energetische Ertüchtigung erfolgte durch Kastenfenster, die wir von innen vor die Bestandsfenster haben setzen lassen.“

Auch die Stahlkonstruktion der Halle wurde rückgebaut, aufgearbeitet und wieder an Ort und Stelle aufgebaut. Insbesondere das Handling und der Transport der großen Stahlrahmen mit Abmessungen von etwa 15 m x 4 m war im Rahmen der Baustelle in beengten innerstädtischen Verhältnissen eine Herausforderung, die eine sorgfältige Planung und Ausführung, auch unter Beachtung der denkmalrechtlichen Auflagen, erforderlich gemacht hat.

Ebenso mussten aufgrund der denkmalrechtlichen Vorgaben sämtliche zu erhaltenen Stahlbauteile im Vorfeld aufgenommen und deren genaue Position festgestellt und dokumentiert werden, um eine denkmalgerechte Wiedermontage zu ermöglichen. Außerdem musste die Stahlkonstruktion aufgrund der baurechtlichen Anforderungen mit einer dämmschichtbildenden Brandschutzbeschichtung der Widerstandsklasse R30 versehen werden.

Ergänzt wurde das im Wesentlichen auf seine Außenwände reduzierte Gebäude nun durch zwei zusätzliche Geschosse entlang des Gorch-Fock-Walls und einer fünfgeschossigen Überbauung am Dammtorwall. Die erhaltene Hallenkonstruktion wurde durch eine Stahlbeton-Verbundkonstruktion ergänzt. Diese übernimmt nun maßgebliche statische Funktionen. 

Der Entwurf 

Das Gebäude der Alten Oberpostdirektion, das in den 1920er Jahren um die Bebauung am Dammtorwall erweitert worden war, wurde 1997 auf die Denkmalliste der Hansestadt Hamburg gesetzt. Nachdem die Post Ende der 1970er Jahre in die City-Nord umgezogen war, gestaltete es sich immer wieder schwierig, das Gebäude sinnvoll neu zu nutzen. 2011 schließlich begann die Sanierung und Modernisierung des Gesamtensembles durch einen Immobilienentwickler. 2013 erhielt das Büro LH Architekten den Auftrag, den Mittelbau zu revitalisieren. Art und Ausformung der Erweiterung sollten sich dabei teilweise an dem bereits sanierten Ostbau am Stephansplatz orientieren. So erhielt beispielsweise der Gebäuderiegel entlang des Gorch-Fock-Walls einen gläsernen Rundbogenaufbau auf dem Dach in formaler Fortführung des Rundbogenaufbaus des ersten Bauabschnitts.

Entlang des rückwärtigen Dammtorwalls reagierten die Architekten mit einer fünfgeschossigen Aufstockung. Diese kragt quasi in den Bereich der Halle und lastet hier auf dem Firstpunkt des neu errichteten Sprengwerks über der historischen Stahlkonstruktion. Bei dem Sprengwerk handelt es sich um Stahlverbundstreben mit Werkbeton und Stahlbauanschlüssen, die die Lasten des Neubaus über Deckenscheiben, Aussteifungskerne und die neuen Giebelwände in die Fundamente leiten. Die historischen Fassaden tragen nur sich selbst. „Die Anbindung der Bestandsfassade mit der Stahlbetondecke haben wir durch Einbohren von Edelstahlankern in die Mauerwerksfassade so konzipiert, dass genug Spielraum zwischen Altbau und Neubau bleibt und somit eine ungewollte Übertragung von Schubkräften und Vertikallasten auf den Bestandsfassaden vermieden werden konnte“, erläutert Tragwerksplaner Nai Nagaraj das Statikkonzept.

Deckenbereiche der Halle über dem Erdgeschoss sind als Cobiax-Decken ausgeführt. Durch recycelbare Kunststoff-Hohlkörper in statisch unbedeutenden Konstruktionsbereichen kann Material und damit Gewicht reduziert werden.

Heute befindet sich im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss ein Fitnesscenter. In den weiteren Geschossen sind Co-Working- und Praxis-Räume untergebracht. Kunden und Nutzer können das Gebäude nun auch über die neu geschaffenen Eingänge in der Mitte der beiden Baukörper betreten, die die Erschließung über das Kopfgebäude im Osten ergänzen. 

Aufwändige Baustelle 

Obwohl – oder gerade weil – die Raumstruktur im Endeffekt wieder so hergestellt wurde, wie sie war, handelte es sich um eine sehr aufwändige Baustelle. Das lag zum einen daran, dass die historischen Fassaden während der Bauzeit gehalten werden mussten, zum anderen an den zwei Untergeschossen, um die das Gebäude ergänzt worden ist. Das Ingenieurbüro Nagaraj hatte hier eine Bohrpfahlgründung mit etwa 200 Pfählen vorgeschlagen, die bis 15 m in die Erde versenkt wurden. Für die Fixierung der Fassaden wurde eine Stahlfachwerkkonstruktion vor die freistehenden Wände gestellt, an der diese abgestützt werden konnte. Dabei bildeten die Fassaden selbst einen Teil des Fachwerks und beteiligen sich an der Windlastabtragung mit ihrem Eigengewicht. Wie helfende Arme schien ein Teil der Konstruktion durch die Fensteröffnungen zu „greifen“, um die riesigen Wandscheiben zu halten.

Aufwändig war auch der Bau des Pools im Erdgeschoss, der als Teil des Fitness-Centers zum Raumprogramm gehörte. Das Becken selbst wurde als Stahlkonstruktion auf die Betondecke gesetzt. Diese erhielt einige Deckenverstärkungen in Form von breiten, flachen Unterzügen in den Tragachsen.

Letztendlich spielten bei der Planung allerdings weniger die großen Lasten des knapp 20 m langen Beckens, sondern vor allen Dingen bauphysikalische Fragen eine große Rolle. So wurde zum Beispiel aufgrund der hohen zu erwartenden Luftfeuchtigkeit die Stahlkonstruktion im Bereich des Beckens mit einer gesonderten Korrosionsbeschichtung versehen (Korrosivitätskategorie C5 gem. DIN EN ISO 12944-2). Auch die haustechnischen Installationen sind speziell für den Schwimmbadfall, also für einen besonders hohen Luftwechsel, ausgelegt. „Darüber hinaus musste ein hoher Schallschutz berücksichtigt werden, da die Nutzungen Fitness und Büro in direkter Nachbarschaft eine Herausforderung waren“, erzählt Udo Schaumburg. „Hier wurde in den angrenzenden Büros des zweiten Obergeschosses zum Beispiel eine zweite Glasebene eingebaut, die in Verbindung mit dem Glasdach der Halle eine Art Doppelfassade bildet.“

Bauphysikalisch interessant wurde es auch beim Zusammenspiel der alten Stahlkonstruktion der Halle und dem neuen Sprengwerk, da sich die Stahlkonstruktion im Innenraum mit relativ statischen Temperaturen anders verhält als die Verbundkonstruktion darüber, die sowohl stärkeren Temperaturschwankungen als auch Windlasten ausgesetzt ist. Um den zu erwartenden unterschiedlichen Verformungen entsprechend Spiel zu geben, wurden hier Langlochanschlüsse gewählt.

Altes erhalten 

Aufgrund des guten Zustands der Fassaden, mussten diese in nur geringem Umfang repariert werden. Im Wesentlichen handelte es sich um eine Reinigung und Fugensanierung. „Die Fassaden waren tatsächlich überwiegend gut erhalten, so dass nur wenige Eingriffe notwendig waren“, bestätigt Volker Kaufhold, Geschäftsführer der Firma Natursteine Hans Kaufhold GmbH, die die Arbeiten an den historischen Fassaden übernommen hatte. „Und das, obwohl sie in der Rohbauphase zwar entkernt und durch ein Stahlgerüst statisch gehalten, aber ansonsten ungeschützt dagestanden hatten.“ Eine Untersuchung zur Bestimmung des Sandsteins wurde nicht durchgeführt. Aufgrund seines Erscheinungsbildes war allerdings davon auszugehen, dass dieser nicht mehr auf dem heutigen Markt zu finden sei, so dass ohnehin für die geringfügigen Ergänzungsarbeiten an der Fassade Dammtorwall nach einem Ersatz gesucht werden musste, der in Farbe und Körnung an den gereinigten Stein des Bestandes angepasst wurde. Im Übrigen handelte es sich bei den weiteren Reparaturarbeiten an Ecken und Gesimsen um Antragungen aus Steinersatzmasse, die entsprechend eingefärbt und lasiert wurde. Die Reinigung der Gesamtfassade erfolgte möglichst schonend im Wirbelstrahlverfahren sowie teilweise als Intensivreinigung mit dem gleichen Verfahren, mit dem sehr materialschonend gearbeitet werden kann. Um die Steine nicht zu stark mechanisch zu bearbeiten, wurden diese am Ende partiell durch eine Lasur aufgehellt. „Einerseits soll  die Fassade am Ende möglichst hell und freundlich erscheinen. Für den Stein und auch für seine möglichst authentische Struktur ist es auf der anderen Seite wichtig, die Oberfläche nicht zu stark abzutragen und Bearbeitungsspuren zu vernichten“, so Dipl. Ingenieur Kaufhold. „Die Brücke, die wir dann schlagen, ist eine Lasur insbesondere der Teile, die stark der Bewitterung ausgesetzt waren. Man darf nicht vergessen, dass alles, was zu viel abgetragen wird, unwiederbringlich verloren ist.“

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

  

Bauherr DWI Grundbesitz, Hamburg, www.dwi-grundbesitz.de 

Architektur LH Architekten Landwehr Henke und Partner, Hamburg, https://lh-architekten.de 

Bauleitung GRS Reimer Architekten, Elmshorn, www.grs-architekten.de 

Statik Nai Nagaraj, Hamburg, www.nagaraj-ingenieure.de 

Rohbauarbeiten Aug. Prien Bauunternehmung, Hamburg, www.augprien.de 

Fassadensanierung Natursteine Kaufhold, Hannover, www.kaufhold-natursteine.de 

Aufarbeitung Stahlkonstruktion Stahl- und Maschinenbau Lühmann, Buchholz, www.luehmann-stahlbau.de

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