VH-Fassade nach historischem Vorbild
Wohnungen und Büros auf den Dächern des Stuttgarter Einkaufszentrums „Gerber“

Über den Dächern Stuttgarts entstanden im vergangenen Jahr auf dem Einkaufszentrum „Gerber“ Büros und Wohnungen, für deren Fassade ein historisches Stadthaus als Vorbild diente. Die Oberflächen bestehen aus Naturstein und einer vorgehängten hinterlüfteten Putzfassade.

„Das Gerber ist ein großstädtischer Bau mit gemischten Nutzungen, räumlichen Gesten und einer ebenso stolzen wie selbstbewussten Stadtfassade“, so der für den Entwurf verantwortliche Architekt Professor Albers. „Der Handel bildet im wahrsten Sinne die Grundlage oder – architektonisch formuliert – den Sockel des Gebäudes.“ Auf diesem Sockel befinden sich Büros und Wohnungen – gruppiert um einen grünen Innenhof. Als Leitgedanke zur Fassadengestaltung dient der städtische Charakter des Handels. Hohe Fensterfronten im Sockel, inspiriert insbesondere vom historischen Gebäude an der Tübinger Straße 22 und dessen Bogenmotiv. Ebenfalls aufgenommen wird die in der Stadt bereits bekannte gelblich-beige Farbgebung. Das Gebäude greift grundsätzlich architektonische Motive der Stuttgarter Innenstadt auf.

Moderne nachhaltige Fassade

Auf dem Handelssockel verfeinert sich die Architektur mit Bogenmotiv und heller Farbgebung der feinstrukturierten Putzfassaden. Die größte Herausforderung hierbei war die Umsetzung von drei verschiedenen Putzebenen mit unterschiedlichen Abständen zur Massivwand und die Bogenmotive als beherrschendes Element. Eine vorgehängte hinterlüftete Fassade im System Knauf Außenwand mit Aquapanel Technologie ermöglichte die wirtschaftlichste und zugleich technisch beste Lösung – aufgebaut aus der Zementbauplatte Aquapanel Cement Board Outdoor inklusive Befestigungsmitteln, dem zum System gehörenden Klebe- und Armiermörtel mit Gewebeeinlage und einem Knauf Oberputz. Die Unterkonstruktion stammt von Hilti gemäß DIN 18516 Teil 1, bestehend aus Wandwinkel, Tragprofil, der thermischen Entkopplung sowie den Verbindungs- und Verankerungsmitteln. Planung und Ausführung der Außenfassaden zum gesamten Projekt oblag der Lindner Fassaden GmbH, einem Tochterunternehmen der Lindner Group, Spezialist für Fassaden. In enger Zusammenarbeit von Knauf und Hilti errichtete man eine Musterwand im Hauptwerk der Lindner Fassaden GmbH in Arnstorf. Dargestellt wurde ein Fensterkreuz mit allen wichtigen Details wie Fensteranschlüssen und Dehnungsfugen mit dem Vorsprung der ersten und zweiten Ebene.    

VHF – vorgehängte hinterlüftete Fassade

Bei einer vorgehängten hinterlüfteten Fassade sind die Komponenten Dämmung und  Bekleidung durch die Ausbildung eines Hinterlüftungsspaltes konstruktiv voneinander getrennt. Der Vorteil der Knauf Außenwand mit Aquapanel Technologie besteht bei eine VH-Fassade darin, dass die zementgebundene Bauplatte bei der Montage nicht vorgebohrt werden muss. Fix- und Gleitpunkte werden über die Unterkonstruktion ausgebildet. Die Platte lässt sich zudem biegen und mit einem Biegeradius von über 1 m im Streifenschnitt beziehungsweise über 3 m als ganze Platte montieren. Dies war am Gerber für die Bögen und Rundungen an den Fensterleibungen Voraussetzung.

Ausgeführt wird die Knauf Außenwand in der Regel von nur einem Gewerk, dem Trockenbau, was bauseits zu einem geringeren Koordinierungsaufwand (weniger Schnittstellen und Gewerke) in der gesamten Abwicklung und damit zu optimalen Voraussetzungen zur Qualitätssicherung führt.

Montage der VH-Fassade

Drei Putzebenen mussten mit unterschiedlichen Abständen zur Massivwand, einer Stahlbeton-Konstruktion, ausgeführt werden. Als Dämmstoff kam eine 160 mm dicke Fassaden-Dämmplatte aus Glaswolle, die Knauf Insulation Fassaden-Dämmplatte TP 435 B zum Einsatz, die die Handwerker mit  Dämmstoffhaltern befestigten. Die großformatige zementgebundene Bauplatte Aquapanel Cement Board Outdoor diente als Putzträgerplatte. Diese befestigten die Handwerker mit einer Unterkonsturktion aus Aluminium (Hilti MFT-XF-XFOX), bestehend aus Wandwinkeln, Tragprofilen und einer thermischen Entkopplung auf der Massivwand. Eine entsprechende objektbezogene, prüffähige statische Berechnung zur Systemlösung inklusive der Detail- und Montagepläne wurden in enger Kooperation zwischen Lindner Fassade GmbH, Hilti und Knauf erstellt.

Die Außenwandbekleidung wurde in Flächen von etwa 50 m2 unterteilt. Systembedingt mussten alle 25 m horizontal wie vertikal Bewegungsfugen eingebaut werden. Befestigt wurden die Platten mit den speziell für die Befestigung der Zementbauplatten auf einer Aluminium-Unterkonstruktion entwickelten Fassadenschrauben SB 40 aus rostfreiem Edelstahl V2A. Ihre Länge beträgt 40 mm, mit HiLo-Gewinde, Fräsrippen am Schraubenkopf, um ein einwandfreies Versenken zu ermöglichen und mit einem Sternantrieb für die optimierte Übertragung von Drehmomenten. Bei der Befestigung mussten die Handwerker auf einen Schraubabstand von mindestens 15 mm vom Plattenrand achten. Die Fugenbreite zwischen den Platten beträgt 3 bis 5 mm.

Nach der Montage der Platten wurden die Fugen mit dem systemeigenen Fugenspachtel verspachtelt und ein Fugenband aus Glasfasergewebe eingelegt. Danach erfolgte die vollflächige Verspachtelung mit Gewebeeinlage mit Klebe- und Armiermörtel. Für den Putz trugen die Handwerker zuerst eine Putzgrundierung und anschließend den Knauf Oberputz SP 260 2 mm dick auf. Danach trugen sie einen mineralischen Oberputz mit Scheibenputzstruktur (Kratzputzstruktur) mit der Traufel in Kornstärke auf, den sie sofort mit einer Traufel, Moosgummi- oder Styroporscheibe verrieben. So entstehen dezente bis rustikale Oberflächen.

Für fluchtrechte und stoßsichere Kanten kamen überputzbare Gewebewinkel zum Einsatz. Die Abzugskante gewährleistet die vorgegebene Auftragsdicke von 5 bis 7 mm bei der Gewebearmierung und vereinfacht die Verarbeitung. Die Dehnfugen wurden mit dem Gewebe-Bewegungsfugenprofil APU W50 ausgebildet.

Dank der biegbaren Beplankung konnten die Bögen, Rundungen, Vor- und Rücksprünge sowie Fensterlaibungen leicht ausgeführt werden. Die unterschiedlichen Ebenen in der Fassade wären ohne das VHF-System nur sehr schwer abzubilden gewesen. Die hohe Wirtschaftlichkeit bei der Fassadenmontage des Gerbers resultiert nicht zuletzt aus der Zeitersparnis, dem geringen Verschnitt bei der Montage von unter 5 Prozent und der optimierten Baustellenlogistik.

Autor

Michael Weyers ist Leiter der Fassadentechnik bei der Firma Knauf Aquapanel in Dortmund.

Hohe Fensterfronten im Sockel, inspiriert insbesondere von einem historischen Gebäude der Stadt und dessen Bogenmotiv

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