Villa Vista Ein ganz besonderes Einfamilienhaus am Stuttgarter Talkessel

Zwei wesentliche Entwurfsmerkmale des Büros Alexander Brenner prägen auch die plastisch durchgeformte, skulpturale Architektur des 2012 fertiggestellten Vista Hauses: Weit auskragende Vordächer und Schattenfugen. Beides wirkt sich in der Bauphase extrem auf die Zusammenarbeit der Gewerke aus.

Alexander Brenner entwirft für anspruchsvolle Bauherren Einfamilienhäuser beziehungsweise Villen. Klar, dass es bei einer solchen Klientel auf eine sehr hochwertige Ausführung der Bauarbeiten ankommt. Daher arbeitet Brenner am liebsten mit einem festen Stamm an Handwerkern zusammen, auf deren Arbeit er sich verlassen kann – quasi eine Bauhütte, wenn der Begriff nicht so veraltet wäre. Denn die Entwürfe des Stuttgarter Architekten sind alles andere als hausbacken, sie erinnern eher an Bauten von Frank Lloyd Wright oder Richard Neutra – nur viel transparenter und puristischer. Dabei ist es das Credo des Architekten, dass der Wunsch des Bauherrn im Vordergrund steht und er diesem ein Haus entwirft, das absolut maßgeschneidert ist.

Haus am Hang mit Kunst und Aussicht

So war es beim Stuttgarter Vista Haus der Wunsch der Bauherren, ihre Kunst an den Wänden platzieren zu können. Für gewöhnlich zeichnen sich die von Alexander Brenner entworfenen Häuser durch eine helle und sehr transparente Architektur aus. Doch die Bauherren brauchten viel Platz für ihre Kunst – insbesondere weiße Wände, um die zahlreichen Bilder aufhängen zu können. Der Stuttgarter Architekt reagierte darauf mit zwei Wohnebenen: einer unteren mit kräftigen Farben gestalteten, eher geschlossenen Wohnebene und einer oberen, offenen, mit weißen Wandscheiben für die Bilder und großen Fenstern mit darüber weit auskragenden Dachscheiben als Sonnenschutz, die den Blick ins Tal leiten. Verbunden werden beide Ebenen über eine Treppe in einem geschossübergreifenden Luftraum. Hier fand eine Lichtskulptur von Tobias Rehberger ihren Platz, die der Künstler als interaktive Installation eigens für diesen Raum schuf. Tageslicht gelangt durch ein von einer einzigen „Sprosse“ unterteiltes Fenster, das sich 5 m hoch über die beiden Geschosse des Luftraums erstreckt und den Blick rahmt, der dem Haus seinen Namen gab: Vista Haus – mit Ausblick – und der ist dank Hanglage am Stuttgarter Kessel besonders schön.

Bauen mit traditionellen Baustoffen

Bei aller Modernität und Originalität seiner Entwürfe und Freude am Experimentieren setzt Alexander Brenner auf traditionelle Baustoffe. Es geht ihm nicht um die schnelle, sondern um die qualitätvolle Baustelle. „Wir lassen die Bauteile austrocknen. So kann der Bau eines Einfamilienhauses von der Baugenehmigung bis zur Fertigstellung, auch durch den mitgeplanten, komplexen Innenausbau, schon mal zweieinhalb bis drei Jahre dauern. Im Prinzip bauen wir wie früher“, meint Alexander Brenner. Mit anderen Worten eine massive Mischbauweise mit der die Architekten die heutigen energetischen Standards weit übertreffen: Wo statisch erforderlich, arbeiten die Rohbauer mit Stahlbeton, ansonsten vermauern sie 50 cm dicke Porenbetonsteine. Verputzt wird mineralisch mit Kalkputz, sowohl innen als auch außen und mit Silikatfarbe gestrichen. So entstehen „ehrliche“ Oberflächen, die natürlich altern dürfen. Das hat vor allem zeitlich seinen Preis: „Ein mineralischer Grundputz hat eine Standzeit von rund 20 Tagen. Erst danach kann man mit dem Oberputz beginnen“, so Alexander Brenner.

Weit auskragende Vordächer

Die konstruktiv bedingte Bauzeit lässt sich besonders gut an einem lang entwickelten Entwurfsmerkmal des Stuttgarter Büros zeigen: die auf Schlankheit optimierten Vordächer, die viel weiter auskragen, als man es sonst kennt. „Zwanzig Jahre haben wir an diesen Vordächern entwickelt“, sagt Architekt Brenner.  Erst waren sie aus Holz, heute sind sie aus Stahlbeton mit einer Randdicke von 15 cm, die sich auch aus der plastisch durchgeformten, skulpturalen Architektur des Vista Hauses schieben. Hierzu bedarf es nicht nur einer guten Zusammenarbeit zwischen Tragwerksplaner und Rohbauer, sondern auch einige Zeit: Etwa neunzig Tage benötigt der Beton, um so abzubinden, zu schrumpfen und zu kriechen, dass keine Risse in ihm selbst und eine hundertprozentige Ebenheit entsteht. In dieser Zeit sind die Vordächer und deren Schalung unterbaut, was einen weiteren Baufortschritt darunter erschwert.

Ein wichtiges Detail bei den Vordächern ist die Vorspannung: Auf Grundlage komplexer Berechnungen werden die Schalungen durch den Rohbauer in den Eck- und Randbereichen um mehrere Zentimeter überhöht ausgeführt. Um diesen Wert setzt sich die Betondecke nach dem Ausschalen später aufgrund ihres Eigengewichts. So erhält man ein hundertprozentig waagerechtes Vordach. „Es gibt eben Gründe, warum man diese Art von Dächern sonst eher selten antrifft“, meint Alexander Brenner nicht ohne Stolz.

Damit die Vordächer nicht als Wärmebrücken wirken, werden sie thermisch getrennt über Isokörbe an die Stahlbetondecken angeschlossen. Die Abdichtung erfolgt direkt auf die Betonoberfläche kraftschlüssig und nahtlos mit einem hochelastischen PU-Material.

Schattenfuge als Gewerkeschnittstelle

Ein weiteres typisches Entwurfsmerkmal des Stuttgarter Büros sind die in der Regel 2 cm breiten Schattenfugen, die die Bauteile optisch voneinander trennen und deren Plastizität betonen. Auch am Vista Haus sind sie sowohl innen als auch außen zu finden. Über eine solche Schattenfuge ist außen zum Beispiel eine braun durchgefärbte Sichtbetonscheibe von den oben und unten angrenzenden Bauteilen optisch getrennt. Ein solches Bauteil bedarf nicht nur einer außerge­­­wöhnlichen Exaktheit im Rohbau, son­dern muss im Bauablauf auch so eingeplant werden, dass es nach dem Ausschalen bis zur Fertigstellung vor Beschädigungen geschützt werden kann. „Die Poliere wissen um diese Komplexität. Zudem kennen sich die ausführenden Handwerker untereinander und sprechen knifflige Details gewerkeübergreifend mit dem Architekten ab“, so Marc Büchler vom Büro Alexander Brenner Architekten. Man sucht also gemeinsam nach einer baubaren Lösung, die das in seiner Präzision gewünschte Ergebnis ermöglicht.

Die hohen Anforderungen werden zum Beispiel anhand eines Treppenlaufs deutlich, bei dem die beteiligten Gewerke mit höchster Präzision zusammenarbeiten müssen. „Der Stukkateur muss die beiden aufgehenden Wände nicht nur hundertprozentig eben ausführen, sondern auch parallel, so dass die vorgefertigten Holzstufen mit der jeweiligen Schattenfuge auf die Betontreppe aufgelegt werden können. Es gibt hier keine kaschierenden oder abdeckenden Leisten“, erklärt Benjamin Callies, der projektleitende Architekt des Vista Hauses.

Auch der Schlosser, muss seine per Laser zugeschnittene Metallwange am unteren Ende der Treppe dann in die Arbeiten der anderen Gewerke einpassen. So etwas funktioniert nur dann, wenn sich – wie auch im Fall der Treppe – die drei beteiligten Gewerke auf der Baustelle treffen und mit dem Architekten die Details vor Ort besprechen. Und: „Das geht nur mit hundertprozentig motivierten Handwerkern, die Spaß daran haben, das gewünschte Ergebnis zu erzielen und stolz darauf sind, was sie geschaffen haben“, ist Alexander Brenner überzeugt.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

„Wir lassen die Bauteile austrocknen. Im Prinzip bauen wir wie früher.“

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