Vorsicht Absturzgefahr! Balkonsanierung an Wohnhäusern aus der Gründerzeit

Bei der Sanierung von Mietshäusern, die zwischen 1860 und 1920 errichtet wurden, sollte den Balkonen besondere Aufmerksamkeit zukommen. Hier besteht für die Bewohner nämlich unter Umständen Gefahr für Leib und Leben, da die Balkone damals nach keiner Norm und qualitativ sehr unterschiedlich ausgeführt wurden. In der Gründerzeit kam zudem die Verarbeitung von Stahlbeton für die konstruktiv tragenden Balkonbauteile auf, was nach einer Standzeit von mehr als 100 Jahren die heutigen Schäden und den Sanierungsbedarf deutlich macht.

Da es um die Wende zum 20. Jahrhundert weder für die Ausführungen noch für die Materialien von Balkonkonstruktionen einheitliche Normen und Standards gab, ist die Qualität der heute bei einer Sanierung vorzufindenden Balkone aus dieser Zeit sehr unterschiedlich. Ein statischer Nachweis war nach den damalig gültigen Bauvorschriften nicht erforderlich. Auch sind in den einzelnen Bauordnungen aus dem damaligen Zeitraum sehr unterschiedliche Angaben zur Größe, zu Nutzlasten und zu der auf die Brüstung wirkenden Seitenlast zu finden. Von einer Übertragbarkeit der Ausführung kann selbst bei gleichem Erscheinungsbild nicht ausgegangen werden. In der Bauliteratur aus dieser Zeit sind zudem kaum konkrete Angaben über die Konstruktion und die bauliche Ausführung zu finden. Bei einer Sanierung ist daher eine eingehende Untersuchung der vorhandenen Balkone notwendig. Eine Hilfe könnten – soweit noch vorhanden – die alten Bauunterlagen sein.

Absturzgefährdet?

Bevor ein vorhandener Balkon einer Sanierung unterzogen wird, muss der Handwerker zunächst die Standsicherheit prüfen. Gleiches gilt für die Funktionalität der Auftrittsfläche. Dabei kann die augenscheinliche Begutachtung durch einen Statiker eine erste Einschätzung der Bauteile ergeben. Insbesondere muss das Augenmerk auf die tragenden Konsolen gelegt werden.

Die historischen Konstruktionen können nur sehr beschränkt mit den derzeit geltenden technischen Bestimmungen nachgewiesen werden [3], weil die vor über 100 Jahren verwendeten Bauprodukte damals keiner Produktnormung im heutigen Sinne unterworfen waren. Die verwendeten Baumaterialien [1] findet man somit meist nicht in den Bauregellisten.

Woran man vor einer Sanierung denken muss

Desweiteren müssen die jeweiligen Vorschriften in den einzelnen Bundesländern beachtet werden. Insbesondere bei Balkonen an der Vorderfront der Fassade eines Gründerzeithauses sollte die zuständige Denkmalsschutzbehörde bei der Planung einbezogen werden.

Bei einer Sanierung sollte bei der Planung die künftige Nutzung der Mieter ebenso in Betracht gezogen werden. Durch die demographische Entwicklung wird der Anteil der Mieter über 65 Jahre weiter ansteigen. Daher sollte der Zugang zum Balkon möglichst barrierefrei gestaltet werden, damit auch in ihrer Bewegung eingeschränkte alte Menschen den Balkon sicher nutzen und möglichst lange eine hohe Lebensqualität in der eigenen Wohnung genießen können.

Balkone aus Stahlbeton

In der Gründerzeit kam es im Deutschen Reich mit der Entwicklung der industriellen Produktion zu einem wirtschaftlichen Aufschwung und einem damit verbundenen umfangreichen Mietwohnungsbau für die unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung. Ein Beispiel dafür sind die Meyer’schen Häuser in Leipzig [5]. Diese Sozialwohnungsanlagen wurden in den Jahren 1889 bis etwa 1930 erbaut.

Die Varianten der damals verwendeten Stahlbetonkonstruktionen sind vielfältig. Jedoch lassen sich einige Grundtypen beschreiben: Dazu gehören die einseitig eingespannte Platte, die einseitig eingespannte Platte mit Auflagerbalken sowie Kragarmplatten an Innenplatten, deren Bewehrung rechtwinklig zur Außenwand verläuft. Es gibt auch noch auskragende Plattenbalken. In der Zeit von 1900 bis 1920 wurden verschiedene Arten von Bewehrungsstahl verwendet, deren Qualität keiner Normung unterworfen war [2]. Die Lage und Dicke der Bewehrung sowie deren Überdeckung wurden sehr unterschiedlich ausgeführt [4].

Ersatzneubau und
Sanierungsmöglichkeiten

Ist bei der Überprüfung der Standsicherheit festgestellt worden, dass diese nicht mehr gegeben ist, muss sicher über einen völligen Neuanbau der Balkone nachgedacht werden.

In diesem Fall gibt es neben einer Vielzahl von vorgefertigten Balkonsystemen auch sehr individuelle Möglichkeiten. Die Firma Schöck bietet dafür das Balkonsystem Purismo an. Dieses gibt dem Planer eine sehr große Freiheit bei der Gestaltung beziehungsweise Neuerrichtung von Balkonen. Dabei übernimmt Schöck die Leistung des Engineering, der Logistik und die Koordination der Montage der Balkone. Zudem kann ein barrierefreier Zugang auf den Balkon unter bestimmten Voraussetzungen mit eingeplant werden. Ein Beispiel dafür ist die Sanierung einer Stadtvilla in der Albrecht Dürer Straße in Baden-Baden.

Standsicher dank CFK-Lamellen

Wenn bei einem vorhandenen Balkon die Standsicherheit gefährdet ist, gibt es die Möglichkeit, durch das FRP System der S & P Clever Reinforcement GmbH diese wieder herzustellen. Durch den Einsatz von CFK-Lamellen wird dabei der vorhandene Balkon verstärkt und seine Standsicherheit für die künftige Nutzung gewährleistet. Das Unternehmen bietet dafür ein Bemessungsprogramm einschließlich Handbuch als Download im Internet (www.frp.at, www.sp-reinforcement.de) an. Vor dem Einsatz dieser Produkte sollte man sich mit dem technischen Kundendienst in Verbindung setzen.

Sanierung der Betondeckung

Ist die Standsicherheit gegeben, sollte die Funktionalität der Auftrittsfläche überprüft werden. Bei Balkonen, die in der Gründerzeit aus Stahlbeton hergestellt wurden, zeigen sich heute oft Risse an der Oberfläche der Betondeckung. Manchmal ist diese auch gar mehr vorhanden. Um solche Schäden zu beheben, gibt es zahlreiche Sanierungsmöglichkeiten. Eine dieser Möglichkeiten bietet die ehemalige Degussa GmbH, die heute unter Evonik firmiert. Das angebotene Protectocil basiert auf dem Prinzip der Unterdrückung des Korrosionsstromes und reduziert somit die damit verbundene Rostbildung des Bewehrungsstahls. Die Wirksamkeit wurde international mehrfach untersucht, zum Beispiel von WJE Associates in den USA. Eine weitere Fallstudie gibt es aus der Schweiz, bei der die Wirksamkeit an der Autobahngalerie Cianca Presella über einen langen Zeitraum gemessen wurde. Protectocil ist sehr umweltfreundlich, da wasserbasierend. Es kann vom Handwerker einfach und schnell mit Standardgeräten verarbeitet werden. Für den Handwerksbetrieb sind sicher auch der geringe Personaleinsatz und die schnelle Trocknungszeit von Vorteil. Damit können lange Wartezeiten beim Auftragen mehrerer Schichten vermieden werden.

Balkonbeschichtung in einem Tag

Balkone können auf ihrer Oberfläche verschiedene Schadensbilder, wie Abplatzungen oder Wasserflecken auf dem Boden und der Balkonbrüstung aufweisen. Die Ursache dafür sind meist Risse in der Betonoberfläche. Für die Behebung dieser Schäden hat die Sto Cretec GmbH eine Vielzahl an Produkten entwickelt. Auch gibt es für die Oberflächengestaltung der Auftrittsfläche des Balkons das StoColor System und für die Reinigung der sanierten Balkonoberfläche die Produktserie StoDivers auf dem Markt. Durch die aufeinander abgestimmten Produkte hat der Handwerker den Vorteil „alles aus einer Hand“ beziehen zu können. Bei der Anwendung des Ein-Tages-Balkonbeschichtungssystems kommen für alle Beteiligten die Zeit- und Kostenersparnis und die Kundenzufriedenheit durch schnelle Wiederbenutzung hinzu. Für Planer und Handwerker steht zur technischen Information und Beratung das Technische Infocenter des Unternehmens in Kriftel zur Verfügung.

Fazit

Wenn man sich über die Bauweise, das Material und das Schadensbild der Balkone im Klaren ist, gibt es für Handwerker auf dem Markt eine ganze Reihe von Produkten, welche die Arbeit wesentlich erleichtern.

Literatur

[1] Issel, H., Illustriertes Lexikon der Baustoffe, 1902, Verlag von Theod. Thomas, Reprint, Holzminden, Reprint-Verlag Leipzig

[2] Foerster, M., Die Eisenkonstruktion, 1909, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann

[3] Froehlich, H., Anleitung statischer Berechnung, 1906, Berlin, Polytechnische Buchhandlung A. Seydel

[4] Ahnert, R., Krause, K. H., Typische Baukonstruktionen von 1860 bis 1960, Band 2, 1989, Wiesbaden und Berlin, VEB Verlag für Bauwesen

[5] Doehler, M., Reuther, I., Die Meyer´schen Häuser in Leipzig – Bezahlbares Wohnen, 1995, Hrsg. Stiftung Meyer´sche Häuser

Literatur

[1] Issel, H., Illustriertes Lexikon der Baustoffe, 1902, Verlag von Theod. Thomas, Reprint, Holzminden, Reprint-Verlag Leipzig

[2]Foerster, M., Die Eisenkonstruktion, 1909, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann

[3] Froehlich, H., Anleitung statischer Berechnung, 1906, Berlin, Polytechnische Buchhandlung A. Seydel

[4] Ahnert, R., Krause, K.H., Typische Baukonstruktionen von 1860 bis 1960, Band 2, 1989, Wiesbaden und Berlin, VEB Verlag für Bauwesen

[5]Doehler, M., Reuther, I., Die Meyer`schen Häuser in Leipzig -Bezahlbares Wohnen, 1995, Hrg. Stiftung Meyer´ sche Häuser

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