Bühne frei
Umnutzung eines Schlachthofs für das Stadttheater NaumburgDas kleinste Stadttheater Deutschlands hat sich vergrößert. Das Ensemble freut sich über die nach Plänen des Büros Peter Zirkel Gesellschaft von Architekten mbH sanierten Räume im ehemaligen Schlachthof von Naumburg. Die Gesamtkosten für den Umbau betragen rund 4,7 Millionen Euro.
„Entertainment ist ein probates Mittel, das Publikum zu gewinnen, aber der künstlerische Anspruch darf sich nicht damit begnügen. Kunst ist nur dann nachhaltig, wenn sie die Menschen innerlich erreicht. Deshalb wollen wir eine Spielstätte kreieren, die mehr bietet als ein Theater. Ich würde so weit gehen und sagen, dazu braucht es als Ort ein Gesamtkunstwerk, das alle Sinne anspricht.“ So schreibt es Stefan Neugebauer, Intendant des Stadttheaters in Naumburg und meint damit nicht zuletzt die aus seiner Sicht gelungene Umnutzung des ehemaligen Schlachthofgeländes am Markgrafenweg. Und weiter ist auf der Seite des Theaters zu lesen: „Für das kleinste Stadttheater Deutschlands ist der ersehnte Umzug im Sommer 2024 in den Alten Schlachthof nicht einfach nur ein Umzug in eine neue Spielstätte, sondern zugleich ein echter Neustart, der unter dem Vorsatz steht, dass wir Theater deutlich größer und umfassender denken wollen und vielleicht sogar müssen, wenn wir im 21. Jahrhundert, das sich ja scheinbar um jeden Preis der Digitalisierung verschrieben hat, analoge Formen der Kunst und der Begegnung in den Vordergrund rücken.“
Was also wurde konkret umgebaut und welche neuen Möglichkeiten haben sich dadurch für das Theater und seine Kunst ergeben?
Vom Schlachthof zum Theater
Wie bei einer dieser Denksportaufgaben, in denen nur durch das Verschieben eines Teils die Lösung plötzlich auf der Hand liegt, war es Peter Zirkel Architekten mit ihrem Entwurf im Vergabeverfahren 2021 gelungen, sowohl die Stadtverwaltung als auch die Nutzer zu überzeugen. Für die schlüssige Umnutzung des ehemaligen Schlachthofs in Naumburg fehlte der bestehenden Grundform bis dahin ein Foyer. Durch das Schließen des Innenhofs zwischen dem nördlichen und dem südlichen Gebäudeteil auf der Ostseite des Gesamtensembles, war dieser Raum mit all seinen Schlüsselfunktionen geschaffen. Hier werden nicht nur die Besucherinnen und Besucher empfangen, sondern auch der Publikumsverkehr direkt in den großen Theatersaal links oder den Gastraum auf der anderen Seite geleitet. Ebenso wird die kleinere Studiobühne von hier aus gut erreicht.
Die Öffentlichkeit bleibt auf diese Weise im Prinzip östlich der Mittelachse des Gebäudekomplexes, während auf der Westseite der Backstagebereich, die Werkstatthalle, das Kulissenlager und die Technikzentrale zu finden sind.
Zweigeschossig genutzt werden nur die zentralen Bereiche der beiden Längsriegel mit Gebäudetechnik, Bühnentechnik und zwei kleinen Garderobenräumen für die Künstlerinnen und Künster. Alle anderen Bereiche sind ebenerdig.
Erbaut wurden die Gebäude des Schlachthofs 1891. Einhundert Jahre lang, bis in die 1990er Jahre wurden sie auch als solche genutzt. Die in dieser Zeit entstandenen Anbauten und Umbauten hat man dann im Zuge einer Grundsanierung zwischen 2001 und 2004 weitestgehend wieder zurückgebaut und im Wesentlichen auf drei Gebäude reduziert. Für den Theaterumbau ging es dann nur um das H-förmige Hauptgebäude. Dessen Hülle hatte man seinerzeit komplett saniert. Genutzt worden war der Bau in der Zwischenzeit als Baustoffzentrum, Berufsbildungsstätte, Geflüchtetenunterkunft, Grundschul-Auslagerungsstandort und Impfzentrum während der Corona-Epidemie.
Bühne frei im alten Schlachthof
Die Ansprüche der neuen Nutzer waren zurückhaltend und passten sich sehr gut an das recht kleine Budget an, das den Planenden zur Verfügung stand. Der neue Ort bot in jedem Fall mehr Platz und mehr Möglichkeiten als die alte Spielstätte. „Das war schon sehr viel wert! Sowohl der technische Direktor als auch der Intendant des Theaters waren wirklich sehr bescheiden. Es war ein ausgesprochen angenehmes Miteinander bei der Planung“, bestätigt Susanne Lehmann, die für die itv Ingenieurgesellschaft für Theater- und Veranstaltungstechnik mbH das Projekt betreut hat. „Wenn sich herausstellte, dass das Budget für eine ursprüngliche Idee nicht ausreichen würde, gab es immer ein offenes Ohr für Alternativvorschläge.“
Und so wurde im Endeffekt eher die kleine Lösung in Form einer modernen Infrastruktur am Stadttheater umgesetzt. Diese Technik ermöglicht die weitere Nutzung der Bestandstechnik und der vorhandenen Endgeräte, aber auch eine sukzessive Erneuerung durch netzwerkbasierte Technik.
Die größte jetzt bereits erfolgte Maßnahme ist das Traversenwerk mit Kettenzügen im neuen Theaterraum. Für das Ingenieurbüro, das schon durchaus größere Theater technisch ausgestattet hat, lag die Herausforderung hier in erster Linie in der Tatsache, dass das Gebäude nie als Theater gebaut worden war. „Die Kunst war, die notwendige Audio-, Video- und Beleuchtungstechnik in die vorhandene Struktur eines ehemaligen Schlachthofgebäudes einzupassen“, so Ingenieurin Lehmann. „Der Raum, der nun zum großen Theaterraum umgeplant wurde, ist mit weniger als 6 m Höhe beispielsweise relativ niedrig für das, was an Technik notwendig war.“ Zudem war das vorhandene Dach statisch nicht dafür ausgelegt, größere Lasten daran abzuhängen. „Wir haben daher ein Stahlfachwerkträgerrost eingebracht, das auf neuen Stützen in den Wandebenen lastet, so dass der Raum stützenfrei genutzt werden kann und die Technik von hier abgehängt wird“, erklärt Conrad Lohmann, der im Architekturbüro Peter Zirkel das Projekt geleitet hat. „An diesem Trägerrost hängt das Traversenwerk für die Technik.“ Die notwendigen Stützen und die Bodenplatte wurden neu gemacht. Die bauzeitlichen Fundamente hatte man hingegen seinerzeit aufwändig und tief aus hoch gebrannten Ziegeln errichtet, um sicher auf der Saale-Kiesschicht zu gründen. Sie boten daher hinreichende Lastreserven.
Zudem gibt es im großen Theaterraum eine umlaufende Stahl-Galerie mit dem Regieplatz an der bühnenabgewandten Stirnseite. Das Geländer der Galerie kann zur Befestigung von Scheinwerfern genutzt werden und an einer Schiene unter der Galerie können Vorhänge aufgehängt werden. Diese begünstigen die Akustik, verdunkeln den Raum, können für seitliche Auf- und Abgänge genutzt werden und separieren auch die Fluchtwege aus dem Zuschauer-/Bühnenraum.
Estrich in Sichtqualität
Nicht nur im neuen Theatersaal, fast in drei Viertel der Räumlichkeiten, musste die Bodenplatte aus Gründen der Barrierefreiheit neu gegossen werden. Die Planenden hatten sich zudem dafür entschieden, im Foyer, im Gastrobereich und auch in den Fluren Sichtestrich aufzubringen. Dieser hat durch den Anteil von „Rheorapid“-Schnellzement einen relativ dunklen Grauton. Wie zu erwarten, erfordert diese Technik ein sehr präzises Arbeiten, um Oberflächen mit der gewünschten Optik und der erforderlichen Qualität herzustellen. „Zunächst muss die Estrichmasse sehr exakt angemischt werden, so dass vor allen Dingen der Wasser-Zement-Wert, also der Anteil des Wassers genau stimmt“, berichtet Tahir Güner, Bauleiter bei der Firma Spoma aus München, die die Estricharbeiten ausführte. „Neben dem optimalen Anteil des Bindemittels Zement ist insgesamt die richtige Zusammensetzung der Zuschläge relevant. Und zwar bei jeder Maschine!“ Denn gearbeitet wird immer etappenweise. Im Theater Naumburg war dies allerdings kein Problem, da ein Abschnitt etwa 200 bis 250 m2 umfassen kann. So groß waren die Räume im Stadttheater nicht. Das Foyer hat eine Sichtestrichfläche von etwa 114 m2.
An den Übergängen von einem Abschnitt zum nächsten, beziehungsweise in diesem Fall von einem Raum zum nächsten, dürfen keine Kanten oder gar Schwellen entstehen. Daher werden, wie auch in den Randbereichen, Bewegungsfugen eingeplant, die theoretisch auch durch Betonkosmetik kaschiert werden können, hier allerdings sichtbar bleiben konnten.
Nachdem die Estrichmasse aufgebracht und verteilt worden war, musste sie etwa ein bis zwei Stunden antrocknen. Dann wurde geglättet. „Hierfür wird mit einer so genannten Glättmaschine, auch Flügelglätter genannt, gearbeitet“, erzählt Projektleiter Güner. „Die Ausführenden tragen dabei Glättschuhe über ihren Schuhen, die wie bei einem Schneeschuh die Last des Körpergewichtes stärker verteilen. Dieser Arbeitsgang muss in der Regel drei bis vier Mal wiederholt werden.“
Schließlich musste der Sichtestrich noch imprägniert und versiegelt werden. Damit die Imprägnierung aber auch wirklich in den Estrich eindringen und wirken kann, muss dieser zunächst gründlich gewaschen werden. Insbesondere der hohe Salzgehalt des Zements macht dies unbedingt erforderlich. Im Stadttheater entschied man sich für ein Finish in zwei Arbeitsschritten ohne Anfeuerung. Das heißt, erst wurde eine lösungsmittelhaltige Imprägnierung aufgebracht, die 2 bis 3 mm in den Boden eindringt. Dann kam die abschließende Versiegelung auf die Oberfläche. Im Theatersaal und der Probebühne wurde übrigens ein schwarzer Bühnenholzboden verlegt.
Spiegelfassade am Eingang
Neben all den bestandserhaltenden und den alten Charme wahrenden Arbeiten, fällt ein Element im Schlachthof-Ensemble besonders auf: die neue Spiegelfassade am Eingang. Als neue Ergänzung sollte sie auch als solche sofort erkennbar sein. Ein faszinierender Effekt ist die Spiegelung der Fassade des Theaterflügels linker Hand in der Spiegelfassade, durch die die gemauerte Ziegelwand weiterzugehen scheint. Die Grenze zwischen Außen und Innen scheint wieder aufgehoben zu sein. Bei Nacht allerdings gibt es keinen Spiegeleffekt. Ist das Foyer beleuchtet, empfängt es die Besucherinnen und Besucher mit seinem warmem Licht und nur die nicht hinterleuchtete Attika bleibt dunkel.
Die 8,10 m x 5,65 m große Fassade musste also gleich mehrere Aufgaben und Effekte in sich vereinen: den Attikabereich, den festverglasten Fensterbereich links und rechts der Tür, ein Element über der Schiebetür sowie die Schiebetür selbst. Bei allen Gläsern handelt es sich um eine 2-fach-Isolierverglasung mit einer Gesamtdicke von 35 mm und einem äußeren Einscheibensicherheitsglas (ESG). Aber während das Glas der Attika innen ebenfalls ein ESG – allerdings schwarz bedruckt – erhielt, bestehen die anderen Gläser im Inneren aus Verbundsicherheitsglas (VSG). Die Gläser links und rechts der Tür sind aufgrund ihrer Abmessungen von 2,16 m Breite und 3,73 m Höhe teilvorgespannt. Damit die Fassade besonders homogen in Erscheinung tritt, wurden alle Gläser mit einer Andruckleiste und einer Deckschale in die Konstruktion eingespannt. Bei der Montage war besonders das Gewicht der Scheiben herausfordernd, von denen die schwerste 372 kg wog!
Autorin
Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.
Baubeteiligte (Auswahl)
Bauherr Stadtverwaltung Naumburg
Architektur Peter Zirkel Gesellschaft von Architekten, Dresden, peterzirkel.de
Tragwerksplanung Engelbach & Partner, Dresden, engelbach-ingenieure.de
Planung Bühnentechnik itv Ingenieurgesellschaft für Bühnen- und Veranstaltungstechnik, Berlin, www.itv-mbh.de
Abbrucharbeiten Ostdeutsche Baugesellschaft, Lützen, ostdeutsche-baugesellschaft.de
Rohbauarbeiten Komplett Bau Ringleben, Bad Frankenhausen, komplett-bau.com
Estricharbeiten Spoma Parkett und Ausbau, München, www.spoma.de
Montage der Glasfassade Jaeger Glas- und Metallbau, Leipzig
