Handwerk ächzt unter Preissteigerungen: „Die Kunden sind total verunsichert“

Der Krieg am Persischen Golf lässt die Preise für Erdöl und für viele aus Öl hergestellten Bau-Produkte regelrecht explodieren. Zahlreiche Dachdeckerbetriebe haben momentan mit massiv verteuerten Dämmstoffen und Dachabdichtungsbahnen zu kämpfen. Aber auch andere energie- und rohstoffintensive Gewerke sind betroffen.

Stefan Bern ist Gründer und Geschäftsführer des Dachdeckermeisterbetriebs Stefan Bern mit Sitz in Mönchengladbach
Foto: Erdal Top

Stefan Bern ist Gründer und Geschäftsführer des Dachdeckermeisterbetriebs Stefan Bern mit Sitz in Mönchengladbach
Foto: Erdal Top
  Stefan Bern, Geschäftsführer eines Dachdeckermeisterbetriebs aus Mönchengladbach, ist sehr besorgt. Denn das, worüber derzeit auf deutschen Baustellen gesprochen wird, sei weit mehr als eine normale Marktbewegung – es sei ein Kontrollverlust. Denn: Es fehle Planbarkeit. Bauherren wissen nicht mehr, ob Materialien lieferbar sind. Handwerksbetriebe können nicht absehen, ob ihre Kalkulation morgen noch stimmt. Projekte werden verschoben, Entscheidungen hinausgezögert und Investitionen eingefroren. „Die Kunden sind total verunsichert“, beschreibt Bern die aktuelle Lage.

Farben, Kunstharze, Kleber und Beschichtungen sind verteuert

Die Preissteigerungen durchziehen weitere Gewerke. Im Straßenbau und im Tiefbau schlagen sich beispielsweise die Bitumenpreise unmittelbar durch, weil Bitumen erdölbasiert ist und einen großen Anteil an Asphaltmischungen ausmacht. Der Bauindustrieverband Ost warnt bereits vor gefährdeten Projekten und schlechter Kalkulierbarkeit. Im Gerüstbau und im Bauhauptgewerbe wirken sich vor allem die höheren Dieselpreise aus, weil Transport, Maschinenbetrieb und Logistik stark kraftstoffabhängig sind.

Auch die Preise für Farben und Lacke haben sich verteuert
Foto: Ksenia Chernaya /Pexels

Auch die Preise für Farben und Lacke haben sich verteuert
Foto: Ksenia Chernaya /Pexels
Der Landesverband Bayerischer Bauinnungen spricht von „unmittelbaren Belastungen. Für das Maler- und Ausbaugewerke sind Farben, Kunstharze, Dämmstoffe, Kleber und Beschichtungen wichtig, die häufig auf petrochemischen Vorprodukten basieren.

Preisaufschläge von bis zu 50 Prozent

Eine aktuelle Umfrage des Zentralverbands des deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) unter rund 7000 Dachdecker-Innungsbetrieben verdeutlicht die Situation: Bei den Materialkosten kämpfen so gut wie alle Betriebe (98 Prozent) laut Umfrage mit stark gestiegenen Einkaufspreisen – teilweise betragen die Preisaufschläge 30 Prozent, in Einzelfällen sogar bis zu 50 Prozent, vor allem bei Dämmstoffen und Abdichtungsbahnen. Zudem komme es zu Lieferengpässen.

Laut dem Hauptverband der deutschen Bauindustrie haben sich die Preiserhöhungen rein statistisch noch nicht auf die Baugenehmigungszahlen ausgewirkt. So meldete das statistische Bundesamt für Februar 2026 im Vergleich zum Vorjahresmonat ein Genehmigungsplus bei Wohn- und Nichtwohngebäuden (Neu- und Umbau) von 24,1 Prozent bzw. 22 200 Wohnungen.

Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, fordert einen „Bau-Turbo II“ von der Bundesregierung
Foto: Mark Bollhorst / HDB

Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, fordert einen „Bau-Turbo II“ von der Bundesregierung
Foto: Mark Bollhorst / HDB
Allerdings erklärt Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie: „Zum Jahresstart waren wir für den Wohnungsbau optimistisch gestimmt. Wir hoffen, dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt, allerdings wirkt sich der Irankrieg bereits jetzt schon teilweise negativ aus – und zwar nicht nur preissteigernd auf Benzin, Diesel und Bitumen, sondern er führt auch dazu, dass sich die Produktion besonders energieintensiver Baumaterialien verteuert.“

Auch wenn die Baugenehmigungen im Februar steigen würden, sei dies kein Automatismus dafür, dass mehr gebaut werde, so Müller. Hohe Kosten, Auflagen und Bürokratie würden dem Baubeginn häufig entgegenstehen. Der Bauindustrieverband fordert daher die Bundesregierung auf, einen „Bau-Turbo II“ aufzulegen, der sich unter anderem auf eine Verbesserung der Finanzierungsmöglichkeiten am Bau konzentrieren solle.

Neue Kampagne gegen Preissteigerungen

Vor dem Hintergrund der aktuellen Preissteigerungen im Dachdeckerhandwerk hat das Unternehmernetzwerk „Roofer's Club“ die Kampagne „Bezahlbares Bauen“ gestartet, um Politik, Fachhandel und Industrie auf die aktuelle Situation aufmerksam zu machen. Die Mitglieder des „Roofer's Club“, ein Zusammenschluss aus derzeit 30 mittelständischen Dachdecker-, Zimmerer- und Spenglerbetrieben, fordern von der Industrie mehr Transparenz bei der Preisgestaltung, verbindliche Preisgleitklauseln und Planungssicherheit im Handwerk.  Die Clubmitglieder vermuten, dass die Hersteller von Baumaterialien den Krieg am Persischen Golf als Vorwand für übertriebene Preiserhöhungen nutzen – quasi als Trittbrettfahrer es Kriegsgeschehens.

Mehr über die „Initiative bezahlbares Bauen“ und die Forderungen der Mitgliedsbetriebe des „Roofer's Club“ lesen Sie hier!

Autoren

Erdal Top ist Content Creator bei der Bauverlag BV GmbH in Gütersloh. Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau. Stephan Thomas ist Chefredakteur des Magazins dach+holzbau.


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