Instandsetzung von WDV-Systemen,Teil 1

Wärmedämm-Verbundsysteme im Bestand – Generationen und typische Schäden

Wärmedämm-Verbundsysteme prägen seit Jahrzehnten den Gebäudebestand. Trotz ihrer grundsätzlich langen Lebensdauer weisen viele Systeme Schäden oder Mängel auf. Wir geben einen Überblick über die Entwicklung und Typologie unterschiedlicher WDVS-Generationen sowie über typische Schadensbilder.

Die durchschnittliche Haltbarkeit eines Wärmedämm-Verbundsystems (WDVS) wird in der Regel mit 40 bis 60 Jahren angegeben, ohne näher zu spezifizieren, unter welchen Bedingungen (zum Beispiel Exposition) dieser Zeitraum gilt und/oder um welche Art von WDVS (Alter, Dämmstoffe) es sich handelt. Im „Kleingedruckten“ wird vorausgesetzt, dass ein WDVS fachgerecht geplant, ausgeführt und gewartet wird und eine regelmäßige Instandhaltung notwendig ist, um die volle Funktionsfähigkeit über diesen Zeitraum sicherzustellen.

Während eine fachgerechte Planung in den meisten Fällen sichergestellt ist, gibt es bei der Ausführung erhebliche Fehler, die zu (technischen) Schäden und/oder (rechtlichen) Mängeln führen können. Eine Inspektion und Wartung stellt zudem eine absolute Ausnahme dar, so dass Wärmedämm-Verbundsysteme aus unterschiedlichsten Gründen immer öfter instandgesetzt werden müssen. Dieser Beitrag setzt sich mit den unterschiedlichen WDV-Systemen sowie den typischen Schäden auseinander, bevor im zweiten Teil in bauhandwerk 4.2026 die verschiedenen Methoden und Verfahren der Instandsetzung vorgestellt werden. Hierbei sind nicht nur technische Aspekte, sondern auch ökonomische, ökologische und rechtliche von Relevanz.

WDVS gibt es seit Ende der 1960-er Jahre

Wärmedämm-Verbundsysteme werden seit Ende der 1960-er Jahre ausgeführt. Wenn man die Absatzzahlen diverser Quellen1 zugrunde legt, wurden seitdem 1,452 Mrd. m² ausgeführt. Dies entspricht etwa einem Viertel der Fassadenfläche in Deutschland. Diese Flächenangaben entsprechen nicht eins zu eins der Fassadenfläche, die im Neubau oder Altbau erstmalig gedämmt wurden, da einige WDVS in der Zwischenzeit rückgebaut und durch ein neues WDVS ersetzt oder im Rahmen der so genannten Aufdopplung überdämmt wurden.

In den einschlägigen Veröffentlichungen1 sind weitere Unschärfen enthalten, da zum Beispiel auch der Rückbau von Plattenbauten, die Anfang bis Mitte der 1990-er Jahre aufgrund der finanziellen Anreize durch Förderungen in den neuen Bundesländern mit einem WDVS versehen wurden, in keiner Statistik berücksichtigt wurden. Hinzu kommt der nicht erfasste Bereich der Schwarzarbeit sowie die Importe von WDVS aus benachbarten Ländern, die in Deutschland verbaut wurden.

1. Generation: Polystyrol als Dämmstoff

Ein Blick in die technische Entwicklung der WDVS soll den Reifegrad der verschiedenen Systeme verdeutlichen und aufzeigen, wie heterogen die Fassadendämmung im deutschen Gebäudebestand ist. In den 1970- und 1980-er Jahren kam die erste Generation von WDVS auf den Markt. Hauptsächlich bestanden diese aus Polystyrol als Dämmstoff und einem Kunstharzputz als Schlussbeschichtung. Später wurde das erste nicht brennbare, mineralische System, bestehend aus Mineralwolle als Dämmstoff und einem mineralischen Putzaufbau, entwickelt. Diese Phase war davon geprägt, den Vollwärmeschutz, wie man ihn damals nannte, als neues Bausystem an der Fassade zu etablieren. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass erst mit der Einführung der WSchVO im Jahr 1977 überhaupt die ersten bauaufsichtlichen Regelungen für WDVS vorgelegt wurden – zu diesem Zeitpunkt waren bereits 67 Mio. m² Fassadenfläche mit diesem neuen System gedämmt. Daher blieb es nicht aus, dass in den ersten Jahren auch fehlerhafte Systeme verlegt wurden. Insbesondere Feuchtigkeitsprobleme durch Wasserdampfdiffusion (Blasenbildung) und Durchfeuchtungen an Bauteilanschlüssen prägten diese Phase, aber auch das Schüsseln der Dämmplatten. Beides führte zu einer Reihe von Schäden. Einige namhafte Hersteller nahmen daraufhin diese Systeme wieder aus dem Sortiment.

In diesem Zeitraum wurden Systeme auf 218,3 Mio. m² verlegt, die heute 35 bis 55 Jahre alt wären. Sie sind mit großer Wahrscheinlichkeit in der Zwischenzeit mehrfach renoviert, saniert und gegebenenfalls modernisiert oder rückgebaut und erneuert worden, da diese die heutigen Anforderungen an den Wärmeschutz nicht erfüllen, insbesondere da die Dämmstoffdicken der ersten Generation noch bei 20 bis 50 mm lagen. Gemessen an dem Gesamtbestand verlegter WDVS-Flächen entspricht dies bei linearer Betrachtung rund 15 Prozent.

2. Generation: Mineralschaum und Polyurethan

In den 1990- und 2000-er Jahren kam die zweite Generation von WDVS auf den Markt. Diese Phase war geprägt durch die technische Weiterentwicklung der Systeme. Neue Dämmstoffe wurden entwickelt, neben Mineralschaum- und Phenolharz- auch Hartschaumplatten aus Polyurethan. Zudem müssen Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen (beispielsweise Kork, Schilf, Hanf) genannt werden. Hinzu kamen neue Befestigungen (wie  Thermodübel, Klebeanker) sowie eine Erweiterung der Oberflächengestaltung (Naturstein, Klinker, Riemchen).

Erste Systeme mit biozider Ausrüstung der Schlussbeschichtung wurden Ende der 1990-er Jahre eingeführt, und Anfang der 2000-er Jahre kamen erste funktionale Oberflächen (zum Beispiel Lotus-Beschichtung) auf. Außerdem nahm die Dämmstoffdicke auf 60 bis
100 mm zu und die Wärmeleitfähigkeit verbesserte sich auf Werte von 0,035 beziehungsweise 0,042 W/mK.

In diesem Zeitraum wurden Systeme auf  733,3 Mio. m² verlegt, die heute 15 bis 35 Jahre alt sind und in der Regel mindestens einmal renoviert oder saniert wurden. Die meisten dieser Systeme erfüllen die heutigen Anforderungen an den Wärmeschutz ebenfalls nicht, allerdings ist eine Modernisierung aus ökonomischen Gründen oftmals nicht gerechtfertigt, so dass sich die meisten dieser Systeme auch heute noch an den Fassaden befinden sollten. Bei einer linearen Betrachtung entspricht diese Fläche der Hälfte der WDVS-gedämmten Fassaden im Gebäudebestand und stellt das interessanteste Marktpotenzial dar.

3. Generation: Biozidfreie Systeme

In den Jahren nach 2010 kam die dritte Generation von WDVS auf den Markt. Diese Phase war geprägt durch die technische Optimierung der Systeme. Durch die teilweise unsachliche Berichterstattung in den Medien waren die Systemanbieter gezwungen, Vorurteilen entgegenzuwirken und neue Lösungen anzubieten: die ersten biozidfreien Systeme kamen auf den Markt. Die Wärmeleitfähigkeit der Dämmplatten wurde weiter optimiert (zum Beispiel durch die sogenannte Dalmatiner-Platte oder auch Vakuumisolationspaneele). Der Brandschutz wurde ebenfalls verbessert, zum Beispiel durch die Einführung des Brandriegels.

Erstmals gab es extra schmale WDVS mit einem Wärmeleitwert von 0,022 W/mK . Perforierte Dämmplatten sollten eine bessere Wasserdampfdiffusion sicherstellen, und die TSR-Technologie sollte eine Beschichtung der Fassaden mit dunklen Farbtönen ermöglichen. Die Systemanbieter setzten sich mit dem Thema Rückbau und Entsorgung ihrer Systeme auseinander, so dass die ersten recyclingfähigen Systeme entwickelt wurden. Mit diesen ist erstmals eine Trennung der einzelnen Systemkomponenten beim Rückbau möglich. Außerdem nahm die Dämmstoffdicke in den 2010-er Jahren auf 100 bis 150 mm zu und liegt heute bei einer durchschnittlichen Dämmstoffdicke von 150 bis 200 mm. Die Wärmeleitfähigkeit verbesserte sich je nach Dämmstoff auf Werte von 0,023 bis 0,036 W/mK.

Seit 2010 wurden Systeme auf 501,1 Mio. m² (Stand des Jahres 2024) verlegt. Sie erfüllen weitestgehend die heutigen Anforderungen an den Wärmeschutz und haben in der Zwischenzeit höchstens einen Renovierungsanstrich erhalten. Bei einer linearen Betrachtung entspricht diese Fläche etwa einem Drittel der Fassaden im Gebäudebestand, die mit einem WDVS gedämmt wurden.

Typologie von WDVS-Generationen

Die Einführung in die Typologie der verschiedenen WDVS-Generationen soll helfen, die Instandsetzung von Wärmedämm-Verbundsystemen besser nachvollziehen zu können. Auch diese muss differenziert betrachtet werden, denn nicht immer sind (technische) Schäden oder (rechtliche) Mängel ursächlich. Eine Instandsetzung kann auch aus ökonomischen und/oder ökologischen Gründen beauftragt werden oder einfach, um die optische Gestaltung dem aktuellen Zeitgeist anzupassen. Nachfolgend und im Teil 2 dieses Artikels soll es in erster Linie um die Beseitigung von (technischen) Schäden gehen. Diese sind hauptsächlich auf planungsbedingte, ausführungsbedingte, witterungsbedingte, systembedingte und/oder sonstige Ursachen zurückzuführen.

Eine Differenzierung zwischen Ansprüchen von (technischen) Schäden und (rechtlichen) Mängeln innerhalb der Gewährleistung wird an dieser Stelle nicht vorgenommen. Gleiches gilt für die unterschiedlichen Schäden je Generation von WDVS. Diesbezüglich wird auf bestehende Veröffentlichungen2 verwiesen. Die oben genannten Ursachen können zu folgenden Schäden an Wärmedämm-Verbundsystemen führen:

Blasenbildung (zum Beispiel aufgrund der Wasserdampfdiffusion)

Durchfeuchtungen an Bauteilanschlüssen (zum Beispiel an der Fensterbank)

Rissbildungen aus dem Untergrund (zum Beispiel aufgrund der Dämmplatten)

Rissbildungen im Putzsystem (zum Beispiel bei fehlerhafter Diagonalarmierung)

Rissbildungen an Bauteilanschlüssen (zum Beispiel an Rollladenkästen)

Abplatzungen (zum Beispiel aufgrund eines Frostschadens im Sockel)

Verschmutzungen (in der Fläche) und Abläufer (an Bauteilanschlüssen)

Mikrobieller Befall durch Algen und Pilze

Verschmutzungen durch Graffiti

Farbtonveränderungen (aufgrund der Pigmente)

Salzausblühungen (zum Beispiel aufgrund von Kalziumcarbonat)

Dübelabzeichnungen

Gerüstabzeichnungen

Hagelschäden

Spechtschäden

Vandalismus

Massive Durchfeuchtungen (zum Beispiel nach Hochwasser)

Totalschaden (zum Beispiel aufgrund von fehlender Standsicherheit)

Einige dieser Schäden stellen „nur“ optische Beeinträchtigungen dar, andere können unmittelbare Auswirkungen auf die Funktion eines WDVS haben und/oder die Haltbarkeit deutlich reduzieren. Einige Schäden sind auf den ersten Blick „harmlos“, können aber weitere oder nachgelagerte Schäden verursachen oder ganze Schadensmechanismen auslösen. Deshalb muss bei der Instandsetzung von Wärmedämm-Verbundsystemen, wenn rechtliche Aspekte unberücksichtigt bleiben, zwischen notwendigen und dringenden, notwendigen und nicht dringenden sowie nicht notwendigen und sinnvollen Maßnahmen unterschieden werden.

Daraus ergibt sich in der Regel, ob eine Instandsetzung kurzfristig erfolgen muss oder mittelfristig erfolgen kann.

Die technische Grundlage für die Instandsetzung von Wärmedämm-Verbundsystemen liefert die DIN 55 699 Teil 2 (2017), mit der erstmals die Überarbeitung geregelt ist. Außerdem wird auf einschlägige Empfehlungen3 verwiesen.

Renovierung oder Sanierung?

Da der Begriff „Überarbeitung“ unspezifisch ist, wird im Teil 2 des Artikels zwischen Renovierung, Sanierung und Modernisierung unterschieden. Eine Renovierung dient ausschließlich der optischen Verbesserung der Fassade, ohne dass Schäden vorliegen müssen und die aktuell gültigen Anforderungen des Wärmeschutzes eingehalten werden (beispielsweise ein Renovierungsanstrich gegen Algen und Pilze). Eine Sanierung dient dazu, vorhandene Schäden zu beseitigen, wie zum Beispiel Risse, ohne dass die aktuell gültigen Anforderungen des Wärmeschutzes eingehalten werden. Eine Modernisierung dient dazu, die aktuell gültigen Anforderungen an den Wärmeschutz zu erfüllen. Hierzu gehört zum Beispiel die Aufdopplung (das Aufdämmen) eines WDVS, aber auch der Rückbau und der Aufbau eines komplett neuen Systems. Berücksichtigt man die eingangs erwähnte durchschnittliche Haltbarkeit eines WDVS von 40 bis 60 Jahren, stehen etwa 150 Mio. m² zur Instandsetzung an.

Autor

Frank Frössel ist Sachverständiger und Fachbuchautor für Bauwerksschäden und -instandsetzung.

Literatur-Quellen

1 statistisches Bundesamt, Fachverband WDVS, VDPM

2 IBP-Mitteilung 51: neue Forschungsergebnisse – Beurteilung des Langzeitverhaltens ausgeführter Wärmedämmverbundsysteme (2024)

3 Rainer Oswald: Mängel, Schäden, Streitigkeiten – Typische Schwachstellen bei Außenwänden, Hrsg.: Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart (2004) und Raimund Oswald: Hinzunehmende Unregelmäßigkeiten bei Gebäuden – Typische Erscheinungsbilder, Beurteilungskriterien und Grenzwerte, Hrsg.: Verlag Vieweg und Teubner, Wiesbaden (2006)

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