Restaurierung der Architekturikone Villa Beer in Wien

Die Villa Beer von Josef Frank und Oskar Wlach ist eine Architekturikone der Wiener Moderne. Nach Jahren der Forschung und Restaurierung ist sie nun zu neuem Leben erwacht. Die Sanierung des denkmalgeschützten Hauses in Wien-Hietzing setzt sich größtmögliche Authentizität zum Ziel.

Als Lothar Trierenberg vor fünf Jahren zum ersten Mal die damals leerstehende Villa Beer im 13. Bezirk Wiens betrat, wusste er nur wenig über ihre Geschichte und war doch sofort begeistert. 2021 erwarb er das Gebäude – eine Ikone der Wiener Moderne. Er gründete die Villa Beer Foundation und machte sich an die Verwirklichung der Vision, das architektonische Hauptwerk von Josef Frank wiederzubeleben. „Das Haus soll vor allem erlebbar machen, welche Kraft gute Architektur hat – das ist es, was in der Villa Beer unmittelbar spürbar ist“, sagt Trierenberg heute. Nach aufwendiger Forschungs- und Restaurierungsarbeit ist die Villa Beer seit März für die Öffentlichkeit zugänglich. Neben den Führungen durch das private Wohnhaus sieht das Programm der Stiftung Symposien, Workshops und andere kulturelle Veranstaltungen vor. Die drei Gästezimmer unter dem Dach werden vermietet.

Jüdische Schicksale

Die Gartenseite der Villa Beer ist mit ihren Terrassen und Balkonen auf den Dialog mit der Natur ausgerichtet und heute wieder rückgebaut auf ihren Originalzustand Die Gartenseite der Villa Beer ist mit ihren Terrassen und Balkonen auf den Dialog mit der Natur ausgerichtet und heute wieder rückgebaut in ihrem Originalzustand
Foto: Herta Hurnaus

Die Gartenseite der Villa Beer ist mit ihren Terrassen und Balkonen auf den Dialog mit der Natur ausgerichtet und heute wieder rückgebaut in ihrem Originalzustand
Foto: Herta Hurnaus
Josef Frank und Oskar Wlach hatten das große Wohnhaus in der Wenzgasse 12 samt Garten und Einrichtung für den Wiener Gummifabrikanten Julius Beer und seine Frau Margarethe entworfen. 1930 zog die Familie mit zwei Hausangestellten in ihr neues Zuhause. Für die großzügigen Räume mit über 600 m2 Wohnfläche hatten die Architekten raffinierte Details wie einen Speiseaufzug und eine Garage geplant. Mit riesigen Fenstern zur Gartenseite, fünf Balkonen und weiteren Terrassen kombinierten sie Innen- und Außenraum als Einheit. Die Villa Beer ist das gebaute Manifest einer Moderne, die für Spontaneität und Freiheit im Wohnen steht. Ihre Geschosse und Zwischengeschosse sind als offene Abfolge an Räumen mit unterschiedlichen Höhen konzipiert. Ergänzend dazu zogen die Architekten raffinierte Blickachsen durch das ganze Haus bis in den Garten. „Modern ist das Haus, das alles in unserer Zeit Lebendige aufnehmen kann und dabei doch ein organisch gewachsenes Gebilde bleibt“, schreibt Frank in „Architektur als Symbol“. Diese undogmatische Vorstellung des modernen Wohnens ist in der Villa Beer verwirklicht.

Der kunstsinnigen jüdischen Bauherrenfamilie währte kein langes Glück in ihrem neuen Haus. Schon ab 1932 musste sie Räume untervermieten und wenige Jahre später das Haus verkaufen. 1940 flohen Julius und Margarethe Beer mit ihrem Sohn Hans vor den Nationalsozialisten in die USA, Josef Frank war zu diesem Zeitpunkt längst im Exil in Schweden. Elisabeth Beer, die in Wien zurückgeblieben war und ihren Eltern folgen sollte, wurde deportiert und ermordet.

Das Schicksal der Familie Beer steht exemplarisch für die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Wien, die Villa Beer ist ein Denkmal dieser Geschichte. Das Gebäude ist im Laufe der Jahrzehnte mehrfach verkauft und in einzelne Wohnungen aufgeteilt worden. Seit 2008 stand die Villa leer. Ihre Renovierung ist ein Glücksfall, Lothar Trierenberg und der Architekt Christian Prasser von cp-architektur steuerten den mehrjährigen Prozess in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt sowie Expertinnen und Handwerksbetrieben. Die restauratorischen Untersuchungen zur Sanierung leitete Alexandra Sagmeister. Ziel der Renovierung war, den ursprünglichen Charakter der Villa zu bewahren und eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen.

Größtmögliche Authentizität

Für die Erneuerung der Fundamente wurde das Kellergeschoss außen rundherum freigelegt Für die Erneuerung der Fundamente wurde das Kellergeschoss außen rundherum freigelegt
Foto: Villa Beer

Für die Erneuerung der Fundamente wurde das Kellergeschoss außen rundherum freigelegt
Foto: Villa Beer
Um Feuchtigkeit fernzuhalten, erhielt der aus Ziegeln gemauerte Keller neue Fundamente. Auch die 6 cm dünne, feuchte Bodenplatte wurde erneuert. Das zur Bauzeit moderne Heizsystem – die Villa wurde zentral im Keller mit Kohle beheizt – konnte auf Wärmepumpen umgestellt werden, die mit Geothermie und Photovoltaik nachhaltig betrieben werden und die originalen, instandgesetzten Radiatoren aus Gusseisen nutzen. Das neue Gebäudeautomationssystem ist weitgehend in der originalen Leitungsführung der Elektrik organisiert. So konnte das Aufstemmen der Wände im Wesentlichen verhindert werden. Alle erhaltenen Bauteile der Villa sind für die Sanierung von Experten analysiert worden, um den Originalzustand von 1930 mit größtmöglicher Genauigkeit zu eruieren und wiederherzustellen.

Dabei kam es vielfach zu ungewöhnlichen Lösungen, die auf eine Kombination aus Handwerk, Technologie und kreativem Erfindergeist setzen. Dies betrifft auch das ursprüngliche Fassadenbild mit einer Putzschicht aus Dolomit-Sand. Da dieser feinkörnige Sand heute nicht mehr erhältlich ist, wurde für den neuen, dünnen Deckputz eine Tonne Sand vor Ort handversiebt. Das äußere Erscheinungsbild der Villa ist heute sehr nah am Originalzustand von 1930. Auch die Attika, die im langen Leben der Villa erhöht wurde, ist heute auf ihre Originalhöhe zurückgebaut, die Proportionen des Hauses entsprechen wieder dem Entwurf von Frank und Wlach.

Fenster und Licht

Für die Atmosphäre in den Innenräumen sind die filigranen Metallrahmen aller Fenster entscheidend. Durch sie fällt der Blick ungestört nach draußen, der Garten wird zum steten Begleiter des Wohnens und ist omnipräsent in den Innenräumen. In Detailarbeit setzte der Schlosser die dünnen Fensterrahmen sowie die originalen Scherengitter instand, befreite 43 Fenster mit 250 Flügeln und 750 Messingscharnieren von Lack und Rost und stellte, wo nötig, Schließmechanismen wieder her. Im Gegensatz zu den leicht welligen, gezogenen Fensterscheiben, von denen noch einige aus der Originalzeit erhalten sind, waren die fünf monumentalen Fenster in den repräsentativen Räumen im Erdgeschoss aus Spiegelglas.

Im Erker waren die großen, durchgängigen Scheiben 2,30 m hoch. Bombeneinschläge hatten die Gläser durch ihre Druckwellen zerstört.  Da Spiegelglas heute nicht mehr produziert werden kann, kam für die großen Glasflächen modernes Isolierglas in einer Sonderausführung mit doppelter Verglasung in Weißglas zum Einsatz – maßgefertigt für diesen Zweck. Die eleganten Fensterbänke aus Kunststein sind mit Laserstrahlen gereinigt und Zentimeter für Zentimeter von Verschmutzungen befreit worden.

Parkett und Kautschuk

Die Parkettböden der Villa standen auf feuchtem Unterboden. Sie wurden Stab für Stab nummeriert, abgetragen und gereinigt, um auf trockenem Untergrund neu verlegt zu werden Die Parkettböden der Villa standen auf feuchtem Unterboden. Sie wurden Stab für Stab nummeriert, abgetragen und gereinigt, um auf trockenem Untergrund neu verlegt zu werden
Foto: Stephan Huger

Die Parkettböden der Villa standen auf feuchtem Unterboden. Sie wurden Stab für Stab nummeriert, abgetragen und gereinigt, um auf trockenem Untergrund neu verlegt zu werden
Foto: Stephan Huger
Schon früh im Sanierungsprozess stellte sich heraus, dass die Unterkonstruktion der Parkettböden großteils beschädigt war. Deshalb wurde jeder einzelne Parkettstab der Böden im Erdgeschoss und in den privaten Zimmern im ersten Obergeschoss beschriftet, entfernt und nach einer gründlichen Reinigung wieder an seine Stelle auf einen neuen Unterboden gesetzt. Das Schachbrett-Parkett des großen Speisezimmers ist aus vier unterschiedlichen Hölzern gefertigt, die nach ihrer Behandlung mit Leinöl wieder als markantes Muster strahlen. Josef Frank hatte die Farbigkeit der Innenräume absichtlich reduziert – Farbe kam in seinen Augen ohnehin in den Alltag, und zwar durch das Mobiliar seiner Firma Haus & Garten und die Menschen.  

Eine Ausnahme machte er jedoch beim hellgrünen Gummiboden in den Funktions- und Serviceräumen sowie auf der Nebentreppe – ein damals neuartiges Produkt, das nicht zufällig im Haus des Gummifabrikaten Beer verlegt wurde. Über die Jahre war der Naturkautschuk rissig geworden und hatte sich durch die UV-Einstrahlung verfärbt. Wo nötig, wurde der Boden erneuert und, wo möglich, aufwendig restauriert. Nach der Reinigung im Trockeneis-Strahl-Verfahren und einem dünnen Abschliff verspachtelten die Restauratorinnen und Restauratoren kleine Löcher und Risse mit einem grünen Naturwachs, hinzu kam farbloses Wachs als Finish.

Raumsequenzen der Moderne

Mit der Villa Beer hat Josef  Frank die Idee umgesetzt, modernes Wohnen als Raumsequenz zu verstehen – wie in einer Stadt. Sein Schlüsseltext „Das Haus als Weg und Platz“ erläutert diesen Zusammenhang, der nach der Sanierung der Villa Beer erlebbar wird. Vor der Straßenfassade, die asymmetrisch rhythmisiert ist und durch ihr ungewöhnliches, großes Rundfenster besticht, wurde im Zuge der Sanierung eine große, 60 Jahre alte Robinie gepflanzt. Auch als die Beers vor fast 100 Jahren einzogen, stand dieser sommergrüne Baum vor ihrer Villa. Vom Musikzimmer auf der Galerie des Hauses fällt der Blick durchs Fenster heute wieder auf die Äste des Baums, dessen Blätter im Wind zittern.

Autorin

Dr. Sandra Hofmeister ist Autorin und freie Architekturkritikerin. Die promovierte Romanistin war bis 2025 als Chefredakteurin für das Buchprogramm, die Zeitschrift und die Online-Plattformen von Detail verantwortlich. Zu ihren Buchpublikationen zählt unter anderem „Architektur in Vorarlberg. Porträt einer regionalen Baukultur“ (Edition Detail, 2025). Sie unterrichtet Designgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien und gründete 2025 die Bücherplattform https://castellobooks.com. Heute lebt sie zwischen München und Venedig.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Villa Beer Foundation, Wien,
www.villabeer.wien

Architektur cp-architektur, Christian Prasser,
Projektleitung Benedikt Dekan,
Wien, www.cp-architektur.com

Statik Brand Zivilingenieure und Architekten,
Maria Enzersdorf 

Bauphysik Dipl.-Ing. Dr. Techn. Roland Müller,
Stockerau, www.bauphysik-online.at

Leitende Restauratorin Alexandra Sagmeister, Wien, www.askr.at

Rohbauarbeiten Pittel+Brausewetter, Wien,
www.pittel.at

Steinrestaurierung Martin Pliessnig, Wien,
www.steinrestaurator.at

Metallrestaurierung Schmiedetechnik Steiner, Wien, www.schmiede-steiner.at

Christoph Melichar, Wien

Holzrestaurierung Wiesauer & Co.
Restauratoren, Wien und Graz, wiesauer-co.at

Malerei und Anstrich Valenta & Valenta, Wien, www.valenta.co.at

Glasbau Saurer Glas, Wien, www.saurer-glas.at

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