Sanierung des Goethe-Theaters in Bad Lauchstädt

Das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt ist ein vergleichsweise kleines Gebäude mit großer kultur­geschichtlicher Bedeutung. In dem einzigen original erhaltenen Theaterbau der Goethezeit wurde nun unter anderem die originale Farbfassung wieder hergestellt.

Der von Goethe konzipierte und mitfinanzierte Theaterbau in Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt ist ein wichtiges Kulturdenkmal, das es durch eine umfassende Sanierung zu erhalten galt. Dabei handelt es sich um einen seinerzeit in nur wenigen Monaten erbauten Fachwerkbau. Maßgeblich beteiligt an dem Gebäude, insbesondere an Innenausstattung und Farbgebung, war allerdings kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe selbst, der zu der Zeit Leiter des Weimarer Hoftheaters war.

goethe-theater-in-bad-lauchstaedt.tif Die Fassade des Bühnenhauses: Dort  wird der klassizistische Charakter des Goethe-Theaters besonders deutlich  
Foto: Stefan Müller

Die Fassade des Bühnenhauses: Dort  wird der klassizistische Charakter des Goethe-Theaters besonders deutlich  
Foto: Stefan Müller
Gemeinsam mit dem Architekten Heinrich Gentz wurde das Theater Anfang des 19. Jahrhunderts geplant und 1802 als Sommertheater eröffnet. Der frühklassizistische Bau wurde im August 2021 nach einer umfassenden Sanierung durch das Architekturbüro Thomas Müller Ivan Reimann für den Bauherrn, die Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH, wiedereröffnet. Das Restauratoren-Team Matauschek & Richter hat dabei entscheidend an der Restaurierung und Rekonstruktion der Innenarchitektur mitgewirkt.

Das Gebäude war schon zuvor bereits mehrfach saniert worden. Insbesondere die großen Sanierungen 1908 und 1968 hatten dabei die ursprüngliche Gestaltung teilweise stark überformt. Eine besondere Herausforderung dieser Sanierung war, dass die Theaterräume zwischen Mai und Oktober für Proben zugänglich und für Wochenendveranstaltungen geöffnet bleiben sollten.

Die Gebäudestruktur

Das Theatergebäude gliedert sich in drei Teile, die seine innere Nutzung klar ablesbar machen: den deutlich niedrigeren Foyer- und Kassenbereich, das Zuschauerhaus mit den markanten Stützpfeilern außen - die allerdings nicht bauzeitlich sind - und das Bühnenhaus mit der beeindruckenden, original erhaltenen Bühnentechnik. Das Dach des Zuschauerraums wird von einer Bohlenbinderkonstruktion gehalten, die seinerzeit das erste Mal in einem Theaterbau zum Einsatz kam.

sanierter-zuschauersaal-goethe-theater-bad-lauchstaedt.tif Blick in den Zuschauersaal: Die jetzige Gestaltung geht wieder auf die Ursprungsfassung und damit auf das Goethische Farbkonzept zurück   
Foto: Stefan Müller

Blick in den Zuschauersaal: Die jetzige Gestaltung geht wieder auf die Ursprungsfassung und damit auf das Goethische Farbkonzept zurück   
Foto: Stefan Müller
Die großen Halbbögen der für die Bauzeit also sehr innovativen Konstruktion blieben im unteren Bereich sichtbar, was auch gestalterisch sehr modern gedacht war. Im Inneren des Zuschauerraums erscheint das Dach als Halbrund mit einem unter die Bohlenbinder-Konstruktion genagelten Zeltdach, einem sogenannten Velarium, wie es im antiken Rom, beispielsweise im Kollosseum, zum Schutz gegen Sonne eingesetzt wurde. „Die Bezüge, die Goethe bei der Planung des Theaters zu seiner Italienreise hergestellt hat, sind nicht zu übersehen!“, betont Restaurator und Kunstwissenschaftler Dietrich Richter. „Die Architektur des Zuschauerraums erinnert in besonderem Maße an die Tempelkonstruktion des Sibyllentempels in Tivoli, bei dem es sich allerdings um einen klassischen Rundbau handelt, der dann für ein größeres Publikum in seiner Form angepasst wurde.“ Das rechteckige Bühnenhaus, das an den Zuschauerraum anschließt, nimmt die Breite der Außenwände auf. Der geteilte Rundbau erscheint an dieser Seite, also im Bühnenbereich, nur als gemalte Illusion.

Die Natursteinstützen an der Fassade, die dem Bau eine leichte Sakralästhetik geben, waren übrigens erst um 1830 ergänzt worden, um den nach außen drückenden Kräften der Bohlenbinderkonstruktion besser entgegenzuwirken. Ursprünglich war das Widerlager auf den Sockelbereich reduziert gewesen, was statisch aber nicht ausreichte.

Sanierung der Gebäudehülle

„Anlass für die jetzige Sanierung waren Bauschäden gewesen, die sich 2015 an der Fassade gezeigt hatten“, erzählt der verantwortliche Projektleiter Tobias Schmidt. „Aus dem Befund entwickelte sich dann recht schnell eine umfassende, hochwertige, denkmalgerechte Fassaden- und Fachwerksanierung mit dem Austausch von Fachwerkhölzern, der Erneuerung der Lehmsteinausfachungen, Schwammbekämpfung und dem Auftragen eines neuen Luftkalkputzes.“ Zudem wurden die Fenster mit Futter und Bekleidungen restauriert.

Ein weiteres Bauteil, das angegangen werden musste, war das Dach mit der Bohlenbinderkonstruktion. „Das Tragwerk war von Anfang an lasttechnisch im Grenzbereich konzipiert worden. Hinzu kam, dass durch das ungedämmte Kupferdach in heißen Sommern immer mal wieder Zuschauer und Zuschauerinnen unter Kreislaufproblemen litten“, so der Architekt. „Zudem waren an der Saaldecke durch Tauwasseranfall im Winter Schäden entstanden.“

Kupfer-Deckung für das Dach

kupferdach-goethe-theater-bad-lauchstaedt.jpg Nach der umfänglichen Sanierung des Dachs wurde es abschließend mit Kupferschindeln gedeckt  
Foto: Thomas Müller Ivan Reimann Architekten

Nach der umfänglichen Sanierung des Dachs wurde es abschließend mit Kupferschindeln gedeckt  
Foto: Thomas Müller Ivan Reimann Architekten
Das Dach musste also dringend gedämmt und auch brandschutztechnisch ertüchtigt werden. Obwohl es ursprünglich mit Holzschindeln gedeckt war und die spätere Kupferdeckung mit zur Aufheizung des Raumes darunter beigetragen hatte, entschied man sich wieder für eine Deckung aus Kupfer, in Anlehung an das Erscheinungsbild der Bauzeit allerdings als Kupferschindeldeck. „Holz wäre bei der geringen Dachneigung viel zu anfällig für Feuchteschäden gewesen“, erläutert Projektleiter Schmidt. „Durch die neue Dämmung und die hinterlüftete Ausführung mit Kupferschindeln ist der Aufbau nicht mit dem Vorgänger vergleichbar und voll funktionsfähig.“

Klar war zu diesem Zeitpunkt auch, dass es für das Theater eine hausverträgliche Lüftungslösung würde geben müssen, da eine umfängliche Kompaktlüftungsanlage nicht versteckt hätte untergebracht werden können. Am Ende fiel die Entscheidung auf ein zweiteiliges System mit einer Zulüftung über ein erdgeführtes Kanalsystem sowie ein innenliegendes Gebläse, das die alten, im Saal vorhandenen Luftschlitze im Fußboden geschickt ausnutzt. Die Abluft funktioniert über die ebenfalls vorhandenen Dachreiter des Bühnenhauses und wird nun durch eine mechanische Abluftanlage in der Dachspitze unterstützt. Diese kann auch auf  Wunsch des Bauherrn nach Bedarf manuell bedient werden.

Der Innenraum

Zwei Aspekte sind in Bezug auf den Innenraum besonders herauszustellen: zum einen die Rückführung der Gestaltung auf das Goethische Farbkonzept, zum anderen der Erhalt des Zeltdachs. Letzteres schien nämlich zwischenzeitlich gar nicht umsetzbar zu sein. Auch wenn es sich bei dem vorgefundenen Zeltstoff nicht um das bauzeitliche Leinen, sondern einen Jutestoff der großen Sanierung von 1908 handelt, sollte dieser erhalten werden.  Nachdem es zunächst schien, dass eine Restaurierung der Stoffbahnen nicht möglich sei, war das Restauratoren-Team Matauschek und Richter zu Recht optimistisch. Ihnen gelang es mit Hilfe der Firma Lenz aus Leipzig, circa 200 kg alte Farbe, die stellenweise in sechs Farbschichten aufgetragen worden war, mit höchster Sorgfalt, Wasserdampf und metallenen Werkzeugen ohne Druck auf das Gewebe von den Stoffbahnen abzunehmen. Die Konservierung wiederum übernahmen die studierten Gemälderestauratoren selbst.

Jutegewebe an über 100 Stellen genäht

naehen-des-jutestoffes-an-saaldecke-im-zuschauersaal-goethe-theater-bad-lauchstaedt.jpg Der Jutestoff des Zeltdachs musste an über 100 schadhaften Stellen konservatorisch genäht werden
Foto: Dietrich Richter

Der Jutestoff des Zeltdachs musste an über 100 schadhaften Stellen konservatorisch genäht werden
Foto: Dietrich Richter
Auf das Jutegewebe wurde zunächst Hasenhautleim, eine klassische Gemäldeverleimung, aufgetragen, wodurch sich der Schuss-Kettfaden-Verband neu ausrichtet und der Stoff gestrafft wird. Hierauf wurde eine Kasein-Kreide-Grundierung als helle Fondfläche aufgetragen. „Außerdem musste der Stoff an über 100 Stellen konservatorisch genäht werden“, erklärt Restaurator Richter. „Insbesondere die Arbeiten am Velarium mussten präzise getaktet ausgeführt werden, da sie zeitweise parallel zu weiteren Sanierungsmaßnahmen am Dach durchgeführt werden mussten.“

So war es beispielsweise eine böse Überraschung, als man unterhalb der alten Kupferlage PAK-haltige Teerpappe fand, die von einer Spezialfirma entfernt und entsorgt werden musste. Teilweise war allerdings bereits zersetzte Teerpappe zwischen der Dachschalung hindurch auf das Zeltdach gerieselt, die zum Glück vorsichtig abgesaugt werden konnte. „Zu diesem Zeitpunkt musste das Dach samt der Bespannung unter widrigsten Bedingungen Sparrenfeld für Sparrenfeld gesichert und gegen Witterung geschützt werden,“ ergänzt Projektleiter Tobias Schmidt. „Zeitweise war es allerdings vor allen Dingen ein extrem heißer Sommer, der das Arbeiten auf dem Dach zu einer großen Herausforderung aller Beteiligten machte, die dafür großen Respekt verdienen!“

Illusion eines Vorhangs mit Faltenwurf

Die Gestaltung des Innenraums orientiert sich unter anderem an einer 1816 angefertigten Zeichnung des Theaters. Auf dem Velarium sieht man daher auch heute die aufgemalten Seile, die das Zeltdach zu halten scheinen, sowie die Kante einer Spanngirlande, unter der ein hellblauer Himmel hervorlugt. Zur gesamten Farbgebung des Innenraums gehört nicht zuletzt der prägnante Rosaton der Säulen und die Gestaltung des Proszeniums als Illusion eines Vorhangs mit seinem Faltenwurf.

„Die Farbwirkungen dürfen hier nicht als Einzelentscheidungen verstanden werden, sondern als Gesamtwirkung aller Farbflächen im Zusammenspiel mit dem Licht im Raum, um die Idee Goethes und den historischen Raumeindruck wiederzugeben“, so Restaurator Richter. Die beiden von Karl Völker in den 1950er-Jahren angefertigten Wandbilder mit Musendarstellungen rechts und links der Bühne wurden als erhaltenswert eingestuft und restauriert.

Haus- und Bühnentechnik

Die historische Bühnentechnik mit Winden und Seilen ist noch immer voll funktionstüchtig
Foto: Stefan Müller

Die historische Bühnentechnik mit Winden und Seilen ist noch immer voll funktionstüchtig
Foto: Stefan Müller
Zu einem Theater gehört neben der erwähnten Lüftungsanlage weitere Technik, wie Scheinwerfer- und Lichttechnik, Notbeleuchtung oder Brandschutz-Meldetechnik, die erneuert und möglichst dezent untergebracht werden musste. Das war nicht einfach, da in dem Projekt keine Installationsdecken vorgesehen waren, hinter denen sich die Technik verstecken ließ. „Man trägt natürlich eine enorme Verantwortung bei einem solch bedeutenden Baudenkmal. Der Interessenausgleich zwischen Architektur, Denkmalschutz und Haustechnik war sehr aufwendig“, betont Architekt Schmidt. „Am Ende fanden sich für einen Großteil der Haustechnik dennoch verträgliche Installationswege. Wir konnten im Zuge der Dachsanierung den sonst kaum zugänglichen Drempel des Zuschauerhauses mit einer Kabelbahn versehen, die nun eine fachgerechte Verbindung zwischen Eingangs-, Zuschauer- und Bühnenhaus schafft.“

Die alten, ursprünglich mit Öl und seit 1908 elektrisch betriebenen Argand-Lampen sorgen übrigens noch heute für die Beleuchtung des Zuschauerraums. Und auch die historische Bühnentechnik mit hölzernen Rollen und Wellen kann nach wie vor voll umfänglich genutzt werden. Sie sitzt unterhalb des Fußbodens, so dass sie über sieben Öffnungen im Bühnenfußboden sowie Wellen- und Seilzugvorrichtungen auf die Bühne geholt und wieder versenkt werden kann.

Als Baudenkmal frühklassizistischer Theaterarchitektur und in seiner Bedeutung für die Goetheforschung wurde das Projekt vom Land Sachsen-Anhalt grundfinanziert und von diversen Fördergeldern, unter anderem durch die Hermann Reemtsma Stiftung, unterstützt. Diese hat in ihrem handlichen Heft zur Baukunst Ausgabe 4 die Theater-Sanierung sehr schön zusammengefasst und dargestellt.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Histor. Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH, www.goethe-theater.com

Architektur Thomas Müller Ivan Reimann Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin, www.mueller-reimann.de

Restaurierungen und Rekonstruktionen (Leitung)

Restaurierungsatelier Uta Matauschek, Dresden, www.gemaelderest.de, Dietrich Richter, Potsdam, www.dietrich-restauro.de

Tragwerksplanung Prof. Rühle Jentzsch und Partner GmbH, Dresden, www.rjp.de

Farbe Zeltdach Malermeister Jürgen Lenz, Großpösna, www.maler-lenz-leipzig.de

Restaurierungen (Ausführung) Nüthen Restaurierungen GmbH und Co.KG, Bad Lippspringe,

www.nuethen.de

Zimmerer- und Maurerarbeiten DHR Gleichberge GmbH, Römhild, www.dhbr.de

Dachklempnerarbeiten Dachdeckermeisterbetrieb K. Gülle GmbH, Buchholz, www.dachdecker-nordhausen.de

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