Akustikdecken für den denkmalgerechten Umbau im Berliner Goerzwerk

Das Berliner Goerzwerk ist ein denkmalgeschützter Industriekomplex mit über 100-jähriger Geschichte. Besitzer Silvio Schobinger etablierte in den schrittweise modernisierten Gebäuden eine bunte Mischung aus produzierenden Unternehmen, Handel und Dienstleistern.

1890 gründete der Optiker Carl Paul Goerz die „Optische Anstalt C.P. Goerz“, eine „Wirkungsstätte zur Herstellung von Fotoapparaten und Präzisionsoptik.“ Noch während des Ersten Weltkriegs wurde nach Plänen des Architekten Emster am Zehlendorfer Stichkanal (heute Lichterfelde) das Hauptgebäude samt Maschinenhalle und Innenhöfen errichtet. Hinzu kamen die - heute gleichfalls denkmalgeschützte - Werkssiedlung am Hafen und die betriebseigene Feuerwache an der Goerzallee. Der Industriekomplex Goerzwerke umfasste das gesamte heutige Gewerbegebiet am Stichkanal und erlebte eine wechselvolle Geschichte.

Behutsame Sanierung des Industriedenkmals

2015 erwarb der Investor Silvio Schobinger gemeinsam mit seinem Bruder Mario den Komplex, der seither unter dem Namen „Goerzwerk“ firmiert und inzwischen rund 110 Unternehmen und Dienstleister beherbergt – von der Eismanufaktur bis zum Stand-Up-Paddeling-Shop. Langjähriger Mieter sind die Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH (BWB). Die BWB bietet hier schon seit drei Jahrzehnten Menschen mit Behinderungen Raum, um sich im Arbeitsleben zu erproben und die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Die Beschäftigten erfüllen verschiedene Produktionsaufträge für Berliner und Brandenburger Unternehmen. Durch den Auszug eines Herstellers von Sicherheitstechnik ergab sich für die BWB die Chance, die frei gewordenen Flächen zusätzlich zu mieten und in der dort eingerichteten Werkstatt rund 100 neue, ebenerdig zugängliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Zwischen 2016 und 2018 fanden in mehreren Phasen verschiedene Neugestaltungen in den Räumen der BWB statt, die von der Gesellschaft als Mieterumbau selbst finanziert wurden. Die Planung hierfür lag in Händen von Katharina Jester und Annette Bräuer, Inhaberinnen des Architekturbüros berlin.interior. Sie ließen sich dabei von der Grundidee leiten, den speziellen Charakter des Gebäude-Ensembles so weit wie eben möglich zu erhalten. Dieser Maßstab sollte auch für die akustische Ertüchtigung gelten. „Im Zusammenhang mit der Sanierung der Flur- und Kantinenfläche im vierten Obergeschoss Ende 2016 entstand bei uns die Idee, anstelle der bis dahin verbauten Komplett-Akustikdecke nur die einzelnen Deckenfelder mit Akustik-paneelen zu belegen, um die beeindruckende Struktur des Industriedenkmals offen zu zeigen. Dafür haben wir dann aufgrund ihres etwas rauen Industriecharmes und des ökologisch erfreulichen Nachhaltigkeitsfaktors die Heradesign Holzwolle-Akustikplatten verwendet“, sagt Katharina Jester.

Ganzheitliches Gestaltungskonzept bei Farbe, Licht und Akustik

Im Konzept von berlin.interior für die Umgestaltung im vierten Obergeschoss hieß es damals unter anderem: „Die bis dahin dominante bunte Farbigkeit der Flure und des Kantinenraumes wird zugunsten eines hellen freundlichen in Weiß- und Grautönen gehaltenen Farbspektrums mit neutralem und modernem Werkstattcharakter im Bereich der Böden, Decken und Wände aufgegeben [...] Das Konzept wird ergänzt durch die Hervorhebung von Details in Maschinenorange [...] Die Farb- und Lichtgestaltung der Flure setzt sich in der Kantine fort und wird ergänzt durch atmosphärische Elemente.“ Zur akustischen Ertüchtigung der rund 120 m² Deckenfläche kamen die Holzwolle-Akustikplatten „Heradesign superfine“ (25 mm) in drei verschiedenen Sonderformaten zum Einsatz, eingefärbt in RAL 9002 (Grauweiß). Der Umbau des von rund 100 Beschäftigten genutzten Gast­raumes trug wesentlich dazu bei, ein bei der Planung definiertes Ziel zu erreichen: „Die Kantine wird zu einem Raum der Erholung und des Auftankens.“

Dieses Ergebnis führte bei den Auftraggebern der BWB dazu, auch die aktuellen Akustik-Maßnahmen in gleicher Weise zu planen und ausführen zulassen. Für die 1200 m² Werkstattfläche und rund 230 m² große Kantine samt Küche im Erdgeschoss entwarfen die Architektinnen „ein offenes und flexibles Raumkonzept mit minimalen Eingriffen in die bauliche Substanz und einer Arbeitsumgebung, in der man sich wohlfühlt.“ Um dieses Gestaltungsprinzip adäquat umsetzen zu können, waren verschiedene teils aufwändige Vorarbeiten unumgänglich: Die Stahlbetondeckenfelder mit Randvoute wurden zunächst malermäßig überarbeitet. Alte Farbschichten mussten hierbei abgewaschen, Teilflächen nachgespachtelt werden. Es folgte partiell ein Sperranstrich und danach die Schlussbeschichtung mit weißer Renovierfarbe. Dann dübelte die Handwerker eine Unterkonstruktion aus Dachlatten an die Decke und schraubte die Holzwolle-Akustikplatten mit einer Steinwolle-Dämmeinlage an.

Kompromiss zwischen Akustikoptimierung und sichtbarer Bausubstanz

„Uns war es wichtig, die Deckenkonstruktion aus Stahlbetonträgern mit ihren immer wiederkehrenden gelochten Unterzügen im Abstand von etwa 2 m und den dazwischen liegenden Deckenfeldern mit umlaufender Randvoute als Bild zu erhalten. Daher sollten nur die planen Deckenflächen mit möglichst gering aufbauenden Akustikpaneelen belegt werden. Alle Randvouten der Deckenfelder blieben unberührt“, so Annette Bräuer. Die Verantwortlichen der BWB hatten natürlich ein Interesse an einer möglichst wirkungsvollen Akus­tiklösung. Die durch Knauf AMF vorgenommenen Berechnungen in den Räumen ergaben, dass die höchste akustische Wirksamkeit nur mit einer Komplettabhängung der gesamten Deckenfläche erreichbar wäre. „Die kam jedoch aufgrund der gewünschten Nutzbarkeit der Tragschienen in den Bestandsunterzügen und dem damit verbundenen flexiblen Flächennutzungskonzept technisch nicht in Frage“, erläutert Katharina Jester. „Die BWB ist mit uns daher das Experiment eingegangen, dass jede Verbesserung ein Gewinn ist und wir einen Kompromiss zwischen der Sichtbarkeit der historischen Decke und ihrer akustischen Ertüchtigung erzielen.“

Die wesentliche Herausforderung bei der Planung bestand für die Architektinnen von berlin.interior darin, ein Modulschema zu finden, das dem im Raster errichteten Stahlbeton-Skelettbau gerecht wird, dabei aber genügend Spielraum lässt, um den technischen Erfordernissen der zum Teil unter den Platten geführten Elektrotrassen Rechnung zu tragen. Darüber hinaus mussten die Abweichungen vom Raster im Bestand, wie beispielsweise Wandscheiben, Aufgänge usw. in der gut 100 m langen Werkstatthalle in das System integriert werden.

Perfekte Arbeit des Fachunternehmers

Wie schon im vierten Obergeschoss kamen auch an der Decke der Werkstatthalle im Erdgeschoss die Holzwolle-Akustikplatten „Heradesing superfine“ mit 1 mm Faserbreite in 25 mm Dicke zum Einsatz. Der Farbton entspricht mit RAL 9002 (Grauweiß) ebenfalls dem der zuvor eingebauten Akustikdecke. Die Traglattung der Unterkonstruktion sollte entsprechend der Planung in Längsrichtung der Deckenfelder als drei parallele Latten verlegt werden, die Kopfseiten wurden verschlossen. Darüber hinaus sollte die Lattung gegenüber den Akustikplatten an allen Rändern um 25 mm zurückspringen, um ein seitliches Einsehen in die Unterkonstruktion zu vermeiden. „Bei der Umsetzung zeigte sich die größte Herausforderung darin, dass nicht einfach Platte an Platte gereiht werden durfte, sondern die Toleranzen des Altbaus durch wiederholtes Vermitteln und Einmessen möglichst unsichtbar aufgenommen werden mussten. Als echte Profis erwies sich hierbei das Team von Uwe Sandmann Trockenbau, das eine unglaublich exakte Arbeit abgeliefert hat. Es gab bei der großen Fläche keinen einzigen Verschnitt“, lobt Annette Bräuer die Arbeit der Handwerker.

Ein weiterer besonderer gestalterischer Aspekt war die Aufhängung der Leuchten. Um deren Installation mittels unpassender Baldachine zu vermeiden, ließen die Architektinnen an den Abhängepunkten definierte Löcher in die Platten sägen, durch die die Leuchten hindurch an der darüber befindlichen Rohdecke aufgehängt werden konnten. „Das sieht sehr elegant aus“, ist Katharina Jester mit dem Ergebnis ebenso zufrieden wie die Auftraggeber der BWB GmbH: „Schon während des Einbaus fiel allen Baubeteiligten die Wirksamkeit der Akustikmaßnahme auf. Die Nutzer freuen sich heute über ihre ruhige Arbeitsatmosphäre.“ Mitte Juni 2019 konnte die BWB GmbH dann die Eröffnung der neuen Werkstatt und zugleich ihr 30jähriges Jubiläum im Goerzwerk feiern.

Autor

Stefan Lankl ist Head of Corporate Communications bei der Firma Knauf AMF in Grafenau.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr BWB Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH, Berlin, www.bwb-gmbh.de

Planer berlin.interior Architekten, Annette Bräuer und Katharina Jester, Berlin, https://berlin-interior.de

Trockenbauarbeiten U.S. Trocken-Akustikbau, Lübben

 

Herstellerindex (Auswahl)

 

Holzwolle-Akustikplatten Heradesign, Knauf AMF, Grafenau, www.knaufamf.de 

Metallprofile Protektorwerk Florenz Maisch, Gaggenau, www.protektor.com

Weitere Informationen zu den Unternehmen
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