Hasendraht
Gewölbeformen in Rabitztechnik

Die so genannte Rabitztechnik, eine Rundeisenkonstruktion mit Putzträger und anschließendem Putzauftrag, ist durch die industriell hergestellte Gipskartonplatte in Vergessenheit geraten. Doch der Einsatz der Gipskartonplatte hat seine Grenzen, wenn es um extrem gebogene, gerundete, gewölbte oder freie Formen geht. Auch in der Restaurierung wird diese Technik immer wieder vom Stuckateur gefordert. Eine Herausforderung für Handwerker und Architekten sind insbesondere freie Formen.

Rabitz ist eine Drahtputzarbeit, die 1864 vom Maurermeister Carl Rabitz erfunden wurde. 1878 wurde dieses Verfahren patentiert. Da es zu dieser Zeit keine industriellen Produkte gab, nutzten die Stuckateure diese Technik damals für ihre Arbeiten. In Großstädten entstanden Spezialgruppen innerhalb des Stuckateurgewerbes, die so genannten Rabitzer oder Rabitzputzer. Die Raumgestaltung mit dieser Technik bietet der Fantasie in der Architektur aber auch heute noch ungeahnte Möglichkeiten.

Für Rabitzdecken gilt die DIN 4121, für Wände die DIN 4103. Rabitzarbeiten werden vom Stuckateur heute vor allem in der Denkmalpflege ausgeführt, wenn es darum geht, historische, damals von den Handwerkern als Rabitzkonstruktion ausgeführte Gewölbedecken zu reparieren. Aber auch bei Neubauten werden aus Rabitz hergestellte Gewölbe bei versierten Stuckateuren in Auftrag gegeben.

 

Klassische Gewölbeformen

 

Ellipsengewölbe

So zum Beispiel beim Bau des Hotels Colosseo im Europa-Park in Rust bei Freiburg. Hier sollte im Foyer unter einer frei gespannten Betondecke ein gewölbter Himmel mit Deckenmalerei umgesetzt werden. Aufgrund der Grundfläche von 10 x 7 m kam nur eine Ellipsenform als ovale Gewölbeausführung in Frage. Da die reine Ellipse keine Radien hat, schieden Beton, Gipskarton oder Glasfaserkonstruktionen von vornherein aus. Durch die notwendige schnelle bauliche Umsetzung, die Anforderungen der Deckenmalerei sowie die Einblickmöglichkeiten der Gäste aus den verschiedenen Stockwerken der Lobby auf das Gewölbe war die Umsetzung in jederlei Hinsicht eine große handwerkliche Herausforderung.

Für die gespannte Betondecke waren laut der vorliegenden Statik Bewegungen zu erwarten. Eine Aufhängung der Gewölbedecke nach oben schied somit aus. Durch den Einbau einer selbst tragenden Holzkonstruktion mit Lastableitung in die Seitenwände wurde ein stabiler Unterbau geschaffen.

Die Holzbalken sowie die Außenwände bildeten die Befestigungsebene für die abgehängte Eisenkonstruktion. Diese wurde in sich vor Ort verschweißt und im unteren Randbereich mit Trageisen für die umlaufend frei hängende Lichtvoute verstärkt. Auf die Eisenkonstruktion wurde als Putzträgerebene ein Metallgitter befestigt, um anschließend mit einem faserdurchmischten Kalkgipsputz eine aussteifende Lage aufzutragen. Mit Putzlehren erfolgte der Auftrag des Grundputzes, die finale Oberfläche wurde anschließend abgestuckt.

Die Ausbildung des Gewölbeabschlusses als Lichtvoute in Stuckgips mit Nutzung des dahinter befindlichen nichteinsehbaren Raumes für die indirekte Beleuchtung ergab die Möglichkeit, das Gewölbe blendfrei und ansatzlos auszuleuchten. Das umlaufende Stuckprofil wurde aufgrund der kurzen Umsetzungszeit vorgefertigt und vor Ort an den vorbereiteten Trageisen befestigt.

 

Schirmgewölbe

Beim Bau des Hotel Santa Isabel im Europa-Park sollte das Flair eines mittelalterlichen Klosters den Gebäudeeindruck bestimmen. Im fünften Obergeschoss des Hotels bestand die Bauaufgabe darin, in den durch Dachverschnitte und Lüftungsstraßen stark unregelmäßig verlaufenden Räumen einen Wellnessbereich der Vier Sterne Superior Klasse einzubauen.

Für den Eingangsraum sah der Entwurf ein unregelmäßiges Schirmgewölbe, getragen von einer Säule außerhalb der Raummitte vor. Durch die Verschiedenartigkeit der Gewölbebögen, die Anschlüsse und den Anspruch der Planer bis zuletzt vor Ort noch Form und Bogenmaß verändern zu wollen, kam für eine Umsetzung nur die Rabitztechnik in Frage.

Die Lösung war ungewöhnlich, denn die Bögen wurden vor Ort zusammen mit dem Planer als 1:1-Muster eingebaut, begutachtet und verbessert. Der Grundgedanke war, den unruhigen Grundriss des Raumes durch das überspannende Schirmgewölbe zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen.

Optisch wurden die Gewölbekräfte über die Bögen in Steinoptik auf eine achteckige Säule geführt. Die Kombination von tragenden Steinbögen und glatten Putzbögen diente der Kaschierung der baulich vorgegebenen Höhenversprünge. Die künstlerisch freie Interpretation historischer Sternkarten führte durch den Verlauf der Gestirne die einzelnen Gewölbesegmente wieder zusammen und harmonisierte damit die ungleichen Gewölbeverläufe.

 

Netzgewölbe

Die Decke des Ruheraumes wurde mit einem gotischen Netzgewölbe thematisch gefasst. Um die Erhabenheit des Raumes zu betonen, wurde dieses Gewölbe zur Mitte hin erhöht. Die Grate zwischen den einzelnen Gewölbebögen wurden mit vorgefertigten gegliederten Steinprofilen ausgebildet und die Kreuzungspunkte mit einer Kreuzrosette abgerundet.

Die Gewölbeflächen zwischen den Graten wurden konisch erhöht, was die Flächen an sich mit dem dunklen Blau und den vergoldeten Sternen noch unterstreicht. Stilistisch steht dieses Gewölbe für den Himmel auf Erden. Die Wände folgen zwangsweise dieser Gestaltungsvorgabe. Durch mit Leichtigkeit nach oben strebende Säulen wurden die Wandflächen gegliedert und mit künstlerischen Sternkartenmotiven sowie Sternen in ihrer Ruhe gestärkt.

 

Kreuzgewölbe

In den Umkleiden für das hoteleigene Schwimmbad waren aufgrund der geringen Raumhöhen von Seiten der Planung Kreuzgewölbe vorgesehen. Diese sollten in einer groben Steinoptik in Form von Quadersteinen ausgebildet werden. Die Imitation der Steine erfolgte durch das Kratzen der Oberflächen in eine entsprechend dicke Putzschicht sowie die notwendige Farbbehandlung.

 

Sonderformen im Gewölbebau

 

Gewölbe über einem

fünfeckigen Grundriss

Bei einem privaten Wohnhaus galt es, ein Gewölbe über einem fünfeckigen Grundriss auszuführen. Bei dieser Arbeit bestand die Herausforderung darin, die vorgegebenen Skizzen und Pläne auf den fünfeckigen Raum zu übertragen. Als erstes bauten die Handwerker ein 1:10-Modell des Gewölbes, um die bestmögliche Form zu finden. Mit Lehrbogen und viel Gefühl konstruierten sie danach das Gewölbe, um dem Raum ein Ganzes zu geben. Da man diesen über die Empore betritt, also von oben über die Treppe in den Raum einsteigt, die natürlich auch von kleineren Kreuzgewölben überspannt sein sollte, musste sich das Hauptgewölbe dicht an die Decke anschmiegen, jedoch von unten seine dreidimensionale Wirkung entfalten. Dies gelang, indem die Grate nach unten „überspitzt“ modelliert wurden, um dadurch die Form zu zeigen und den Kräfteverlauf zu definieren.

 

Restaurierung einer

Korbbogendecke

In den 1950er Jahren wurde die Landauer Jugendstilfesthalle zu einem nüchternen Zweckbau umgestaltet. Das Jugendstilgewölbe verschwand dabei unter abgehängten Decken. Im Zuge der Sanierung der Festhalle wurde auch das Rabitzgewölbe mit großem Aufwand wiederhergestellt (siehe BAUHANDWERK 9/2003, Seite 20-27). Der reich gegliederte Saalbau ist das Werk des Düsseldorfer Architekten Hermann Goerke, der in seiner Planung historisierende Vorbilder mit dem gerade in Deutschland aufkommenden Jugendstil verknüpfte.

Die Wiederherstellung der Jugendstilarchitektur war Vorgabe des Auftraggebers und des Denkmalamtes. Die nach dem Zweiten Weltkrieg unter abgehängten Holz- und Gipskartondecken verschwundenen Jungendstilgewölbe und Stuckelemente galt es daher zu rekonstruieren. Aus dem Bestand, den Plänen und Skizzen des Architekten sowie alten Fotos und schriftlichen Unterlagen als Quellen wurden die Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Für die Stuckateure im Denkmalschutz war die Rekonstruktion der großen, als Rabitzgewölbe ausgebildeten Korbbogendecke und die Restaurierung der Stuckarbeiten eine echte Herausforderung.

 

Tonnengewölbe

mit Stichkappen

Bei der Ausführung eines Tonnengewölbes mit Stichkappen für einen Gäste- und Kinoraum lag das Augenmerk auf den hohen Anforderungen an die Raumakustik, da der Raum sowohl für Film- als auch für Musikvorführungen genutzt werden sollte. Als Gestaltungsbild wurde zudem eine altrömisch anmutende Steinoptik gewünscht. Die Anforderungen an die Akustik führten dazu, die Oberflächen mit einem Akustikputz der Firma Sto in 25 mm Dicke auszuführen. Positive Erfahrungen aus der Vergangenheit mit diesem Akustikputz unterstützten die Wahl.

Die Gewölbeform wurde in Rabitztechnik erstellt, die notwendige aussteifende Lage mit Kalkzementputz ausgeführt. Auf dieser Ebene brachten die Stuckateure den Akustikputz in mehreren Lagen auf. Um den Steincharakter zu erzielen, wurde das Putzmaterial vorab in einem Kalksteingrundton eingefärbt. Überkopf haben die Stuckateure dann die oberste Lage als Steinoptik strukturiert und letztendlich die einzelnen Steine dezent farblich abgesetzt. Der Deckenhohlraum dient dabei als abgeschotteter Lüftungskanal, der an die Lüftungsanlage angeschlossen wurde. Die Zu- und Abluftschlitze haben die Handwerker im Bereich der Profile als Schattenfugen ausgebildet. Damit konnte im Raum selbst auf gestalterisch störende Lüftungsgitter komplett verzichtet werden.

Fazit

Die Rabitztechnik war und ist auch heute noch eine hervorragende Methode zum Bau von Gewölben jeglicher Art und Anforderung. Auch freie Formen lassen sich – wie der nebenstehende Kasten eindrucksvoll unterstreicht – damit gut realisieren. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www. stuckateur-marko.de

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