Hölzerner Riese 2  Baustelle des Monats: Zweites siebengeschossiges Holzhaus in Berlin

Zurzeit ist das zweite siebengeschossige Wohnhaus in Holzbauweise in Berlin – der ansonsten steiner­nen Stadt – noch im Bau. Über das ebenfalls in Berlin-Prenzlauer Berg im vergangenen Jahr erbaute erste siebengeschossige Holzhaus haben wir BAUHANDWERK ausführlich berichtet. Ab Mitte dieses Jahres wird es nun ein weiteres siebengeschossiges Wohnhaus in Mischbauweise geben – diesmal allerdings nicht mit einer Putz-, sondern teilweise mit einer Holzfassade.

Den ersten Siebengeschosser in Holzbauweise entwarfen die Architekten Kaden + Klingbeil in Berlin im vergangenen Jahr mit einem in Gipsfaserplatten eingekapselten Holztragwerk. Wie ab Seite 18 in BAUHANDWERK 7-8/2008 beschrieben, bauten die Zimmerleute das Wohnhaus mit einer Höhe von 22 m bis an die Hochhausgrenze heran – das hatte es in Berlin bis dahin noch nie gegeben. Mit seiner Putzfassade passt sich der erste Siebengeschosser aus Holz zumindest von seiner Oberfläche her noch an die ihn umgebenden massiven Mietshäuser aus der Gründerzeit an. Das wird beim zweiten Siebengeschosser jedoch anders sein.

Fassaden mit hinterlüfteter Holzkonstruktion

 

Nicht nur konstruktiv, sondern auch mit der Wahl der Fassadenbaustoffe, verfolgte die mit der Planung betraute Berliner Architektin Susanne Scharabi einen anderen Weg. Sie tat dies vor allem aus energetischen Gründen. Für die in Holzrahmenbauweise vorgefertigten Außenwände wählte sie zur Straße hin eine hinterlüftetet Fassadenbekleidung aus Faserzementplatten und zur Hofinnenseite eine Lärchenholzschalung. Die guten Dämmeigenschaften der Holzrahmenwände ermöglichen erhebliche Heizkosteneinsparungen. Das Mehrfamilienhaus ist zudem mit einer Be- und Entlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ausgestattet.

Brandschutz für die siebengeschossige Holzfassade

 

Auch konstruktiv unterscheidet sich das neue Gebäude von Susanne Scharabi vom ersten siebengeschossigen Holzhaus, das in reiner Holzbauweise errichtet wurde. Die Architektin wählte für ihr Projekt eine Holzkonstruktion in Mischbauweise mit teilweise vorgefertigten Stahlbetonteilen. Die Tragkonstruktion besteht aus Stahlstützen und Stahlträgern, welche die Handwerker mit Steinwolleplatten in F 90 bekleideten, sowie aus 18 cm dicken Betondecken. Nur beim Staffelgeschoss handelt es sich um eine reine Holzkonstruktion.

Da die nichttragenden Außenwände aller Geschosse jedoch in Holzrahmenbauweise gefertigt wurden und feuerhemmend F 30 B ausgebildet sind, musste auch bei diesem zweiten Siebengeschosser ein Brandschutzkonzept erstellt werden, für das die Architektin zwei Sachverständigen-Gutachten einholte.

Zur Erinnerung: Die Berliner Bauordnung ermöglicht den Einsatz von Holzbekleidungen für Gebäude der Gebäudeklasse 5 nicht. „Mit Hilfe des ersten Brandschutzkonzepts wurde daher dargelegt, wie durch konstruktive Maßnahmen die Brandsicherheit trotz Montage einer Fassadenbekleidung aus Holz ausreichend gewährleistet ist. Hierbei war es nicht ausreichend, den Brandfall rechnerisch zu simulieren. Es musste ein exemplarischer Real-Brandversuch inklusive Dokumentation nachgewiesen werden“, erklärt Architektin Susanne Scharabi.

 

Schwierigkeiten im Baugenehmigungsverfahren

 

Erneut wurde durch den Bauherren unter Bezugnahme auf das erstellte Brandschutzkonzept ein Antrag auf Abweichung von der Bauordnung gestellt. Die Prüfinstanz dieses Brandschutzkonzepts, das Bezirksamt Pankow von Berlin/Bauaufsichtsbehörde, war jedoch selbst nach einem halben Jahr Prüfungsdauer nicht von der Genehmigungsfähigkeit auf Basis dieses Gutachtens zu überzeugen.

Somit wurde – für den geplanten Baubeginn viel zu spät – erkennbar, dass die Vorlage eines weiteren, nämlich durch eine staatliche Prüfanstalt erstellten Gutachtens, erforderlich ist. Für den Bauträger eine schwierige Situation.

 

Das zweite Gutachten

 

Das zweite Gutachten wurde unter erheblichem Zeitdruck von der Materialprüfanstalt in Leipzig (MFPA) erstellt. Es erbrachte schließlich den Nachweis, dass die Aussagen des ersten Gutachtens glaubwürdig und sachlich richtig sind. Alleine durch das große Engagement eines Teams von Ingenieuren des Holzbaus aus Berlin, München und Leipzig, darunter Frau Dr. Peter, Vorsitzende des Verbandes der Zimmerleute Berlin/Brandenburg e.V., Prof. Stephan Winter von der TU München und Herr Dr. Nause von der MFPA Dresden, sowie der Architektin und des Bauherren konnte der Baubeginn ermöglicht werden. Die Kosten für die Gutachten hatte in beiden Fällen der Bauherr zu tragen.

Fazit

 

Die zusätzlichen Kosten und die erhebliche zeitliche Verzögerung des geplanten Baubeginns von insgesamt 9 Monaten sind Argumente, die einen Bauträger dazu verleiten könnten, dem Holzbau bei künftigen Projekten keine Priorität mehr einzuräumen. „Hingegen war erfreulich, dass die Zusammenarbeit mit dem Bauamt Prenzlauer Berg auf Ebene der Sachbearbeiter sehr produktiv und fruchtbar war und daher Hoffnung auf künftige, den mehrgeschossigen Holzbau unterstützende Mitwirkung macht“, sagt Susanne Scharabi.

Ab Mitte dieses Jahres wird das Mehrfamilienhaus in Holzbauweise im Stadtteil Prenzlauer Berg mit seinen elf Wohneinheiten von 95 bis 135 m2 Wohnfläche sowie einer Gewerbeeinheit fertig sein. In BAUHANDWERK werden wir über den Bauablauf dann ausführlich berichten.

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