Im Herzen der Bücher Erweiterung der Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin nach Plänen von HG Merz

Seit 2004 wird die Staatsbibliothek Unter den Linden saniert. Der erste Bauabschnitt ist mit dem Mitte März eröffneten Lesesaal abgeschlossen. Diesen prägt eine Holzschale, die Bücherregale und Treppen aufnimmt. Im benachbarten Rara-Lesesaal restaurierten Stuckateure die Logen des Altbaus und heilten Kriegsnarben.

Die Staatsbibliothek Unter den Linden ist die größte wissenschaftliche Universalbibliothek in Deutschland – eine Schatzkammer, in der phantastische Reichtümer lagern, darunter die größte Mozart-Sammlung weltweit und die Gutenberg-Bibel. Und sie ist eine ewige Baustelle: Von 1903 bis 1914 nach Plänen von Hofbaumeister Ernst von Ihne errichtet, wurde der neobarocke Baublock im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und dabei der zentrale Kuppellesesaal stark zerstört. Während der Altbau nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde, blieb der Hauptlesesaal mehr als 30 Jahre lang eine Ruine. 1977 riss man ihn ab und baute an gleicher Stelle vier provisorische Büchertürme, die jedoch schlecht klimatisiert und an den Bestand angebunden waren.

Erst nach der Wiedervereinigung wurde der Altbau ab 1992 zunächst baulich gesichert und teilweise saniert. Im Jahr 2000 gewann der Stuttgarter Architekt HG Merz einen international ausgelobten Architekturwettbewerb zur Instandsetzung und Erweiterung der Staatsbibliothek. Seit 2004 wird sie bei laufendem Betrieb saniert und durch neue Räume ergänzt: Im Innenhof des 170 m langen, 107 m breiten und 13 Geschosse hohen Baublocks entstanden zwei neue Lesesäle sowie ein Tresor- und ein Freihandmagazin. Parallel dazu wurde der nördliche Teil des Altbaus instandgesetzt, der Magazine, Büroräume und Werkstätten zur Digitalisierung, Restaurierung und für buchbinderische Arbeiten umfasst. Bis 2015/16 soll der Südteil mit weiteren Magazinen, Büros und Veranstaltungsräumen folgen.

Kubus aus welligem Glas

Der neue Hauptlesesaal bietet Platz für 130 000 Bände Freihandliteratur und 256 Leseplätze – im Parkett, auf den umlaufenden Galerien und in Kabinen an den Stirnseiten. Mit 36 m Höhe, 35 m Breite und 30 m Länge nimmt er die Proportionen seines im Krieg zerstörten Vorgängers auf. Von außen ist der Beinahe-Kubus mit einer doppelschaligen Fassade aus wärmebehandelten Gläsern und einem semitransparenten, PTFE-beschichteten Glasfasergewebe verkleidet. Die Gläser wurden bei 635 Grad Celsius unter Druck verformt, so dass eine wellige Oberfläche entstand. Sie lässt das Licht zwar durch, verzerrt aber zugleich Ein- und Ausblicke und schützt die Besucher so vor Ablenkung und neugierigen Blicken.

Eine Schale für die Bücher

Den Innenraum prägt eine Holzschale, die in die untere Hälfte des Kubus eingestellt wurde. Sie nimmt Möbel, Treppen und Bücherregale auf. Darüber erhebt sich wie eine „Laterne“ der gläserne, teils mit weißem Textil verkleidete Oberbau. Dank dieses Kunstgriffs wirkt der Raum intim und – trotz der schweren Bücherwände – nicht erdrückend, sondern freundlich und hell. „Im Zentrum des eher düsteren Gebäudes sollte ein Saal stehen, in dem man mehr oder weniger bei Tageslicht lesen kann“, sagt Architekt HG Merz.

Regale, Tische, Treppenwände, -brüstungen und -untersichten verkleideten die Tischler größtenteils mit Alpi-Furnier, einem aus verschiedenen Holzlagen geklebten Furnier in Rosenholzoptik. Nur in den Freihandmagazinen sind die Möbel in Birke furniert und weiß lackiert, so dass die Textur der Holzmaserung sichtbar bleibt.

Umlaufende Galerien nehmen die Bücherregale auf. Zwischen den Regalen führen Treppen in langen Schächten zu den Buchbeständen und Leseplätzen auf den Galerien. Um das enorme Gewicht der Bücher zu tragen, besteht die gesamte Unterkonstruktion der Treppen- und Regalwände aus Stahlträgern. Über U-Profile und L-Winkel beplankten die Tischler das Stahltragwerk mit 25 mm dicken MDF-Platten, auf denen das Furnier verleimt wurde. Entlang der Treppenwände bauten sie eine rinnenartige Aussparung: Sie nimmt die Handläufe aus amerikanischem Kirschbaumholz auf, die über ein 100 x 4 mm dickes Blech an der Rückseite mit den Trägerplatten verschraubt wurden. Dazu passend verlegten die Handwerker auf den Stahlbeton-Rohtreppen Dielen in Kirschbaumparkett.

Technik unter den Tischen

Sämtliche Einbauten wurden von HG Merz entworfen und von den Mitarbeitern von Lindner Objektdesign im Detail geplant, gefertigt und eingebaut. Auch die zu langen Reihen zusammengefassten Lesetische in der Saalmitte: Jede Reihe besteht aus zwei 6,90 m langen Tischplatten, die über eine gemeinsame am Rohboden verdübelte Stahlunterkonstruktion verbunden sind. Das Tischtragwerk aus 60 und 40 x 40 x 4 mm großen, verschweißten Längs- und Querrohren wurde mit 10 beziehungsweise 19 mm dicken MDF-Platten verkleidet, auf denen das Furnier aufgeleimt ist. Der hölzerne Sockel, auf dem die Tische „schweben“, verbirgt sämtliche Kabel. Außerdem ließen die Tischler an jedem Arbeitsplatz eine 1 m breite und 8,3 cm tiefe Edelstahlblende bündig in die Tischplatte ein, die jeweils eine Leseleuchte, zwei Steckdosen, zwei Datenanschlüsse und einen Lautsprecher aufnimmt. Auch die Schreibunterlagen aus Kautschuk verschwinden flächig in der Arbeitsplatte.

„Streichelzarte“ Wände

Der benachbarte Rara-Lesesaal für wertvolle und seltene Drucke umfasst 48 Arbeitsplätze. Die Verwandschaft zum großen Saal erkennt man sofort anhand des Regalsystems oder der baugleichen Tische und Stühle. Eine halbhohe Wand aus Holzregalen schirmt den Lesebereich ab. Um mehr Intimität zu erzeugen, wurde er zusätzlich um ein paar Stufen abgesenkt. Betondecken und -wände verputzten die Handwerker mit Kalkglätte – eine dem Marmorino ähnliche Technik. Um Nester und Ungleichmäßigkeiten auszuschließen, musste der Untergrund möglichst topfeben sein. Ausgeschrieben war ein Kalkgipsputz der Güte Q3. Da diese Qualität nicht reichte, mussten die Maler den von den Putzern bereits aufgetragenen Putzgrund komplett abschleifen und neu spachteln, so dass er die Güte Q4 bekam. Nach dem Trocknen der mit Quarzsand gefüllten Grundierung zogen die Maler die erste Kalkglätte auf Korn ab und verdichteten sie leicht mit einer Venezianerkelle. Nach kurzem Ablüften folgte die zweite Glätte: Diesmal mischten die Maler Eisenglimmer bei, der einen leicht silbrigen Glitzereffekt erzeugt. Ebenso bei der dritten und letzten Lage, die den Handwerkern vier kräftezehrende Verdichtungsgänge mit der Kelle abverlangte. „So entstand eine glatte, leicht seidene Oberfläche“, sagt Farbtechniker Lutz Schuchert von der ausführenden Firma Nüthen Restaurierungen. Nach einwöchiger Ruhezeit versiegelten die Handwerker die Kalkglätte schließlich mit einer Olivenseife.

Narben aus dem Krieg

Wundervoll restauriert wurden die beiden „Logen“: zwei in die Längswand eingelassene Galerien mit Wendeltreppen, die von Säulen im wilhelminischen Baustil mit ornamentierten Architraven eingefasst werden. Die Logen gehörten einst zum Lesesaal der Universitätsbibliothek, der 1977 zusammen mit der Ruine des Kuppellesesaals abgerissen wurde. Danach standen sie jahrzehntelang wie tote Hüllen in der abgebrochenen Fassade, nicht begehbar und der Witterung ausgesetzt. „Die Säulen trugen Risse und Einschusslöcher aus dem Krieg. Viele Ecken waren abgeplatzt“, sagt Knut Voigt, Stuckateurmeister der Firma Fuchs+Girke. Die Stuckateure zogen die beschädigten Kanneluren an den Säulen und Pilastern mit Schablonen in mehreren Lagen nach. Dazu fertigten sie auf Basis des Bestands Zugschablonen aus verzinkten Stahlblechen an und montierten sie als Negativ auf den Holzschablonen. Dann trugen sie den Gipsmörtel Lage für Lage auf und zogen ihn als Grob- und Feinzug mit der Schablone ab. Auch die Kapitelle wurden überarbeitet und die durch Einschüsse beschädigten Voluten frei Hand mit Mörtel und Gips ausgebessert. Das Mäanderband der Architrave bauten die Handwerker zum Teil bestandsschonend zurück, um die maroden, innenliegenden Stahlträger zu ertüchtigen, mit Rostschutzfarbe zu streichen und das Band danach wieder anzubauen. Säulen und Architrave grundierten sie und strichen sie dann zweifach mit einer reversiblen Leimfarbe, die sich bei späteren Sanierungen wieder herunterwaschen lässt.

Die Rückwände der Logen wurden ausgebessert und blieben vollständig erhalten, ebenso die geschwungenen Geländer und die Wendeltreppen. In den Saal zogen die Trockenbauer neue Gipswände ein, die die Logen umrahmen. So überlagern sich die unterschiedlichen Zeitschichten des Gebäudes und verbinden Alt und Neu.

Autor

Dipl.-Ing. Michael Brüggemann studierte Architektur in Detmold und Journalismus in Mainz. Er arbeitet als Redakteur und schreibt außerdem als freier Autor unter anderem für stern, DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau.

„Die Säulen trugen Risse und Einschusslöcher aus dem Krieg“

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