Innendämmung eines historischen Fachwerkgebäudes in Bad Harzburg

In Bad Harzburg, am Nordrand des Harzes, ist ein Fachwerkgebäude kernsaniert und als Alterswohnsitz fit gemacht worden. Für die Innendämmung der Außenwände kam „TecTem Historic“ zum Einsatz. Das mineralische System wird den Anforderungen des alten Lehmfachwerks gerecht.

Nachdem der 30-jährige Krieg in der Gegend um Bad Harzburg gewütet hatte, wurde hier um 1660 das jetzige Sanierungsobjekt als „Kothof“ erbaut. Bei dieser Bauform handelt es sich um kleinere Bauernhäuser mit Selbstversorgergärten, die von einem „Kothsassen“ und seiner Familie bewohnt wurden. „Kothsassen“ waren Leibeigene und mussten ihrem Grundherrn Abgaben leisten, besaßen aber durch die Eigenbewirtschaftung ihrer Liegenschaften eine gewisse Unabhängigkeit. Bereits ab 1850 befand sich das Gebäude dann im Familienbesitz der Familie Heyke/Becker.

„Harzer Holzfassade“ ist regionaltypisch

Vor etwa 100 Jahren erhielt das Haus eine „Harzer Holzfassade“ – eine regionaltypische Holzverschalung (Vollholz als lotrechter Hausbeschlag aus Brettern von mindestens 14 cm sichtbarer Breite und Deckleisten von maximal 6 cm Breite), die mit einer Hinterlüftungsebene auf das alte Lehmfachwerk von außen aufgebracht wurde.

Die notwendige aktuelle Kernsanierung des Gebäudes ist vor allem ein Liebhaberobjekt der Bauherren. Ökonomische Aspekte standen hier nicht im Vordergrund. Ziel war es, das Haus möglichst originalgetreu zu sanieren.Unter dieser Maßgabe wurden die Baumarbeiten umgesetzt: Neben einer neuen Bodenplatte, einer neuen Brennwertheizung, einem Ofen und neuen Fenstern wurden auch ein barrierefreies Bad und eine Innendämmung eingebaut – womit das Objekt sogar KfW-förderfähig war. Kernsaniert wurde das Erdgeschoss. Das aufgrund der geringen Deckenhöhen von knapp 1,95 m (unter den Balken sogar nur 1,84 m) nicht voll nutzbare Dachgeschoss wurde nicht in die Sanierung mit einbezogen.

In mühevoller Kleinarbeit Fundament entfernt

Als erste Überlegungen mit dem örtlichen Bauunternehmer begannen, war gleich klar, dass die alte Bodenplatte – bestehend aus einem Stampflehmboden und Dielen – erneuert werden musste. Aus bauphysikalischen Gründen war es hierfür notwendig, erst das Fundament der Wände zu sanieren. In diesem Fall wurden die alten Schwellbalken auf einer Packlage aus dem örtlichen Sandstein (gewonnen aus dem „Butterberg“ in Bad Harzburg) durch einen Betonsockel ersetzt.

Um die Kosten im Rahmen zu halten, hat der Bauherr zusammen mit einem Freund in mühevoller Kleinarbeit sehr zeitintensiv Stück für Stück das alte Fundament entfernt und durch einen Betonsockel ersetzt. Anschließend konnte der örtliche Bauunternehmer die neue Betonbodenplatte inclusive Dämmung, Estrich und Vollholzparkett einbringen. Die weitere Planung der Sanierung lag in der Hand der Architektin Ute Meermann-Hirsch von HMH-Architekten. Eine Zielsetzung war die energetische Ertüchtigung des Hauses.

Besondere Fassade erhalten

Gleichzeitig sollten aus gestalterischen Gründen die besondere Fassade und die Proportionen des Hauses, vor allem im Bereich der Fensterlaibungen, erhalten bleiben. Nach der Begutachtung empfahl die Architektin die Innendämmung „TecTem Historic“, ein Raumklimasystem speziell für die Anforderungen des alten Lehmfachwerks. Um die Sanitärplanung technisch umsetzen zu können, wurde vor die innen gedämmte Außenwand eine Vorsatzschale als Installationswand gesetzt. Durch diese Konstruktion konnten auch die extrem schiefen Wände in diesem Bereich begradigt werden.

Alte Farbproben für die Holzverkleidung

Die überall eingebauten Kunststofffenster aus den 1970er Jahren wurden gegen traditionelle Holzsprossenfenster ausgetauscht und die Veranda aus den 1930er Jahren hat die Tischlerei Wiemann so originalgetreu wie möglich saniert. Die „Harzer Holzfassade“ wurde demontiert, aufgearbeitet und wieder angebracht. Für die Schalung fertigte der Schreiner unter anderem etwa 250 laufende Meter Formlatten extra an und befestigte diese mit versenkten Edelstahlschrauben. Der Maler gab anschließend nach alten Farbproben der Holzverkleidung ihr ursprüngliches Gesicht zurück.

Natürlich lässt sich Fachwerk dämmen

Auf Grundlage der Empfehlung der Architektin entschieden sich die Bauherren deshalb für eine Spezialdämmung: „TecTem Historic“, ein kapillaraktives und diffusionsoffenes System, das aufeinander abgestimmt ist und den besonderen Anforderungen von Fachwerk gerecht wird. Die Dämmplatte ist hydrophil und löst durch ihre Diffusionsoffenheit und ihre Kapillaraktivität die angesprochene Problematik. Sie hat die Baustoffklasse A1, ist faserfrei und hat einen schimmelpilzfeindlichen pH-Wert von 10. „TecTem Historic“ dämmt effizient und puffert Feuchtigkeit in hohem Maße ab. Der Wasseraufnahmekoeffizient WW beträgt 105,6 kg/m2h0,5, der Wasserdampfdiffusionswiderstand μ beträgt 5 bis 6. Für das Bauvorhaben wurden unterstützend bauklimatische Berechnungen mithilfe des COND-Programms (ein Programm zur feuchtetechnischen Berechnung, Optimierung und zum Nachweis von mehrschichtigen Außenwandkonstruktionen) vorgenommen.

Mineralische Dämmplatten leicht zu verarbeiten

Der Untergrund muss Tragfähig und eben sein. Hierfür wurde das Lehmfachwerk teilweise erneuert. Ein neuer „TecTem Grundputz Lehm“ wurde aufgebracht beziehungsweise teilweise ergänzt. An den Holzbauteilen befestigtgen die Handwerker zur Verbesserung der Haftung Schilfrohrmatten.

Auf die Außenwände wurden die „TecTem Historic-Platten“ mit dem „Klebespachtel Lehm“ montiert. Dieser ist ebenfalls kapillaraktiv und besonders elastisch. An den Fenstern wurden die Laibungsplatten eingesetzt. Zur Verbesserung der Haftfähigkeit ist anschließend die gesamte Dämmfläche mit der TecTem Grundierung vorbehandelt worden. Danach begannen die Handwerker mit der Armierung. Hierfür trugen sie den Innenputz von „TecTem“ auf, kämmten ihn mit der Zahntraufel durch und legten das Gewebe oberflächennah und mit einer Überlappung von 10 cm in den Stoßbereichen ein. Zum Schluss kam der „TecTem Innenputz“ > 1 mm zur Ausführung und wurde mit „Megasol“ Silikat Innenfarbe weiß gestrichen.

Autorin


M.Sc. Filiz Bekmezci ist Bauingenieurin und als Produktmanagerin Dämmsysteme bei der Knauf Performance Materials GmbH in Dortmund tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Familie Becker-Kuźmicki, Bad Harzburg-Schlewecke
Architektin Ute Meermann-Hirsch von HMH-Architekten, Bad Harzburg
Verarbeiter Tischlerei Wiemann, Bad Harzburg, www.tischlerei-wiemann.de Bau-Elemente-Team, Bad Harzburg, www.bau-elemente-team.de Eingesetzte Produkte Grundputz Lehm, Klebespachtel Lehm, Insulation Board Historic (60 mm), Laibungsplatte, Grundierung, Innenputz, TecTem, Knauf Gips KG, Iphofen, www.knauf.de Montagequader Quadroline EPS, Dobesta, Reutlingen-Betzingen, www.dosteba.eu

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 2013-1-2

Fachwerk-Innendämmung

Die Innendämmung von Fachwerk ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Jetzt wird es wesentlich einfacher, sie zu lösen. Mit TecTem Insulation Board Indoor Historic erhält man ein geprüftes Saniersystem,...

mehr
Ausgabe 2019-11

Schloss Pretzsch: Fachwerk-Stallung zu Arztpraxis umgebaut

Vom Stall und Wirtschaftsgeb?ude zur Praxis: Das historische Fachwerkhaus auf Schloss Pretzsch

Das Schloss Pretzsch ist der einzige ehemalige Königssitz in ganz Sachsen-Anhalt. Er wurde zwischen 1571 und 1574 als zweiflügeliges Renaissanceschloss nach Plänen von Hans Löser errichtet. Seine...

mehr
Ausgabe 2013-06

Sauber gerechnet mit Lehm Sanierung eines Fachwerkhauses in Halbersatdt mit Lehm und Mineraldämmplatten

Das Haus, seit 1921 in kirchlichem Besitz, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es war Kaufmannshaus, beherbergte 1870/1871 französische Kriegsgefangene und danach vor allem verschiedene...

mehr
Ausgabe 2017-09

Fachwerkgebäude in Ötlingen von innen gedämmt

Auf dem Rücken des Tüllinger Berges nahe der Schweizer Grenze liegt Ötlingen, ein Stadtteil von Weil am Rhein, der seine historisch gewachsene, dörfliche Substanz sehr gut erhalten konnte. Jetzt...

mehr
Ausgabe 2016-04

Vom Verfall bedrohte Villa in Leipzig wurde mit der Innendämmung "TecTem" saniert

Lange Zeit bot die über 125 Jahre alte Jugendstil-Villa in der Demmeringstraße im Leipziger Stadtteil Lindenau ein bedauernswertes Bild. Das ungenutzte Gebäude zerfiel zusehends, obwohl es wegen...

mehr