Neubau einer Kirche aus Ziegeln an der Wattenmeerküste

Beim Neubau einer Kirche an der Wattenmeerküste galt es 24 Gewerke miteinander zu koordinieren. Gerade an der doppelt gekrümmten Attika war dies eine Herausforderung, weil gleich drei Gewerke gemeinsam auf eine theoretische Linie hinarbeiten mussten.

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Die Nordseeküste ist traditionell protestantisch. In Horumersiel-Schillig, einem kleinen Küstenort etwa 25 km nördlich von Wilhelmshaven, gibt es gerade einmal 80 Katholiken. Trotzdem erhielt der Ort einen der wenigen Kirchenneubauten Deutschlands. Anlass war der örtliche Campingplatz, der zu den größten Deutschlands zählt und vornehmlich von Campern aus dem katholischen Ruhrgebiet genutzt wird. Tatsächlich registrierte man schon an der Vorgängerkirche eine rege Nachfrage.

2007 kam ein Gutachten zu dem Schluss, dass die Vorgängerkirche nur unter nicht vertretbaren Sanierungskosten in einen energetisch akzeptablen und zeitgemäßen Zustand versetzt werden könnte. Das Gutachten empfahl den Abriss der in den 1960er Jahren erbauten turmlosen Sichtbetonkirche und einen Neubau. Daraufhin lobte das zuständige Bistum Münster einen Architekturwettbewerb aus, den das Kölner Büro Königs Architekten für sich entscheiden konnte. Das Oldenburger Büro Göken + Henckel erhielt den zweiten Preis. Wunsch des Bistums war es, dass dieses vor Ort ansässige Büro die Bauleitung übernimmt.

Alte Kirche „geschreddert“

„Sie müssen nur mit dem Spaten einen Stich in die Erde machen, um auf dem Grundstück zu erfahren, ob gerade Ebbe oder Flut ist“, umschreibt Bauleiter Michell Otto von Göken + Henckel die Grundwasserverhältnisse. Sein Chef Wolfgang Göken ergänzt, dass dort, unmittelbar hinter dem Deich, eine ungeahnte Schwemmsandlast existiert, die eine 23 m tiefe Pfahlgründung erforderlich machte. Auch besteht grundsätzlich die Gefahr eines Deichbruches, weshalb sowohl die Bodenplatte als auch die aufgehenden Erdgeschosswände in WU-Beton ausgeführt werden mussten.

Zuerst wurde der Vorgängerbau abgerissen und das alte Baumaterial zu Bauschotter geschreddert. Diesen nutzte man als Untergrund, um darauf die neue Bodenplatte zu gießen. Bewusst wurde diese vom westlich gelegenen Haupteingang hin nach Osten, zum späteren Chorbereich, um 30 cm abgesenkt, der Altarbereich bildet wieder eine horizontale Ellipse. Überhaupt gibt es in dem Kirchenbau kaum rechte Winkel oder gerade Kanten, welche die Handwerker als Anhalt nutzen konnten. Deshalb erstellten die Architekten aus Holz und aus Aluminium Schablonen, um die korrekten Positionen vorzugeben.

Widrige Umstände mit horizontalen Eiszapfen

Üppige Ausfallzeiten mussten die Handwerker schon in ihrem Angebot einplanen – des schlechten Wetters wegen, aber auch deshalb, weil Schillig ein Kurort mit beachtlichem Tourismus ist. So entstanden bei einer Bauzeit von knapp zwei Jahren 29 Wochen Ausfallzeit. Zudem galt eine erweiterte Mittagszeit zwischen 13 und 15 Uhr, in der keine lärmintensiven Arbeiten ausgeführt werden durften. Ein wenig Abhilfe brachten zusätzliche Container, in denen etwa Kreissägearbeiten ausgeführt werden konnten.

Auch der beständig starke Wind war ein Problem. Michell Otto erwähnt gerne, dass Eiszapfen hier in den Wintermonaten vorzugsweise horizontal und nicht vertikal wüchsen. Der Wind verteilte auch lose Materialien wie Sande großflächig in benachbarte Gärten. Daher musste man für das millimetergenaue Einschweben der Turmspitze, einem Betonfertigteil, auf einen windarmen Tag lange warten. Irgendwann ruhten sämtliche Arbeiten, da am Ende alle noch anstehenden Tätigkeiten die Turmspitze als Referenzpunkt erforderten.

Mauern mit Schmorbrandziegeln

In den deutschen Küstenregionen herrscht die Ziegelbauweise vor. Die Wettbewerbsauslobung empfahl, diese Tradition zu berücksichtigen. Durch eine kompetente Beratung des Kölner Backstein Kontors wurden die Entwurfsarchitekten Ilse und Ulrich Königs aufmerksam auf die doppelt gebrannten Ziegel des Krefelder Herstellers Gillrath, der seine Klinker noch traditionell im Ringofen brennt. Dabei sind diese nach einem ersten regulären Brand weiterhin rot, besitzen aber schon eine deutlich lebendigere Textur als herkömmliche Steine aus einem Tunnelofen. In einer kleinen Ziegelmanufaktur in Belgien erhielten die Klinker einen zweiten so genannten Reduktions- oder Schmorbrand und dadurch auch eine metallisch-schwarze Färbung. Aufgrund des handwerklichen Charakters der Ringofenproduktion sind solche Texturen von Stein zu Stein unterschiedlich.

Beim Rohbaukern der Turmspitze handelt es sich dagegen um ein Betonfertigteil, genauso wie bei den Stürzen und Flachdecken über den zahlreichen Nischen, Eingängen und Fenstern. Um eine homogene Fassadenansicht zu erhalten, wurden die Ziegel der Länge nach gespalten und deren Stirnseiten im Verband damit beklebt. Um eine möglichst monolithische Erscheinung zu erzielen, galt es lineare Dehnungsfugen zu vermeiden, die einen gliedernden Effekt mit sich bringen. Stattdessen führten die Maurer die unvermeidlichen Zäsuren im verzahnten Verband aus. Die reißverschlussartige Fuge füllten die Handwerker mit Polystyrol, schlossen sie mit Polyurethan und besandeten abschließend das in der Farbe des regulären Mörtels getönt dauerelastische Material.

Ein Holzkasten als Lehrbuchdetail

„Der Regen an der Nordsee ist oft so stark, dass man bei diesem Bau fast schon lehrbuchartig die Funktion eines zweischaligen Mauerwerks begreifen kann“, erzählt Bauleiter Otto. An der Innenseite des Haupteingangwindfangs war ein schlichter Schaukasten mit einer Holzrückseite vorgesehen. Außen ist diese Wand nach Norden orientiert. Als der Rohbau schon stand, die vorgesehene Wandnische aber noch leer war, konnte man gut sehen wie der Wind den Schlagregen durch die Vormauerschale drückte und das Wasser dann sturzbachartig in der inneren Luftschicht nach unten läuft – und das, obwohl alle Fugenarbeiten bereits abgeschlossen und korrekt ausgeführt waren. Einem angehenden Maurer hätte man hier plakativ zeigen können, wie wichtig eine Sockelabdichtung und das korrekte Ausbilden einer Z-Fuge ist. Obwohl prinzipiell das Detail funktionierte, war es den Architekten dennoch zu heikel, jenseits der schmalen Luftschicht den Holzkasten ungeschützt zu montieren. Daher führten die Handwerker die Rückwand – wie vorgesehen – in wasserbeständigem Eichenholz aus, klebten darüber hinaus aber noch dessen rückseitige Flächen ab und dichteten alle relevanten Fugen zusätzlich ab.

Die Attika: der Drei-Gewerke-Punkt

In seinem Grundriss bildet der Kirchenraum ein geostetes Kreuz, dessen Ecken stark abgerundet sind. Diese Form zogen die Architekten nach oben und schnitten diese in einem horizontalen Halbkreis ab, was zu einer Art Sattelform führte. Der „Pfiff“ entstand – wie Wolfgang Göken sich ausdrückt – im scharfen „Abschneiden“ der Kante. So war es formal undenkbar, dass die Schnittlinie erst hinter einer Attika beginnt, sie musste nach außen auf „Null“ auslaufen. Die Mauerattika ist in diesem Punkt annähernd senkrecht geneigt.

Auch sollte die finale Dachkante „knickfrei“ sein. Leider gab es keine Unterkonstruktion, von der die Handwerker ausgehen konnten: Die Krone der Rohbauwand lag etliche Zentimeter tiefer. Trotzdem mussten die Handwerker die Vormauerschale und die Attikaverblechung sauber aneinander anschließen. Die Lösung war eine Mischunterkonstruktion aus Draht und Holz: Die Maurer nagelten dünne Schalbretter auf die Krone an die sie die Steine setzen. Oben auf das Holz montierte der Spengler die Metallattika, das Richtbrett verblieb letztendlich als „verlorene Schalung“ an seinem Platz. Aber auch der Fassadenbauer musste das gläserne Flachdach am Attikadetail ausrichten. Besonders pikant, denn von seiner sauberen Arbeit hängt es maßgeblich ab, ob der Innenraum dauerhaft dicht bleibt.

Lotrecht putzen bei krummen Wänden

Der kreuzförmige Kirchenraum war durch seine gekrümmten Wandverläufe und seine Höhe von bis zu 12 m eine besondere Herausforderung für die Putzer. Zudem galt es die Übergänge dreier Schalungsabschnitte zu kaschieren. Auch mussten unvermeidliche Rohbautoleranzen im Putz abgefangen werden. Dessen Auftrag schwankt nun zwischen etlichen Zentimetern und wenigen Millimetern, weshalb die Handwerker ihn auch in mehreren Lagen auftrugen. Es galt eine horizontale Krümmung zu putzen, die aber lotrecht über die gesamte Wandhöhe zu verlaufen hatte. Michell Otto lobt dies als „echtes Handwerk“, denn es sei unmöglich, bei jedem Handschlag den Putzer über einen 3D-Scanner einzuweisen. Der Putz besteht aus einem Vorspritzputz und darauf Kalkzementputz, derjenigen Schicht, in der die Handwerker ausgleichend modellieren konnten. Schließlich brachten sie darauf noch einen dünnen Streichputz auf, der sehr rau angelegt und daher auch akustisch wirksam ist – leider ist er auch sehr anfällig für Kerzenruß. Um im Bereich der Mauerkrone einen sauberen Abschluss zu erzielen, ließ die Bauleitung eine Putzträgerplatte in Höhe des inneren Dachanschlusses montieren, damit sowohl die Putzer als auch die Fassadenbauer einen generellen Anhalt hatten.

Vier Tischlereinen = eine Oberfläche

Alle Oberflächen des Holzmobiliars führten die Tischler in „Eiche, weiß gekälkt“ aus. Aus Massivholz fertigten sie Kirchenbänke und Türen. Die Einbaumöbel der Sakristei sind hingegen Furnierarbeiten. Die Orgel schließlich wurde aus einer aufgegebenen Kirche übernommen, ihr Buchenholzgehäuse aufgearbeitet und lasiert. Beauftragt waren tatsächlich vier unterschiedliche Tischlereien, die eine einheitliche, optisch tatsächlich nicht zu unterscheidende Oberfläche erzielten, weshalb die bauleitenden Architekten ihnen ein außerordentlich hohes handwerkliches Können attestieren.

Ferner mussten die Handwerker die elliptisch gekrümmten Leimholzkirchenbänke nicht nur entsprechend dem Radius ihrer finalen Kirchenraumposition herstellen, auch ihre Holzmaserung wurde durch Dampfverfahren entsprechend gebogen und angepasst.

Die Macht guter Arbeit

Gerne erwähnt Michell Otto, dass es kurz vor dem Richtfest einen Moment gab, ab dem die Kirche als solche wahrgenommen wurde und die Handwerker „Respekt“ vor dem Raum bekamen, den sie da gerade selber schufen. Ohne dass irgendjemand es forderte, wurde es merklich ruhiger: Niemand schrie mehr laut herum, wie man es von „normalen“ Baustellen her kennt, auch hörte man plötzlich kein lärmendes Baustellen-Radio mehr. Eine fast schon andächtige Arbeitsatmosphäre. Die Macht guten Handwerks.

Autor
Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau.
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