Notre-Dame von Leipzig

Leipzig ist die Stadt der denkmal, der Fachmesse, die im November dort wieder veranstaltet wird. Und dies aus gutem Grund, denn die Stadt steckt voller Baudenkmale. Die handwerklich aufwendige Sanierung eines solchen Exemplars – genauer gesagt des Turmes der St. Petrikirche – stellen wir hier vor.

Die Petrikirche zu Leipzig steht in der Nähe des Stadtzentrums und wurde im französischen Kathedralenstil erbaut. Erste Planungen für die Kirche begannen im Jahre 1876. Nach einem Architektenwettbewerb wurde sie von 1882 –1885 errichtet. Sie ist eine der größten Hallenkirche der Stadt und obendrein der bedeutendste erhaltene neugotische Bau aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Sachsen.

Beim Bau der Kirche wurden hauptsächlich Natursteine wie Sandstein oder Granit für die tragenden Bauteile verwendet. Die Höhe des Hauptturmes beträgt über 87 m. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche stark beschädigt und danach nur notdürftig wieder aufgebaut. Nach 1989 begann man unter anderem mit Hilfe von öffentlichen Mitteln, Spenden und Fördergeldern aus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz den Sakralbau systematisch zu sanieren. Ein wichtiger Teil der Sanierung galt den umfangreichen Arbeiten am Kirchturm.

 

Bauzustand vor der Sanierung

Zu Beginn der Turmsanierung waren nur Arbeiten an verschiedenen Teilen in geringerem Umfang vorgesehen. Bei einer intensiven Begutachtung durch Fachplaner wurden aber Bauschäden in größerem Umfang festgestellt. Starke Beschädigungen zeigten sich am Turmhelm, so dass eine örtlich beschränkte Restaurierung nicht möglich war. Der untere Teil des Turms war deutlich besser erhalten. Größere Schäden wurden beim Turmgang insbesondere bei der Balustrade festgestellt. Diese musste komplett demontiert und durch eine Kopie ersetzt werden. Auch bei den Seitentürmchen war die Schädigung so weit fortgeschritten, dass diese komplett ausgetauscht werden mussten. Bei der Verankerung innerhalb des Turms stellte man zudem fest, dass diese durch starke Korrosion dermaßen beschädigt war, dass eine neue Konstruktion notwendig wurde.

Im Zuge der Sanierung wurde auch der Wiederaufbau der Zwischendecke im Turmhelm beschlossen. Da in der ursprünglichen Bausubstanz die Regenwasserableitung unbefriedigend gelöst war, legte man auch die Erneuerung der kupfernen Wasserspeier fest. Die Verblechung des Turmes war stark korrodiert und musste im größeren Umfang mit Kupfer restauriert werden. Oberhalb des Turmgangs stellte man eine starke Schädigung des Sandsteins durch Versalzung fest. Teilweise waren die Schmuckelemente nicht mehr als Original zu erhalten.

 

Ablauf der Sanierungsarbeiten

Durch die Bauschäden konnte die Sanierung des Kirchturms nur in einzelnen Bauabschnitten von 2004 bis 2008 erfolgen. Im ersten Abschnitt baute man den kompletten Glockenturmhelm und den Balustradensockel ab. Gleichzeitig wurden die Seitentürmchen schonend demontiert. Danach wurde der Turmhelm mit statischer Stabilisierung originalgetreu wieder aufgebaut. Die nächste Bauphase widmete sich dem Turmschaft. Die Sanierungsarbeiten begannen dort ebenfalls mit den Kupferblecharbeiten, Putzarbeiten innerhalb des Turmes sowie mit Arbeiten an der Stahlkonstruktion.

 

Gerüstbauarbeiten und Montage des Krans

Da der Kirchturm an einer vielbefahrenen Hauptstraße und in unmittelbarer Nähe einer Schule liegt, war eine Einrüstung durch eine Spezialgerüstbaufirma notwendig. Bevor die Gerüstbauer der Firma BSB Bau- und Spezialgerüstbau Franke & Wagner aus Schmölln mit ihren Arbeiten beginnen konnten, musste die Statik für das Projekt durch das Ingenieurbüro Krüger erarbeitet werden. Zur Aufnahme des Arbeitsgerüstes war zuerst die Montage von Gerüstkragen erforderlich. Diese bestanden aus fünf Doppel- T- Profilen, die sternförmig um den Turm angebaut wurden. Dieses Gerüst schützte vor herabfallenden Teilen. Im Inneren des Turmes musste außerdem eine diagonal angeordnete Aussteifung errichtet werden. An dieser Konstruktion wurde das Arbeitsgerüst für die Sanierungsarbeiten des Turmes verankert. Parallel zur Abtragung der Turmhaube wurde das Gerüst wieder demontiert, um dann mit der Neuerrichtung nochmals aufgebaut zu werden. Die Gesamthöhe dieser Gerüstkonstruktion betrug 50 m und die Hebebühne wurde bis zur einer Höhe von 70 m montiert.

Um den Materialtransport der Natursteine und anderen Baumaterials zu bewältigen, war die Montage eines Turmdrehkranes notwendig. Dafür musste ein Fundament gegossen und ein Bohrpfahlfundament mit 8 Bohrpfählen errichtet werden. Die Bohrpfähle wurden 13 m im Boden verankert. Der Kran hatte eine Höhe von 102 m und einen Kranausleger von 50 m.

 

Natursteinrestaurierung der Sandsteinelemente

Einen bedeutenden Teil der Sanierungsarbeiten nahm die Natursteinrestaurierung ein. Erst bei der Begutachtung nach der Einrüstung des Turmhelms konnten der Umfang und die Intensität der Schädigung des Sandsteins festgestellt werden. Eine lokale Behebung war nicht mehr möglich. Damit musste der Turmhelm komplett mit zertifizierten Sandstein neu errichtet werden. Den bauplastischen Schmuck demontierte man schonend und passte ihn in die neue Konstruktion ein. Als weitere Arbeiten erfolgten eine patinaschonende Reinigung und die behutsame Krustenentfernung. Durch langjährige Umwelteinflüsse mussten die geschädigten Steinteile der Vierungen erneuert werden. Außerdem war der Austausch von stark verschlissenen Platten und Elementen notwendig. Eine besondere Herausforderung war die Restaurierung des Blattfrieses unterhalb der Brüstung in etwa 40 m Höhe. Nach der Einrüstung stellte man fest, dass der auf den Messbildaufnahmen relativ intakt scheinende Blattfries durch Versalzung und Schalenbildung an der Oberfläche zur Hälfte zerstört war. Zur Restaurierung des Blattfrieses kamen drei Ausführungsvarianten in Frage:

- Salzreduzierung und Steinbefestigung der geschädigten Teile und anschließende restauratorische Überarbeitung mit Restaurierungsmörtel

- Abformung gut erhaltener Teile und Abguss mit sulfatbeständigem Feinbeton

- Rekonstruktion als steinbildhauerische Kopie

Nach ausgiebiger Beratung mit dem Planer, dem ausführenden Handwerksbetrieb, dem zuständigen Denkmalschutzamt und dem Bauherr entschied man sich für die zweite Variante. Diese bietet auch in der Zukunft den größtmöglichen Schutz gegen erneute Versalzung und war wesentlich kostengünstiger als die Wiederherstellung in Sandstein. Auch die Balustrade des Turmumgangs musste komplett demontieret werden. Teile der Balustrade und die verlorengegangenen Elemente wurden durch Steinmetze des Restaurierungsbetriebs Bennert kopiert und wieder eingebaut. Die gesamten Fugen des Sandsteines wurden mit einem Spezialmörtel überarbeitet. Mit einer Lasierung der eingebauten Neuteile konnte der einheitliche Gesamteindruck wiederhergestellt werden. Auch die Seitentürmchen mussten komplett wieder neu aufgebaut werden. Nach der Demontage legte man fest, welche Teile in der Werkstatt restauriert und wieder verwendet werden können.

 

Stahlbetonringanker und Zwischendecken im Turm

In der Umgangsebene musste auf 45 m Höhe der ursprüngliche hölzerne Ringanker durch einen massiven Stahlbetonringanker ersetzt werden. Er hatte die Aufgabe, die Zugkräfte von den inneren Zugstangen aufzunehmen, die an den neuen Zwischendecken im Inneren des Turms montiert waren.

Neben dem kompletten Neuaufbau der Turmhaube war es zur Aussteifung des achteckigen Turmgrundrisses notwendig, drei Zwischendecken zu montieren. Die Stahlkonstruktion bestand aus Edelstahlprofilen. Diese wurden im Turminneren eingebaut. An den Zwischendecken wurden die Zugstangen angebracht und die Stahldeckenkonstruktion in drei Ebenen eingebaut. Der oberste Boden befindet sich in 73 m Höhe und dient gleichzeitig zur Verankerung der letzten 15 m des Turms. An allen drei Decken sind die Zugstangen montiert, die an den Rippen verlaufen.

 

Steigende Stahlpreise trieben die Kosten auf 3,5 Mio. €

Das Bauvorhaben der Kirchturmsanierung von St. Petri zu Leipzig war sehr komplex, und es traten während der einzelnen Bauphasen immer wieder neue Schäden zu Tage. Die geplanten Baukosten von ursprünglich 3,1 Millionen Euro konnten nicht eingehalten werden und lagen am Ende bei rund 3,5 Millionen Euro. Dies hatte vielschichtige Gründe, unter anderem war der Materialpreis für Stahl während der Sanierung stark gestiegen. Auf diese zusätzlichen hohe Anforderungen mussten die Baubeteiligten mit ihrem planerischen und handwerklichen Können reagieren. Dies war nur durch eine gute Zusammenarbeit möglich. Das Bauvorhaben St. Petrikirche ist ein gutes Beispiel dafür, dass traditionelle Handwerkstechnik und moderne Baumaterialien und Technologien für ein historisches Gebäude in Einklang gebracht werden können.

 

Autor


Dipl.-Ing. (FH) Lutz Reinboth ist Bauingenieur in Leipzig, Fachautor und freier Autor der Zeitschrift bauhandwerk.

Für die Sanierungsarbeiten war ein 102 m hoher Kran mit eigenem Fundament erforderlich
Eine besondere Herausforderung war die Restaurierung des Blattfrieses in etwa 40 m Höhe

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