Picard produziert Hämmer für Qualitätsbewusste

1857 gründete Johann Hermann Picard seine Schmiede, die schon damals Werkzeuge – vor allem Hämmer – herstellte. Heute ist das in Wuppertal-Cronenberg ansässige Unternehmen der letzte Hersteller, der Hämmer in Deutschland von Grund auf schmiedet.

Das Herz der deutschen Werkzeugindustrie schlägt im Bergischen Land. Genauer: in Wuppertal. Und wenn man ganz präzise sein will: in Wuppertal-Cronenberg. Neben dem Hammer-Spezialisten Picard drängen sich in einem kleinen Umkreis viele weitere bekannte Marken und Hersteller. Diese Tradition ist historisch aus der Verfügbarkeit von Kohle und Stahl aus dem nahen Ruhrgebiet gewachsen. Heute wären Energie und Rohstoffe auch anderswo gut verfügbar, trotzdem konzentriert sich die Werkzeugherstellung weiterhin auf so kleinem Raum, was an dem Vorhandensein einer anderen knappen Ressource liegt: qualifizierte Mitarbeiter.

Der letzte deutsche Hersteller

„Wenn man qualitativ sehr hochwertige Werkzeuge herstellt, hat Deutschland im Allgemeinen und unsere Gegend im Besonderen einen großen Standortvorteil, weil wir hier die gut ausgebildeten Fachleute und Spezialisten finden“, betont Frank Simon, Geschäftsführer der Picard GmbH. Zwar lasse man für die Marke Ruthe auch Hammerköpfe in Asien fertigen, alle Picard-Hämmer würden aber ausschließlich in Cronenberg gefertigt. „Wir sind der letzte deutsche Hersteller für Hämmer, alle Mitbewerber sind entweder vom Markt verschwunden, oder lassen Halbfertigware und Fertigware in Asien oder Osteuropa fertigen“, sagt Simon, der sich schon sein ganzes Berufsleben mit Werkzeugen beschäftigt. Nach einer kaufmännischen Ausbildung in der Werkzeugbranche war er seit 1991 zunächst für einen anderen Hammer-Hersteller tätig, bevor er 2011 die Geschäftsführung von Picard übernahm. Zwar müsse man in Deutschland auch zu deutschen Kosten produzieren, bei hochwertigen Spezialhämmern sei aber noch immer viel Handarbeit nötig, für die man hochqualifizierte Mitarbeiter benötige. „Nach dem Krieg gab es in Deutschland noch 26 Hammer-Hersteller, davon sind wir als einziger übriggeblieben“, sagt Simon.

Gründung 1857

Schon 1857 gründete Johann Hermann Picard, dessen Nachname übrigens nicht französisch mit stummem „d“ ausgesprochen wird, sein Unternehmen in einem Nebengebäude auf dem Bauernhof seiner Eltern. Von Anfang an fertigte er in seiner Schmiede in traditioneller Weise mit Esse, Amboss und Muskelkraft betriebenen Schmiedehammer Werkzeuge für andere Handwerker wie Klempner, Schlosser und Schmiede, vor allem Hämmer. Nachdem sein Sohn 1910 das Unternehmen übernommen hatte, stellte dieser die Produktion auf eine maschinelle Verarbeitung um. Mit Dampf, Gas und Strom betriebene Schmiedehämmer und Öfen erlaubten das Gesenkschmieden, bei dem das glühende Rohmaterial in eine Form (Gesenk) hineingeschmiedet wird. Das führte nicht nur zu einer gleichbleibenden, höheren Qualität, sondern auch zu einer erheblichen Produktionssteigerung. Aktuell erwirtschaftet die Picard GmbH mit mehr als 90 Beschäftigten einen Jahresumsatz von mehr als 10 Mio. Euro.

160 Jahre lang blieb das Unternehmen im Besitz der Familie Picard, bevor die Joh. Hermann Picard GmbH & Co. KG zusammen mit ihrer 100-prozentigen Tochter, der Ruthe Hammerfabrik GmbH & Co. KG, von der Erwin Halder KG in Achstetten bei Ulm übernommen wurde, einem Hersteller von Normteilen, Werkstückspannungen, Luftfahrtprodukten und Handwerkzeugen, der mit 300 Mitarbeitern weltweit einen jährlichen Umsatz von 60 Mio. Euro erwirtschaftet. „Mit Halder hatten wir schon lange Geschäftsbeziehungen, weil der bei Handwerkern für seine Schonhämmer bekannte Hersteller von uns Schmiedeteile bezogen hat. Die Übernahme war für Picard ein großer Glücksfall, denn die Produktportfolios beider Unternehmen ergänzen sich ideal und nahezu überschneidungsfrei“, betont Frank Simon. Darüber entstünden durch die Zusammenarbeit wertvolle Synergien nicht nur im Vertrieb, sondern auch bei der Produktion.

Halder investiert

Außerdem hat Halder bis heute schon 2,3 Mio Euro von insgesamt geplanten 3 Mio. Euro in die Picard GmbH investiert. „Diese Mittel fließen in die Anschaffung von Sondermaschinen und in die Optimierung von internen Produktionsprozessen“, erklärt Frank Simon, der im Fachverband Werkzeugindustrie Vorsitzender des Ausschusses für Schlagwerkzeuge ist. Legte ein Hammer früher vom angelieferten Rohmaterial bis zum fertigen Produkt innerhalb des Werks einen Weg von bis zu 800 Metern zurück, so sollen die Abläufe durch die Schaffung von Fertigungsinseln deutlich effizienter werden.

Handwerkzeuge für Qualitätsbewusste

Mit mehr als 700 verschiedenen Produkten (davon über 350 verschiedene Hammermodelle) ist Picard der am breitesten aufgestellte Hammer-Hersteller weltweit. Allein von dem wichtigsten Produkt, dem Latthammer für Zimmerleute, gibt es zahlreiche Modelle und Ausführungen. Bestseller sind die Ausführungen mit dem 1956 von Picard entwickelten Chrom-Molybdän-Stahlrohrstil, es gibt aber auch Hämmer mit Holz- oder Fiberglas-Stiel. Topmodelle sind die aus einem Stück geschmiedeten Ganzstahlhämmer mit Ledergriff.

Darüber hinaus werden Hämmer und Schlagwerkzeuge für unterschiedlichste Gewerke und Anwendungen gefertigt, darunter solch exotische Werkzeuge wie Uhrmacherhämmer, Geologenhämmer, Kanaldeckelhämmer oder Klanghämmer zum Überprüfen von Eisenbahnschienen. Auch Betonbauer finden mit dem „Betonschalmeister“ ein Spezialwerkzeug, das man nicht nur zum Nageln der Schalbretter, sondern dank der scharfen Kanten auch zum Abschaben von Beton einsetzen kann. Weitere beliebte Modelle aus der Reihe der „Problemlöser“ sind der „Meißelmeister“, den Elektroinstallateure zum Herstellen von Schlitzen verwenden, oder das Gipserbeil mit gezahnter Schneide. Preissensible Nutzer werden unter der Marke Ruthe fündig, darüber hinaus stellt Picard auch OEM-Werkzeuge für andere Marken her.

Bei der Neu- und Weiterentwicklung von Modellen, bei dem das Picard-Entwicklungsteam auch Anregungen von Kunden aufgreift, steht, neben der auf den spezifischen Anwendungsfall hin optimierten Funktionalität, vor allem die Sicherheit im Vordergrund. So verwendet man bei Picard eine Stahl-Speziallegierung, deren Eigenschaften die des von der DIN geforderten C45 Stahls deutlich übertreffen, so dass beispielsweise bei starker Beanspruchung die Kanten der Schlagflächen deutlich länger stehenbleiben und die Hämmer eine erheblich höhere Lebensdauer als vergleichbare DIN-Hämmer aufweisen. Auch die patentierte „SecuTec“-Keilschraube erhöht die Sicherheit enorm, da sie deutlich zuverlässiger als die üblichen Ringkeile die Verbindung von Hammerkopf und Holzstiel gewährleistet.

Ausblick

Für die Zukunft sieht Frank Simon Picard gut aufgestellt. Dank der Zusammenarbeit mit Halder werde man vor allem auf dem amerikanischen Markt expandieren und durch die Investitionen am Standort Cronenberg könne man die Produktionskapazität erhöhen. „Wir stellen ein Produkt her, das jeder braucht und haben will und das manche Handwerker 30 Jahre, oder länger nutzen“, beschreibt Frank Simon die Situation. Um das Qualitätsbewusstsein der Nutzer zu schärfen und die Bekanntheit und Bindung zur Marke Picard zu stärken wurde 2018 die Homepage des Unternehmens der neuen und emotionalen Bildsprache angepasst, auch auf  YouTube und Facebook ist man aktiv; im kommenden Jahr soll auf  Instagram eine junge Zielgruppe angesprochen werden.

Um den steigenden Bedarf an Fachkräften zu decken, bildet Picard pro Jahr im Schnitt fünf Azubis aus, trotzdem bleiben die Stellenangebote auf der Homepage dauerhaft aktiv. Besonders Schmiede und Schleifer werden immer benötigt, aber auch Maschinenanlagenführer, Logistiker und Kaufleute werden eingestellt.

Autor


Thomas Schwarzmann ist Redakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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