Restaurierung der Villa Witte

Bei der Restaurierung der Villa Witte in Brandenburg erwiesen sich vor allem die Reparaturen am aufwendig gestalteten Innenstuck als anspruchsvolle Aufgabe. Hier galt es nicht nur, Schäden durch rücksichtslos eingebaute Heizungsleitungen zu reparieren, sondern auch fehlende Ornamente abzuformen und zu rekonstruieren.

Die luxuriöse Gründerzeitvilla war 1899 für den Brandenburger Kohlehändler Hermann Witte jr. erbaut worden. Dieser hatte seinerzeit an nichts gespart: Vier Balkone, ein Wintergarten, ein eindrucksvolles Atrium und eine geradezu verschwenderische Anzahl von Stuckverzierungen verschiedener Stilarten lassen erahnen, dass Geld für den Unternehmer beim Bau seines Hauses keine Rolle gespielt hatte. Von Kriegsschäden weitgehend verschont, wurde das Anwesen von 1948 bis 2004 als Kindergarten genutzt.

Hierfür  waren im Laufe der Jahre einige Veränderungen am Gebäude vorgenommen worden, die teilweise zu großen Schäden an der Bausubstanz geführt hatten: So waren für die Kinder fünf weitere Wasch- und WC-Räume geschaffen und außerdem die erneuerten Rohre der Schwerkraftheizung statt in den Installationskanälen über Putz verlegt worden. Die dicken Leitungen waren einfach durch die prächtigen Stuckdecken des Erdgeschosses gezogen worden …

„Das ist machbar“

Nachdem der Kindergarten ausgezogen war, hatte die Stadt Brandenburg keine Verwendung mehr für die Villa und bot das Gebäude kurzerhand zum Verkauf an. Zu dieser Zeit war Sven Ströher gerade auf der Suche nach einem geeigneten Haus in der Stadt, wo zum einen seine Familie und zum anderen seine Firma, eine Hausverwaltung, Platz finden sollten. Bei seiner Recherche stieß er auch auf die Villa Witte, dachte sich aber anhand der sichtbaren Schäden am Außenstuck und der offensichtlich seit längerem defekten Fallrohre sofort: „Das ist zu aufwendig.“ Zwei Jahre später entschloss er sich aber, das herrschaftliche Gebäude dann doch einmal zu besichtigen.

„Das Haus war besenrein und die Fenster ordentlich mit einer Verblechung geschützt – daher hat man drinnen nicht viel gesehen“, erinnert sich Sven Ströher. „Das Atrium war natürlich beeindruckend, aber das habe ich als Kaufmann erstmal beiseite geschoben und eine Kostenermittlung in Auftrag gegeben.“ Ein anschließendes Holzgutachten, in dessen Rahmen die Deckenbalken endoskopisch untersucht wurden, er-gab zwar die aufgrund der durchfeuchteten Wände erwartete Diagnose „Echter Hausschwamm“, doch der Immobilienfachmann befand dennoch: „Das ist machbar.“ Er erhielt den Zuschlag, woraufhin im Herbst 2007 die Sanierungsarbeiten begannen.

Sanierungsarbeiten

Zunächst einmal galt es, die umfangreichen Wasserschäden zu reparieren und deren Ursachen zu beseitigen. So dichteten die Handwerker das Flachdach komplett neu ab und erneuerten Regenrinnen, Fallrohre und sämtliche Zinkblechabdeckungen. Die Horizontalabdichtung des Mauerwerks wurde repariert, die Vertikalabdichtung hingegen erneuert. Die starken Schäden am Fassadenstuck (siehe Foto auf Seite 16) mussten ebenso repariert werden wie die vom „Echten Hausschwamm“ verursachten Schäden an den Deckenbalken. Die originalen Holzfenster und die Holzrollläden wurden soweit es eben möglich war repariert, mussten teilweise aber durch originalgetreue Neuteile ersetzt werden. Schließlich mussten auch sämtliche Balkone saniert werden, da sie allesamt undicht waren, wodurch die darunter liegenden Stuckdecken stark in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Restaurierung des Innenstucks

Eine handwerklich komplizierte Aufgabe war die Restaurierung der Stuckdecken, die vor allem im Erdgeschoss starke Schäden aufwiesen. Diese wurden zum einen durch den rücksichtslosen Einbau der Heizrohre, zum anderen durch die undichten Balkone verursacht. So sah sich Stuckateurmeister Marco Domaczyk aus Borkwalde mit einer anspruchsvollen Aufgabe konfrontiert, da der Innenstuck der Villa Witte selbst für einen ausgewiesenen Fachmann eine Besonderheit darstellt. „Der Bauherr hat sich damals alles bieten lassen, was mit der Kunst des Stucks möglich war“, erinnert sich Marco Domaczyk. Dieses Gesamtkunstwerk musste nun wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden: Die fehlenden Teile formten die Handwerker mit Streichsilikon ab und fertigten dann entsprechende Stucklehren an, um die zerstörten Deckenpartien zu rekonstruieren. Weiterhin waren die Schilfrohrdecken unter dem Stuck überall dort, wo Ende der 1970er Jahre die neuen Heizrohre über Putz eingebaut worden waren, stark beschädigt. „Da hing der Stuck oftmals am seidenen Faden“, so der Stuckateurmeister, der diese kritischen Stellen behutsam hinterfüllte und neu verankerte. Die aufwendigste Arbeit war jedoch die Rekonstruktion eines völlig zerstörten Stuckengels – eine Aufgabe, die wegen der tiefen Unterschneidungen der sehr lebendig gearbeiteten Figur selbst den versierten Stuckateuren der Firma Domaczyk ihr ganzes Können abverlangte.

Preiswürdige Arbeit

Bauherr Sven Ströher sollte recht behalten – die Restaurierung der Villa Witte war machbar. Sie gelang sogar so gut, dass der Bauherr von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem ZDH den begehrten Preis für Handwerk in der Denkmalpflege erhielt.

Liste der Baubeteiligten

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