Rundum gut gedämmt Erweiterung der Stadtwerke Lemgo um ein Passivhaus

Die Stadtwerke Lemgo gehen in Sachen Energieeinsparung mit gutem Beispiel voran. Für sie entwarf das Büro h.s.d. architekten ein „qualitätsgeprüftes Passivhaus“, das dank sehr guter Dämmung nicht nur viel Energie spart, sondern mit seiner dunklen Fassade auch noch ausgesprochen gut aussieht.

Maßstäbliche Pläne

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In Lemgo denk man ökologisch – besonders bei den Stadtwerken. Dort setzt man schon seit den 1950er Jahren bei der Energieerzeugung auf die Kraft-Wärme-Kopplung. Die historischen ungedämmten Verwaltungsgebäude der Stadtwerke waren daher nicht mehr zeitgemäß und kein gutes Aushängeschild für den schonenden Umgang mit Energie. Eine Sanierung rechnete sich jedoch nicht. So entschieden sich die Stadtwerke für einen Neubau – ein „qualitätsgeprüftes Passivhaus“, das das ortsansässige Büro h.s.d. architekten bda habermann.decker in seiner Schlichtheit als sichtbaren Ausdruck der Vorbildfunktion der Stadtwerke entwarf.

Konsequent gedämmte Gebäudehülle 

Erreicht wird der Passivhausstandard neben der kompakten Bauweise zum einen durch die dreifachverglasten Metallfenster. Hierbei handelt es sich um eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Aluminiumprofilen, bei der die senkrechten Stöße verklebt sind. Zum anderen wird der Passivhausstandard vor allem durch eine im wahrsten Sinne des Wortes rundum gut gedämmte Gebäudehülle erreicht. Selbst die Fundamente erhielten eine 20 cm dicke Perimeterdämmung aus XPS-Platten, um Wärmebrücken zu vermeiden. Unter der Bodenplatte liegt ebenfalls eine 30 cm dicke Perimeterdämmung. Die Bodenplatte ruht wegen des schluffigen Baugrundes auf 400 Stahlbetonbohrpfählen, welche das Rohbauunternehmen 8 bis 10 m tief in den Baugrund trieben. Das Tragwerk des dreigeschossigen Gebäudes errichteten die Rohbauer aus Stahlbeton, wobei sie die Flächen zwischen den Pfeilern zur Optimierung des Dämmwertes der Außenwände mit 30 cm dicken Porenbetonsteinen ausmauerten. Anspruchsvoll wurde die Arbeit für die Handwerker an den runden Gebäudeecken. Hier mussten sie die Porenbetonsteine halbieren beziehungsweise vierteln, um sie mit breiten Mörtelfugen nach außen in der gewünschten Rundung vermauern zu können.

Auf den Porenbetonsteinen reichte ein 8 cm dickes WDVS der WLG 035 aus Polystyrolhartschaumplatten aus. Auf die Stahlbetonstürze und -stützen klebten die Maler das gleiche WDVS – allerdings in einer Dicke von 24 cm. Auf den Dämmplatten brachten die Handwerker eine Armierung aus Pulverkleber von Brillux auf und nach einer Zwischenbeschichtung mit Putzgrundierung den organischen Oberputz Rausan des gleichen Herstellers. Der zweifache Schlussanstrich erfolgte mit Acryl-Fassadenfarbe im Farbton RAL 7016 – also einem sehr dunklen Anthrazitgrau, was zu einem ausgeprägten Kontrast zum weißen Altbau führt. Verbindendes Element zum Altbau sind die weiß pulverbeschichteten Metallumrahmungen der Fensterbänder. Diese plastisch aus der anthrazitgrauen Fläche hervortretenden Umrahmungen, in denen sich der Sonnenschutz befindet, gliedern die Fassade und bilden den horizontalen Fensteranschluss an die Außenwand.

WDVS mit Hellbezugswert 8 

Eine so dunkle Fassade bringt auch bauphysikalische Herausforderungen für das WDVS mit sich, denn die Oberfläche heizt sich im Sommer auf, wodurch es zu Verformungen und Rissen im Putz kommen kann. Daher war Knut Bastian, seinerzeit Geschäftsführer des ortsansässigen Malerbetriebs Helmut Quast, der mit den Dämm- und Malerarbeiten beauftragt war, zunächst eher skeptisch: „Wie sollte es möglich sein, den dunklen Anthrazit-Farbton mit einem Hellbezugswert von 8, den das Büro auswählt hatte, für die gesamte Fläche einzusetzen?“ Dies widersprach all seinen Erfahrungen. Bisher hatten die Maler in seinem Betrieb nur Farben mit einem Hellbezugswert über 20 eingesetzt (ein Hellbezugswert von 0 steht für Tiefschwarz, 100 für Reinweiß). Nun galt es in Absprache mit dem Farbhersteller einen Anstrich zu finden, der trotz eines einstelligen Hellbezugswertes eine Aufheizung der Fassade vermeidet. Da traf es sich gut, dass man bei Brillux mit dem SolReflex-System damals gerade eine Farbrezeptur entwickelt hatte, die dank TSR-Formulierung (TSR steht für: Total Solar Reflectance) in der Lage ist, den Wärmeanteil im Sonnenlicht im Infrarotbereich zu reflektieren. So steigt die Temperatur auch auf einer fast schwarzen Fassadenoberfläche selbst an sehr sonnigen Tagen nicht über 60 Grad Celsius an und der Armierungs- und Oberputz wird thermisch deutlich weniger belastet.

Und dass dem auch in der Praxis so ist, kann Architekt Christian Decker auch nach fünf Jahren nur bestätigen: „Ich fahre jeden Tag an dem Gebäude vorbei. Für mich sieht das noch immer tiptop aus und Schäden habe ich bisher gar keine gesehen“.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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