STOlze Leistung

Fritz Stotmeister erkannte früh das Potenzial eines damals völlig neuen Produktes: Kunstharzputz. Mit dem Erwerb einer Herstellungs- und Vertriebslizenz für Baden-Württemberg legte er den Grundstein für eines der erfolgreichsten Unternehmen der Branche – und für eine der bekanntesten Marken: Sto.

Jochen Stotmeister hat viele Jahre lang in den USA gelebt und gearbeitet. Doch wenn man sich mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der STO Ma­nage­ment SE über die Entwicklung des Familienunternehmens unterhält, könnte man auch auf die Idee kommen, ein langer Aufenthalt in Großbritannien habe auf seine Wesensart abgefärbt. Denn der ältere Sohn des Firmengründers Fritz Stotmeister erzählt die Geschichte von Sto mit so viel britischem „Understatement“, dass man ohne das entsprechende Vorwissen leicht den Eindruck gewinnen könnte, der Erfolg des Bauzulieferers gründe sich zum großen Teil auf eine Verkettung glücklicher Fügungen. Tatsächlich steht ein großer Glücksfall am Anfang dieser Erfolgsstory, der Rest besteht aber dann vor allem aus großem unternehmerischem Mut, Fleiß, Bodenständigkeit, solidem Wirtschaften und der Bereitschaft, nicht nur die eigenen Produkte, sondern auch sich selbst ständig weiterzuentwickeln.

Der Glücksfall

Die Wurzeln von Sto reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als Anton Gäng im nahe der Schweizer Grenze gelegenen Weizen 1853 beschließt, die väterliche Ziegelei zur „Cement- & Kalk-Fabrik Weizen“ umzubauen. Die Weltwirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg unterbricht aber zunächst den Erfolg des Unternehmens, bevor 1936 Franz Koch und der aus Thüringen stammende Wilhelm Stotmeister das Kalkwerk erwerben. Nach dem Zweiten Weltkrieg produziert die „Stotmeister & Cie. KG“ hier Zementkalk und Weißkalk, wichtige Baustoffe für den Wiederaufbau des Landes.

1954 schlägt schließlich die eigentliche Geburtsstunde des heute so bekannten Unternehmens als – und das ist der anfangs erwähnte Glücksfall – dem jungen Buchhalter Otto Seeberger eine Annonce in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auffällt. Darin sucht der Erfinder des Kunstharzputzes, der Schweizer Silvio Pietroboni, deutsche Lizenznehmer für die Herstellung und den Vertrieb des neuartigen Baustoffs. Fritz Stotmeister, Sohn von Wilhelm Stotmeister, erkennt das Potenzial des Putzes, der sich viel einfacher verarbeiten lässt als die herkömmlichen Kalkputze und erwirbt eine Lizenz für Baden-Württemberg. Zusammen mit seinem Vater und dessen Kompagnon gründet er die „Ispo Putz KG“, an der auch Otto Seeberger mit 10 Prozent beteiligt wird.

Sprichwörtlich mit einer handvoll Mitarbeitern beginnt das junge Unternehmen in einem ehemaligen Ziegenstall auf dem Gelände des Kalkwerkes mit der Produktion, indem zunächst ein sicheres Mischverfahren entwickelt wird. Da eine entsprechende Anlagentechnik schlicht nicht verfügbar ist, experimentieren die Improvisationskünstler unter anderem mit einem Mischer für Bäcker.

Tanzend zum Erfolg

Nachdem der Handel zurückhaltend auf das neue, zunächst zweikomponentig ausgelieferte „Ispolit“ reagiert, nimmt Fritz Stotmeister den Vertrieb selbst in die Hand und ist dafür unermüdlich unterwegs, um Handwerkern direkt auf der Baustelle die Verarbeitung des Produkts zu zeigen. Seine potenziellen Kunden findet er zum großen Teil über die Innungen. „Mein Vater hat es sich nicht nehmen lassen, auf  Innungsfeiern mit jeder Frau mindestens einmal zu tanzen“, beschreibt Jochen Stotmeister den großen persönlichen Einsatz des Gründers. Durch diesen sehr direkten Zugang zu den Handwerkern erwirbt er sich nicht nur große Sympathie und Bekanntheit, sondern erhält auch wertvolle Rückmeldungen aus der Praxis, um das Produkt weiterzuentwickeln, hin zum einkomponentigen „Stolit“, der gebrauchsfertig ausgeliefert wird.

Der gelbe Eimer

Grund für den neuen Produktnamen ist auch eine Umfirmierung sowie die Loslösung vom schweizer Lizenzgeber. Damit verbunden ist nicht nur die Etablierung des Markennamens Sto, sondern auch der typischen gelben Eimer, die auf jeder Baustelle sofort ins Auge stechen. Das gelbe Gebinde mit dem schwarzen Schriftzug gehört heute zu den bekanntesten Marken der Baustoffbranche.

Neben Putzen gehören bald auch Dispersionsfarben zum Portfolio des expandierenden Herstellers, der sich Mitte der 1960er Jahre aus der Kalkproduktion zurückzieht. Dafür erkennt man bei Sto – wieder einmal – als einer der ersten das Potenzial eines neuen Baustoffs: Polystyrol. Den von BASF entwickelten Dämm- und Verpackungsstoff – am Bau zunächst nur für Details eingesetzt – nutzen die Entwickler aus Weizen als Basis für eines der ersten Wärmedämm-Verbundsysteme für Gebäude.

In der Folge wächst das Unternehmen durch Investitionen, Zukäufe und die Gründung von internationalen Niederlassungen kontinuierlich und organisch weiter. „Am Rand von Deutschland ist in der Mitte von Europa“, weiß Fritz Stotmeister die abgeschiedene Lage des Stammsitzes in eine Stärke umzudeuten.

Der 1979 vollzogene Sprung über den großen Teich in Form eines Joint Ventures mit einem amerikanischen Partner wäre aber fast zum ersten großen Misserfolg geworden. Erst als 1981 auf Bitten seines Vaters der studierte Betriebswirt Jochen Stotmeister, der mit seiner Familie ohnehin in den Vereinigten Staaten lebte und bei Texaco arbeitete, die Leitung übernimmt und das Unternehmen zu einer 100 prozentigen Sto-Tochter macht, stellt sich auch in den USA der Erfolg ein. Dazu verfolgt Jochen Stotmeister eine gänzlich unamerikanische Strategie, die den Anfangsjahren seines Vaters nicht unähnlich ist. Statt auf „bigger is better“ zu setzen, stutzt er die Management- und Verwaltungsebene zusammen und geht persönlich im wahrsten Sinn des Wortes „Klinke putzen“ bei Architekten und Bauträgern, die er im direkten Gespräch von den eigenen Produkten überzeugt. Im Gegensatz zu Europa werden diese aber nicht im Direktvertrieb, sondern über Vertragshändler vermarktet.

Das Familienunternehmen

Dem Besucher bei Sto fällt sofort auf, dass sich die Mitarbeiter sehr mit dem Familienunternehmen identifizieren. Freundlichkeit und positive Ausstrahlung scheinen entweder Einstellungskriterium zu sein oder sie sind – was wahrscheinlicher ist – das Resultat guter Führung und Zufriedenheit mit dem eigenen Tun. Mitursache dafür sind wohl ein Leitbild und Wertesystem, die nicht nur nach außen, sondern auch intern gelebt werden.

Ausgangspunkt ist die Vision, Technologieführer für die menschliche und nachhaltige Gestaltung gebauter Lebensräume zu sein. Zahlreiche Innovationen wie Fassadenfarbe mit Lotus-Effekt, VHF-Systeme aus mineralgefülltem Acrylglas oder mit integrierten PV-Modulen, hochwirksame Innendämmsysteme oder die zunehmende Verwendung nachwachsender Rohstoffe – um nur einige Beispiel zu nennen – zeigen, dass man die­sem Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen ist.

Besonders am Herzen liegt Jochen Stotmeister die junge Generation. Das zeigt sich nicht nur in der Bereitschaft des Unternehmens, viel in die Ausbildung zu investieren. Zum 50. Jubiläum im Jahr 2005 wurde die Sto Stiftung ins Leben gerufen, die besonders gute und motivierte junge Handwerker und angehende Architekten unterstützt.

Aktuell ist mit Gerd Stotmeister (Technik) nur noch ein Familienmitglied im Vorstand der STO Management SE, die als persönlich haftende Gesellschafterin die Geschäfte der den Besitz betreffenden Sto SE & CO. KGaA führt. Durch diese Konstruktion ist sichergestellt, dass der Einfluss der Familie auf das börsennotierte Unternehmen gewahrt bleibt, selbst wenn gerade kein Familienmitglied im Vorstand ist.

Autor

Thomas Schwarzmann ist Redakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Im Ziegenstall begann die erste Produktion von Kunstharzputz

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