Spurensuche im Handwerk

In vielen historischen Gebäuden findet man bewusst hinterlassene Zeichen von Handwerkern und unwillkürlich entstandene Zeugnisse ihrer Arbeit. Diese Spuren zu erkennen und die Befunde zu sichern ist nicht nur für Historiker, sondern auch für sachgerechte Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten wichtig.

Alle Spuren, die wir verfolgen können, sind handwerksspezifisch. Beginnen wir mit unserer Suche an den Wänden aus Ziegelsteinen, die in jeder Region der Welt möglich ist. In Anlehnung an die Backsteingotik hat sich die Baugestaltung mit Sichtmauerwerk aus gebrannten Ziegeln über Jahrhunderte erhalten. Die Frage ist: War vom verantwortlichen Baumeister jedes Detail der Bauausführung vorgegeben, wie Mauerverband, Ziersetzungen, Ziegelformat, Friese, Gesimse und Farbgebung? Wohl eher nicht! Sicherlich erlernte man bei der Berufsausbildung Vorzugslösungen, die angewendet wurden, aber feste Regeln im Sinn von verbindlichen Vorschriften sind erst Anfang des 20. Jahrhunderts – als Normen – entstanden. Insoweit hatten die Meister und Gesellen früher freie Hand bei der Gestaltung. Das führte dazu, dass man, vor allem im ländlichen Raum, vergleichend die Wirkungsgebiete der Meister ermitteln kann, wenn man sich auf Spurensuche begibt.

Werden Gebäude in Teilen rückgebaut, kann es im Inneren unbekannte Spuren geben. Wird nicht mit Rücksicht und Sorgfalt gearbeitet, verlieren wir viele wertvolle Informationen.

Die Handwerker datierten ihre Arbeit

Zu den interessantesten Befunden an Bauwerken gehören Angaben zum Entstehungsjahr. Die angebrachten Datierungen erscheinen in unterschiedlicher Form. Manchmal müssen Stadt- oder Dorfgeschichte korrigiert werden, wenn neue Fakten auftauchen.

Spuren der Ziegelherstellung

Von der Ziegelherstellung werden wohl die meisten Spuren gefunden und dokumentiert. Die seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt hergestellten Ziegelprodukte waren reine Handarbeit. Hier hatten die Ziegeleien, die es in großer Anzahl gab, ihre eigenen Ziegeleizeichen. Für den Nachweis von Qualität war das sehr wichtig. In den Städten gab es die Ziegelhäfen, über die täglich Hunderdtausend, manchmal Millionen von Ziegeln zu den Baustellen gebracht wurden. Hier finden sich die Spuren in alten Stadtplänen, wo die Ziegelhäfen und Ziegelablagen eingetragen sind. An Ziegeln aus Abbruchmaterial findet man die Ziegelmarken, aber auch an bestehenden Gebäuden.

Da die Ziegel auf dem Boden liegend gefertigt wurden, kam es zu Fußspuren von Tieren aller Art, die in den feuchten Ton traten. Auch menschliche Fußabdrücke sind zu finden. Besonders bei Dachziegeln findet man phantasievolle „Feierabendziegel“, die aus Freude und Stolz gefertigt wurden. Angeblich wurden diese auch für ein Trinkgeld angeboten.

Steinmetzzeichen

Anders verhält es sich mit den Steinmetzzeichen. Diese, in der Regel an Naturstein-Quadern angebrachten Markierungen, sind selbst nach einem Farbauftrag noch sichtbar und damit auffindbar.

Diese, Runen ähnelnden Zeichen sind Ritzungen auf der Ansichtsseite der Werksteine, also an der Fassadenfläche. Sie sind das Signum des Steinmetzmeisters beziehungsweise seiner Werkstatt. Die Markierungen dienten als Qualitätsnachweis und für die Leistungsabrechnung gegenüber dem Bauherrn. Diese Zeichen setzten sich in der Spätromanik und Gotik allgemein durch. Wir finden sie an vielen Bauten dieser Zeit. Aus diesen Steinmetzzeichen entstanden individuelle Meisterzeichen, indem sie eine schildartige Umrahmung erhielten. Später dienten diese als Vorlage für das Innungszeichen der Steinmetze. Die ältesten Steinmetzzeichen kennen wir an der Klosterkirche in Alpirsbach (1095 bis 1099) und an der Afrakapelle am Dom zu Spayer (1090 bis 1103).

Man kann absichtlich gelegte und versehentlich entstandene Spuren unterscheiden. Während zu erkennen ist, dass viele Spuren absichtlich für die Nachwelt bestimmt sind, gibt es weniger offensichtliche Befunde. Nehmen wir das Mauern mit großen, also besonders schweren Steinquadern. Hier kam schon im Mittelalter eine Steinzange zum Einsatz. Damit die Steine fest in der Zange hingen, bekamen die Quader im Schwerpunkt der Innen- und Außenfläche jeweils ein kleines Loch, in das die Zangenhaken griffen. Diese Befunde sind an vielen repräsentativen Gebäuden vorzufinden. Erst mit der Entwicklung anderer Anschlagmittel kam diese Ausführung zum Erliegen.

Textnachrichten machen neugierig und werden heute noch mit eingebaut

Eine bekannte Quelle für Nachrichten aus der Vergangenheit sind Zeitungen, die unter der Tapete oder als Dichtung beim Fenstereinbau verwendet wurden. Diese sollten sorgfältig geborgen werden. Auch bei Grundsteinlegungen und Richtefesten werden Nachrichten für die Nachwelt hinterlegt.

Das Findlingsmauerwerk als Zeitzeuge

Die im Raum um Nord- und Ostsee in großer Anzahl vorhandenen Findlinge aus der Eiszeit wurden als Baumaterial hoch geschätzt. Die vielfältigen Gesteinsarten geben prächtige Bilder an den alten Bauwerken. Die Verarbeitung war schwer, die Bearbeitung der Steine erfolgte sehr unterschiedlich von einseitiger bis sechsseitiger Bearbeitung. Bis zur Zeit der Elektrifizierung, in der keine starken Bohrmaschinen zur Verfügung standen, wurden die Findlinge von Hand gespalten. Hauptsächlich kamen Keile aus Metall zum Einsatz, es gibt aber auch Methoden, wo mit Holzkeilen gearbeitet wurde.

Seit der Elektrifizierung finden wir gespaltete Feldsteine, die die Spuren von Bohrlöchern aufweisen. Häufig sind die beiden Teile (Hälften) unmittelbar nebeneinander vermauert worden. So finden wir diese als „Zwillinge“ in einer Mauer.

Spuren und Zeichen im Holzbau

Ein wesentlicher Teil der Baukunst sind Holzkonstruktionen wie Decken, Galerien, Emporen, Dachtragwerke und Brücken. Grundsätzlich gilt das Gleiche, wie das zum Mauerwerksbau Gesagte. Schon mit der Oberfläche der Holzbauteile beginnt das Spurenlesen. Neben der Holzart ist die Art der Oberflächenbehandlung von Interesse. Hier kennen wir die Spurenbilder für Bebeilen (mit dem Breitbeil beschlagen), Sägen mit Schrotsäge, Sägen mit Kreissäge, Sägen mit Gattersäge (horizontal oder vertikal) sowie das Hobeln, Schleifen und Polieren.

Bereits mit der Betrachtung der Holzoberfläche kann eine erste zeitliche Einordnung der Entstehung erfolgen. Hinzu kommen die verschiedensten Holzverbindungen, die regional und den historischen Bauepochen zugeordnet werden können. So ist in einem mittelalterlichen Speicher in Lietzen eine Abbundtechnik vorzufinden, die der Süddeutschen Zimmermannskunst zuzuordnen ist (Alemannischer Abbund). Da der Bau auf den Templerorden zurückgeht, kann von einer entsprechenden Verbindung ausgegangen werden.

Weitere sehr gut lesbare Spuren sind die Bundzeichen, die der Zimmermann verwendet, um die vorbereiteten Hölzer den Bauteilen zuzuordnen.

Untersucht man nun eine überlieferte Konstruktion, erkennt man unter anderem an den Bundzeichen, welche Bauteile noch original vorhanden sind. Das sind wertvolle Erkenntnisse.

Spuren als Zeugnis, Qualität und Wert der Dokumentation

Befunde müssen fachgerecht dokumentiert werden. Dabei werden Informationen wie: Fundort mit Maßstab, Gebäude, Bauteil, Ebene, Lage (nach Himmelsrichtung und/oder Meterraster), Datum, Lagerort des Befundes und Bearbeiter dauerhaft festgehalten. Neben schriftlicher Niederlegung sind Skizzen, Zeichnungen und Fotos zu den Befunden erforderlich. Bei Speichermedien muss man deren Dauerhaftigkeit rechtzeitig klären. Oberflächlichkeit und Ungenauigkeit machen Befunde in der Regel wertlos.

Fazit: Arbeit mit den Befunden

Oft können Erkenntnisse aus Befunden erst nach längerer Zeit gezogen werden. Die Methoden dafür werden ständig genauer und komplexer. Auf jeden Fall muss man bei Arbeiten an wertvollen Gebäuden nach derartigen Unterlagen forschen, um diese mit den neuen Erkenntnissen fortzuschreiben. Diese Arbeitsweise ist für Baudenkmale Pflicht. Für die vielen anderen, ebenfalls wertvollen Gebäude sollte man sich die gleiche Mühe machen.

Autor

Ekkehart Hähnel ist Architekt und Autor mehrerer Fachbücher. Er lebt und arbeitet in Müncheberg.

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