Strukturwandel in der Lausitz: Umnutzung von Industriebauten

Der Ausstieg aus der Kohle ist beschlossen. Große Regionen in Deutschland stehen vor einem Strukturwandel. Die Lausitz ganz im Osten der Republik ist eine davon, in der sich Menschen und Industriebauten neu erfinden müssen.

Die Lausitz verwandelte sich im 19. Jahrhundert parallel zum Braunkohletagebau in eine Industrieregion. Davon zeugen noch heute zahlreiche Bauten, die dem Abbau, der Förderung und Weiterverarbeitung der Braunkohle dienten, aber auch der Glasindustrie, die die Braunkohle zur Erzeugung von Generatorengas als Energielieferant gut gebrauchen konnte.

Erster Strukturwandel

Nach der Wiedervereinigung erlebte die Region in den 1990er Jahren einen ersten einschneidenden Strukturwandel. Viele Tausend Arbeitsplätze gingen verloren, die Orte der Arbeit verloren ihre Funktion, die Region lag am Boden. In dieser Zeit fand ganz im Westen der Republik im Ruhrpott die Internationale Bauausstellung Emscher Park statt, in deren Rahmen für zahlreiche Industriedenkmale neue Nutzungen gefunden wurden. Die IBA Emscher Park sollte für die Lausitz zum Vorbild werden, nur dass dort als besondere Anforderung noch die Landschaft hinzukam, die der Braunkohletagebergbau hinterlassen hatte, der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet fand unterirdisch statt. Wie der Ruhrpott stand und steht nun die Lausitz vor einem gigantischen Konversionsprozess.

Zweiter Strukturwandel

Wie sehr der Tagebau in die Landschaft eingegriffen hat, zeigt der Wandel der Lausitz in eine Seenlandschaft. Im Gegensatz zur Mecklenburgischen Seenplatte, die natürlich entstanden ist, wurde die Seenlandschaft der Lausitz von Menschen geschaffen. Es gibt bereits 25 künstliche Seen mit einer gigantischen Gesamtfläche von fast 15 000 Hektar, an deren Ufern Strände, Marinas, Hotels und Campingplätze entstehen. Durch die Flutung der Tagebaugruben entsteht dort die größte von Menschenhand geschaffene Seenlandschaft Europas.

Außerdem gibt es in der Lausitz rund 150 Denkmale, die einen Bezug zum Braunkohlebergbau haben. Zu Beginn der 2000er Jahre gründete sich daher unter anderem die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land. „Für uns war klar, wir wollten ein einmaliges Seenland, in der die Zeugnisse der Industrie nicht verschwinden. Die wichtigsten Vertreter der Industriekultur mussten erhalten bleiben“, sagt Prof. Rolf Kuhn, ehemaliger Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land. Diesen Konversionsprozess nahm die 42. Pressefahrt des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz Anfang Mai dieses Jahres zum Anlass, ausgesuchte Objekte dieses Wandels zu besuchen.

Schaufelbagger „Blaues Wunder“ und Besucherbergwerk F60

Die Zukunft des Schaufelbaggers „Blaues Wunder“ in Schipkau ist ungewiss
Foto: Thomas Wieckhorst

Die Zukunft des Schaufelbaggers „Blaues Wunder“ in Schipkau ist ungewiss
Foto: Thomas Wieckhorst
Ein solches Objekt ist der Schaufelbagger „Blaues Wunder“. 18 Tage lang war er im September 2003 im Rahmen der IBA Fürst-Pückler-Land von seinem ursprünglichen Standort in einer Braunkohlegrube aus eigener Kraft unterwegs nach Schipkau. Dort steht er heute weithin sichtbar als Landmarke auf einem Berg. Möglich wurde dies durch eine Vereinbarung der Kommunen Großräschen, Schipkau und Senftenberg mit der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Doch die Zukunft des Schaufelradbaggers vom Typ SRs 1500 (Baujahr 1964/65) ist ungewiss. Der 3850 t schwere und rund 170 m lange Koloss rostet vorerst weiter mit eingeschlagenen Scheiben vor sich hin.

Die Förderbrücke F60 in Lichterfelde ist heute ein Besucherbergwerk
Foto: Besucherbergwerk F60

Die Förderbrücke F60 in Lichterfelde ist heute ein Besucherbergwerk
Foto: Besucherbergwerk F60
Anders erging es der Förderbrücke F60. Beide Maschinen dienten dem Abbau der Erdschichten über der Braunkohle. Schon 1998 erwarb die Gemeinde Lichterfeld-Schnaksdorf die 11 000 t schwere und rund 500 m lange Förderbrücke. Ihre letzte Fahrt fand am 19. Februar 2000 zum heutigen Standort statt. Sie ist eine der größten beweglichen Maschinen der Welt und seit Mai 2002 ein Besucherbergwerk und eine Event-Location. Hausmeister ist dort ein Maler, da die Hauptaufgabe der Schutz der Stahlkonstruktion vor Rost ist. Hilfe erhält er von Industriekletterern. Diese arbeiten mit Werkzeugen von der Drahtbürste bis zum Strahlgerät. „Aber ein bisschen morbide darf es schon noch sein“, meint André Speri vom Besucherbergwerk.

Brikettfabrik wird Industriemuseum

In der Brikettfabrik in Knappenrode befindet sich seit 2020 die Energiefabrik Knappenrode – einer von vier Standorten des Sächsischen Industriemuseums
Foto: Thomas Wieckhorst

In der Brikettfabrik in Knappenrode befindet sich seit 2020 die Energiefabrik Knappenrode – einer von vier Standorten des Sächsischen Industriemuseums
Foto: Thomas Wieckhorst
„Die Förderbrücke F60 und die Brikettfabrik in Knappenrode sind Industriebauten, die im europäischen Vergleich herausragend sind“, sagt Dr. Lars Scharnholz vom Institut für Neue Industriekultur INIK. Die 1914 durch die Eintracht Braunkohlenwerke und Brikettfabriken AG unter Leitung des preußischen Großindustriellen Joseph Werminghoff im heutigen Knappenrode errichtete Brikettfabrik wurde noch bis 1993 mit Rohkohle aus dem Braunkohletagebau beschickt. Sie galt zu Beginn als eine der modernsten Fabriken Europas. Heute befindet sich in dem aus Backstein errichteten Gebäude die Energiefabrik Knappenrode – einer von vier Standorten des Sächsischen Industriemuseums. In der Dauerausstellung ist die Entwicklung des alten Lausitzer Reviers von seinen vorindustriellen Anfängen bis hin zu einer zukunftsorientierten Urlaubs- und Energieregion zu sehen.

Im Foyer des Museums heben sich die modernen Gestaltungselemente deutlich von den Wandoberflächen mit ihren Zeit- und Nutzungsspuren ab
Foto: Thomas Wieckhorst

Im Foyer des Museums heben sich die modernen Gestaltungselemente deutlich von den Wandoberflächen mit ihren Zeit- und Nutzungsspuren ab
Foto: Thomas Wieckhorst
Im Zuge des 2018 begonnenen Umbaus musste etwa ein Drittel der Bausubstanz der Brikettfabrik abgerissen werden. Dabei fielen rund 2500 t Bauschutt an. Im Gegenzug mussten die Maurer 400 m2 neue Wände aus Kalksandstein errichten. Fast 100 neue, zum Teil bis zu 3 m hohe Fenster wurden aus Stahlprofilen konstruiert in die Maueröffnungen gesetzt. Ein aus Stahl- und Betonfertigteilen montierter Aufzug führt heute bis hinauf zur 37 m hohen Aussichtsplattform „Lausitzblick“ oberhalb der Dächer der einstigen Brikettfabrik.

Bei den Umbauarbeiten hat man besonderen Wert darauf gelegt, dass die Zeit- und Nutzungsspuren am industriellen Bestand erhalten bleiben. Das gilt sowohl für die zur Brikettherstellung im Gebäude verbliebenen Maschinen als auch für die Bausubstanz selbst, deren Oberflächen weitgehend unsaniert blieben. Abblätternde Farbe hat man bewusst so belassen, wie man sie vorgefunden hat. Daher sind nicht nur die Bauten selbst Exponate der Ausstellung, sondern auch die darin enthaltenen Maschinen, die man auch heute noch in Aktion sehen kann. Entstanden ist auf rund 2850 m2 Museumsfläche eine Industrieausstellung, in der man Geschichte erleben kann. 1100 m2 Fläche stehen für Depot, Verwaltung und Magazin zur Verfügung.

Bauten der Glasindustrie auf dem Telux-Gelände in Weißwasser

Weißwasser wurde als Industriestadt für Kohle und Glas erbaut. Vorkommen an Braunkohle, Quarzsand und Ton sowie die Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Berlin-Görlitz im Jahr 1867 waren die Grundlage für die Industrialisierung dort. In wenigen Jahrzehnten wuchs das einstige Dorf zum wichtigsten Standort der Glaserzeugung Europas heran. In den 1930er und 1940er Jahren haben Wilhelm Wagenfeld als Glasgestalter und Ernst Neufert als Architekt in der Stadt gearbeitet. Beide setzten dort fort, was sie als Studenten am Bauhaus gelernt hatten.

Auf dem Telux-Gelände in Weißwasser befindet sich in einem Teil der Backsteingebäude heute das Soziokulturelle Zentrum Telux
Foto: Thomas Wieckhorst

Auf dem Telux-Gelände in Weißwasser befindet sich in einem Teil der Backsteingebäude heute das Soziokulturelle Zentrum Telux
Foto: Thomas Wieckhorst
Von den vielen Unternehmen der Glasindustrie ist in Weißwasser heute nur ein einziges übriggeblieben. Einst gehörte auch das Glaswerk Telux zu den ganz großen Anbietern. Die ältesten Backsteingebäude auf dem Werksgelände in Weißwasser stammen aus dem Jahr 1910, wobei ein Schornstein an der Hermannsdorfer Straße vermutlich aus dem Gründungsjahr der „Neuen Oberlausitzer Glaswerke“ von 1899 stammt.

Zum Soziokulturellen Zentrum gehört auch die Hafenstube Telux
Foto: Thomas Wieckhorst

Zum Soziokulturellen Zentrum gehört auch die Hafenstube Telux
Foto: Thomas Wieckhorst
Seit 1990 wird in dem Glaswerk kein Glas mehr hergestellt. Zuvor waren im späteren VEB Spezialglaswerk „Einheit“ über 1000 Menschen damit beschäftigt Hart- und Weichglasprodukte herzustellen. Telux trug maßgeblich zur Identifikation der Stadt als Glasmacherstadt bei. Die Liegenschaftseigentümer des Telux-Geländes sind um eine Neubelebung und Nutzung der Gebäude bemüht. Seit 2015 entwickelt der Mobile Jugendarbeit und Soziokultur e.V. aus Weißwasser Teile des Geländes und der Gebäude weiter zum Soziokulturellen Zentrum Telux. 2016 öffnete die Hafenstube Telux als Ort für Kultur, Teilhabe und Mitgestaltung. Ein Hafen im maritimen Sinne ist allerdings weit und breit nicht zu finden. Der Name nimmt Bezug auf die Schmelzwanne, in der aus den Rohstoffen das flüssige Glas geschmolzen wurde, die auch als Hafen bezeichnet wird. Bei der Umnutzung legten die Verantwortlichen viel Wert darauf, die Geschichte des Ortes zu erhalten. Auch viele Bauteile aus der einst industriellen Produktion wurden in das Design der neuen Innengestaltung geschickt integriert.

Moderne Gestaltungselemente und Überbleibsel der industriellen Produktion wurden in der Hafenstube Telux geschickt miteinander kombiniert
Foto: Thomas Wieckhorst

Moderne Gestaltungselemente und Überbleibsel der industriellen Produktion wurden in der Hafenstube Telux geschickt miteinander kombiniert
Foto: Thomas Wieckhorst
Mittlerweile hat sich auf dem Telux-Gelände und in den Gebäuden dort eine bunte Mischung unterschiedlicher Nutzer etabliert, zu der auch das Denkmalamt und Handwerksbetriebe gehören. Manches ist noch ungenutzt, aber das Projekt wächst weiter.

Neufert-Hallen in Weißwasser

Die nach Plänen von Ernst Neufert in den 1930er Jahren in Weißwasser als Zentrallager der örtlichen Glasindustrie errichteten Hallen sollen wieder als Lager genutzt werden
Foto: Thomas Wieckhorst

Die nach Plänen von Ernst Neufert in den 1930er Jahren in Weißwasser als Zentrallager der örtlichen Glasindustrie errichteten Hallen sollen wieder als Lager genutzt werden
Foto: Thomas Wieckhorst
Die vielen Unternehmen der Glasindustrie benötigten in den 1930er Jahren ein Zentrallager für ihre Produkte. Wilhelm Wagenfeld, der ab 1935 künstlerischer Leiter der „Vereinigten Lausitzer Glaswerke“ (VLG) war, beauftragte mit der Planung seinen einstigen Bauhaus-Kommilitonen Ernst Neufert. Dieser entwarf das Gebäude als gebautes Lehrbuch und Experiment und achtete dabei darauf, dass Arbeitsweisen und Produktionsabläufe nach ihren minimal notwendigen Bewegungsabläufen organisiert und optimiert werden konnten.

Die Neufert-Hallen in Weißwasser sind zurzeit noch unsaniert – ein Lost Place mit  Stahlstützen, verputzten Backsteinwänden  und abblätternder Farbe
Foto: Thomas Wieckhorst

Die Neufert-Hallen in Weißwasser sind zurzeit noch unsaniert – ein Lost Place mit  Stahlstützen, verputzten Backsteinwänden  und abblätternder Farbe
Foto: Thomas Wieckhorst
Die so genannten Neufert-Hallen dienten noch bis vor sieben Jahren als Lagerraum. Danach sollten sie abgerissen werden. Doch hatte man in Weißwasser den Wert der Hallen erkannt. Vor vier Jahren gründete sich vor Ort ein Verein mit dem Ziel der Erhaltung der Hallen. Das Gebäude soll auch künftig wieder als Lager genutzt werden. Zurzeit ist es allerdings noch in einem unsanierten Zustand, was aber den besonderen Charme solcher Bauten ausmacht. Überall blättert Farbe von den Stahlstützen und verputzten Backsteinwänden. Lediglich ein neues Metalldach hat das Gebäude bisher erhalten, in dem das Regenwasser sich zuvor seinen Weg vom Dach- bis ins Erdgeschoss suchte.

Fazit

„Weißwasser zeigt, was Menschen schaffen können, wenn sie sich die Industriekultur bewusst machen“, sagt Thorsten Pötzsch, Oberbürgermeister von Weißwasser. Die Erhaltung solcher Bauten ist eine Frage der Wertschätzung. Auch Industriebauten stiften Identität.

 

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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