Umnutzung eines Ausbesserungswerks von 1864 zum Kulturbahnhof Aalen

Ein Leuchtturmprojekt mit überregionaler Strahlkraft für Kultur und Kreativität hatte sich die Stadt Aalen gewünscht. Mit dem Kulturbahnhof, einem von a+r Architekten revitalisierten Gebäudeensemble der Bahn von 1864, ging dieser Wunsch für rund 19,2 Millionen Euro in Erfüllung.

Die Idee der Stadt Aalen war, dem neuen Quartier Stadtoval, das derzeit auf einem 6,5 ha großen, ehemaligen Bahnareal entsteht, ein kulturelles Zentrum zu geben. Das dazugehörige Bahnausbesserungswerk mit Verwaltungsgebäude schien dafür wie geschaffen. So lobte die Stadt einen nicht offenen Realisierungswettbewerb aus, aus dem das Büro a+r Architekten 2015 als Sieger hervorging. Mit dem Kulturbahnhof Aalen (KUBAA) ist es gelungen, das von den Architekten formulierte Ziel, die Aalener Industriearchitektur behutsam zu erhalten und daraus ein zukunftsweisendes Kulturzentrum entstehen zu lassen, erfolgreich umzusetzen. Gemeinsam mit der Musikschule Aalen, dem Stadttheater, einem Programmkino sowie der Tagungs- und Eventbranche konnte nicht nur das gewünschte kulturelle Zentrum des neuen Quartiers realisiert, sondern sogar ein Kulturmagnet für die gesamte Region mit einer architektonisch anspruchsvollen Mischung historischer und moderner Elemente geschaffen werden.

Von der ursprünglichen Doppel-H-Figur des ehemaligen Ausbesserungswerks von 1864 waren nach diversen Eingriffen durch die Umnutzung zu einer Baustahlfabrik in den 1950er Jahren sowie einem Brand 2014 nur noch Teilbereiche vorhanden. Ganz oder teilweise erhalten geblieben waren der nördlichste Flügel mit einer Länge von 60 m, ein verkürzter südlicher Flügel (34 m Länge) sowie der verbindende Mitteltrakt (52 m Länge). Während der Nordflügel quasi vollständig erhalten war, standen vom Mitteltrakt nur noch die Außenwände. Ähnlich verhielt es sich mit dem Südflügel, wobei hier die Südfassade und der Ostgiebel ganz abgebrochen werden mussten, da sie stark zerstört waren und der Aufwand zum Erhalt unverhältnismäßig hoch gewesen wäre. Nach Aussage der Architekten spielten sie im ursprünglichen Gebäude nur eine untergeordnete Rolle. „Unser Grundgedanke war, die Bausubstanz zu reaktivieren“, so Hellmut Schiefer, Leiter des Projekts im Büro a+r Architekten. „Das Gebäude stand nicht unter Denkmalschutz. Wichtiger für den Entwurf und den Erhalt der Industriearchitektur war die bauzeittypische Sandsteinfassade wieder zur Geltung kommen zu lassen, sie zu restaurieren und – wo für das Gesamtbild nötig – sie durch Fassaden aus eingefärbtem Sichtbeton zu ergänzen, wie beim abgebrochenen Ostgiebel und der Südfassade.“

Nutzung und Organisation 

Der Entwurf der Architekten lässt sich in drei wesentliche Maßnahmen gliedern: erstens die behutsame Sanierung der bestehenden Sandsteinfassaden, zweitens die Ergänzung mit neuen Sichtbetonaußenwänden sowie einem neuen Tragsystem innerhalb der Außenwände und drittens einem neuen, auf den Mitteltrakt aufgesetzten zweigeschossigen Riegel, der in seiner Nord-Süd-Achse auch die Querriegel teilweise überbaut. Während die Sichtbetonwände in stilisierter Form die historischen Fassaden in ihren Proportionen aufgreifen und neu interpretieren, ist die Aufstockung mit einer umlaufenden, semitransparenten Metallfassade deutlich als modernes Element erkennbar. Das mäanderförmig gekantete 3-mm-Lochblech aus pulverbeschichtetem Aluminium zeigt durch eine unterschiedliche Lochung verschiedene Grade der Transparenz. Die aufgesetzten neuen Geschosse stehen somit in feinfühliger und doch spannender Korrespondenz mit dem Bestand.

Das Gebäude gliedert sich in seiner Nutzung in den überwiegend öffentlichen Erdgeschossbereich und die Musik- und Theaterübungsbereiche in den neu aufgesattelten Obergeschossen. Im Erdgeschoss befinden sich daher die größeren Veranstaltungsräume, wie das großzügige Foyer, das auch als Ausstellungsfläche dient und der Theatersaal im Mitteltrakt sowie der Kinosaal und ein Tagungs- und Eventraum im Nordflügel.

Im ersten Obergeschoss liegen dann die Räume der Musikschule mit den Unterrichtsräumen, einem Vorspiel- und einem Orchesterprobenraum. Außerdem sind hier Garderoben-, Masken-, Technik- und Werkstatträume des Theaters untergebracht. Das zweite Obergeschoss ist in ähnlicher Weise organisiert, so dass hier im südlichen Teil Probebühnen, Kostümfundus und Schneiderei sowie nördlich der Mittelachse neben einem Ballettsaal und der Notenbibliothek weitere Unterrichtsräume der Musikschule untergebracht sind.

Mit Geduld und Hingabe 

Bevor am Naturstein die ersten Sanierungsarbeiten beginnen konnten, mussten diverse Wände gesichert, statisch ertüchtigt und Horizontalsperren gesetzt werden. Der Bestand wurde komplett entkernt, die ohnehin nicht originalen Einbauten entfernt.

„Die vielleicht faszinierendsten Ausführungen an diesem Projekt waren für mich die Arbeiten der Steinmetze, die teilweise händisch die alten Sandsteine von Zementschlämmen befreien mussten“, erzählt Architekt Schiefer. „Aber auch neue Steine wurden vor Ort mit dem Hammer gestockt und an den Rändern schariert. Eine Arbeit, für die es ausgesprochen viel Geduld und Hingabe braucht!“ Ein Großteil der Steine konnte durch Niederdruckstrahlen gereinigt, andere mussten, wie beschrieben, Stück für Stück mit dem Hammer vorsichtig vom Zement befreit werden. An einigen Stellen wurden einzelne Steine ausgebessert, ergänzt und mit Retusche farblich angepasst. Dort, wo Ausbessern keine Option mehr darstellte, mussten ganze Steine ausgetauscht werden. An den Westgiebeln zu den Bahnschienen hin beispielsweise wurden mehrere Reihen mit neuen Waldenbucher Sandsteinen ergänzt und bis zur Dachkante aufgemauert, da hier starke Witterungsschäden den Steinen zugesetzt hatten. Teilweise wurden Fenster mit Sandstein geschlossen, blieben aber in ihren Proportionen erhalten, beispielsweise dort, wo sich der große Kinosaal befindet. „Die größte Herausforderung war für uns die Dimension der Steine über den Rundbogenfenstern der Ost- und Westfassaden“, erinnert sich Steinmetz Thomas Pfannenstein, der mit seinem Unternehmen Pfannenstein, Steinmetz- und Natursteinbetrieb die Steinmetzarbeiten am Kulturbahnhof übernommen hat. „Die Sturzsteine hatten Maße von 150 x 60 x 40 cm und mussten per Teleskopstapler in Position gehoben werden.“

Dort, wo die alten Außenwände nicht mehr zu erhalten waren, wurden sie durch neue Wände aus eingefärbtem Sichtbeton ersetzt. Diese sind nicht als Rekonstruktion des Alten zu verstehen, sondern sie wurden in Form, Proportion und Farbgebung an diese angepasst und sind dennoch als zeitgemäße Schicht ablesbar. „Zunächst wurden im Betonwerk kleine Muster von 20 cm x 50 cm Größe angefertigt, um Körnung und Farbgebung des Betons festzulegen“, erklärt Johannes Hüfner von der Firma Otto Heil GmbH & Co KG, die unter anderem die neuen Sicht- und Stahlbetonwände im Projekt gebaut hat. „Um die Wirkung auf größerer Fläche beurteilen zu können, fungierten dann einige der Innenwände, die später verschalt wurden, als Musterwände, um Betonsorte und -farbe zu begutachten. Das Schalbild wurde anhand von Planunterlagen festgelegt.“

Gebäude im Gebäude 

„Im Grunde haben wir ein neues Tragsystem innerhalb der bestehenden Außenwände errichtet, an dem dann auch die historischen Sandsteinwände rückverankert wurden. Wir haben quasi ein Gebäude in das Gebäude gestellt“, erklärt Daniel Abrell vom Büro wh-p ingenieure aus Stuttgart. „Das neue Tragwerk wiederum erhielt seine eigene Gründung, so dass die alten Fundamente nicht ertüchtigt werden mussten.“ Dabei wurde, je nach Befund, auf die Tragfähigkeit des Bestands und die geplante Nutzung unterschiedlich reagiert.

So tragen im Foyer, das auch als Ausstellungsfläche dient, 14 Stahlbetonstützen im Stahlrohrmantel die neuen Obergeschosse, während im daran anschließenden Theaterraum von innen neue Stahlbetonwände vor die bestehenden Sandsteinaußenwände gesetzt wurden, um diesen stützenfrei zu halten. Diese wurden horizontal, sowohl auf Höhe der Decke über dem Erdgeschoss als auch der Decke über dem ersten Obergeschoss, mit Edelstahlankern beziehungsweise über einen auf die Bestandswand aufgesetzten Betongurt mit Isokorb an die neuen Decken angebunden.

Im unteren Bereich handelt es sich bei den neuen Wänden eher um stützenartige Wandteile zwischen den großen, bodentiefen Rundbogenfenstern, die auf  Fundamentplatten mit Mikropfählen gegründet sind. Um zu verhindern, dass die Platten durch die weit außen liegende vertikale Last auf der Innenseite nach oben abheben, wurden hier zudem Zugpfähle gesetzt, die dies nun verhindern.

Während der zweigeschossige Veranstaltungsraum an der Nord-Ost-Ecke ohne Zwischendecke auskommt, so dass hier die unterspannten Stahlträger der Dachkonstruktion sichtbar sind, handelt es sich bei der Decke des Kinosaals, die diesen zum darüberliegenden Orchesterprobenraum abtrennt, um eine vorgespannte Stahlbetondecke.

Diese spannt über eine Länge von 12,50 m und gewährleistet so einen stützenfreien Blick auf die Leinwand. Die Spannbetondecke liegt an der Westseite in Auflagertaschen, die zunächst mit dem Kernbohrer herausgebohrt wurden, auf der Bestandswand auf. Während Beton und Bewehrung in die Taschen geführt wurden, sitzen die Festanker raumseitig unmittelbar vor der Außenwand. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt die Decke auf einer der neuen Stahlbetonwände auf. An dieser Seite sitzen die Ankerköpfe, über die die Decke vorgespannt wurde.

Schließlich sind sowohl die Erschließungskerne, Garderoben und anderen Nebenräume im Nordflügel zwischen Kino und Veranstaltungsraum als auch die Nebenräume im Mitteltrakt zwischen Ausstellungsraum und Theater als tragende Boxen eingestellt und leisten ihren Anteil am Tragsystem.

Brand- und Schallschutz 

„Der Brandschutz stellte in diesem Sanierungsprojekt tatsächlich kein besonderes Problem dar“, erinnert sich Architekt Schiefer. „Komplexer war der Schallschutz, da durch die parallele Nutzung von Musikschule und anderen Veranstaltungen die Schallentkopplung eine wesentliche Rolle spielte.“ So konnte beispielsweise durch Doppelwände und dreifachgefalzte Türen die Schallentkoppelung der Übungsräume auch untereinander berücksichtigt werden. Und das Kino wurde als Raum im Raum behandelt und schallentkoppelt verkleidet. Sämtliche Schalldurchgänge wurden sorgfältig geschlossen, so dass nun keine Geräusche der darüber stattfindenden Orchesterproben den Kinobesuch stören können.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Stadt Aalen, www.aalen.de 

Architektur a+r Architekten, Stuttgart, www.ackermann-raff.de 

Bauleitung Ernst2 Architekten, Aalen, www.ernst2-architekten.de 

Statik Weischede, Herrmann und Partner, Stuttgart, wh-p.de 

Abriss- und Rohbauarbeiten Otto Heil, Etlingshausen, www.ottoheil.de 

Natursteinarbeiten Pfannenstein, Winnweiler, www.naturstein-pfannenstein.de

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