Von der Notunterkunft zur Bleibe: dezentrale Gebäude zur Unterbringung von Flüchtlingen in Ahaus

Wie viele Städte und Gemeinden sieht sich auch Ahaus mit hohen Flüchtlingszahlen konfrontiert. Wir haben die Mittelstadt im westlichen Münsterland besucht  und uns gemeinsam mit Vertretern der Stadt einige der sehr unterschiedlichen dezentralen Gebäude zur Unterbringung von Flüchtlingen angesehen.

Viele Kommunen sehen sich einer recht großen Anzahl von Flüchtlingen gegenüber, für die sie kurzfristig Unterkünfte finden müssen. In Ahaus, einer Mittelstadt im westlichen Münsterland, mit knapp 40 000 Einwohnern, sieht es nicht anders aus. „Fünf Tage haben wir Zeit, um passenden Wohnraum für die Flüchtlinge zu schaffen, die uns das Land zugewiesen hat“, sagt Norbert Rose, Fachbereichsleiter Immobilienwirtschaft bei der Stadt Ahaus.

Dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge

In Ahaus reagiert man auf die Unterbringung der Flüchtlinge dezentral: „Im vergangenen Jahr haben wir rund 500 Flüchtlinge aufgenommen. Diese haben wir auf Unterkünfte mit nicht mehr als 35 Betten verteilt. Das ist zwar teurer, aber so werden Konflikte vermieden, die es in großen Einrichtungen durchaus gibt, wo sehr viele Menschen auf engem Raum zusammen leben“, meint Norbert Rose.

Eine Lösung, um Flüchtlinge dezentral unterzubringen, sind Container aus Holz, Stahl oder Beton. In Ahaus stellte die Firma Wenker als Generalunternehmer 16 Container aus thermisch isolierten Metallelementen vorgefertigt in Modulbauweise auf. Diese bieten mit einer Gesamtfläche von rund 410 m2 acht Ein-Raum- und vier Zwei-Raum-Wohnungen mit jeweils einem Bad und einer Küche und darüber hinaus auch haustechnische Räume und ein Büro.

„Wohnkabinen“ in alter Turnhalle

Die Container sind natürlich nur eines von vielen Beispielen zur Unterbringung von Flüchtlingen in Ahaus. Es liegt auf der Hand, auch bestehende Gebäude für die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft umzubauen. Viele Städte und Gemeinden stellen auch ihre Turnhallen als Notunterkunft zur Verfügung – so auch Ahaus. In der alten Turnhalle, die Anfang der 1960er Jahre im Ortsteil Alstätte erbaut wurde, hatte man schon zuzeiten des Kosovokriegs Ende der 1990er Jahre über 100 Flüchtlinge untergebracht. Doch ein paar Quadratmeter Hallenfußboden, notdürftig von Planen oder mobilen Stellwänden zu einem Raum gezäunt, haben wenig mit einer menschenwürdigen Unterbringung zu tun. Das weiß man natürlich auch in Ahaus. Daher hat sich die Stadt bei der neuerlichen Unterbringung von Flüchtlingen in der alten Turnhalle zu einem Umbau und damit für eine widerstandsfähigere Aufteilung der rund 530 m2 großen Hallenfläche entschieden. Da die Flüchtlinge jeweils nur für kurze Zeit in den in Trockenbauweise errichteten „Wohnkabinen“ bleiben sollen, dürfen diese auch nach oben hin offen sein, da nur so eine kostengünstige Beheizung, Belüftung und Belichtung der Räume gewährleistet ist.

Umbau in Trockenbauweise

Ende vergangenen Jahres rückten die Mitarbeiter der ortsansässigen Tischlerei Coßmann auf der Baustelle an und stellten den von der Stadt geplanten Grundriss in Leichtbauweise her. Dazu montierten sie auf dem vorhandenen Hallenboden das Metallständerwerk für die Trockenbauwände, das sie mit Gipskartonplatten beplankten. Gespachtelt wurden die Plattenstöße nur einmal und geschliffen gar nicht, denn es handelt sich nun einmal um eine Unterkunft für die kurzfristige Unterbringung von Flüchtlingen. Da sind schnelle, praktikable und kostengünstige Lösungen gefragt. Abschließend erhielten die Platten einen weißen Anstrich. Auch diese Malerarbeiten übernahmen die Mitarbeiter der Tischlerei Coßmann.

Die von einem Mittelgang aus erschlossenen Unterkünfte befinden sich an den Hallenlängsseiten. Es sind zwölf „Wohnkabinen“ in denen zwei bis acht Personen Platz finden. Es gibt je zwei Dusch- und WC-Räume, um eine Geschlechtertrennung zu ermöglichen. Außerdem stehen den Flüchtlingen eine gemeinschaftlich nutzbare Küche mit mehreren Herden und ein Waschmaschinenraum zur Verfügung.

Beim Umbau wurde die vorhandene Infrastruktur der Turnhalle genutzt und dabei weitgehend beibehalten. So werden die alten Waschbecken und Toiletten in die neue Nutzung einbezogen. Die nicht mehr ganz neuen Duschkabinen – sie stammen aus einem ehemaligen Bürogebäude und wurden hier wiederverwendet – stellten die Handwerker in Räume neben die Sanitärräume. So können die Wasseranschluss- und Abflussleitungen mit genutzt werden. All dies wirkte sich erheblich auf die Reduzierung der Umbaukosten aus.

Wird die Turnhalle einmal nicht mehr als Erstunterkunft benötigt, können die Trockenbauwände sogar vergleichsweise leicht rückgebaut werden.

Massive Flüchtlingsunterkunft als dauerhafte Bleibe

Anders sieht es in Ahaus in der Ende vergangenen Jahres neu erbauten Flüchtlingsunterkunft „Fürstenkämpe“ aus. Das massiv errichtete Gebäude wurde vom ortsansässigen Architekturbüro Tenhündfeld für eine langfristige Nutzung ursprünglich mit Einzelzimmern sowie Gemeinschaftsküchen und Gemeinschaftssanitärräumen geplant. „Dass in jedem Zimmer heute ein Etagenbett steht, ist der aktuellen Situation geschuldet“, erklärt Norbert Rose.

Der Grundriss des Gebäudes ist L-förmig und wird auch hier durch einen Mittelgang erschlossen. An diesen docken auf einer Grundfläche von fast 1000 m2 auf zwei Ebenen verteilt insgesamt 34 Schlafräume an. Es gibt vier Küchen und vier Bäder, zwei Waschmaschinenräume und ein Büro für den Hausmeister.

Die Mitarbeiter des Bauunternehmens Robert aus Stadtlohn errichteten den Rohbau für die Flüchtlingsunterkunft aus großformatigem Kalksandsteinmauerwerk. Aus Gründen des Schallschutzes bestehen auch die Innenwände aus Kalksandstein. Außen mauerten die Handwerker eine Ziegelschale vor das Kalksandsteinmauerwerk und dämmten den Zwischenraum mit Mineralwolle. Nur der weiße Verbindungsbau zwischen den beiden im rechten Winkel zueinander stehenden Gebäudeteilen wurde aus Porenbetonmauerwerk errichtet und außen weiß verputzt. Innen verputzten die Handwerker mit Kalkzementputz, der einen weißen Anstrich erhielt. „Zementputz besitzt ebenso wie die grauen Bodenfliesen in den Gemeinschaftsräumen und die Bodenbeschichtung der Flure und Zimmer mit einer Epoxidharzbeschichtung mit Einflockung, damit es nicht zu steril wirkt, eine gleichermaßen widerstandsfähige wie leicht zu reinigende Oberfläche. Trotzdem trägt beides zu einer hellen, freundlichen und wohnlichen Atmosphäre bei“, meint Sebastian Gruber, Hochbau Immobilienwirtschaft der Stadt Ahaus.

Die Stahlzargen der Zimmertüren sind weiß gestrichen, die Gemeinschafträume werden von Schildern und Zargen aus Edelstahl gekennzeichnet. Beides ist der Robustheit der Materialien, aber auch dem Design geschuldet.

Da in unmittelbarer Nähe der Flüchtlingsunterkunft bereits ein in den 1990er Jahren erbautes Zweifamilienhaus vorhanden war, baute man dessen Garage zum Blockheizkraftwerk um, das heute beide Gebäude mit Strom und Heizwärme versorgt.

Weitere Informationen finden Sie auch im Internet unter www.initiative-bezahlbarer-wohnungsbau.de

Autor
Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.
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