Von glatt bis rau
Neubau eines Zweifamilienhauses in Ennetbaden

Durch gezielte Einschnitte und eine geschickte Grundrissplanung baute das Architekturbüro L3P in Ennetbaden ein Haus für zwei befreundete Familien, in dem Geometrie und Verspieltheit ideal miteinander verknüpft sind. Das Spiel mit Farbe und Strucktur kommt auch an der verputzten Fassade zum Ausdruck.

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So raffiniert, wie die Architektur des Zweifamilienhauses des Büros L3P Architekten tatsächlich ist, sieht sie auf den ersten Blick gar nicht aus: Ein Kubus auf einem verschobenen Rechteckgrundriss, der an verschiedenen Stellen angeschnitten wurde. Eine im besten Sinne einfache Formsprache mit genau der richtigen Prise Verspieltheit, die nicht gewollt wirkt, sondern durchaus gekonnt.

Die Idee des Entwurfs bestand darin, auf dem attraktiven aber kleinen Südhanggrundstück im schweizerischen Ennetbaden ein Haus mit zwei gleichberechtigten Wohneinheiten für zwei befreundete Familien zu schaffen. Glücklicherweise ließen sich die jeweiligen Wünsche und Schwerpunkte der beiden Bauherrenfamilien perfekt miteinander vereinbaren und zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. Während sich die Bauherren der Talwohnung als eher erdverbunden bezeichnen und ihnen daher der direkte Zugang zum Garten wichtig war, lag es den Bauherren der Hangwohnung in erster Linie an einer tollen Aussicht. Die viergeschossige Hang- und die dreigeschossige Talwohnung sind so geschickt miteinander verwoben, dass dem Haus von außen nicht anzusehen ist, dass sich in seinem Inneren zwei getrennte Wohneinheiten mit jeweils etwa 210 m2 Wohnfläche verbergen.

Die ungewöhnlichen Raumgeometrien, die die Architektur des Hauses bestimmen, ergeben sich zum einen durch die Grundform des Parallelogramms und durch die gewählten Einschnitte. Aber auch durch die abgeknickte Form der Wohnungstrennwand sowie die Anordnung der Treppenläufe entstehen ganz besondere Innenraumsituationen. Welche Bedeutung die Einschnitte für den Entwurf haben, wird auch an dem gewählten Material- und Farbkonzept der Fassade deutlich.

Putzfassade spielt mit Farbe und Struktur

Die Einschnitte, die Terrassen im Erd- und Dachgeschoss sowie einen Durchgang in den gemeinsamen Garten bilden, wurden im Entwurfskonzept differenziert behandelt. Während sich die Architekten dafür entschieden, die großen Hauptfassadenflächen in einem zurückhaltenden Grün zu gestalten, um den Baukörper harmonisch in seine Umgebung einzubetten, sollten sich die braunorangen Einschnitte nicht nur in ihrer Farbigkeit , sondern auch in ihrer Oberflächenstruktur abheben. Während die Handwerker die grünen Flächen mit einem  6 mm dicken, horizontal gestrichenen Besenputz ausführten, überzogen sie die Einschnittsflächen mit einem sehr viel feineren Putz. „Genau genommen handelt es sich um eine zweimal aufgetragene Netzeinbettung, die so eigentlich nicht als Finish-Oberfläche gedacht ist“, erläutert hierzu Architekt Boris Egli. „Wir wollten an dieser Stelle aber eine ganz bestimmte Oberflächenstruktur, die leichte Abrissstellen aufweist, wie in unserem Modell durch das Herausschneiden mit dem Messer. Wir fanden diese Lösung sehr schön, wobei auch die Kosten eine Rolle spielten, denn eine ganz glatte Oberfläche wäre deutlich teurer geworden.“ Die Netzeinbettung (Einbettungsmasse mit Glasfasergewebe) mussten die Handwerker doppelt aufziehen, um die erforderliche Materialdicke für einen dauerhaften Fertigbelag zu erreichen.

Bei dem angewendeten Besenstrichputz der anderen Flächen handelt es sich um eine alte Putztechnik, die derzeit ein Revival erlebt, da sie nicht kompliziert aufzutragen ist und auch mit relativ dünnen, modernen Mörtelmischungen ausgeführt werden kann. Den Deckputz – hier ein organischer Vollabriebputz – zogen die Handwerker mit einer Fassadenbürste auf Kornstärke ab, so dass die Körner als Positivform stehenbleiben und der Oberfläche ihre Struktur geben.

Im Vorfeld probierte der mit den Putzarbeiten beauftragte Betrieb Bürgler aus Wettingen verschiedene Rillenputzarten mit unterschiedlichen Körnungen aus, wobei Dickputze aus Kostengründen nicht in Frage kamen. Für die Entscheidungsfindung bei der Planung wurde mit einer ganzen Reihe von Farb- und Putzmustern gearbeitet. „Wir sind mit der Ausführung der Putzflächen sehr zufrieden!“, betont Egli. „Allerdings wundern wir uns immer wieder, dass Putzmuster in der Regel so ausgeführt werden, dass die Muster auf dem Boden liegen. Das ist zwar nachvollziehbar, gibt aber genau genommen nicht hundertprozentig das Bild wider, das später durch eine Ausführung an der vertikalen Fläche entsteht.“

Modelle erleichtern die Kommunikation

Die besondere Geometrie des Gebäudes stellte sowohl für die Ausführung der Rohbau- und Dämmarbeiten als auch für die Putzarbeiten eine Herausforderung dar. Was im fertigen Zustand leicht und selbstverständlich aussieht, war bei der Umsetzung nicht immer ein Selbstläufer: „Es war schon eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die es erforderte, dass alle Beteiligten gewillt waren, sich für einzelne Detailpunkte mehrfach vor Ort zu einer Besprechung zu treffen“, räumt der Planer ein. „Hilfreich war sicher auch das Transportieren unserer Ideen über Modelle.“ Am schwierigsten war die Ausführung an den Stellen, an denen sich Fassadenkanten in drei Richtungen vergabeln. Der Baukörper mündet hier dreieckig in einer scharfen Kante. So gibt es an einer Gebäudeecke im Dachgeschoss zur Straße hin einen Punkt, an dem die Nordterrasse (mit Attika) der obersten Wohnung im spitzen Winkel auf die Fassade zuläuft. An dieser Stelle ergab sich herstellungstechnisch ein Versprung, der im Endeffekt aber nicht sichtbar sein durfte. Die Kante sollte optisch in einer geraden Linie durchlaufen. Eine ähnliche Situation gab es auch auf der rückwärtigen Terrasse im Erdgeschoss, die ebenfalls an einer Seite in einem spitzen Winkel mit drei Richtungswechseln endet. Die Herausforderung begann für die Handwerker bereits im Rohbau und setzte sich für alle Folgegewerke entsprechend fort. Auch im Fall der Attikasituation hatte es bereits im Rohbau einen Fehler gegeben, der sich über die Dämmarbeiten bis hin zu den Blechen der Spengler fortgesetzt hatte. Durch eine zusätzliche Dämmung, die bis in die Ecke weitergeführt wurde, konnte dieses Detail korrigiert und einwandfrei gelöst werden.

Fensterkonzept: Planung mit Dronenflug

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Fassadenentwurfs waren die Fenster: Die architektonische Idee umfasste in erster Linie drei verschiedene Größen und Arten, die auf den ersten Blick wie zufällig in der Fassade auftauchen. Diese leichte Verspieltheit wirkt nicht aufgesetzt, sondern tut dem sehr geometrischen Gebäude gut. Was hier wirkt wie spontan hineingestreut, wurde in der Planungsphase sehr genau, unter anderem unter Zuhilfenahme einer Drone für die optimalen Ausblicke ausgelotet. In den angeschnittenen Flächen sitzen große Holz-Metall-Schiebetüren mit schwarzem Rahmen. An der übrigen Fassade wechseln sich zwei weitere Fenstertypen ab: Die deutlich größeren, nicht-öffenbaren Fenster, die aus der Fassade heraustreten, mit Zargen aus pulverbeschichtetem Weißalu und die sehr viel kleineren, fassadenbündigen Flügelfenster in einem Perlgold ebenfalls aus lackiertem Aluminium. Gerade bei Aluminiumfenstern, die sich durch Sonnenwärme stark ausdehnen können, war es wichtig, den Übergang zur Putzfläche sorgfältig mit einer Fuge auszuführen, um dem Metall die Möglichkeit zu geben, sich „bewegen“ zu können. Die Fuge sollte aber nicht sichtbar sein, sondern durch einen Anstrich verdeckt werden. Ausgeführt wurde daher eine Hybridfuge, die sich mit Farbe überstreichen lässt.

Ein weiteres Fenster, das allerdings nur einmal verbaut wurde, ist ein Flachdachfenster, das als Oberlicht über der Treppe der viergeschossigen Hangwohnung dient. Dank der Verwendung dieses Velux-Fensters konnte das Haus an dem „Velux Flachdach Award 2012“ teilnehmen und ging daraus zu Recht als Preisträger hervor. Das Oberlicht setzt die Treppe als Skulptur besonders in Szene. Hinter der trapezförmigen Aussparung, die das Fenster wie eine spezielle Sonderanfertigung wirken lässt, verbirgt sich ein normales, rechteckiges Veluxfenster.

Autorin
Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften Der Bauherr, Passivhaus Kompendium sowie bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Am schwierigsten war die Ausführung an den Stellen, an denen sich Fassadenkanten in drei Richtungen vergabeln

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