Fugensanierung mit Trasskalk an der Stadtkirche Schönau: Warum Zementfugen Schäden verursachten
An der Stadtkirche Schönau im Odenwald führten zementhaltige Fugenmörtel aus einer früheren Sanierung zu erheblichen Schäden am historischen Natursteinmauerwerk. Bei der aktuellen Restaurierung setzten Fachleute von Dengel Bau individuell abgestimmte Trasskalkmörtel ein.
Die evangelische Stadtkirche Schönau im Odenwald ist ein Denkmal ersten Ranges: Sie ist das größte noch erhaltene Gebäude eines Zisterzienserklosters, das der Wormser Bischof Burkhard II. im Jahr 1142 gründete. Es war bis 1400 Hauskloster und bevorzugte Grablege der Pfalzgrafen bei Rhein.
Rund 40 Jahre nach der letzten großen Sanierung zeigte sich, dass damalige Eingriffe heute selbst zu Schäden geführt haben. Im Zentrum der aktuellen Arbeiten stand daher die materialgerechte Instandsetzung des Natursteinmauerwerks. Die Arbeiten übernahm im Frühjahr 2025 die Firma Dengel Bau aus Schöntal. Im Jahr zuvor hatte ein spezialisierter Dachdeckerbetrieb bereits das Kirchendach saniert.
Schadensbild: Folgen ungeeigneter Materialien
Die Schäden am historischen Natursteinmauerwerk waren typisch für den Einsatz zementhaltiger Fugenmörtel. Durch die höhere Festigkeit und fehlende Diffusionsoffenheit des Zements kam es zu Spannungsunterschieden zwischen Fugen und Steinen. Über-
stehende Fugen begünstigten den Wassereintrag, was zu Ausbrüchen, Rissen, Absandungen und Feuchteschäden führte. Rund 97 Prozent der Fassade war betroffen. Statisch war das Gebäude stabil.
Um weitere Schäden zu verhindern, sollten die Zementmörtel entfernt und durch historische Kalkmörtel ersetzt werden. Zudem sollte die Fassade gereinigt werden. Bauherr war die Kirchengemeinde Steinachtal. Die Stiftung Schönau finanzierte das Projekt.
Vorbereitung: Analyse, Nachbildung und Bemusterung
Im ersten Schritt entnahmen die Fachleute von Dengel Bau Bestandsproben aus den historischen Fugen und analysierten diese hinsichtlich Bindemittel, Zuschlag und Kornverteilung. An manchen Stellen war der Mörtel deutlich rötlich eingefärbt. Diese Färbung geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Umbau im Jahr 1882 zurück und dokumentiert eine spätere Bauphase des Gebäudes. Diese Zeitschichten sollten weiterhin sichtbar bleiben.
Nach der Analyse wurden insgesamt vier Mörtelrezepturen entwickelt, die sich an den bauzeitlichen Trasskalkmörteln orientierten. Die Zuschläge wurden gezielt gewählt: regionale Sande, Trasskalk als Bindemittel sowie Ziegelmehl für die rötlich eingefärbten Fugen.
Ein zentraler Schritt war die umfangreiche Bemusterung am Bauwerk: Die Fachleute brachten die entwickelten Mischungen in die Fugen ein, um vor Ort Farbwirkung, Struktur und Einbindung in den Bestand beurteilen zu können. Erst nach Freigabe durch die Fachbauleitung wurden die endgültigen Rezepturen festgelegt.
Mauerwerksstruktur und Mörtelabstimmung
Die Kirche besteht aus drei unterschiedlichen Mauerwerksarten:
Quadermauerwerk mit sehr engen Knirschfugen (nahezu fugenlos aneinanderstoßende Werksteine)
Schichtenmauerwerk mit mittleren Fugenbreiten
Bruchsteinmauerwerk mit breiten Fugen
Die Fachleute passten die Mörtel gezielt daran an. Entscheidend war die jeweilige Kornlinie der Zuschläge: Für die sehr schmalen Knirschfugen rezeptierten sie einen Kalkmörtel mit entsprechend feinen Zuschlägen. Im Schichtenmauerwerk wurden verschiedene mittlere Korngrößen verwendet, die sowohl Festigkeit als auch Anpassungsfähigkeit sicherstellen. Das Bruchsteinmauerwerk erforderte gröbere Zuschläge, um das größere Fugenvolumen spannungsarm zu schließen. So entstand ein differenziertes Mörtelsystem.
Ausführung: Arbeiten im Bestand
Die Mauerwerksarbeiten umfassten die komplette Sanierung der Fassade. Dabei arbeiteten die Handwerker von oben nach unten. Hintergrund war eine klare Vorgabe der Kirchengemeinde: Das im Frühjahr 2025 aufgebaute Gerüst sollte zur Adventszeit wieder verschwunden sein. Dengel Bau führte unter anderem folgende Arbeiten aus: Reinigung der Fassade, Ausbau der schadhaften Zementfugen, Neuverfugung mit den abgestimmten Trasskalkmörteln, Natursteinvierungen zur Ergänzung größerer Fehlstellen, Restauriermörtelantragungen an Kanten und Profilen, Rissverpressungen zur Stabilisierung des Gefüges sowie Schalenhinterfüllungen bei Hohlstellen im Mauerwerk und Restaurierungen am Rosettenfenster. Hier restaurierten die Fachleute geschädigte Bereiche und ergänzten sie behutsam. Besonderes Augenmerk galt dem Erhalt der filigranen Strukturen. Bildhauerisches Geschick war auch bei den verwitterten Konsolenköpfen gefragt. Die Steinmetze ergänzten oder rekonstruierten Blattwerk und Voluten denkmalgerecht, wo Partien fehlten oder zerstört waren.
Dach und Giebel: Austausch unter
erschwerten Bedingungen
Die Arbeiten am Mauerwerk waren technisch anspruchsvoll, folgten jedoch weitgehend etablierten restauratorischen Verfahren. Deutlich außergewöhnlicher waren die Arbeiten am Dachgiebel. Den Giebelstein hatten eindringendes Wasser und Rost im Bereich der Bohrung für die Befestigung der Wetterfahne regelrecht gesprengt. In der Werkstatt von Dengel Bau fertigten die Steinmetze ihn aus Odenwälder Buntsandstein originalgetreu nach. Auf der Baustelle hoben sie das Werkstück – fast wie ihre Vorgänger im zwölften Jahrhundert – mit einem Kettenzug auf das Dach und setzten es dort ein.
Die angrenzenden Abdeckplatten auf der Giebelschräge mussten die Handwerker ebenfalls restaurieren, teilweise tauschten sie sie aus. Glücklicherweise fanden sich im Traufgraben der Kirche bauzeitliche Steinplatten, mit denen sich die schadhaften Stücke ersetzen ließen. Nur wenige Elemente mussten deshalb neu gefertigt werden. Platten und Giebelstein hatten die alten Baumeister konstruktiv über Eisenklammern miteinander verbunden. Die dafür erforderlichen Fugen wurden mit Hüttenweichblei vergossen und verdichtet, um sie so wetterfest zu machen. Hüttenweichblei ist ein besonders reines, weich verformbares Blei, das traditionell für Bleivergüsse im Natursteinbau verwendet wird.
Metallverbindungen: Erhalt und Nachbildung
Die Eisenklammern waren ebenfalls durch Korrosion geschädigt. Ein Großteil hatte die Jahrhunderte jedoch in brauchbarem Zustand überdauert. Die Restauratoren reinigten diese Klammern und behandelten sie mit einem Kriechöl auf Leinölbasis, das tief in die Korrosionsschichten eindringt und die Metalloberfläche schützt. Einige waren allerdings so stark geschädigt, dass sie erneuert werden mussten. Die bauzeitlich verwendete Eisenqualität mit ihrem hohen Kohlenstoffanteil wird heute nicht mehr hergestellt. Deshalb entschieden sich die Fachleute für rostfreien Edelstahl. Ein Schmied fertigte diese Klammern einzeln nach historischem Vorbild, damit sie exakt in die vorhandenen Steinfugen passten.
Highlight: Bleiverguss der Klammerfugen als historische Technik erfordert viel Erfahrung
Ein besonderes Highlight der Sanierung war der abschließende Bleiverguss der Klammerfugen – eine historische Technik, die heute nur noch selten zur Anwendung kommt und viel Erfahrung erfordert. Dazu reinigten die Handwerker die Fugen und bliesen sie mit Druckluft aus. Anschließend modellierten sie seitliche Begrenzungen aus Ton, um das flüssige Metall besser eingießen zu können. Direkt auf dem Gerüst erhitzten die Fachleute Hüttenweichblei in einem gusseisernen Topf über einem Gasbrenner.
Sobald es vollständig verflüssigt war, musste jeder Handgriff sitzen: Mit einer Schöpfkelle nahmen die Steinmetze das mehrere Kilogramm schwere, glühend heiße Metall auf und brachten es zügig in die vorbereiteten Fugen ein. Dabei blieb nur wenig Zeit, weil das Material schnell abkühlte und innerhalb kürzester Zeit erstarrte.
Der Verguss erforderte ein präzises Zusammenspiel aus Geschwindigkeit und Kontrolle. Heute beherrschen diese Technik nur noch wenige Spezialisten. Nach dem Erkalten wurden die Tonbegrenzungen entfernt und das Blei bündig zur Steinoberfläche abgearbeitet.
Vollständige Instandsetzung statt Teilsanierung
Die Sanierung der Stadtkirche in Schönau war für das Bauunternehmen Dengel Bau auch deshalb bemerkenswert, weil sich die Arbeiten nicht auf punktuelle Reparaturen beschränkten. „Wir konnten hier tatsächlich alles machen, was notwendig war – nicht nur das Nötigste“, sagt Steinmetzmeister Thilo Schlick von Dengel Bau. Für ihn ist genau das der Kern seiner Arbeit: Bauwerke nicht nur zu reparieren, sondern sie wieder in einen Zustand zu bringen, der ihrem ursprünglichen Anspruch gerecht wird. Dass dies hier möglich war, macht das Projekt in seinen Augen zu etwas Besonderem.
AutorenGeorg Dengel ist diplomierter Bauingenieur, Restaurator im Handwerk und Energieberater für Baudenkmäler. Seit 2009 leitet er in dritter Generation die Dengel Bau GmbH in Schöntal-Berlichingen. Der 1945 gegründete Maurerbetrieb hat sich Ende der 1990er Jahre auf die Sanierung von Baudenkmälern spezialisiert. Thilo Schlick ist sein ganzes Berufsleben in der Denkmalpflege tätig.
