Generationswechsel: Beispiele aus dem Gerüstbau zeigen Chancen und Risiken
Der Generationswechsel im Handwerk ist ein Kraftakt – für die Nachfolger wie für die Gründer. Während die einen lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen, gilt es für die anderen loszulassen. Am Beispiel zweier Gerüstbau-Unternehmen wird deutlich, welche Konflikte, Chancen und Lösungen in diesem Prozess stecken.
Schon vor rund zehn Jahren hätte Ingolf Stuber als Inhaber und Geschäftsführer bei Gemeinhardt Service einsteigen können. Denn früh war wahrscheinlich, dass er die Geschäftsanteile von seinem Vater Walter Stuber übernehmen würde, der zusammen mit Dirk Eckart das Unternehmen für Sondergerüstbau mit Sitz im sächsischen Roßwein auf die Beine gestellt hat. Doch war es dem damals 34-Jährigen und seiner Frau „zu viel“: die eine Tochter war gerade geboren, die andere gerade im Kindergarten angekommen und der Hausbau stand an. Doch im Frühjahr kommenden Jahres wird der Generationswechsel dann wirklich vollzogen.
Dirk Eckart, Walter Stuber und Ingolf Stuber (v. l.) teilen sich die Geschäftsführung bei Gemeinhardt Service und lernen viel voneinander in der Praxis
Foto: Gemeinhardt Service
Bewusst setzte Ingolf Stuber nach der Schule eine Zäsur: Er ging nach München und absolvierte eine Ausbildung zum Spengler. Schon während dieser Zeit erkannte sein Chef die Führungsqualitäten des Sachsen, machte ihn nach diesen dreieinhalb Jahren sofort zum Vorarbeiter und ließ ihn zunehmend große Projekte planen und durchführen. Nach 15 Jahren in Bayern kehrte Stuber nach Roßwein zurück und saß zunächst drei Monate am Empfang: „Da lernt man das Unternehmen kennen“.
Nervosität: Hochwasser beim Gerüstbau an der Donau
Danach hat er jede Baustelle besucht, um draußen „bei den Leuten“ Erfahrungen im Gerüstbau zu sammeln. Im April 2013 plante er dann zusammen mit seinem Vater seine erste große Brücke. Unter dem Hängegerüst der Schanzel-Brücke mussten 7,50 m Platz für die Schifffahrt bleiben. Dann kam ein Hochwasser – plötzlich stieg die Donau rasant bis auf 50 cm unter das Gerüst: „Da bin ich dann schon nervös geworden“.
Thomas Schmitt von der Handwerkskammer Region Stuttgart begleitet 60 bis 80 Betriebe pro Jahr beim Generationswechsel
Foto: HWK Region Stuttgart
Laut ZDH werden pro Jahr etwa 25 000 Handwerksbetriebe übergeben. Thomas Schmitt schätzt, dass aktuell etwa in zwei von fünf Betrieben Sohn oder Tochter übernehmen. Tendenz allerdings sinkend. Der Moderator für Unternehmensnachfolge der Handwerkskammer Region Stuttgart und selbst Handwerksmeister, begleitet 60 bis 80 Betriebe pro Jahr intensiv bei diesem Prozess. Er sagt, dass gegenwärtig viele „Junge“ eher die enorme Belastung bei den Eltern sehen als die großen Gestaltungsmöglichkeiten. Immerhin kann ein weiteres Fünftel der Inhaber den Betrieb an einen Meister innerhalb des Betriebes weitergeben. Dagegen müssen zwei Fünftel „woanders“ auf die Suche gehen.
Familien sollten sich Zeitfenster setzen
Ein schwieriges Unterfangen, so der Stuttgarter, denn Interessenten können sich den Betrieb aussuchen und aus dem Vollen schöpfen. Um überhaupt eine Chance auf einen akzeptablen Preis zu haben, müssen die betriebswirtschaftliche Lage stabil sein, die Maschinenausstattung eine Perspektive bieten und die Mitarbeiterstruktur eine gute Mischung aus Erfahrung und Wissen besitzen.
Wird der Betrieb innerhalb der Familie weitergegeben, sollten sich Eltern und Kinder auf ein Zieldatum innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre einigen. „Das sorgt für Klarheit“, so Schmitt, „kann aus guten Gründen aber nochmals verschoben werden“. Es ist wichtig, diese Zeit zu strukturieren. Einerseits müssen aus den mitarbeitenden Kindern Unternehmer und Gestalter werden, die zunehmend die volle Verantwortung übernehmen – für Personalentscheidungen oder für die Unternehmensentwicklung, die immer mit Risiken verbunden ist. Je nach Ausbildung und bisherigem Werdegang sind fachliche Qualifikationen nachzuholen oder müssen betriebswirtschaftliches und Managementwissen intensiv geübt werden. „Es kann sinnvoll sein, dass die Nachfolger für ein, zwei Jahre in einem anderen Betrieb arbeiten, um neue Blickwinkel zu gewinnen“, sagt Schmitt.
Viel Herzblut steckt in jedem Betrieb
Gerüstbau ist Teamarbeit: Das lernen nicht nur die Geschäftsführer, sondern auch die Azubis
Foto: Gemeinhardt Service
Aber auch den Inhabern steht eine Persönlichkeitsentwicklung bevor, so der Coach und Moderator: Entscheidungen aus der Hand zu geben, als Leitwolf in die zweite Reihe zurückzutreten, anderes Denken zu akzeptieren und moderne Impulse für die Entwicklung des Betriebes hinzunehmen, sind eine große Herausforderung für die ältere Generation. Schließlich steckt deren Herzblut in dem Betrieb. Es sei deshalb wichtig, eine wertvolle Zukunftsperspektive jenseits der bisherigen Arbeit zu entwickeln, um weiterhin gestalten zu können, sich zu freuen und positive Rückmeldungen zu bekommen.
Tatsächlich baut Walter Stuber bereits nebenher eine „top Mastermind-Gruppe“ von Geschäftsführern unterschiedlicher Unternehmen auf: „Ich habe in meinen mehr als 48 Berufsjahren so viel Erfahrungen gesammelt und Modernisierungen initiiert, dass ich anderen Unternehmern Mut machen und sie miteinander in den Austausch bringen möchte.“ Zum 31. März 2026 scheidet er als Inhaber und Geschäftsführer endgültig aus dem Unternehmen aus, damit das neue Duo seinen Weg findet.
Generationswechsel beim Gerüstbau Rossol
Gerüstbau Rossol aus dem sächsischen Wilkau-Haßlau hat den Generationswechsel bereits seit Anfang 2023 vollzogen. Seitdem leiten die Geschwister Caroline und Patrick Rossol den Betrieb mit 25 Angestellten. „Eigentlich war immer klar, dass wir zusammen den Betrieb von den Eltern übernehmen werden“, erzählt die 30-Jährige, die bereits seit 2016 teilweise parallel zum Studium im Unternehmen arbeitet – Gerüstbau und Familienbetrieb seien schlicht ihr Ding.
Caroline und Patrick Rossol haben den Familienbetrieb Anfang 2023 übernommen. Die Geschwister entwickelten den Ehrgeiz, möglichst ohne den Rat der Eltern auszukommen
Foto: Gerüstbau Rossol
Allerdings funktionierte die schrittweise Übergabe an die jüngere Generation nicht wirklich. Während drei Wintern, in denen es draußen weniger Arbeit gibt, fuchsten sich Caroline und ihr 41-jähriger Bruder und Gerüstbaumeister in Führungsaufgaben und Unternehmensentwicklung ein. Doch das letzte Wort hatte oft Vater Johannes Rossol zusammen mit seiner Frau Ramona. „Wir wollten etwa Prozesse digitalisieren und vereinfachen“, erzählt sie, doch in dieser Phase blieb alles beim Alten. Aus ihrer Frustration heraus führten die Geschwister im November 2022 ein klärendes Gespräch mit den Eltern. Mit drastischen Konsequenzen: Die beiden Inhaber übergaben den Betrieb gleich zum 1. Januar 2023 an die Kinder.
„Das war extrem herausfordernd, auch emotional“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Unternehmenssteuerung und Controlling. Schließlich hatte der Vater das Unternehmen 1991 gegründet und zu einem mittelständischen Betrieb geführt. „Ich hätte vorher auch nie gedacht, wie es sich anfühlt an erster Stelle zu stehen und schlaflose Nächte wegen anstehender Entscheidungen zu haben“, gibt Caroline Rossol zu. Ihr Partner Stefan Polster war in dieser Zeit eine große Unterstützung. Inzwischen arbeitet auch er in der Gerüstfirma.
Netzwerk DIHZ hilft weiter
Die Geschwister entwickelten den Ehrgeiz, möglichst ohne den Rat der Eltern auszukommen. Deshalb trafen sie sich in der Mastermind-Gruppe des DIHZ von Tom Köhler mit anderen Gerüstbauern: „Es hat extrem geholfen über den eigenen Tellerrand zu schauen“. Das Deutsche Institut für Höhenzugangstechnik (DIHZ) in Biblis ist ein Netzwerk aus Unternehmen, die sich aus den Bereichen Hochbau, Höhenzugangstechnik und Baulogistik zusammengeschlossen haben.
Inzwischen funktioniert das Büro der Rossols papierlos, für die Gebäudevermessung wird eine Drohne eingesetzt und mit AMS Bau wurde ein Managementsystem für Arbeitssicherheit umgesetzt. „Ich bin gerne Unternehmerin“, sagt sie, „treffe Entscheidungen, lerne dazu, kann umsetzen und möchte gerne Vorreiterin sein“.
Gemeinhardt Service „lernt in der Praxis“
Für Dirk Eckart, zweiter Geschäftsführer bei Gemeinhardt Service, hat die Übergabe noch sechs, acht Jahre Zeit. Die Tochter dreht Videos, teilweise auch für das Gerüstbau-Unternehmen, gehe aber ihren eigenen beruflichen Weg, so der 58-Jährige. Der Sohn hat sein Studium zum Bauingenieur corona-bedingt abgebrochen, wurde vom Vermessungsbüro nach seiner Ausbildung übernommen und ist dort für Social Media, Messen und Vorträge verantwortlich. „Wir haben über das Thema gesprochen. Interesse gibt es auf seiner Seite, aber aktuell ist er mit seinen 24 Jahren noch zu jung“. Plan B wäre der Verkauf seiner Anteile innerhalb des Unternehmens an einen jüngeren Mitarbeiter. „Wir sind ein attraktives Unternehmen, das viel in neue Entwicklungen investiert“, deshalb macht er sich aktuell wenig Gedanken über eine Übergabe seiner Geschäftsanteile.
Walter Stuber, Geschäftsführer bei Gemeinhardt Service (r.), bespricht das nächste Projekt mit einem Mitarbeiter
Foto: Gemeinhardt Service
Auch wenn aktuell das Unternehmen von den beiden Geschäftsführern formal verantwortet wird, ist Ingolf Stuber seit einigen Monaten bei allen entscheidenden Besprechungen dabei. 2018 hat er seinen Gerüstbaumeister gemacht und zusätzlich viele Schulungen zu den Themen Unternehmensmanagement und Personalführung absolviert. „Unsere Besprechungen in der Dreier-Runde sind Lernen in der Praxis“, urteilt er.
Wie gut die Übergabe funktioniert, wird auch daran liegen, wer ihn im Vertrieb ersetzt, denn aktuell ist er der beste Verkäufer in der Firma. „Ich habe schon als Sieben-, Acht-Jähriger Eier, Gurken und Gemüse vor dem Konsum verkauft“, berichtet er, „am Anfang fanden die das noch ganz witzig. Später wurde ich eine kleine Konkurrenz und sie haben mich angewiesen, woanders zu verkaufen“. Am Schluss hatte er eine Liste von Kunden, denen er samstags seine Waren ins Haus brachte.
AutorJens Gieseler ist freier Journalist und betreibt sein Büro für Pressearbeit und Kommunikationsberatung in Tübingen.