Lehm, Teil 7: Lehmdecken, Teil 1

Lehmdecken-Einhängesteine: Masse für den Holzbau ohne Feuchtigkeit

Im siebten Teil unserer Lehm-Serie beschäftigen wir uns mit Lehmdecken. Im ersten Teil des in zwei Teilen aufgebauten Beitrags geht es um Lehmdecken-Einhängesteine. Sie ergänzen den modernen Holzbau in der Deckenkonstruktion auf eine simple Art und bringen so zusätzliche Masse ins Gebäude ein.

Lehmdecken-Einhängesteine sind trocken, schnell zu verarbeiten und unterstützen einen zügigen, gut planbaren Bauablauf. Gleichzeitig werden bauphysikalische Vorteile wie Speichermasse, Feuchtesorption und Schallschutz ermöglicht, ohne zusätzliche Feuchtigkeit in den Baukörper einzutragen. Die unterseitige Oberfläche kann als fertige Sichtfläche dienen.

Masse im Holzbau – konstruktiv sinnvoll ergänzt

Vor allem der Holzrahmenbau zeichnet sich durch ein geringes Eigengewicht, kurze Bauzeiten und einen hohen Vorfertigungsgrad aus. Diese Eigenschaften sind insbesondere im mehrgeschossigen Bauen von Vorteil. Gleichzeitig benötigen Gebäude Masse, um Anforderungen an den Schall- und sommerlichen Wärmeschutz sowie an ein ausgeglichenes Raumklima zu erfüllen. Hier kommen die Lehmdecken-Einhängesteine ins Spiel.

Sie ermöglichen es, gezielt Gewicht in Deckenkonstruktionen einzubringen, ohne den Aufbau wesentlich zu verändern. Die Lehmsteine erhöhen die Speichermasse innerhalb der Deckenebene. Im Hohlraum zwischen Oberkante Lehmstein und Oberkante Deckenbalken entsteht ferne ein Installationsraum für Leitungen.

Das System ist auf Holzbalkendecken ausgerichtet. Der Achsabstand der Deckenbalken beträgt 60 cm, was sich bei dem vorliegenden Gebäude aus der Balkenbreite beziehungsweise der Statik ableitet. Die Deckenbalken werden im Abbundzentrum keilförmig zugeschnitten und die Lehmsteine dann vor Ort eingelegt. Dadurch entsteht eine klare, gut nachvollziehbare Konstruktion mit hoher Maßgenauigkeit.

Aus Sicht des Architekten Daniel Boepple „erinnert die Bauweise ein wenig an alte Einschubdecken, wie sie um 1900 massenhaft zur Anwendung kamen. Zwischen den Deckenbalken wird Masse eingebracht, um den Schallschutz zu verbessern. Damals verwendete man Abfallprodukte wie Hochofenschlacke, Asche und feinen Bauschutt. Heute erfüllen Lehmsteine diesen Zweck.“

Trockene Bauweise mit hoher Ausführungssicherheit

Ein wesentlicher Vorteil der Lehmdecken-Einhängesteine liegt in der Vorfertigung. Ähnlich wie bei der historischen Einschubdecke, handelt es sich um eine vollständig trockene Verarbeitung. Im Gegensatz zu Nasssystemen wie Ortbeton oder Estrich wird keine zusätzliche Baufeuchte in die Konstruktion eingebracht. Gerade im Holzbau ist dies ein entscheidender Faktor, da Feuchtigkeit den Bauablauf verzögern und die Dauerhaftigkeit der Konstruktion beeinträchtigen kann.

Die Lehmdecken-Einhängesteine werden ohne Mörtel, Kleber oder Verguss in die vorbereiteten Fachungen eingelegt. Sie übernehmen dabei, wie zuvor ausgeführt, die Funktion eines Massespeichers: Sie haben keinerlei konstruktive oder statische Aufgabe. Die tragende Funktion verbleibt vollständig bei der Holzbalkenkonstruktion.

Durch diese klare funktionale Trennung ist das System besonders ausführungssicher. Die Gefahr von Fehlinterpretationen auf der Baustelle wird minimiert, da eindeutig definiert ist, welche Bauteile tragend wirken und welche ausschließlich bauphysikalische Aufgaben übernehmen.

Die trapezförmigen Deckenbalken, in die die Steine gelegt werden, sorgen dafür, dass sie sicher in Position gehalten werden. Auch bei geringen Ausführungstoleranzen verbleiben die Steine dauerhaft in ihrer vorgesehenen Lage.

Logistik und Vorbereitung auf der Baustelle

Die Lehmdecken-Einhängesteine werden werksseitig auf Paletten geliefert. Um die gewünschte Sichtoptik zu schützen, sind die Steine mit Pappe als Zwischenlage versehen. Dadurch wird verhindert, dass es beim Transport oder bei der Lagerung zu Beschädigungen oder Verschmutzungen kommt.

Die Paletten können mithilfe eines Krans direkt auf das Holzbalkenwerk gesetzt und in die jeweils vorgesehene Etage verbracht werden. Diese Vorgehensweise reduziert den innerbetrieblichen Transport auf der Baustelle erheblich und sorgt für kurze Wege.

Für Handwerkerinnen und Handwerker bedeutet dies eine deutliche Arbeitserleichterung. Die Steine müssen nicht über mehrere Ebenen getragen werden, sondern stehen unmittelbar am Einbauort zur Verfügung. Gleichzeitig trägt die strukturierte Logistik zu einer sauberen und übersichtlichen Baustelle bei.

Einbau auf der Baustelle: schnell und arbeitsschonend

Der Einbau der Lehmdecken-Einhängesteine erfolgt mithilfe geeigneter Hebehilfen. Die Steine werden einzeln aufgenommen und in die vorbereiteten Fachungen eingelegt. Ein Stein wiegt 25 kg. Aufgrund der Maßhaltigkeit der Steine und der klar definierten Konstruktion ist kein Nacharbeiten erforderlich.

So bewertet der Produktionsleiter Rüdiger Wäschle bei der auf Strohballenbau spezialisierten Halm GmbH das Einlegen der Lehmsteine wie folgt: „Die Lehmsteine lassen sich trotz ihres recht hohen Gewichts mit geeigneter Hebehilfe gut verlegen. Zwei Mitarbeiter hatten in kurzer Zeit die Steine in der Zwischendecke verteilt, wobei sich der Aufbau im Trockenverfahren für uns als Zimmerei nahtlos in den Ablauf integrieren ließ, da es zu keinen Wartezeiten beim Richten kommt. Nach zwei Tagen konnten wir die Gebäudehülle komplett schließen.“

Große Flächen können innerhalb kurzer Zeit belegt werden. Wartezeiten, wie sie bei feuchten Baustoffen durch Trocknungs- oder Abbindeprozesse entstehen, entfallen vollständig. Dadurch können Folgegewerke frühzeitig mit ihren Arbeiten beginnen. Das System ist insgesamt sehr übersichtlich und leicht zu kontrollieren. Fehlerquellen im Bereich der Konstruktion werden reduziert, da die Einbausituation klar vorgegeben ist und sich auf wenige, gut nachvollziehbare Arbeitsschritte beschränkt.

Fazit

Die auf den Fotos dargestellte Baustelle zeigt beispielhaft den Einsatz von Lehmdecken-Einhängesteinen in einer Holzbalkendecke. Das System wurde dort erfolgreich umgesetzt und entsprach sowohl den Anforderungen des Architekten als auch den Erwartungen des Bauherrn.

Lehmdecken-Einhängesteine stellen eine praxisgerechte Ergänzung für den modernen Holzbau dar. Sie verbinden die bauphysikalischen Vorteile des Lehms mit einer rationellen, trockenen und gut kontrollierbaren Bauweise. Für Handwerksbetriebe ergeben sich daraus sichere Abläufe, kurze Bauzeiten und eine hohe Ausführungsqualität.

 

Autorin

Dr. Ipek Ölcüm ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin des Industrieverbands Lehmbaustoffe e.V. in Berlin.

Vorteile der Lehmdecken-
Einhängesteine auf einen Blick

Einbringung zusätzlicher Masse in Holzbalkendecken
Keine zusätzliche Baufeuchte im Baukörper
Trockene, schnelle Verarbeitung ohne Wartezeiten
Klare Trennung zwischen Tragwerk und Massespeicher
 Geringes Maß an konstruktiven Fehlerquellen
 Arbeitsschonende Logistik und kurze Transportwege
Gute Planbarkeit der Bauabläufe
unterseitig fertige Oberfläche
Installationsraum oberhalb der Lehmsteine
kein Abfall, überschüssiges Material kann einfach im Garten entsorgt werden
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