Offenheit und Transparenz
Sanierung des Land- und Amtsgerichts LübeckDer Justizbau des Land- und Amtsgerichts Lübeck stand bereits zur Bauzeit für Offenheit und Trans-
parenz. Dieser Charakter sollte trotz der hohen Auflagen an die Sicherheit im Zuge der 42 Millionen Euro teuren Sanierung nach Plänen des Büros ppp architekten + generalplaner bewahrt bleiben.
Das Gebäude des Land- und Amtsgerichts Lübeck wurde von 1957 bis 1962 von den Hamburger Architekten Hans Atmer und Jürgen Marlow im Stil der skandinavischen Nachkriegsmoderne gebaut. Es steht vor den Toren der Lübecker Altstadtinsel auf einem fast parkähnlichen Grundstück mit hohen, alten Bäumen und besteht aus dem dreigeschossigen Saalbau nahe der Straße und dem rechtwinklig dazu stehenden, neungeschossigen Bürobau auf dem rückwärtigen Gelände. Verbunden sind die beiden Baukörper über einen ebenfalls dreigeschossigen Zwischenbau als Bindeglied.
Es waren verschiedene Aspekte, die eine Modernisierung und Sanierung der Gebäude notwendig gemacht hatten. Vor allem mussten Brandschutzanforderungen und Sicherheitsstandards angepasst, eine barrierefreie Erschließung gewährleistet sowie eine moderne technische Gebäudeausrüstung, etwa als technische Voraussetzung für die digitale Akte, umgesetzt werden. Über all diesen vielfältigen Anforderungen stand stets der Wunsch, den Charakter der bauzeitlichen Architektur im Sinne des Denkmalschutzes zu bewahren.
Nutzungsverteilung
Erreicht man das Land- und Amtsgericht von der Straße kommend, führt der Weg zum Eingang zunächst entlang der gesamten Längsseite des Saalbaus, bis man durch eine Eingangsschleuse in den Zwischenbau gelangt. Von hier werden die Besucherinnen und Besucher quasi verteilt: in die Arbeits- beziehungsweise Verhandlungsräume im Erdgeschoss, zum Bürotrakt oder zu der einläufigen Treppe, die in die Obergeschosse führt.
Der vordere Baukörper (Saalbau) steht auf einem 45,4 x 25,6 m großen, rechteckigen Grundriss und beherbergt in erster Linie die Verhandlungssäle unterschiedlicher Größe. „Wir haben bei der Sanierung besonderes Augenmerk daraufgelegt, die vorhandene Grundrissstruktur, sowohl aus funktionalen als auch aus Denkmalschutzgründen, nicht zu verändern“, betont Architekt Reinhold Günther, der das Projekt im Büro ppp architekten geleitet hat. Besonders markant ist der zweigeschossige, so genannte Schwurgerichtssaal an der straßenzugewandten Stirnseite.
Im Zentrum des Baus gibt es ein zweigeschossiges, überdachtes Atrium mit Galerie als Wartebereich. Dieses erstreckt sich über das erste und zweite Obergeschoss, während der Erdgeschossbereich davon abgekoppelt eher wie ein Untergeschoss wirkt. Eine Besonderheit des Bestandsgebäudes lag auch darin, dass es parallel zu der öffentlichen eine quasi „versteckte“ Wegeführung gibt, über die die Gefangenen in den Schwurgerichtssaal und einige der anderen Gerichtssäle geleitet werden.
Der Bürotrakt (57,5 m x 16,7 m) gliedert sich in einen kürzeren nördlichen und einen längeren südlichen Teil, wobei beide Flügel als dreibündige Anlage mit zwei Büro- und einer Servicespange mit Treppenhaus, Sanitärboxen, Teeküchen und Kopierräumen in der Mitte organisiert sind. Auch an dieser Grundrissstruktur wurde im Zuge der Sanierung nichts verändert. In der Mittelzone wechseln sich offene, mit Sitzbänken möblierte Bereiche mit holzverkleideten Nasszellen und mit Naturstein verkleideten Treppenschächten ab.
Bauzeittypisches trotz Brandschutz erhalten
„Es ist nicht so einfach, bei diesem Projekt die wesentlichsten Maßnahmen herauszugreifen, da es doch sehr viele Aspekte gab, die mit gleicher Wichtigkeit behandelt werden mussten“, so Architekt Günther. „Erwähnenswert ist auf jeden Fall, dass wir versucht haben, die für die Bauzeit typischen minimierten Elemente zu erhalten.“ So besteht die Grundkonstruktion im Saalbau aus einem Stahlskelett mit Betonkassettendecken und im Bürobau aus einem Stahlbetonskelett mit optimierten Stahlbetonrippendecken. Diese schon damals sehr knapp bemessenen Decken konnten nun trotz erhöhter Brandschutzanforderungen durch ein entsprechend angepasstes Brandschutzkonzept erhalten werden. So wurde der Deckenkonstruktion in einer Heißbemessung eine Feuerbeständigkeit von 60 Minuten zugeordnet, an die alle Konstruktionen angepasst werden mussten. Für Anschlüsse von Feuerschutztüren und Trockenbauwänden war eine Ertüchtigung durch Beton- oder Trockenbau-Brandschutz-
konstruktionen notwendig.
Die Oberflächen von Wänden, Böden und Decken waren insgesamt ein wichtiges Thema aufgrund des Brandschutzes. Die Stahlstützen des Saalbaus waren bereits bauzeitlich mit schwarzen Betonwerksteinplatten verkleidet gewesen. Diese mussten nun, wie auch die Platten des Fußbodens im Atrium, gereinigt und gegebenenfalls aufgearbeitet werden. Die hölzerne Wandverkleidung im Atrium wurde, wie auch die Bänke mit Stahlgestell, entsprechend der historischen Vorgabe nachgebaut. Im Bürotrakt blieben sowohl die historischen Mahagonibänke als auch die hölzernen Verkleidungen der Sanitärräume erhalten und wurden aufgearbeitet.
Möbelbau
Die Entscheidung war also gefallen, die Wände im Saalbau neu zu verkleiden und auch die Möbel neu anzufertigen – beides in der Ästhetik des Bestands, aber explizit nicht aus Tropenholz, sondern in Eiche, beziehungsweise in Eiche furniert. Neu angefertigt wurden auch die Tische in den Verhandlungssälen. Besonders aufwändig war dabei, dass nicht nur sehr viel Kabeltechnik möglichst „unsichtbar“ verlegt werden sollte, sondern auch der Wunsch bestand, die Bildschirme auf den Richterpulten versenken zu können. Die Einbindung der digitalen Akte bringt mit sich, dass jede Richterin und jeder Richter einen, die vorsitzende richterliche Person zwei Bildschirme, während einer Verhandlung vor sich haben muss. Gleichzeitig sollen die Richterinnen und Richter nicht hinter einer „Wand“ verschwinden. Nachdem die Tischlerei Cabella & Uplegger einen gesamten Gerichtssaal im Maßstab 1:1 gebaut hatte, wurden zu einem späteren Zeitpunkt auch von der Tischlerei Pohlmann Mustermöbel gebaut. „Wir haben zunächst einen 1,50 m breiten Muster-Tisch in 1:1 gebaut“, erzählt Tischlermeister Udo Pohlmann. „So konnte nicht nur die Optik begutachtet, sondern auch getestet werden, ob die Technik sich gut integrieren lässt.“ Gebaut wurden die Tische aus lackierten MDF-Platten. Die Arbeitsplatten sind zudem mit Linoleum belegt. Beim Farbkonzept wären ppp architekten wohl gerne auf das bauzeitliche Schwarz gegangen. In den Gesprächen mit dem Landgericht wurde allerdings deutlich, dass ein hellerer Farbton gewünscht wird, so dass die Möbel nun in einem Grauton lackiert sind.
Auch die Möbel im Wartebereich wurden neu angefertigt, sind aber exakt den Bestandsmöbeln nachempfunden und unterscheiden sich nur in der Farbigkeit des Holzes. Auf dem gepulverten Stahlgestell der Bänke und Stühle sind schlichte Platten aus Eiche als Sitzflächen und Rückenlehnen verschraubt. Auf den Tischen liegt eine Platte aus asbestfreiem Faserzement. Alle Möbel wurden nun auf dem Fußboden fixiert, um zu vermeiden, dass einzelne Möbel in die Fluchtwege geschoben werden. „Das war schwieriger als es klingt, da der Umgang mit den minimierten, weniger stabilen Decken Sonderlösungen, beispielsweise mit Hülsen, notwendig machte“, so der Tischlermeister.
Bei der Wandverkleidung im Saalbau hat man sich ebenfalls sehr genau an der Breite der einzelnen Paneele und Fugen am Bestand orientiert. Aus Brandschutzgründen wurden in den Fluchtwegen schwer entflammbare Paneele eingesetzt. Hinter der Verkleidung sorgt Akustikwolle für den notwendigen Schallschutz. Spannend ist die Farbgebung der Holzverkleidung an der Treppe im Zwischenbau.
Anpassung des Farbkonzeptes
Da die Farbigkeit des Gebäudes in vielen Bereichen gegenüber dem bauzeitlichen Bestand verändert worden war, wurde das Team der butt-restaurierungen GmbH gebeten, an verschiedenen Stellen des Gebäudes Befunde zu erstellen. Besonders auffällig ist das Farbkonzept im beschriebenen Zwischenbau mit einem beinahe altrosafarbenen Handlauf und einer Holzverkleidung in Petrol. Der Farbton des Geländers, der die Bezeichnung NCS S 4030-Y90R trägt, konnte in der bereits 2017 angefertigten Befundung als bauzeitlicher Erstanstrich nachgewiesen werden. Der petrolfarbene Farbton der Holzschalung an der Rückwand war hingegen noch vorhanden. Dieses Farbkonzept fällt gerade in Bezug auf die Farbigkeit des Atriums in zurückhaltendem Braun, Weiß und Schwarz besonders ins Auge. Die Söhne des Architekten Marlow haben die Richtigkeit der Farbwahl übrigens insofern ganz unwissenschaftlich bestätigt, als sie die gewählte Farbgebung wie auch Konstruktionen und Materialien im Landgericht als Parallele zu ihrem Elternhaus wiedererkannt haben.
Ebenfalls war dem Befund zu entnehmen, dass die Rückwände hinter den Richterinnen und Richtern in den insgesamt 26 Sälen in unterschiedlichen Farben gestrichen worden waren. Daher erhielten die Stirnwände nun die jeweiligen Farbtöne. Besonders auffällig ist die zweigeschossige blaue Wand im Schwurgerichtssaal mit ihrem bauzeitlichen Mosaik.
Sanierung des Betonwerksteins
Auch die Entscheidung der bauzeitlichen Architekten für schwarz durchgefärbten Betonwerkstein ist ein wesentliches Element des Farbkonzeptes. Ob bei den Verkleidungen der Stahlstützen und umlaufenden Träger im Atrium oder im Zwischenbau, der Verkleidung der Trennwand zwischen Saal- und Zwischenbau, der neuen Verkleidung des Aufzugschachtes im Bürotrakt oder an der Fassade – das schwarze Material setzt starke Akzente.
Im Bürotrakt war zudem der Treppenaufgang mit grauem Betonwerkstein verkleidet, sowohl von innen entlang des Treppenlaufs als auch an den in den Fluren der Büros sichtbaren Außenflächen der Treppenwände. Hier wurden die Wände nicht gänzlich neu verkleidet, sondern einzelne Platten ausgetauscht oder überarbeitet. „Wichtig ist, die neuen Platten in ihrer Farbigkeit und Musterung genau an den Bestand anzupassen“, betont Andreas Antonioli von dem alteingesessenen Familienbetrieb H. Antonioli Terrazzo & Naturstein GmbH. „Für die neuen Platten muss dasselbe Muster, dieselbe Körnung und derselbe Zement verwendet werden. Diese Anpassungen sind entscheidend für ein homogenes Erscheinungsbild.“ Betonwerkstein wird im Block unter Druck gegossen und muss anschließend 28 Tage lang gekühlt und gewässert werden. Dann werden die Blöcke in Tafeln und diese wiederum in die vorgegebenen Formate gesägt. Aus einem Block können 60 m2 Platten gesägt werden. Hier wurden für den Bodenbelag im Atrium und die Wandverkleidungen im Bürotrakt insgesamt zwei Blöcke verbraucht, also 120 m2 angepasste Betonwerkstoffplatten. Alle Flächen wurden am Ende mit einem Fettlöser und Diamantpads gereinigt und anschließend imprägniert.
Autorin
Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.
Baubeteiligte (Auswahl)
Bauherr GMSH Gebäudemanagement
Schleswig-Holstein, Kiel, www.gmsh.de
Architektur ppp architekten + generalplaner,
Lübeck, www.ppp-architekten.de
Tragwerksplanung Wetzel & von Seht, Hamburg, www.wvs.eu
Tischlerarbeiten Die Tischler Möbelwerkstätte, Ahrensbök, www.die-tischler.net
Udo Pohlmann Objekteinrichtungen, Twistringen, www.tischlerei-pohlmann.de
Hans Beyer Tischlerei, Oststeinbek,
beyer-tischlerei.de
Betonwerksteinarbeiten H. Antonioli Terrazzo- & Naturstein, Hagenow, antonioli.de
