Putzstrukturen als Streitfall
Putzstrukturen richtig vereinbaren und beurteilenKratzputz, Besenstrichputz oder altdeutscher Putz: Nicht immer verstehen Auftraggeber und ausführende Betriebe unter einer bestimmten Putzstruktur dasselbe. Ein Praxisbeispiel zeigt, wie unterschiedliche Vorstellungen über das gewünschte Oberflächenbild zu Mängelanzeigen führen können.
Oberflächenstrukturen von Putzen werden oft regional unterschiedlich bezeichnet – und auch die Erwartungen der Auftraggeber variieren. Was genau verbirgt sich hinter einem Kratzputz oder einem altdeutschen Putz? Nicht selten entstehen daraus Meinungsverschiedenheiten, die zu Rechtsstreitigkeiten führen können. Der Beitrag zeigt anhand eines Praxisbeispiels für Außenputz, wie eine klare Kommunikation an den Schnittstellen dazu beitragen kann, die Erwartungen der Auftraggeber zu erfüllen und die Ausführungsqualität zu sichern.
Regelwerke
Planung, Zubereitung und Ausführung von Außenputzen sind in DIN EN 13 914-1 (Ausgabe 2016) geregelt (1). In Deutschland wird zusätzlich zu dieser Norm die nationale Ausführungsnorm DIN 18 550-1 (Ausgabe 2018) mit ergänzenden Festlegungen zugrunde gelegt (2). Darin sind verschiedene Oberflächenstrukturen aufgeführt, darunter: geriebener Putz wie Münchener Rauputz, Rillenputz oder Scheibenputz, Kratzputz oder Modellierputz wie Kellenstrichputz oder altdeutscher Putz, Kellenwurfputz, Spritzputz oder Waschputz. Die handwerkliche Ausführung und die dazugehörigen Arbeitsschritte sind darin nicht explizit erläutert.
Strukturputze
Putze werden gezielt eingesetzt, um einem Gebäude einen besonderen Charakter zu verleihen (3). Das Spektrum der in der Architektur vorkommenden Putze ist breit. Die Möglichkeiten der Putzbearbeitung sind nahezu grenzenlos; entsprechend vielfältig sind die daraus entstehenden Oberflächen. Besonders gut geeignet sind so genannte Strukturputze. Sie unterscheiden sich von Standardputzen vor allem dadurch, dass ihre Oberflächenstruktur gezielt als Gestaltungselement am oder im Bauwerk eingesetzt wird.
Im Putzhandwerk wird der Einfachheit halber auf komplizierte Begriffe verzichtet. Das Erscheinungsbild jeder Putzoberfläche ist eng mit der handwerklichen Bearbeitung des Putzmörtels verknüpft. Die Art der Ausführung und/oder die Wahl der Putzwerkzeuge bestimmen daher weitgehend die jeweiligen Fachausdrücke zur Namensgebung der Putze (4). Streicht der Putzer zum Beispiel mit einer Kelle oder einem Besen über die Putzoberfläche, handelt es sich um einen Kellen- beziehungsweise Besenstrichputz. Diese Logik gilt für die meisten Strukturputze.
Bewertung von Putzoberflächen
Zur Bewertung von strukturierten Putzoberflächen im Außenbereich werden visuelle Anforderungen in einem speziellen Merkblatt definiert (5). Putzoberflächen sind stets unter gebrauchsüblichen Bedingungen (Blickposition, Abstand, Belichtung/Beleuchtung) zu beurteilen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es sich um eine handwerklich und unter unterschiedlichen Bedingungen erstellte Werkleistung handelt. Sie kann deshalb nicht die Gleichmäßigkeit industriell hergestellter Produkte aufweisen, die unter stets gleichartigen Bedingungen in Serie gefertigt werden. Dies bedeutet, dass üblicherweise mit geringfügigen Ungleichmäßigkeiten bei der Herstellung von Putz-
oberflächen gerechnet werden muss. Anforderungskriterien für die Oberflächenbeschaffenheit sind Ebenheit, Farbton und Struktur. Die Putzstruktur muss im jeweils vereinbarten Strukturbild gleichmäßig sein. Eine Anhäufung von Körnung oder strukturlosen Stellen ist nur vereinzelt zulässig. Der Gesamteindruck der Putzoberfläche soll möglichst einheitlich sein. Eine völlige Strukturgleichheit ist – besonders bei nachträglichen Putzausbesserungen – nicht immer zu erreichen.
Praxisbeispiel
Sollzustand: Auftraggeber-Wunsch
Die Auftraggeber (AG) beauftragten ein Putzunternehmen (AN) mit der Ausführung einer Außenputzoberfläche als so genannten „Altstadtputz, verwaschelt“. Als Referenz diente eine gemeinsam vor Ort besichtigte Fassade. Diese Ausführungsart ist in der einschlägigen Fachliteratur nicht beschrieben; sie kommt der in den handwerklichen Fachkreisen verwendeten Bezeichnung „Altdeutscher Putz/Klosterputz“ am nächsten. Dieser wurde überwiegend im 13. und 14. Jahrhundert verwendet; Bezeichnungen wie Klosterputz weisen auf die historische Vergangenheit hin. Typisch für die Putzstruktur: Werkzeug (Kelle) und Oberflächenbearbeitung (Besen, Pinsel) waren am Putz ablesbar.
Ausführungsschritte
Diese überwiegend als freie Struktur bezeichnete Oberflächengestaltung kann mit zahlreichen Putzarten hergestellt werden. Dabei werden in der Regel folgende Arbeitsschritte ausgeführt:
Zunächst wird eine erste dünne Putzschicht manuell oder maschinell auf den Grund- oder Unterputz aufgetragen und mit einer Edelstahltraufel verzogen.
Anschließend wird feucht-in-feucht eine zweite dünne Putzschicht aufgebracht.
Nachdem der Putz leicht angezogen hat, wird er mit geeignetem, rostfreiem Werkzeug (zum Beispiel Schwammscheibe, Traufel, Kelle, Bürste, feuchter Quast oder Pinsel) frei strukturiert (hier „verwaschelt“). Dieser Arbeitsschritt wird solange wiederholt, bis die gewünschte Oberflächenstruktur erreicht ist.
Abweichungen vom Soll-/Ist-Zustand
Im Praxisbeispiel wurde ein mineralischer, feinkörniger Oberputz mit Marmorkörnung in der Kornstärke 1,5 mm verwendet, der laut Herstellerangaben für freie Strukturen verwendbar und demnach für einen Altstadtputz/Kirchenputz (Altdeutscher Putz/Klosterputz) geeignet war. Der AN führte auf Basis eines mit diesem Material hergestellten, kleinflächigen Musters die Oberputzarbeiten an zwei Fassaden aus. Die AG bemängelten die ausgeführte Oberflächenstruktur.
Zur Mangelanzeige führten unter anderem die ausschließlich vertikale Werkzeugführung sowie zahlreiche Fehlstellen. So war beispielsweise unterhalb der Fensterbänke teilweise keine Putzstruktur erkennbar. Die Oberflächenstrukturen waren mit der vor Ort an der gemeinsam besichtigten „Muster-Fassade“ vorhandenen Struktur nicht vergleichbar. Die festgestellten optischen Unregelmäßigkeiten wurden daher als nicht hinnehmbar eingestuft und mussten nachgebessert werden. Erste Versuche des AN führten allerdings nicht zum gewünschten Sollzustand. Gründe dafür waren ein fehlender beziehungsweise zu kräftiger Besenstrich sowie ein uneinheitliches Strukturbild.
Bewertungskriterien
Zur visuellen Bewertung der von den Auftraggebern gewünschten Putzoberfläche bei praxisüblichen Randbedingungen wurden folgende wesentliche Eigenschaften herangezogen:
Zuschlagskorn des Oberputzes erkennbar
Werkzeugführung zur Herstellung der Putzstruktur (Kelle) ablesbar
Unterschiedliche Strukturierungsrichtung sichtbar
Gleichmäßiges Strukturbild / Putzstruktur vorhanden
Werkzeugspuren des Verwaschelns (Bürste, Quast) ablesbar
Oberfläche schwach gebürstet
Abgeflachte „weiche“ Putzgrate
Keine Anhäufung strukturloser Stellen
Möglichst einheitlicher Gesamteindruck
Praxistipp: Anlegen geeigneter Probeflächen als Muster
Für strukturierte Putzoberflächen ist das Anlegen geeigneter Probeflächen in jedem Fall zu empfehlen. Dazu sollen Lage und Größe in der Praxis so gewählt werden, dass die technische beziehungsweise ästhetische Beurteilung problemlos möglich ist. Folgende Details sollten dabei unbedingt berücksichtigt werden:
Alle notwendigen flankierenden Maßnahmen einbeziehen und die gewählten beziehungsweise vorgeschriebenen Materialien einbringen.
Die zur Verarbeitung der Materialien erforderlichen handwerklichen Techniken und die Klimarandbedingungen einhalten.
Nach ausreichender Standzeit die Probeflächen gemeinsam durch Auftraggeber und Auftragnehmer bewerten und gegebenenfalls korrigieren.
Die Vorgehensweise dokumentieren und ein Abnahmeprotokoll erstellen.
Gegebenenfalls können weitere Baustellentermine zur konkreten Abstimmung der auszuführenden Putzarbeiten je nach Ausführungsstand der genannten Arbeitsschritte erforderlich werden. Ergänzend müssen die jeweiligen Herstellerrichtlinien beachtet werden, etwa technische Merkblätter, Produktbeschreibungen oder Angaben in Ausschreibungstexten und Leistungsverzeichnissen. Die Probeflächen können anschließend als Referenz- oder Gewährleistungsflächen dienen.
AutorAls Dipl.-Ing. (FH) Verfahrenstechnik ist Jürgen Gänßmantel seit 15 Jahren in Forschung und Entwicklung / Anwendungstechnik tätig. Er ist Inhaber des Ingenieurbüros Gänßmantel in Kaufbeuren, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Baustoffe, Energieberater für Baudenkmale und gibt Schulungen, Seminare und Coachings.
Literatur
1 DIN EN 13 914-1: Planung, Zubereitung und Ausführung von Außen- und Innenputzen - Teil 1: Außenputze; Deutsche Fassung EN 13 914-1:2016
2 DIN 18 550-1: Planung, Zubereitung und Ausführung von Außen- und Innenputzen - Teil 1: Ergänzende Festlegungen zu DIN EN 13 914-1:2016-09 für Außenputze, Ausgabe 2018-01
3 Thoma D.: Putze mit Charakter. Fachzeitschrift Mappe 07/23, S. 24-29
4 Spiro A., Göhler H., Gönül P.: Über Putz – Oberflächen entwickeln und realisieren. gta-Verlag, Zürich 2012
5 Verband für Dämmsysteme, Putz und Mauermörtel (VDPM) e.V.: Strukturierte Putzoberflächen – Visuelle Anforderungen. Berlin, November 2017
6 Verband für Dämmsysteme, Putz und Mauermörtel (VDPM) e.V.: #putzpoesie. Im Internet unter (Aufruf 24.08.2026): www.putzpoesie.de/putze/altdeutscher-putz
