Speicher gerettet

Restaurierung und energetische Ertüchtigung des Fachwerkspeichers vom Hof Haus Kump in Münster

Der siedlungs- und architekturgeschichtlich bedeutende Speicher vom Hof Haus Kump in Münster wurde von Grund auf restauriert und energetisch ertüchtigt. Oberste Priorität hatten dabei der Schutz und die Substanzerhaltung des historischen Bestands.

Der Hof Haus Kump in Münster ist einer der ältesten Höfe des Münsterlandes. Er liegt im Tal der Aa in einer muldenartigen Vertiefung der Landschaft, einem „Kump“. Im landschaftlichen Zusammenhang bedeutet der Ausdruck in etwa „in einer Senke gelegen“. Seit 1247 ist dieser Name für den Hof überliefert. Der zweigeschossige Fachwerkspeicher mit Satteldach wurde über einem fast quadratischen, bruchsteinernen Sockelgeschoss errichtet, zwei Fachwerkgeschosse und das Dach sind kistenförmig aufeinandergestellt. Bei diesem Stockwerkbau sind die Ständer nicht durchlaufend, sondern einzeln: So war es möglich, den zweiten Stock zu allen vier Seiten über die untere Wandflucht vorkragen zu lassen. Der Speicher wurde Stockwerk für Stockwerk, anstatt in einem Stück über die gesamte Höhe, aufgebaut. Das steile Kehlbalkendach ist in zwei Lagergeschosse und einen Spitzboden aufgeteilt. Die Gesamthöhe des Speichers beträgt etwa 16 m. Seit 1988 steht der Speicher unter Denkmalschutz.

Ursprünglich diente er als Wehr- und Getreidespeicher und in Krisenzeiten zu Wohnzwecken. Sein Eingang lag nicht ebenerdig, sondern im ersten Obergeschoss. Unmittelbar hinter der Eingangstür führte eine Falltür zum Sockelgeschoss, die Obergeschosse waren von außen über schmale Stiegen erreichbar.

Um 1870 fanden die ersten Umbauten zu Wohnzwecken statt. Das Sockelgeschoss bekam einen eigenen Eingang an der Windengiebelseite, die Fenster wurden zum Teil vergrößert und der Backofen im Untergeschoss gemauert. Der erste Stock wurde in mehrere Zimmer aufgeteilt.

Bei vergangenen Restaurierungsarbeiten (1979 – 1981) fand ein Rückbau der Zimmer im ersten Stock statt und zwei Abtritterker an der Nordseite wurden rekonstruiert. Die Erker sind in ihrer Grundfläche identisch, in der Höhe aber unterschiedlich. Von dem ursprünglichen Speicher waren 2012 zu Beginn der Arbeiten hauptsächlich das Sockelgeschoss und die Eichenholzfachwerkkonstruktion erhalten.

Bestandsaufnahme der Schäden

Die gesamte Holzkonstruktion wurden von einem unabhängigem Sachverständigenbüro visuell auf Schäden und Schädigungsgrade durch Organismen an den sichtbaren Oberflächen begutachtet. Ergänzende, zerstörungsarme Untersuchungen der kritischen Stellen, wie Knotenpunkte oder verdeckte Bauteile, wurden mit einem Bohrwiderstandsmessgerät und Endoskop durchgeführt. An den tragenden Bauteilen stellte man umfangreiche Schäden fest, die darauf zurückzuführen waren, dass bei früheren Arbeiten zum einen nicht geeignete Materialien verwendet und zum anderen geeignete Materialien in nicht ausreichender Menge eingesetzt wurden.

Als Folge von erhöhter Feuchtigkeitsbelastung durch unzureichende Wasserführungen und der Verwendung von dauerelastischen Stoffen im Fachwerk, entstanden Fäulnis- und Insektenschäden. In den Splintbereichen der Holzbauteile fanden sich nur Insektenschäden, die keine statische Gefährdung für das Gebäude waren. Doch im Zuge der Arbeiten zeigten sich noch mehr Schäden an den tragenden Bauteilen. In und an allen Gebäudeteilen waren Instandsetzungsarbeiten erforderlich. Eine Diplom-Restauratorin führte zusätzlich in allen Ebenen eine Untersuchung des Putz- und Farbschichtbestands durch, damit die Ausfachungen mit den historisch wertvollen Putzen erhalten werden konnten.

Sanierung

Die Denkmalart und die Materialien des Denkmals bestimmen die Maßnahmen, das Material und die Methode. Oberste Priorität hat immer der Schutz und die Substanzerhaltung des historischen Bestands. Die Sanierung des Speichers erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der städtischen Denkmalbehörde: Austausch und Ergänzungen durften nur äußerst zurückhaltend erfolgen und notwendige, neue Technik musste so eingebaut werden, dass dabei möglichst wenig historische Substanz beschädigt wurde. Zum Schutz der historischen Eichendielen wurde auf der gesamten Innenfläche der beiden Obergeschosse etwa 280 m² Hartfaserplatte mit einer Unterschicht aus Wollfilzpappe verlegt. Die vorhandene Dachabdeckung aus handgestrichenen Hohlziegeln, einschließlich der Firste und Grate, der Strohdocken und der Lattung, wurde vorsichtig ausgebaut, gelagert und wiederverwendet. Der Speicher wurde komplett eingerüstet, eingehaust und regensicher überdacht. Die Restaurierung von Fachwerk, Holzbalkendecken und der Dachkonstruktion erfolgte unter Verwendung von historischem Eichenholz aus Wiederverwendung und abgelagertem, neuem Eichenholz. Konstruktive Detaillösungen zur statischen Stabilisierung an Detailpunkten durften nur unter der Voraussetzung der Verwendung von historischen Zimmermannstechniken vorgenommen werden.

Sockelgeschoss

Ein Schwerpunkt der Arbeiten lag auf der energetischen Ertüchtigung des Sockelgeschosses, das zukünftig als Ausstellungsfläche dienen sollte. Mit dem Einbau einer gedämmten Stahlbetonbodenplatte, der Sanierung der Wände und einer Dämmung in den Zwischenräumen der historischen Balkenkonstruktion konnte dies realisiert werden.  Der vorhandene Bodenbelag aus Ziegeln wurde zurückgebaut, gereinigt und für die Wiederverwendung zwischengelagert. Alle nachfolgenden Arbeitsschritte erfolgten dann abschnittsweise, gemäß den Vorgaben der Statik: Der erforderliche Bodenaushub bis etwa 80 cm unter Oberkante Fertigfußboden per Handschachtung, die folgende Verdichtung von Hand, der Einbau von Trag- und Filterschichten, Betonstahlmatten und dem Ortbeton der Bodenplatte. Die Ziegel wurden nicht wieder als Bodenbelag eingebaut, sondern durch einem Spezialboden in Betonoptik ersetzt. Die Ziegel fanden einen neuen Einsatz bei der Überarbeitung des alten Backofens, der mit ihnen neu belegt und wieder nutzbar gemacht wurde.

Im Bereich der Deckenbalken des Sockelgeschosses waren statisch dringende Instandsetzungsarbeiten notwendig. Die drei Balkenauflager waren teilweise mit Moosen bewachsen, daraus resultierte der Verdacht, dass die Hölzer eine erhöhte Holzfeuchte aufwiesen. Bohrwiderstandsmessungen ergaben, dass die Werte um etwa 20 Prozent lagen. Auf die Dauer bedeutete dies eine erhöhte Gefahr für Insekten- und/oder Pilzbefall. Der Putz auf den Wänden bot keine ausreichende Trocknungsmöglichkeit für das Holz.  Das Freilegen und Austrocknen der Auflager war erforderlich, um Erneuerungen vorzunehmen. Die zerstörten Balkenköpfe wurden gesundgeschnitten und ein gerades Blatt von mindestens der 2,5-fachen Höhe angearbeitet. Die Verbindung des Balkenkopfes zur Schwelle wurde nach historischem Vorbild als Schwalbenschwanzverbindung wiederhergestellt. Die in der Mitte des Unterzugs eingezogene Stütze, die zur Lastaufnahme gedacht war, hatte keine Verbindung mehr zum Boden und konnte frei schwingen. Sie wurde vollständig erneuert.

Energiesparvorsatzscheiben, die innen vor die vier Fenster im Sockelgeschoss montiert sind, sorgen für eine deutliche Verbesserung des U-Werts. Um das Bestandsglas zu erhalten, war dies die ideale Lösung. Auch bei kleinen Fenstern lohnt sich immer die Investition in eine energetische Ertüchtigung.

Außentreppe

Die Außentreppe mit Podest wurde während der Erdarbeiten mit einer stabilen Tragkonstruktion schützend abgefangen und nach Abschluss der Erdarbeiten saniert. Die Treppe zeigte klaffende Fugen bei den Blatt- und Zapfenverbindungen bis zu 2,5 cm Breite und Risse in den Außenflächen der Fachwerkhölzer. Durch sauberes Ausspänen wurde die volle Tiefe der Fugen geschlossen. Die Ausspänungen mussten gekeilt und stramm eingeschlagen und mit gestauchten Nägeln befestigt werden. Die Fußpunkte der erdberührenden Podeststützen wurden aus Eichenholz erneuert und erhielten eine neue Fundamentierung. Zehn statisch nicht mehr ausreichend belastbare Stufen wurden ersetzt.

Fazit

Das der Speicher heute wieder in voller Funktion ist, ist das Ergebnis eines konsequenten restauratorischen Ansatzes, der traditionelle Handwerkstechniken, sorgfältige Materialwahl und hohes technisches Know-how miteinander verbindet. Historische Gebäude können behutsam an moderne Anforderungen angepasst werden, ohne ihren ursprünglichen Charakter einzubüßen. Denkmalgerechte Sanierung und Nachhaltigkeit gehen dabei Hand in Hand.

Heute ist der historische Speicher ein Ausstellungsort und ein Ausstellungsobjekt des internationalen CAP’EM Projekts (Cycle Assessment Procedure for Eco-Materials) zum Thema „Ökologisch Bauen/Sanieren“. Ziel ist es, den Einsatz von ökologischen Baustoffen im privaten und öffentlichen Bausektor zu stärken.

Quellen

www.muenster.de

www.muensterwiki.de

Untersuchungsbericht Ingenieur- u. Sachverständigenbüro Brückner, Lüdinghausen

Untersuchungsbericht Prof. Dipl.-Ing. Manfred Gerner Architekt BDB AKH, Fulda

 

Autorin

Claudia Moormann ist Assistentin der Geschäftsleitung bei der Firma Kramp & Kramp aus Lemgo.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Auftraggeber HWK Münster, Handwerkskammer Münster, www.hwk-muenster.de

Architekt Lindner Lohse Architekten BDA,
Dortmund, lindner-lohse-architekten.de

Aufsteller bautechnischer Nachweise

Gantert + Wiemeler Ingenieurplanung, Münster, www.gwims.de

Maurer-, Tischler- und Zimmerarbeiten

Kramp & Kramp, Lemgo, www.kramp-lemgo.de

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