Transformation einer alten Mühle in Grüsch im Kanton Graubünden in einen Wohnungsbau
Für die Transformation einer alten Mühle in Grüsch in einen Wohnungsbau hat das Architekturbüro Ritter Schumacher das Hauptgebäude saniert und umgebaut. Das 30 m hohe Getreidesilo der Mühle musste zwar abgerissen werden, doch der Beton aus dem Abbruch wurde für den Neubau genutzt.
Das 2000-Einwohner-Dorf Grüsch im vorderen Prättigau liegt ungefähr zwischen Chur und Davos und eine gute Fahrstunde von Zürich entfernt. Ortsfremde wundern sich vielleicht über ein großes Wohngebäude, das weit über den örtlichen Kirchturm hinausragt und auf den ersten Blick überdimensioniert wirkt. Doch für Einheimische ist der schon von weitem sichtbare Bau eine Art Wahrzeichen – auch wenn er sich jetzt in schwarze Solarpaneele kleidet: Denn Form und Volumen des Wohnturms entsprechen dem Silo der Getreidemühle am Taschinasbach, deren Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Später, ab 1889, erhielt Grüsch als eines der ersten Bündner Dörfer Strom durch die Mühle, und der nahe Bahnhof erleichterte den Transport von Getreide und Mehl – und heute den Menschen das Pendeln.
Abriss des Getreidesilos der Mühle in Grüsch
Foto: Daniel Ammann
Seit der Stilllegung im Jahr 2010 wurden verschiedene Ideen für die Umwandlung der Industriebrache durch Abriss und Neubau wieder fallen gelassen, weil sie aus Sicht der klassischen Immobilienentwicklung zu wenig Rendite versprachen und zu viel Risiko bargen. Schließlich erwarb das Unternehmen Gutgrün AG das Areal mit dem ausdrücklichen Ziel, hier ein Projekt des zirkulären Bauens mit Modellcharakter entstehen zu lassen: Mit ihrer Expertise wollten die Gutgrün-Gründeraktionärinnen Zindel AG und Schumacher Beteiligungen AG den Beweis antreten, dass ökologisch und sozial verträgliches Bauen auch für Investoren und Entwickler ökonomisch sinnvoll, lohnend und damit ebenfalls nachhaltig ist.
Transformation mit minimalem Materialeinsatz
Hauptgebäude und Turm verfügen jetzt über verschiedene Wohnungen – jede mit Loggia oder Balkon – für unterschiedliche Lebensentwürfe. Die meisten davon sind 37 kleinere 1,5 bis 3,5 Zimmer-Wohnungen auf elf Etagen im Turm mit rund 30 bis maximal 89 m2. Diese werden in Grüsch auch dringend benötigt, weil durch den neuerlichen Zuzug von Maschinenbau-Hightech-Firmen neue Arbeitsplätze entstanden sind. Im sanierten und umgebauten, vierstöckigen Hauptgebäude, dem sogenannten Mühlegebäude, befinden sich dagegen bis unter das Satteldach fünfzehn Loftwohnungen mit 2,5 bis 3,5 Zimmern und bis zu 147 m².
Die gleiche Perspektive auf die Gebäude kurz vor der Einweihung im September 2025
Foto: Daniel Ammann
Dafür wurden lediglich auf der Südseite die jüngeren Anbauten und Gewerberäume rückgebaut. Das Dach und die Fassade mussten saniert werden. Während die Fassade eine Außendämmung aus Steinwolle mit mineralischem Aufbau sowie Kunststofffenster erhielt, wurde das Dach ab der Schalung als Warmdach neu aufgebaut. Die Dämmungsschicht besteht hier ebenfalls aus Steinwolle. In die bestehende Stützen-Riegel-Konstruktion des Betonskelettbaus konnten nicht tragende Wände aus Backstein für die Wohnungen eingebaut werden. Auf die alten oder erneuerten Holzbohlendecken kam ein Überbeton.
Die neuen und bestehenden Innenwände wurden gestrichen, doch wo es möglich war, blieben die Oberflächen des Altbaus unbehandelt. Sogar die Graffiti einer Urban-Art-Ausstellung blieben erhalten, die das Haus als eines der Zwischennutzungsprojekte in den Jahren des Leerstands nutzte. Diese bringen in den offenen, großzügigen Räumen des ehemaligen Industriebaus den Charme einer Großstadt in das Alpendorf.
Aus altem Beton neu geformt
Das fensterlose Hochsilo mit seinen vielen Kammern und dünnen Wänden konnte aus statischen Gründen nicht mit solchem Minimalaufwand saniert werden. Nach dem Rückbau wurden die Baustoffe jedoch sortenrein getrennt und nach Möglichkeit wiederverwendet. Der Beton zum Beispiel wurde zu 100 Prozent im nahe gelegenen Werk Untervaz der Gribag AG gebrochen, rezykliert und floss wieder in den Neubau ein. Für die neue Betonproduktion wurde die benötigte Gesteinsmischung zu 75 bis 95 Prozent mit dem Abbruchbeton ersetzt und ein CO2-reduzierter Zement verwendet:
Der Beton des Silos wurde in einem regionalen Werk gebrochen, aufbereitet und dem Beton für den Neubau als Zuschlagsstoff zugefügt
Foto: Daniel Ammann
So wurde der Wohnturm praktisch aus dem gleichen Material neu modelliert und besteht nun zu 60 Prozent aus dem alten Turm. Die Rezeptur des Recyclingbetons wurde zusammen mit Kieswerk, Baumeister, Zementhersteller und Statiker nicht nach SIA-Norm, sondern exakt auf die für die Statik nötige Körnung abgestimmt. Auch die Decken bestehen aus diesem Recyclingbeton, während die nicht tragenden Innenwände aus Backstein aufgemauert sind. Wie das Mühlegebäude verfügt der Turm über eine Steinwolldämmung, Kunststofffenster und ein Warmdach, das in diesem Fall ein Flachdach mit intensiver und extensiver Begrünung ist.
Für die ganze Mühle gilt: Wo neue Materialien eingesetzt werden mussten, sind sie konsequent ECO-zertifiziert, also schadstofffrei und ressourcenfreundlich hergestellt. So stammt das Holz aus der Schweiz und ihren Nachbarländern, für die Dämmung wurde regionale Steinwolle eingesetzt. Alle Materialien sind für eine etwaige spätere Umnutzung oder einen Rückbau dokumentiert.
Voller Energie
Eine Art Kraftwerk ist die Mühle Grüsch trotz der Umnutzung geblieben. Wo man früher die Wasserkraft nutzte, um Mehl und dann auch Strom zu produzieren, sind es heute Solarzellen an der Fassade und auf dem Dach, die die künftigen Hausbewohner mit Energie versorgen. Für Wärme sorgt eine zentrale Wärmepumpe, ergänzt durch kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung. Das Energiekonzept der Mühle Grüsch basiert vollständig auf erneuerbaren Quellen.
Dachgeschosswohnung mit Küche im Hauptbau nach dem Ausbau
Foto: Daniel Ammann
Der Turm erfüllt den Minergie-P-Standard und soll über den gesamten Lebenszyklus hinweg eine optimierte CO2-Bilanz erreichen. Die Ritter Schumacher AG hat dafür die Tragkonstruktion, die Grundrisse, die Installationen und selbst das Design konsequent und immer mit Blick auf den CO2-Abdruck weiterentwickelt. Dabei ist auch eine neue Ästhetik entstanden, wie am deutlichsten wohl die schwarzen, matt glänzenden Solarpaneele zeigen, die die Fassade vertikal gliedern.
Mit dem Mühle-Projekt will die Gutgrün AG zeigen, dass nachhaltiges Bauen auch in einer Randregion möglich ist und sich rechnet. Die drei DGNB-Zertifizierungen bestätigen dies: schweizweit das erste Rückbauzertifikat mit DGNB-Platin für den Abbruch, DGNB-Gold für den Neubau des Turms und DGNB- Gold für die Sanierung des alten Mühlegebäudes.
Effizienz durch Allianzen
Die Ritter Schumacher AG arbeitet häufig in einem Allianzmodell: Planende, Bauherren und ausführende Firmen sind bereits frühzeitig involviert, entwickeln das Projekt gemeinsam und setzen es um. Dieses Vorgehen verändert die Rollen aller Beteiligten. So agiert niemand isoliert, sondern als Partner oder Moderator – die Verantwortung übernehmen alle, alle denken mit. Die Risiken werden in einem solchen Modell gemeinsam getragen, vom Erfolg profitieren alle. Durch die Zusammenarbeit von Anfang bis Ende entstehen Vertrauen, Effizienz und Qualität. Selbst entwickelte digitale Tools zur Bewertung und Einhaltung der Nachhaltigkeitsstrategie erlauben auch projektübergreifendes Arbeiten. So fließen die Erfahrungen aus der Mühle Grüsch bereits in neue Projekte ein.
AutorinGisela Graf ist Inhaberin der Agentur gisela graf communications in Freiburg und unterstützt das Architekturbüro Ritter Schumacher bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Baubeteiligte (Auswahl)
Bauherr Gutgrün, Chur, gutgruen.ch
Architektur und Tragswerksplanung Ritter
Schumacher, Chur, www.ritterschumacher.com
Rückbauarbeiten Zindel & Co., Maienfeld,
zindel.swiss
Rohbauarbeiten Mettler Prader, Chur,
www.mettlerprader.ch
Holzbauarbeiten LC Holzbau, Pragg-Jenaz,
www.lc-holzbau.ch
Herstellerindex (Auswahl)
Beton Gribag, Chur, www.gribag.ch
Dämmung Flumroc, Flums, www.flumroc.ch
