Vom Lost Place zur glanzvollen Zukunft

Umbau des Längsdielen- und Burchsteinhauses des „Hanse Hofs“ in Lemgo

Das historische Gebäudeensemble „Hanse Hof“ in Lemgo, das aus einem Längsdielenhaus und einem Bruchsteinhaus besteht, wurde nach jahrelangem Leerstand und Verfall revitalisiert. Besonderes
Augenmerk wurde dabei auf die authentische Sanierung der Fassaden gelegt.

Der Verfall historischer Gebäude ist ein wachsendes Problem. Durch mangelnde Pflege, fehlende finanzielle Mittel und schlussendlich durch Leerstand werden aus den ehemals glanzvollen Zeugen der Vergangenheit die Lost Places der Gegenwart. So erging es auch dem Ensemble „Hanse Hof“ in Lemgo. 1978/1979 zur damals modernen Prestige-Passage „Hanse Center“ in Innenstadtrandlage umgebaut, verlor diese mangels Wettbewerbsfähigkeit an Attraktivität, wurde 20 Jahre später geschlossen und stand anschließend 12 Jahre lang leer. 2019 wurde das „Hanse Center“ zwangsversteigert, 2023 begann die aufwendige, denkmalgerechte Sanierung von insgesamt 1035 m² Wohn- und Geschäftsfläche des „Hanse Hofs“.

Revitalisierung

Denkmalschutz und Revitalisierung schließen sich nicht aus. Ziel ist es, ein Denkmal mit möglichst geringem Energieeinsatz nutzbar zu machen. Der „Hanse Hof“ wurde dafür drei Jahre lang kernsaniert. Zuerst erfolgte ein vollständiger Rückbau des Gebäudeinneren bis auf die historische Bausubstanz. Zwischenwände wurden abgebrochen, Wand- und Deckenverkleidungen aus Spanplatten und Gipskarton entfernt, Elektroinstallationen und Heizungsrohre rückgebaut, Tapeten und loser Putz entfernt. Die etwa 280 mm dicke Stahlbetonsohle wurde bis auf das Erdreich abgetragen und die alten Aluminium-Schaufensterfronten, Eingangs- und Außentüren ausgebaut. Mehrere Einbauten aus Stahlbeton und Stahlträgern stellten erhebliche Anforderungen an die Statik, die mehrfach neu berechnet werden musste. Durch die vollständige Entkernung konnte hier im wahrsten Sinne des Wortes „von Grund auf“ in Sachen Wärme-, Schall- und Brandschutz neu angesetzt werden.

Rekonstruktion der Fassaden

Um detaillierte Erkenntnisse über die Geschichte der Gebäude zu gewinnen, wurde in Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Lemgo der Bauforscher Herr Dr. Michael Sprenger beauftragt, eine baugeschichtliche Untersuchung sowie eine dendrochronologische Altersbestimmung der Bauhölzer vorzunehmen. Die Forschungen ergaben, dass die ursprünglichen Häuser aus dem Jahr 1507 stammen. Somit handelt es sich wahrscheinlich um eine mittelalterliche Großparzelle, die mit dem bruchsteinernen Bürgerhaus in der Breiten Straße Nummer 41 und dem kleineren Nebenhaus mit der Nummer 39 bebaut wurde. In ihrer langen Geschichte wurden die Häuser mehrmals umgebaut und umgenutzt.

Sanierung der Fachwerkfassade des Längsdielenhauses

Die dendrochronologische Untersuchung zweier Bauhölzer ergab, dass das Längsdielenhaus mit der Nummer 39 im Jahr 1828 neu errichtet wurde. Dabei entstand ein etwa 5 m hohes, zweischiffiges Dielenerdgeschoss mit rundbogigem Dielentor. Das Bauholz für den linken Torständer wurde mit Waldkante 1828 geschlagen. Die hohe Diele wurde durch das Tor zur Straße erschlossen und diente als Durchfahrt zum Hof. Anhand dieser Erkenntnisse und der Rekonstruktionszeichnungen von Dr. Sprenger wurde die Fachwerkfassade des Gebäudes auf den Stand von etwa 1828 rekonstruiert. Mit den räumlichen Umgestaltungen des späten 19. Jahrhunderts wurden Ladenlokale im Erdgeschoss eingerichtet, wofür die Fachwerkwände durch Stahlträger ersetzt wurden.

Die Sanierung der Fachwerkswände erforderte den Einsatz diffusionsoffener und historisch passender Materialien. Die historischen Fachwerkkonstruktionshölzer und Fachwerkfüllungen im Originalzustand mussten ohne Auswechslungen erhalten werden. Erneuerungen von Hölzern und Ausfachungen in minimalem Umfang waren nur dort zulässig, wo zuvor die Notwendigkeit mit der Unteren Denkmalbehörde abgestimmt wurde. Für die Ausbesserung des Fachwerks wurde ausschließlich Eichenholz aus deutschen Wuchsgebieten verwendet. Der Ausbau der Ausfachungen musste vorsichtig vorgenommen werden, da gut erhaltene Backsteine und Lehmsteine bei der Neuausmauerung wiederverwendet werden sollten.    Nach dem Ausbau der Ausfachungen und dem Abstemmen des Außenputzes wurden die freigelegten Fachwerkbalken mit einem Heißluftföhn sauber bis auf einen tragfähigen Untergrund entschichtet, defekte oder nicht zugelassene Spachtelmassen, Epoxidharze und Nägel komplett entfernt. Anschließend erfolgte die Bearbeitung mit der Balkenbürste, um weiche Teile der Holzoberfläche zu lösen. Härtere Maserungen und Strukturen blieben dabei erhalten und das Holz bekam seine natürliche Optik zurück. Marode Fachwerkshölzer wurden in fachgerechter Handwerksarbeit gesundgeschnitten, ausgebessert und mit traditionellen Holzverbindungen eingebaut.  Anschließend wurden die Gefache denkmalgerecht, mit weichgebrannten „Westfalen Backsteinen“ und Trasskalkmörtel neu ausgemauert, sauber an das Holzständerwerk angearbeitet und zur Verbesserung der Haftung des Außenverputzes die Stoß- und Lagerfugen ausgekratzt. Das folgende Neutralisieren der Neuputzflächen mit Fluat (Fluorsilikat) und die chemische Entfernung von Sinterschichten sind wesentliche Arbeitsschritte, bevor mit der Neubeschichtung begonnen werden kann. Verseifungsschäden, Haftungsprobleme bei Farben und das Entstehen von Kalkausblühungen werden so vermieden. Die Grundbeschichtung der Gefache erfolgte mit einem mineralischen Fixativ, das unlösbar mit dem Untergrund verkieselt, hoch diffusionsfähig, hoch witterungsstabil und unbrennbar ist. Für die Zwischen- und Schlussbeschichtung wurde eine Silikatdispersionsfarbe mit absolut lichtbeständigen, anorganischen Pigmenten und Füllstoffen verwendet. Die Silikatdispersionsfarbe schützt den mineralischen Untergrund (Putzflächen) vor starker Witterungsbelastung. Für die Neubeschichtung von Fachwerkbalken, Ortgang und Traufgesims erfolgte zuerst eine Grundierung mit farblosem Leinöl-Halböl, bei der neue Fachwerkhölzer dem Bestand entsprechend mit einem pigmentierten Halböl angeglichen wurden. Die anschließende Zwischen- und Schlussbeschichtung wurde mit pigmentierter Leinölfarbe ausgeführt, bei Bedarf ergänzt durch eine weitere farbliche Anpassung der neuen Hölzer. Farbbefundsuntersuchungen im Vorfeld ergaben, dass das Ständerwerk in einem hellen Grauton beschichtet war, der auch für die Neubeschichtung übernommen wurde.

Gewerbefront des Bruchsteinhauses

Die Gewerbefront des Bruchsteinhauses mit der Nummer 41 ist mit einer Gesamtbreite von knapp 10 m und einer Höhe von etwa 4,60 m ein besonderer Blickfang. Im Jahr 1912 von Wilhelm Hempelmann erworben und umgebaut, wurde aus dem Wirtschaftsgebäude mit Scheunencharakter und Fachwerkfassade ein Wohn- und Geschäftshaus mit einer Jugendstilfassade aus verputztem Backstein mit ornamentalem Dekor. Das Erdgeschoss wurde durch hohe Schaufenster zwischen rustizierten Wandpfeilern für das Ladenlokal geöffnet. Anhand der Bauzeichnungen von 1912 und Postkarten aus den 1930er-Jahren konnte die Schaufensteranlage rekonstruiert werden. Die Türfüllungen mit dem typischen Jugendstilmotiv des stilisierten Baums wurden von einem regional ansässigen, holzbildhauerischen Meisterbetrieb handgeschnitzt. Die Holzelemente sind aus Eiche und nussbaumfarben lasiert. Ein passender Jugendstilknauf in Messing rundet den zeitgenössischen Eindruck der Tür ab.

Gemäß Energieeinsparverordnung wurde für die Schaufenster ein 12 mm dickes VSG-Glas als Wärmeschutzverglasung ISO 1.1 (Ug-Wert = 1,1 W/m²K) eingebaut. Das ist ein hocheffizientes 2-fach-Isolierglas, das durch eine spezielle Edelmetallbeschichtung und Argon-Gasfüllung im Zwischenraum die Heizkosten senkt und Wärme im Raum hält. Es bietet eine hohe Lichtdurchlässigkeit von etwa 81 bis 82 Prozent und erfüllt moderne Anforderungen an die Energieeffizienz. Mit dem Einsatz von einer „Warmen Kante“, einem thermisch optimierten Randverbund, werden Kältebrücken am Glasrand minimiert. Die Schalldämmung liegt bei etwa 31 dB und bietet einen effektiven Lärmschutz für Wohnstraßen und mäßig belebte Bereiche. Mit einer Scheibengröße von je 10,91 m2 (Umfang 13,24 laufende Meter) und einem Gewicht von 680 kg war es eine Herausforderung, die Scheiben nach Vorgabe der Unteren Denkmalbehörde einzubauen, denn trotz ihrer Maße müssen die Scheiben ohne eine mittige, senkrechte Unterbrechung auskommen. Die Lösung war, dass die Holzrahmen der Schaufenster als Bausatz geliefert und vor Ort dann zusammen- und eingebaut wurden. Die Oberlichter mit Wiener Sprosse dagegen wurden von außen fertig verglast und geklebt geliefert und nach dem Einbau von innen fertiggestellt. Das Verglasen der großen Schaufenster wurde anschließend von einem Spezialunternehmen mit Hilfe eines Kranwagens und Vakuumsaugers ausgeführt.

Sanierung im Inneren

Nach der Entkernung beider Gebäude wurden die Holzbalkendecken statisch geprüft, geschädigte Holzbalkenköpfe gesund geschnitten und die Deckenkonstruktion, wo erforderlich, unter größtmöglichem Erhalt der historischen Substanz verstärkt. Denn auch im Inneren galt dem Erhalt der historischen Konstruktion ein besonderes Augenmerk. Sichtbare Fachwerkwände, Deckenbalken und weitere historische Holzbauteile wurden gereinigt und aufgearbeitet. Dabei wurden geschädigte Hölzer mit passgenauen Eichenhölzern in traditioneller Zimmermannstechnik ergänzt. Passend zur Fassade wurde die historische Holzkonstruktion auch im Inneren mit einem hellen Grauton wohnlich in Szene gesetzt. Entsprechend der neuen Grundrissplanung wurden die Innenwände überwiegend in Trockenbauweise mit Mineralwolledämmung ausgeführt.

Fazit

So entstanden im historischen Ensemble des „Hanse Hofs“ in Lemgo 14 hochwertig ausgebaute Wohnungen und eine Gewerbeeinheit. Die historischen Fassaden beider Gebäude wurden denkmalgerecht wiederhergestellt. An der Rückseite wurden Balkone montiert, großzügige, bodentiefe Fenster eingebaut und dank des Aufzugs im gemeinsamen Treppenhaus sind die Gebäude barrierefrei. So wurde bei Gesamtbaukosten in Höhe von 3,58 Millionen Euro (rund 3000 Euro/m² Nutzfläche) nicht nur hochwertiger Wohnraum inmitten von Lemgo geschaffen, sondern das historische Gebäudeensemble des „Hanse Hofs“ für eine glanzvolle Zukunft gerettet. Gefördert wurde die Sanierung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM).

Quellen

Untere Denkmalbehörde Stadt Lemgo

Bau- und Kunstdenkmäler in Westfalen – Stadt Lemgo, herausgegeben 1983

Bauhistorische Dokumentation Lemgo, Breite Straße 39 und 41, Dr. Michael Sprenger

 

Autorin

Claudia Moormann ist Assistentin der Geschäftsleitung bei der Firma Kramp & Kramp aus Lemgo.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Eigentümergemeinschaft
A. und G. Kramp, Lemgo

Statik und Wärmeschutzkonzept M. Oberhokamp, Ingenieurbüro für Bauwesen, Lemgo,
www.statik-owl.de

Brandschutzkonzept Kramps Ingenieure,
Gesellschaft für Bauwesen, Brilon,
www.kramps-ingenieure.com

Tischler-, Zimmerer- und Malerarbeiten
Kramp & Kramp, Lemgo, www.kramp-lemgo.de

Maurer- und Putzarbeiten A. Kramp, Lemgo,
www.kramp-lemgo.de

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