Chat-GPT im Bauhandwerk – was Sinn macht, was nicht

Chat-GPT ist gefühlt überall präsent. Mancher sieht durch den Einsatz der vermeintlich künstlichen Intelligenz das Abendland bedroht. Andere erwarten, dass das Sprachprogramm und seine Konkurrenten ähnlich einschlagen werden wie das Smartphone, wenn nicht das Internet. Doch können auch Bauhandwerker von der Software profitieren? Eine Spurensuche:

ChatGPT erspart mühevolle Recherchen.
Foto: Franz Bachinger / Pixabay

ChatGPT erspart mühevolle Recherchen.
Foto: Franz Bachinger / Pixabay
Manche Antworten sind witzig: Auf die Frage, was mehr wiegt, ein Kilo Nudeln oder ein Kilo Stahl, soll Chat-GPT geantwortet haben: „Ein Kilo Stahl wiegt mehr als ein Kilo Nudeln.“ Auf Fangfragen scheint die Künstliche Intelligenz (KI) aus den USA nicht vorbereitet zu sein. Trotzdem ist der mediale Hype um die schlaue Software enorm. Gespeist mit dem Internetwissen bis Anfang 2022 beantwortet Chat-GPT Fragen der Nutzer. Und zwar mit einer hohen Treffsicherheit – mit Ausnahmen wie oben.

Doch nicht nur antworten kann das Programm. Es schreibt auch. Lautet die Eingabe etwa: „Bitte ein Dankesschreiben an meinen Kunden XY anfertigen!“ Blinkt etwas später ein gewinnender Brieftext auf dem Bildschirm – den vermutlich 90 Prozent der Anwender nicht besser hätten tippen können. Grammatik und Satzbau passen, sogar die Kommata sind richtig gesetzt. Beeindruckend.

Angebote, Posts und Übersetzungen

Unlängst hat der grünen Politiker Alexander Salomon im baden-württembergischen Landtag seine erste Rede gehalten, die von Chat-GPT geschrieben wurde. Wäre das nicht auch für jeden Meister eine Erleichterung: die Weihnachtsrede vom Automaten gestrickt? „Ja, sicher“, meint Thomas Gebhardt von der HWK Stuttgart. Auch die Rede für die Freisprechung der Azubis könnte Chat-GPT ersinnen. Und die Angebotstexte für das Bauprojekt – auch die kann das Programm liefern, wenn es ein paar Stichworte bekommt. Wobei der Digitalexperte hier schon warnt. Das Bauhandwerk sei nicht mit universitärem Umfeld zu vergleichen. Dort fände sich viel mehr Text, aus dem die KI-Maschine ihre Bausteine zusammenschustern könne.

Passt eine Version nicht, kann man die KI zum Nachbessern auffordern, wie in einem Video des Mittelstand-Digital Zentrums Handwerk erklärt wird. Dort ist zu sehen, wie die Künstliche Intelligenz Kündigungsschreiben oder Social-Media-Posts generiert. Diese übersetzt die Software zudem in Fremdsprachen: Ein Aushang zum Arbeitsschutz am Schwarzen Brett in Deutsch, Polnisch und Rumänisch – mit dem Chat-Programm eine einfache Übung.

Internet-Recherchen erleichtern

Die Gefahr besteht, dass Schüler und Azubis sich mit Hilfe von ChatGPT Aufsätze schreiben lassen.
Foto: Matheus Bertelli /Pexels

Die Gefahr besteht, dass Schüler und Azubis sich mit Hilfe von ChatGPT Aufsätze schreiben lassen.
Foto: Matheus Bertelli /Pexels
Felix Pflüger von Telefonieprovider Peoplefone Deutschland findet Internetrecherchen, die der Algorithmus übernimmt, ebenso spannend. Der Deutschlandchef des Telefonieprovider betreut mehrere tausend mittelständische Betriebe, darunter etliche Bauhandwerker. „Wie viel Bafög bekommen Azubis und zu welchen Bedingungen?“, könnte eine Frage lauten. Und die KI formuliert binnen Sekunden eine verständliche Antwort. Mühselige Recherchen wären passé. Oder: „Was bedeutet Nullsteuersatz bei Photovoltaikanlagen“. Zack, bekommt der Unternehmer einen lesbaren Einblick ins Steuerrecht. Das spart Zeit und ist zudem einfacher als Schreiben des Bundesfinanzministeriums eigenhändig zu studieren. Oder eine Google-Trefferliste durchzuscrollen, die auf den ersten zehn Positionen Anzeigen präsentiert.

Und wer Chat-GPT nach Energiespartipps für den Betrieb fragt, dem listet die KI auf, was zu tun ist: Wände dämmen, LED-Leuchten einsetzen, E-Motoren bei Maschinen erneuern, Abwärme nutzen, usw. Wichtig zu wissen: Je spezifischer die Anfrage, desto besser die Antwort der KI. „Interessant ist, dass Chat-GPT nicht nur die passende Stelle nennt, sondern Wissen in lesbare Zusammenfassungen verwandelt“, so Pflüger, „beziehungsweise in der Lage ist, zum Wissen gleich passende Fragen zu erstellen“. Ideal für Lehrer an Berufs- und Meisterschulen, die Tests entwickeln wollen.

„Bard“ folgt ins KI-Rennen

Dass Microsoft zehn Milliarden Euro in den Erfinder, das Start-up OpenAI, investiert, lässt Tec-Riesen Amazon und Google aufhorchen. Die Suchmaschine etwa stellte Anfang Februar einen eigenen KI-Chatbot vor: „Bard“ ist seit kurzem öffentlich zugänglich. Mancher IT-Experte spricht schon von einem ähnlichen Erfolg wie bei der Erfindung des Smartphones oder gar des Internets. Pflüger sieht durch den Einsatz der Software vor allem Hilfe, um administrative Aufgaben zu erledigen. „Wer weniger Recherchieren will und sich ungern mit Schriftverkehr beschäftigt, für den ist die KI sicher eine Erleichterung“, so der Peoplefone-Chef.

Prüfen und die Gefahr von Einheitssoße

Zu benutzen ist die intelligente Software derzeit in Deutschland sowohl als Version GPT-3,5 (kostenlos) und als GPT-4,0 für 20 Dollar pro Monat. Was die KI wohl auch im Bezahlversion nicht kann, ist Denken. „Jede Antwort ist auf Fakten und Plausibilität zu prüfen“, rät Pflüger. Denn auch wenn Chat-GPT ein enormes Wissen hat und dieses binnen Sekunden analysiert, und das Extrakt textet, so hat sie keine Qualitätskontrolle – wie die Nudel-Stahl-Antwort zeigt. Noch nicht.

Auch für das Schreiben von Homepages könnte die KI dienen, allerdings besteht die Gefahr, dass bald alle Texte auf Webseiten ähnlich klingen. „Die Variationen erschöpfen sich, weil die KI nur reproduzieren kann“, sagt Pflüger. Eine kreative Kraft kann kein noch so innovatives Start-up programmieren. Das stellt fest, wer Songtexte oder Gedichte von ihr entwerfen lässt. „Das holpert doch arg“, so Pflüger. Oder um es mit den Worten des Musikers Nick Cave zu sagen: „Die Songs sind Mist“. Dem Australier wurden Lieder präsentiert, welche die KI im Cave-Stil geschrieben hat.

Was Chat-GPT nicht kann

Bei der HWK sieht Gebhardt noch eine weitere Gefahr: Schüler lassen sich Aufsätze und Interpretationen von Chat-GTP schreiben. „Das würde auch bei Lehrlingsberichten gehen“, so der Digital- und Technologieberater. Grundsätzlich sei es richtig, dass sich Firmen mit der künstlichen Intelligenz beschäftigen, jedoch sollten nicht das Wissen in den Betrieben vergessen werden. Gebhardt sieht die Software stattdessen als Sparringspartner und damit als Lernhilfe für Lehrlinge. So könnten Azubis Antworten der vermeintlichen Supersoftware diskutieren. Etwa ob die angebotene Lösung stimme – und wenn nein, warum nicht.

Autor

Michael Sudahl ist als freier Journalist bei der Agentur Der Medienberater Fromm Sudahl in Schorndorf tätig.

 


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