Abdichtung mit Schutzwall

Der Handelshof in Leipzig ist der zweitälteste Messepalast der Stadt, der von der Stadtbau AG gemeinsam mit dem englischen Investor Patron Capital komplett saniert wurde. Ein dringendes Projekt, denn die letzte Messe hatte dort im Frühjahr 1991 stattgefunden und ab 2004 war das Gebäude nur noch teilweise genutzt worden.

Der Handelshof wurde 1908/09 im Auftrag der Stadt Leipzig erbaut und zählte aufgrund seiner Stahlbetonbauweise zu den richtungweisenden Bauten jener Zeit. Das ehemalige Messehaus nimmt mit einer Grundfläche von knapp 4400 m2 ein großes Innenstadt-Karree ein. Die Straßenfassaden sind in der Leipziger Renaissancetradition gegliedert.

Nach den alliierten Bombenangriffen auf die Stadt in den Jahren 1943/44 brannte der Handelshof völlig aus. Schon zur Frühjahrsmesse 1947 wurde er, instandgesetzt bis zur dritten Etage, wieder in Betrieb genommen.

In den 1960er Jahren wurde die ehemals reich verzierte Fassade im Zuge von Sanierungs- und Umbauarbeiten durch starke Vereinfachung dem Zeitgeschmack angepasst. 2007 startete die Leipziger Stadtbau AG dann eine umfassende denkmalgerechte Sanierung und Modernisierung des Handelshofs, inklusive einer Fassadenrestaurierung, die 2009 abgeschlossen wurde. Die Modernisierung ermöglichte die Erweiterung der Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss auf 4000 m2 und den Ausbau der Obergeschosse für ein Oberklassehotel mit 200 Betten.

 

Nutzungskonzept und Bausituation

Mittlerweile haben die ersten exklusiven Ladengeschäfte ihr neues Domizil bezogen – im Handelshof wird wieder gehandelt. Bis es soweit war, musste das hundert Jahre alte Gebäude aber auch im Untergrund wirkungsvoll gegen drückendes Wasser abgedichtet und die Kellerräume nach neuestem Stand der Technik saniert werden, um eine höherwertige Nutzung des Untergeschosses als Verkaufs-, Büro- und Lagerraum zu ermöglichen.

Da das Gebäude mehr als 6 m tief in der Erde steht und sehr zentral gelegen ist, schied eine vertikale Außenabdichtung im klassischen Stil aus. Gesucht wurde ein Konzept für die Innenabdichtung der Außenwände, das ohne Einschränkungen und Kompromisse hinsichtlich aller Optionen für zukünftige Raumgestaltungen und Nutzungen realisiert werden konnte.

Konventionell wird eine Innenabdichtung mit einer starren mineralischen Dichtungsschlämme ausgeführt, da diese gegen den negativen Wasserdruck beständig ist, den Oberbelag als Abdichtungsschutz zuverlässig trägt und dessen Spannungen in den Untergrund ableitet. Aber wenn diese Abdichtung durch Verankerungen und Anbauten durchlöchert wird, können daraus enorme Bauschäden entstehen. Eine Innenabdichtung mit mineralischer Dichtschlämme und Sanierputz schied also aufgrund der besonderen Anforderung durch den Nutzer aus.

 

Das Abdichtungskonzept

Begleitend zur Rohbausanierung mussten, aufgeteilt in mehrere Bauabschnitte, rund 300 m Außenwand mit Raumhöhen bis 4,20 m abgedichtet werden. Beauftragt wurde das Leipziger Fachunternehmen ABR proligna. Das Konzept für die Bauwerksabdichtung wurde gemeinsam mit der Firma Remmers ausgearbeitet: Eine Kombinationsabdichtung aus mineralischer Dichtschlämme und der kunststoffmodifizierten Bitumendickbeschichtung (KMB) Profi Baudicht 2K. Da eine KMB laut Zulassung nur für positive Wasserbelastung anzuwenden ist, wurde bei diesem Bauvorhaben das Prinzip der „Lastfallumkehr“ zur Anwendung gebracht. Dafür musste eine neue, massive Vorwand aus Kalksandstein als Gegendrucklage eingebaut werden, hohlraumfrei verfüllt zwischen Wand und Abdichtung mit wasserdichtem, bitumenvergütetem Mörtel. Die Vorwand dient als Schutz der Abdichtung gegen mechanische Beschädigungen und verhindert desweiteren durch ihren Gegendruck die Ablösung der Bitumenabdichtung aufgrund von Feuchtigkeit. Die Vorwand wurde im Zuge des Innenausbaus herkömmlich verputzt. Bohrbefestigungen von Regalen und anderen Anbauten stellten kein Problem mehr dar.

 

Mineralische Abdichtung

Als notwendige Vorbereitung für die Gebäudeabdichtung mussten der Altputz und der Bestandsfußboden vollständig entfernt und neuer Unterbeton eingebracht werden. Gipsreste, Eisenanker und Holzdübel entfern­ten die Handwerker aus dem Untergrund, lose Steinteile wurden abgeschlagen. Danach konnte der Unter­grund mit der Sandstrahltechnik vorbehandelt werden, um die Abdichtungslagen aufbringen zu können.

Im ersten Schritt wurde mit Kiesol grundiert, um durch Verkieselung und Kieselgelbildung eine hydrophobe Baustoffverfestigung zu erreichen – ein Prozess, der durch feuchten Untergrund noch verstärkt wird: die Kapillarporen des Ziegelmauerwerks werden verengt und wasserabweisend ausgerüstet. Für die nachfolgenden Schlämme wird so ein optimaler Haftverbund hergestellt. Auf die Grundierung mit Kiesol folgte ein erster Auftrag der mineralischen Sulfatexschlämme im Schlämmverfahren, um eine dampfdurchlässige, druckwasserdichte Oberflächenabdichtung mit hoher Festigkeit herzustellen.

Im zweiten Arbeitsschritt wurden sämtliche Unebenheiten und Löcher mit Dichtspachtel verschlossen und die Dichtungskehle als Wand-/Bodenanschluss mit einer Kantenlänge von 5 cm ausgebildet. Der Dichtspachtel ließ sich in einem Arbeitsgang auch großflächig bis 50 mm Dicke problemlos einsetzen. Kurz danach folgte ein zweiter Auftrag der Sulfatexschlämme, der etwa 30 cm über die Hohlkehle hinaus bis auf den Unterbeton reichte, um einen späteren Anschluss der Bodenplattenabdichtung zu ermöglichen.  

Bitumendickbeschichtung

Nach einer Trockenzeit von zwei Tagen war die mineralische Abdichtung durchgehärtet und die Bitumendickbeschichtung konnte aufgebracht werden. Eingesetzt wurde die KMB Profi Baudicht 2K im Spritzverfahren, mit einer Nassschichtdicke von mindestens 6 mm. Hier kam eine Schneckenpumpe mit Luftverdüsung (Luftmenge etwa 400l/min) zum Einsatz. Die Bitumendickbeschichtung – das Hauptprodukt des Abdichtungssystems – beinhaltet eine spezielle Füllstoffkombination aus Gummigranulat und kann daher selbst bei diesem anspruchsvollen Lastfall auch ohne Verstärkungseinlage eine hoch sichere Abdichtungsmatrix garantieren. Die Gummigranulat-Füllstofftechnologie ermöglicht eine Druckbelastbarkeit der bituminösen Schicht, die weit über den Anforderungsnormen liegt. Die Schichtdicke verändert sich nach Durchtrocknung und Belastung durch den anliegenden Gegendruck nur minimal.

Die KMB wurde über die Dichtkehle bis etwa 12 cm auf die Schlämmabdichtung des Fußbodenanschlusses aufgespritzt und bildet dort die untere Horizontalsperre der anschließend errichteten Vorwand. Die Bodenabdichtung mit einer Bitumenschweißbahn erfolgte nachträglich und wurde auf der Sulfatexschlämme überlappend angeschlossen.

Da einige der abgehenden Innenwände ziemlich dick sind, war deren Abtrennung von der Außenwand nicht immer möglich. Um auch diese Innenwände vor kapillarer Feuchte zu schützen, wurden Niederdruckinjektionen und Gelinjektionen ausgeführt. Als Injektionsmittel kam Kiesol IK zum Einsatz.

Massive Vorwand als Gegendrucklage schützt Bitumenabdichtung vor Ablösung

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