Dornröschen
Sanierung und Umbau des Grossen Höchhuses in CH-Steffisburg

Das Grosse Höchhus in Steffisburg zählt zu den regional bedeutenden Baudenkmälern der Schweiz. Kein Wunder also, dass man besonderen Wert auf die Erhaltung der historischen Bausubstanz legte – der spätgotischen Holzstuben zum Beispiel. Allerdings wurde im Zuge der Restaurierungs- und Umbauarbeiten – so wie von den Gewinnern des 2001 ausgelobten Wettbewerbs, dem Büro HMS Architekten und Planer AG aus Spiez vorgeschlagen – auch ein kompletter Gebäudeteil in Stahlbeton ersetzt.

Die beiden so genannten Höchhüser in Steffisburg – zwei der wenigen in der Schweiz erhaltenen ländlichen Herrensitze aus dem Spätmittelalter – gehören zu den bedeutenden Profanbauten des Kantons Bern. Wen wundert es da, dass vor Beginn der Restaurierung des Grossen Höchhuses der Archäologische Dienst des Kantons Bern und die kantonale Denkmalpflege bereits im Vorfeld umfangreiche Untersuchungen durchführten, um die Baugeschichte des Gebäudes besser zu verstehen und die anstehenden Arbeiten im Detail folgerichtig planen zu können. Die Historie des Gebäudes erläutert der Kasten „Baugeschichte des Grossen Höchhuses“ auf der gegenüberliegenden Seite.

Bis Ende der 1980er Jahre dauerten diese Voruntersuchungen an. Die Ergebnisse bildeten die Grundlagen für den Ideenwettbewerb, den die Stiftung Höchhus Steffisburg 2001 durchführte. Das siegreiche Projekt der HMS Architekten aus Spiez sah als wesentlichen Entwurfsbestandteil den Ersatz des in den 1940er Jahren ausgebauten Ökonomieteils durch einen Neubau vor, in dem die technischen Räume konzentriert wurden. Letztendlich konnten dadurch die wertvollen historischen Gebäudeteile von Eingriffen in die Substanz weitgehend freigehalten und handwerklich schonend saniert und restauriert werden.

Diese historischen Teile des Hauses stehen auf bis zu 1,50 m dicken Fundamentmauern aus dem 13. Jahrhundert. Die zwei gemauerten Obergeschosse werden von einem steilen, mit Biberschwanzziegeln gedeckten Walmdach abgeschlossen. Während die Hülle komplett aus Natursteinen gemauert ist, besteht die innere Tragstruktur überwiegend aus Holz. Im Original erhalten geblieben sind die Holzbalkendecken aus dem 16. Jahrhundert im Erdgeschoss, die hölzernen Stuben im ersten und zweiten Geschoss und das Dachtragwerk. Ziel der Restaurierung und Sanierung war es unter anderem, trotz neuer Nutzung das alte Niveau der Decken und Schwellen zwischen den Räumen möglichst zu erhalten.

Die ab Ende 2006 durchgeführten bauarchäologischen Untersuchungen zeigten, dass das bauliche Konzept der Architekten in vollem Umfang umgesetzt werden konnte. Acht Monate lang arbeiteten hier bis zu drei Personen an der Bauaufnahme und am Aufmaß. Dies ermöglichte den Startschuss für die Restaurierungs- und Umbauarbeiten. Im Bereich des Peter-Surer-Saales im ersten Obergeschoss gewann man genauere Erkenntnisse zur Baugeschichte allerdings erst, nachdem die Handwerker den alten Putz an den Wänden und Decken abgeschlagen hatten.

Alt und Neu

miteinander verbinden

Für die bauliche Umsetzung des Entwurfs aus dem Büro HMS Architekten mussten die Handwerker zunächst den im 20. Jahrhundert neu aufgebauten und „auf alt getrimmten“ Ökonomieteil in der Südostecke des Hauses abbrechen und durch ein neues Bauteil, in dem die technischen Anlagen und Sanitärräume untergebracht sind, ersetzen. Hierzu stützten die Handwerker das auskragende Dachtragwerk zunächst mit mächtigen Rundhölzern ab. Nach Abbruch der alten Wände setzten sie dann auf die alten unterfangenen Fundamente die Schaltafeln für die Stahlbetonwände – denn der neu hinzugefügte Gebäudeteil sollte sich nach Wunsch der Architekten deutlich vom historischen Bestand unterscheiden. Die Fassade wurde aufgrund eines historischen Fundes nach eingehender Diskussion mit der kantonalen Denkmalpflege festgelegt.

Den Abschluss des Treppenhauses zum historischen Bestand stellten die Maurer mit Kalksandsteinwänden her. Vor diese setzten die Handwerker auf der dem Treppenhaus abgewandten Seite eine neue Fachwerkkonstruktion, deren Gefache sie mit Mineralwolle dämmten.

Neue Holzfenster und

Arbeiten an der Fassade

Vor allem durch die Wiederherstellung von alten Fensteröffnungen im ersten Obergeschoss mit neuen Gewänden mussten an der verputzten historischen Bruchsteinfassade Anpassungsarbeiten vorgenommen werden. Dies waren insbesondere Stemmarbeiten für den Einbau der neuen Sandsteingewände und Holzfenster. Aber auch die Befensterung im Erdgeschoss bedurfte der baulichen Korrektur. Die 1944 vergrößerten Fenster wurden auf ein minimal mögliches Maß verkleinert. Ursprünglich gab es hier nur ganz kleine Fensteröffnungen, so wie man sie heute noch beim Höchhuskeller sieht. Die lackierten Holzfenster in den beiden Obergeschossen baute der Schreiner als so genannte „Landhausfenster“ mit beidseitig aufsilikonisierten Sprossen. Die Fassade erhielt abschließend einen neuen Verputz mit Sumpfkalk aus lokaler Herstellung (Freilichtmuseum Ballenberg Brienzwiler). Die Anstricharbeiten führte der Maler auf diesem Putz mit Mineralfarben der Firma Keim aus.


Arbeiten am Dachstuhl

Nachdem die alte Dachdeckung komplett heruntergenommen war, zeigte sich, dass das alte Tragwerk des Dachstuhls vollständig im Original erhalten geblieben war. Nicht nur wegen der neuen Nutzung dieser Ebene als Veranstaltungsraum, sondern vor allem aus statischen Gründen mussten an etlichen Stellen beschädigte Sparren und insbesondere die Verbindung der Sparren mit der Balkenlage und die Balkenköpfe zimmermannsmäßig repariert werden. Wie stark das Ausmaß der Holzzerstörung war, konnte man zum Beispiel an den beiden Aufnahmedornen der den First krönenden Spitzen sehen: Nachdem die Handwerker auf dem Dach deren aus Zinkblech bestehende Abdeckungen abgenommen hatten, tauchten darunter fast gänzlich „abgenagte“ Aufnahmedorne auf. Diese erneuerten die Zimmerleute und verlegten auf den Sparren eine neue Lattung, auf der die Dachdecker wieder die historische, zum Teil ergänzte Doppeldeckung mit Biberschwanzziegeln verlegten. Dazu benötigten die Handwerker wegen des steilen Daches spezielle Gerüstbühnen.↓

Sanierung der bis zu 7 m langen Bohlendecken

Im Zuge der Umbauten im Laufe der Jahrhunderte wurde auch die Statik im Gebäude erheblich verändert. Das hatte unter anderem zur Folge, dass eine Wand im ersten Obergeschoss keine Lastabtragung über eine darunter befindliche Wand oder ein anderes Tragwerk besaß. Für die neuen Nutzung musste hier eine Sonderlösung gefunden werden.

Die von den Handwerkern im Staubstrahlverfahren gereinigten Holzdecken sind im Gebäude nach dem Muster einer Dippelbaumdecke konstruiert: durchlaufende Holzbohlen, so genannte „Mann-an-Mann-Decken“ auf seitlichem Auflager – und das auf einer Länge von bis zu 7 m. Die 10 bis 12 cm dicken Bohlen sind aus Baumstämmen geschnitten und gegenläufig verlegt, um die unterschiedliche Breite im Wuchsverlauf auszugleichen. Eine Untersuchung der Decken zeigte, dass die Holzbohlen vor allem an den Auflagern teilweise abgefault waren, was bei der Sanierung für die Architekten, Statiker und Handwerker eine zusätzliche Herausforderung darstellte, da so viel alte Bausubstanz wie möglich auch von den originalen Holzdecken erhalten bleiben sollte. Hierzu tauschten die Zimmerleute die schadhaften Holzbohlen in der Decke über dem Erdgeschoss gegen gut erhaltene Exemplare aus den Decken der darüber liegenden beiden Geschosse aus, die neue Holzbohlendecken erhielten.

Zu den Besonderheiten der Decken gehört zudem, dass sie zum Teil als Durchlaufträger konstruiert sind. Das heißt, dass die Deckenbalken unter den Zwischenwänden durchlaufen. Zur Erhaltung der alten Deckenkonstruktionen mussten daher weitere Arbeiten durchgeführt werden.


Statische Ertüchtigung

der alten Holzdecken


Damit lag es klar auf der Hand, dass die alten Deckentragwerke für die neue Nutzung statisch und in Bezug auf den Brand- und Schallschutz ertüchtigt werden mussten. Denn die im ersten Obergeschoss befindlichen spätgotischen Holzstuben sollten nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten restauriert und für Veranstaltungen und kleinere Anlässe zur Verfügung stehen. Die übrigen Räume sollten als Büros eingerichtet und vermietet werden. Um die hierfür erforderlichen Verkehrslasten zu erzielen und die für eine öffentliche Nutzung notwendigen bauphysikalischen Werte in Bezug auf den Brand- und Schallschutz zu erreichen, entschied sich die Bauherrschaft für eine Deckensanierung mit einem Holz-Beton-Verbund-System. Dieses bietet – neben der aktiven Nutzung der vorhandenen historischen Bohlen – außerdem den Vorteil einer relativ schlanken Konstruktion, welche die Raumproportionen weitgehend erhält.

Hierbei wird – um die nötige Steifigkeit und Belastbarkeit der Decken zu erreichen – ein (im Mittel) 10 cm dicker Aufbeton auf den vorhandenen Holzbohlen hergestellt. Wie dies im Einzelnen vonstatten geht, wird im ganzseitigen Kasten auf der gegenüberliegenden Seite dargestellt. Gegen das Durchsickern der Zementmilch verlegten die Handwerker im Höchhus zunächst eine Folie auf der Balkenlage, bevor sie die Schubverbinder-Schrauben setzten. Anschließend wurde die Armierung auf Abstandshalter aufgelegt und an den Auflagern nach Erfordernis mit Stabbündeln zusätzlich gegen Bruch und Riss verstärkt. Danach wurde der Beton eingebaut und glatt abgezogen. Die Einbindung der Betonplatte konnte in einigen Räumen über das Mauerwerk der Fensternischen erfolgen. Dadurch erreicht man eine zusätzliche Aussteifung der Konstruktion und als Nebeneffekt einen rauchgasdichten Anschluss.


Fazit


Die Komplexität der Restaurierung und die immer wieder auftretenden Überraschungen im Bauverlauf und ungeklärte Konstruktionen wurden beim Grossen Höchhus in Steffisburg in enger Zusammenarbeit aller Baubeteiligten gelöst.

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