Natürlich dämmen, Teil 1 Holzfaser, Hobelspäne, Zellulose, Hanf, Stroh

An vielen Fassaden klebt hierzulande ein Wärmedämmverbundsystem aus Styropor. Dabei lassen sich Häuser mit Naturdämmstoffen weitaus umweltfreundlicher dämmen. Eine kleine Serie in zwei Teilen gibt einen Überblick über die wichtigsten Ökodämmstoffe und zeigt worauf Handwerker bei der Montage achten sollten.

Tabelle für Daten- und Kostenvergleich

Eine Tabelle mit bauphysikalischen Daten und Kosteneinschätzungen zu den in diesem Teil der Serie Natürlich dämmen sowie dem zweiten Teil der Serie vorgestellten Naturdämmstoffen und weiteren Naturdämmstoffen zum Vergleich finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Zeitschrift bauhandwerk.

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Die meisten Fassaden in Deutschland werden mit einem WDVS energetisch saniert. In drei von vier Fällen steckt unter dem Deckputz eine Dämmung aus Polystyrol. Sie ist günstig, lässt sich einfach ankleben oder festdübeln und besitzt gute Dämmeigenschaften – besonders umweltfreundlich ist sie allerdings nicht. Zwar bestehen Polystyrolplatten zu 98 Prozent aus Luft und nur zu 2 Prozent aus Kunststoff, sind also im Prinzip „verpackte Luft“: Der Rohstoff für diese Verpackung, ein kugelförmiges Granulat, wird jedoch aus Rohöl gewonnen. Aus die Umweltbilanz von WDVS-Systemen aus Polystyrol ist insgesamt – trotz Energieeinsparung – fragwürdig. Dabei gibt es umweltfreundliche Alternativen: Auch mit Strohballen, Schilf, Hanf, Seegras oder Holzspänen lassen sich Häuser vernünftig dämmen. Bislang liegt der Marktanteil nachwachsender Dämmstoffe in Deutschland aber nur bei rund sieben Prozent. Ökodämmstoffe kosten teilweise deutlich mehr als Hartschaum-Dämmplatten oder Mineralfasern. Ihre Dämmeigenschaften sind jedoch durchaus vergleichbar, auch wenn sie noch nicht mit Spitzenprodukten der Chemieindustrie mithalten können. Zudem lassen sie sich meist angenehmer verarbeiten. Worauf Handwerker bei der Montage achten sollten, welche Ökodämmstoffe wofür geeignet sind und wie diese hergestellt werden stellen wir in dieser und der nächsten Ausgabe der Zeitschrift bauhandwerk vor und werfen abschließend einen Blick auf die Ökodämmstoffe der Zukunft.

Holzfasern

Holzfaserdämmstoffe bestehen aus Nadelholzresten, die bei der Durchforstung oder in Sägewerken anfallen. Diese werden gehackt, zu Fasern zermahlen und zu Platten gepresst oder als lose Einblasdämmung maschinell in Hohlräume eingeblasen. Das Material eignet sich zum Wärmeschutz von Außenwänden, als Trittschalldämmung für Böden, Schallabsorber an Decken und Zwischensparren- oder Aufdachdämmung. Holzfaser-Dämmplatten lassen sich sortenrein ausbauen, recyceln oder wiederverwenden. Holzfasern gibt es auch als wiederverwertbare Einblasdämmung, die maschinell in Hohlräume geblasen wird.

Bei der Aufsparrendämmung mit Holzfaserplatten bringen die Handwerker auf den Sparren eine aussteifende Schalung aus Holzwerkplatten und eine stoßdichtverklebte Dampfbremse auf. Darauf kommen eine oder mehrere Lagen Holzfaserdämmplatten. Wichtig ist, dass die Platten im Verband, Stoß an Stoß lückenfrei verlegt werden. Zwischen Dämmplatten und Konterlattung montiert man häufig noch Holzfaser-Unterdeckplatten oder andere diffusionsoffene Unterdeckbahnen. Homatherm bietet allerdings auch eine Untersparrendämmplatte als Innendämmung an, die ohne Folie auskommt. Bei Dächern mit Dachüberstand sollte die Unterdeckung bis über die Vordachschale reichen: Dadurch erhöht sich die Oberflächentemperatur, damit der Dachüberstand nachts weniger auskühlt und sich an der Unterseite kein Schimmelpilz bildet. Zudem kann Wasser ungestört abfließen. Dämmschicht und Konterlattung müssen schub- und sogsicher mit Sparrenschrauben befestigt werden.

Hobelspäne

Hobelspäne lassen sich als Einblas- und Schüttdämmstoff für Dächer, Decken und Wände im Holzbau verwenden. Die Späne fallen als Reste beim Hobeln von Fichten-, Tannen- und Kiefernholz an. Sie werden gesiebt, entstaubt und mit Molke und Soda besprüht. Reine Molke verbessert den Brandschutz, ein Soda-Laugenzusatz verhindert den Pilzbefall. Die Firma Holz-Lehmhaus begegnet Schimmel und Flammen dagegen mit Lehm: Die lehmummantelten Späne der Marke „Jasmin“ dienen als Wärme- und Schallschutz. Außerdem nehmen sie Feuchteüberschüsse auf, geben sie bei Trockenheit wieder an den Raum ab und verbessern so das Raumklima.

Die Späne werden mit Schläuchen in Dämmkästen eingeblasen oder von Hand eingeschüttet und verdichtet. Das in Säcken angelieferte Material ist ohne Aufbereitung wiederverwendbar und lässt sich thermisch verwerten oder kompostieren.

Zellulose

Zellulose besteht aus wiederverwertetem Zeitungspapier. Der Rohstoff muss also nicht extra angebaut werden. Viele Hersteller setzen Borsalze als Brandschutzmittel ein. Die Menge ist allerdings gering und für die Verarbeitung unschädlich.

Zellulose gibt es vor allem als Flocken. Sie werden mit einem Schlauch trocken oder feucht in geschlossene Hohlräume von Dächern, Wänden und Decken eingeblasen. Am häufigsten ist das trockene Einblasen, dabei werden die Flocken auf 30 bis100 kg/m³ verdichtet. Beim CSO-Verfahren, das man für Installationswände oder als Innendämmung von Außenwänden nutzt, wird die Zellulose durch Zugabe von 50 Gewichtsprozent Wasser feucht in die Hohlräume eingesprüht. Die Feuchtigkeit trocknet nach dem Sprühen rasch wieder aus, so dass ein fest haftender Dämmfaserkuchen übrig bleibt. Das überstehende Material bürstet man ab. Die Flocken lassen sich bis zu dreimal absaugen und wiederverwenden. Eine Variante davon ist das feuchte Aufblasen der Zelluloseflocken direkt auf die Innenseite der Außenwand.

Zellulosematten werden zwischen Sparren, in leichte Trennwände, hinterlüftete Fassaden und Holzständerkonstruktionen geklemmt oder geklebt. Das Sägen und Verlegen erzeugt nur wenig Staub. Trotzdem sind Atemschutz, Gestellbrille, Handschuhe und geschlossene Arbeitskleidung Pflicht.

Hanf

Als die Firma Hock 1998 einen Dämmstoff aus Hanfstroh entwickelte, wurde sie in der Branche zunächst belächelt. Nein, rauchen kann man den Stoff nicht, erklärte die Firmengründerin wieder und wieder. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen rund 50 Mitarbeiter und zählt zu den Großen im Markt der Naturbaustoffe. Für ihre Thermo-Hanf-Dämmmatten bezieht Hock Cannabis von Feldern in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Das Hanfstroh wird zu Matten verwoben, je nach Mattenvariante erhöhen synthetische Stützfasern oder Stützfasern aus Maisstärke die Stabilität. Ein Sodazusatz ermöglicht die Brandschutzklasse B2. Das Material ist ausbau- und wiederverwertbar, bei Produkten ohne Zusätze auch kompostierbar. Neben Hock gibt es mittlerweile noch weitere Anbieter.

Als Dämmstoff eignet sich Hanf zum Ausfachen von Holzständerwänden, Vorsatzschalen und Raumtrennwänden. Es wirkt feuchtigkeitsregulierend und verbessert das Raumklima. Matten und Rollenwaren lassen sich staubarm und hautverträglich verarbeiten. Da Hanffasern kein Eiweiß enthalten, entfällt eine Behandlung gegen Motten und Käfer. Neben Matten und Stopfwolle gibt es losen Hanf als Einblasdämmung für Hohlräume. Zudem wird er in Schäben als Dämm- und Ausgleichschüttungen für Fußböden und Decken eingesetzt.

Aufgelockerte Hanfdämmwolle mit geringer Dichte ist entflammbar: Deshalb sollte man nicht eingebautes Material vor offener Flamme schützen. Ebenso vor Baufeuchte und Schwitzwasser, wie es bei Maurer-, Putz- oder Nassestricharbeiten anfällt. Daher die Transportfolie schnellstmöglich entfernen und die Pressballen in einem trockenen, lüftbaren Raum lagern. Beim Einbau Atemschutz tragen. Die Dämmwolle muss beim Einbringen trocken sein. Das erkennt man daran, dass sie nach dem Andrücken gut zurückfedert. Stopfwolle immer ohne Kraftanstrengung stopfen und die Gefache gut ausfüllen. Besonders auf die Ecken achten, damit keine Hohlräume und dadurch Wärmebrücken entstehen.

Strohballen

Strohballen werden als Dämmstoff für Wände, Dächer und Böden verbaut. Zur Herstellung stabiler Rechteck-Ballen mit einer Dichte von 90 bis 110 kg/m3 eignen sich Weizen-, Dinkel- und Roggenstroh. Baustroh ist ein zugelassenes Bauprodukt und Häuser aus Baustroh damit genauso genehmigungsfähig wie herkömmliche Gebäude. Es wird in einem Holzständerwerk ausfachend, also nicht-lastabtragend verbaut. Die Abstände der Holzständer müssen unter 1 m liegen. Trotz einer mittelmäßigen Wärmeleitfähigkeit lässt sich mit strohgedämmten Häusern dank der Ballendicke Passivhausstandard erreichen. Dazu müssen die Halme in Querrichtung zum Wärmestrom verbaut werden. Da Strohballen in der Landwirtschaft ohnehin anfallen und nicht weiterverarbeitet werden müssen, sind sie günstig und haben eine sehr gute Ökobilanz. Es gibt sogar die Möglichkeit, sich eigene Ballen „vom Acker nebenan“ nach einer Prüfung als bauaufsichtlich zugelassene Ballen ausweisen zu lassen.

Mit Stroh ausgefachte Ständerwerke werden direkt mit Lehm oder Kalk verputzt, oder mit Holzplatten verkleidet. Auf Zusatzstoffe gegen Schädlingsbefall, synthetische Stützfasern oder Flammschutzmittel kann man bei fachgerechtem Einbau verzichten. Bau-strohballen sind „normal entflammbar“, mit 10 mm Lehm- oder Kalkmörtel verputzt erreichen sie nach europäischer Normung die Baustoffklasse „schwer entflammbar“.

Die Strohballen müssen ausreichend belüftet und trocken gelagert werden. Sie werden mit Hilfe von Spanngurten, -bändern oder hydraulischen Pressen verdichtet eingebaut und gegebenenfalls mit großen Holzhämmern nachjustiert, um die Wand zu begradigen. Jedes Gefach muss stramm und lückenlos ausgestopft sein, um spätere Sackungen und Wärmebrücken zu vermeiden.

Auch als Zwischen- oder Aufsparrendämmung lassen sich Strohballen verwenden: Bei geneigten Dächern mit Aufsparrendämmung müssen die Strohballen gegen Abrutschen gesichert und ausreichend ent- beziehungsweise belüftet sein, damit Restfeuchte und Kondensat austrocknen können. Mittlerweile gibt es rund 300 strohgedämmte Häuser in Deutschland. Weitere Infos zum Bauen mit Stroh unter www.fasba.de

Im zweiten Teil unserer kleinen Serie „Natürlich dämmen“ stellen wir in bauhandwerk 3.2015 Kork, Schilf, Seegras, Holzschaum und Rohrkolben vor.

Autor

Dipl.-Ing. Michael Brüggemann studierte Architektur in Detmold und Journalismus in Mainz. Er arbeitet als Redakteur und schreibt außerdem als freier Autor unter anderem für stern, DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau.

Web- und Literaturtipp des Autors

Einen guten Überblick zu Naturdämmstoffen, Einsatzmöglichkeiten und Herstellern gibt es unter www.baustoffe.fnr.de

Detaillierte Informationen zu Herstellung, Einbau und Montage liefert das Fachbuch „Natürliche und pflanzliche Baustoffe“ von Gerhard Holzmann, Matthias Wangelin und Rainer Bruns, Springer Vieweg, 2. Auflage 2012, 394 Seiten, 44,95 Euro, ISBN 978-3-8348-1321-3

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