Kunst am Bau
Restaurierung bemalter Fachwerkschnitzereien

Fachwerkkonstruktionen erweisen sich bei der Restaurierung häufig als problematisch, da die Ausführung dieser Arbeiten ein hohes Maß an Sensibilität und Fachwissen erfordert. Um eine fachgerechte Restaurierung durchführen zu können, müssen Planer und Handwerker die bautechnischen und bauphysikalischen Zusammenhänge kennen. Darüber hinaus sind bei der Reparatur von bemalten Fachwerkschnitzereien auch noch gewerkeübergreifende restauratorische Fähigkeiten vonnöten.

Die zahlreichen Fachwerkhäuser in Deutschland erfreuen sich immer größerer Beliebtheit – entsprechend vermehren sich die Restaurierungsaufträge. Nicht selten begegnen dem ausführenden Handwerker dabei die „Sünden“ zuvor durchgeführter Sanierungsarbeiten. So war es in den vergangenen Jahrzehnten Stand der Technik, Fachwerkfassaden so dicht wie möglich zu versiegeln: Die Gefachausmauerungen führt man im Zuge solcher Arbeiten mit bauphysikalisch ungünstigen Materialien wie Porenbeton oder Bims aus. Auf die Gefachausmauerungen wurde dann häufig auch noch der falsche Putz mit einem zu hohen Zement-anteil aufgetragen, da dieser vermeintlich dauerhaft und robust ist. Die Oberflächen der Fachwerkfassaden erhielten schließlich eine Anstrich mit Farben und Beschichtungen, die diffusionsdicht sind. Dazu gehören Latexfarben, Acryllacke, Bitumenanstriche und diverse Binderfarben. Zu guter Letzt wurden natürliche Fugen und Risse im Fachwerkgefüge mit diversen Dichtstoffen wie Silikon, Acryl und Epoxydharzspachtelmassen geschlossen. Nicht selten trifft der Handwerker vor Ort auf die gesamte Palette dieser „Fachwerksünden“. Die Restaurierung der daraus resultierenden Schäden verlangt vom Handwerker – aber auch vom Architekten – eine große Kompetenz, die in dieser Ausprägung beileibe nicht zum Allgemeinwissen dieser Berufsgruppen gehört.

 

Schäden an

Fachwerkfassaden

 

Durch die diffusionsdichten Baustoffe kann es an der Holzkonstruktion zu erheblichen Schäden kommen. Ein Fäulnisprozess durch Staunässe in der Konstruktion ist nicht selten der Auslöser für einen Befall und die unweigerlichen Schäden durch holzzerstörende Pilze. Braunfäuleerreger wie der Braune Kellerschwamm oder Weißfäuleerreger wie der Ausgebreitete Hausporling können sich dann etablieren. Im pilzgeschädigten Holz kommt es zudem oft zum Befall durch holzzerstörende Insekten wie den gescheckten Nagekäfer.

Dokumentation

 

Bevor die Arbeiten auf der Baustelle beginnen, muss eine ausführliche und lückenlose Dokumentation der Fachwerkkonstruktion erfolgen. Dies kann mit Fotos, Zeichnungen oder einer Photogrammetrie geschehen. Details der Schnitzereien sind hier besonders wichtig, da diese möglicherweise nach Entfernung des Anstrichs nicht mehr richtig erkennbar sind.

Die Dokumentation sollte auch während der Durchführung der Restaurierungsarbeiten fortgeführt werden und bis zum fertiggestellten Werk jeden Arbeitsschritt beispielhaft festhalten und besondere Details beleuchten. Im Idealfall wird jedes Bauteil im Vorzustand, nach der Entlackung, der Holzreparatur, den Schnitzarbeiten und dem fertigen Anstrich und der Montage in Text, Bild und Zeichnung beschrieben. Dies macht es kommenden Generationen leichter, wenn erneut Reparaturen durchgeführt werden müssen.

 

Abstützung

 

Da man bei sanierungsbedürftigem Fachwerk den Kräfteverlauf in der Konstruktion nicht mehr klar bestimmen kann, ist es oft nötig, das gesamte Tragwerk kraftschlüssig zu versteifen und abzustützen.

Normalerweise haben lediglich die hölzernen Bauteile einer Fachwerkwand tragende Funktion. Die Ausfachungen übernehmen bestenfalls die Aussteifung in Längsrichtung. Die im Sanierungsfall erforderlichen Abstützungen und Aussteifungen können sehr verschieden sein und müssen in der Regel den örtlichen Gegebenheiten angepasst werden. Im einfachs­ten Fall kann der Handwerker vor Ort mit Teleskop­stützen und Kanthölzern arbeiten. Jedoch ist es auch möglich, dass eine statisch nachgewiesene Spezialkon­struk­tion aus Holz oder Stahl zum Einsatz kommen muss. Falls die Ausfachun­gen mit diffusionsdichten oder bauphysikalisch ungünstigen Materialien hergestellt oder beschichtet wurden, können diese erst jetzt zurückgebaut werden.

 

Entfernen des Altanstrichs

 

Als nächster Schritt erfolgt die Entfernung von Anstrichen, Spachtelungen und Dichtungsmitteln. Es gibt verschiedene Techniken, um Beschichtungen von Holz-oberflächen zu entfernen. Dazu gehören das Strahlverfahren, die Verwendung von chemischen Abbeizern, die thermische Entlackung oder die mechanische Bearbeitung mit Ziehklingen oder Kratzern. Das Strahlverfahren mit Glaspudermehl oder Quarzsand als Strahlgut hat sich bei beschnitzten Fachwerken nicht bewährt, da die Holzoberfläche zu stark angegriffen und abgetragen wird. Auch chemische Abbeizer eignen sich eher schlecht, da man die Holzoberfläche nur mit einem sehr hohen Aufwand wieder von den Chemikalien befreien kann. Die mechanische Reinigung ist für die Holzkonstruktion die verträglichste Möglichkeit, jedoch in den meisten Fällen für den Auftraggeber zu teuer. Die thermische Entlackung mit Heißluftgebläsen hat sich als die praxistauglichste Methode erwiesen. Allerdings muss der Handwerker darauf achten, dass der Arbeitsbereich gut belüftet ist, da hier gesundheitsschädliche Dämpfe entstehen können.

Bei der thermischen Entlackung wird die Farbe erhitzt, wodurch sie weich wird. Jetzt muss der angelöste Anstrich vorsichtig mit Stecheisen, Ziehklingen oder Drahtbürsten entfernt werden, ohne dabei die Holzoberfläche zu zerstören. Die Fachwerkhölzer müssen bis auf den Grund entlackt und gereinigt werden, damit das Holz wieder „atmen“ kann. Zudem wird ein tragfähiger Grund für den späteren Anstrich benötigt.

Reparatur der

Holzkonstruktion

 

Nach der Entlackung ist das gesamte Ausmaß der Fachwerkschäden sichtbar. Jetzt erfolgt die Restaurierung der Holzkonstruktion. Alle Bauteile, die Schädigungen von holzzerstörenden Pilzen aufweisen, müssen entsprechend der DIN 68 800 auf 30 cm vom letzten sichtbaren Befall zurückgeschnitten werden. Bei Baudenkmälern können die Rückschnittlängen unter Umständen verringert werden. Es sollte hier auf jeden Fall Priorität haben, so viel von der vorhandenen Bausubstanz wie irgend möglich zu erhalten. Die Schnittflächen sollte man zusätzlich mit einem zugelassenen Holzschutzmittel behandeln.

Austausch- und Reparaturhölzer müssen auf jeden Fall aus der gleichen Holzart wie das Fachwerk sein und eine relative Holzfeuchte von unter 18 Prozent aufweisen. Reparaturstücke und Ausbesserungsarbeiten dürfen nicht vollflächig mit Leimen oder Klebern fixiert werden, da die Leimflächen sonst wieder eine diffusionsdichte Schicht bilden. Die Befestigung der neuen Elemente erfolgt mit Holznägeln und Dollen, die eine deutlich geringere Holzfeuchte als das umgebende Holz aufweisen müssen, damit sie nach der Montage aufquellen, wenn sie sich der Umgebungsfeuchte anpassen. Sollte dies nicht möglich sein, kann in Einzelfällen eine Fixierung durch punktuelle Verleimung mit einem wasser- und witterungsbeständigen Leim erfolgen.

Schnitzarbeiten

 

Wenn die gesamte Holzkonstruktion repariert ist, werden anhand der angefertigten Dokumentation Schnitzvorlagen hergestellt. Diese können aus 1:1-Ausdrucken von photogrammetrisch entzerrten Messbildern oder großformatig ausgedruckten Fotos bestehen.

Nach diesen Vorlagen werden die Schnitzereien vom Holzbildhauer behutsam ergänzt und rekonstruiert. Die Schnitzarbeiten sollten unbedingt unter der Maxime „konstruktiver Holzschutz“ ausgeführt werden. Das heißt, dass keine unnötigen waagerechten Kanten ohne Abschrägungen hergestellt werden dürfen.

Die neue Oberfläche

 

Nach der Fertigstellung der anspruchsvollen Schnitzarbeiten kann der Handwerker mit der neuen Oberflächenbeschichtung beginnen, die in drei Arbeitsschritten mit Farben auf Leinölbasis ausgeführt wird:

Grundierung

Die Grundierung erfolgt mit einem farblosen Grundieröl. Die klassische Grundierung für Ölfarbanstriche auf Holz ist das Halböl, das zur einen Hälfte aus Leinölfirnis und zur anderen aus Balsamterpentinöl besteht. Durch seine geringe Molekülgröße (etwa 50 mal kleiner als Kunstharze) dringt Leinöl besonders Tief in den Untergrund ein und kleidet die Holzporen aus. So wird eine hervorragende Vernetzung des Untergrundes mit den nachfolgenden Ölanstrichen ermöglicht. Die Verarbeitung kann ab einer Temperatur von 10° C erfolgen. Der Untergrund muss trocken, sauber und saugfähig sein. Das Grundieröl wird unverdünnt verarbeitet. Überstände sollten möglichst vermieden oder nach einer Einwirkzeit von etwa 20 Minuten mit einem fusselfreien Lappen aufgenommen werden. Das Grundieröl soll keine Schicht auf dem Holz bilden, sondern in das Holz eindringen und die Poren auskleiden. Bei den neuen Austauschhölzern ist eine einmalige Behandlung mit Grundieröl ausreichend. Die alten Bestandshölzer können gegebenenfalls zwei- oder dreifach grundiert werden. Dies ist abhängig von der Saugfähigkeit des Materials. Auf jeden Fall sollten alle Hölzer allseitig komplett grundiert werden. Besonders die gefährdeten Hirnholzflächen und Schnitzereien sind sehr saugfähig und müssen ausreichend geschützt werden.

Zwischenanstrich

Der Zwischenanstrich wird mit Standölfarbe (halbfett) hergestellt. Standölfarben bekommt man im Fachhandel und kann sie sich dort in allen Farbtönen entsprechend NCS oder RAL anfertigen lassen. Ein solcher Zwischenanstrich ist bereits von hoher Deckkraft und verleiht dem Holz eine seidige Oberfläche.

Schlussanstrich

Der Schlussanstrich wird mit Standölfarbe (vollfett) ausgeführt. Er ist von besonders hoher Deckkraft und besitzt eine glänzende Oberfläche. Standölfarben sind harzfrei, elastisch, wetterfest und UV-beständig. Durch die gute Diffusionsfähigkeit dieser Farbe ist der Feuchtetransport aus dem Holzinneren an die Umgebung gewährleistet.

Bei der Bemalung der beschnitzten Oberflächen muss der Handwerker besonders darauf achten, dass alle Unebenheiten, Vertiefungen und Risse voll ausgemalt werden und der Bewitterung keine Schwachstelle geboten wird.

Wenn die Schnitzereien in verschiedenen Farben ausgemalt werden, dann müssen sich die Farbschichten (Zwischen- und Schlussanstrich) und Farbgebungen in den Grenzbereichen geringfügig überlagern, um auch hier keine potenzielle Schwachstelle zu produzieren.

 

Gefachausmauerung

 

Die Gefachausmauerungen können in verschiedenen Systemen neu erstellt werden. Möglich sind Stakhölzer mit Weidengeflecht und Lehmbewurf (wie im folgenden Fachbeitrag ab Seite 40 in dieser Ausgabe der BAUHANDWERK gezeigt) sowie alternativ eine Ausmauerung mit Leichtlehmsteinen oder weich gebrannten Backsteinen. Wichtig ist, dass die verwendeten Materialien diffusionsoffen sind und den Feuchteabtransport  von innen nach außen durch die Wandkonstruktion unterstützen und nicht behindern. In die Öffnung müssen in jedem Fall vor dem Einbau der neuen Ausfachung Trapezleisten aus Eichenholz mit Edelstahlnägeln V2A eingebaut werden. Diese Leisten geben der neuen Ausmauerung den nötigen Halt und gewährleisten die Schlagregendichtigkeit der entstehenden Fuge. Sollte die Holzoberfläche unter der Trapezleiste sehr uneben sein, so muss zusätzlich noch ein vorkomprimiertes Dichtband unter die Leiste geklebt werden.

Der Außenputz muss ebenfalls diffusionsoffen hergestellt werden. Am besten eignet sich hierfür ein Kalkputz. Dieser kann anschließend mit einer Kalk-Kasein-Farbe oder einem mineralischen Anstrich versehen werden.

 

Fazit

 

Auch beschnitzte Fachwerkfassaden können hinsichtlich denkmalpflegerischer und bauphysikalischer Aspekte erfolgreich und dauerhaft restauriert werden. Voraussetzung ist eine sorgfältige Analyse und Bewertung der Substanz aus denkmalpflegerischer, planerischer und nutzungsorientierter Sicht. Von dem daraus resultierenden Restaurierungskonzept hängt neben der gewissenhaften Ausführung der Erfolg ab. Denkmalpflegerische Vorgaben und bauphysikalische Erfordernisse müssen sinnvoll miteinander verbunden werden. Durch die fachgerechte Restaurierung der Fachwerkfassaden wird den teilweise Jahrhunderte alten Häusern endlich wieder die Anerkennung zuteil, die ihnen zusteht.

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