Münchner Geschäftshaus von Hild und K mit Sgraffito-Technik von Arte Antica

Ein Geschäftshaus von Hild und K Architekten in der Münchner Altstadt zieht mit seinen Fassaden die Blicke auf sich: In Sgraffito-Technik sind die Ornamente des gründerzeitlichen Ursprungsbaus in neuer Interpretation und handwerklich kunstvoll in den Putz übertragen.

Die Passanten in Münchens belebter Fußgängerzone nehmen bei einem Neubau in der Weinstraße, direkt gegenüber dem Rathaus, wohl zuerst die plakativen Schaufenster und LED-Displays der „FC Bayern World“ wahr – und erst auf den zweiten Blick die ungewöhnlichen Fassaden, die mit Fläche und Tiefenwirkung, mit historischen Ornamenten in abstrahierter Formen spielen. Was aus der Entfernung wie plastischer Wandschmuck und beim Annähern wie eine Fassadenmalerei wirkt, erweist sich als mehrschichtige Putzstruktur in Sgraffito-Technik: Die vertieften Linien und Flächen in Rot und Grau setzen sich zu grafisch abstrahierten Säulen, Kapitellen, Gesimsen, Fensterrahmungen, Porträts und Karyatiden (weibliche Trägerfiguren) zusammen. Sogar ein Schattenwurf für die dreidimensionale Wirkung ist angelegt. Gestaltet ist die Fassade als flaches, geschichtetes Relief mit hoher handwerklicher und haptischer Qualität. Die Münchner Architekten Hild und K haben – wie bereits bei zwei weiteren Projekten in direkter Nachbarschaft – auch mit diesem Geschäftshaus den Kontext individuell interpretiert. Es steht anstelle eines Hauses aus 1950er-Jahren, das wiederum den im Krieg zerstörten, reich dekorierten Ursprungsbau von 1872 an der Weinstraße ersetzte; auf der Nordseite des Grundstücks, gegenüber der Frauenkirche, befand sich bis zum Abriss die beliebte Gastwirtschaft „Andechser“. Beide neuen Gebäudeteile nehmen auf der langgestreckten Parzelle Bauvolumen und Fensterteilung des Gründerzeithauses auf und übersetzen dessen opulenten Fassadenschmuck in eine nur wenige Zentimeter tiefe, mehrlagige Putzstruktur. Als multi-funktionaler Gebäudekomplex mit insgesamt rund 3500 m2 beherbergt der gestaffelte Baukörper neben dem FC Bayern-Fanshop ein Hotel, eine Gaststätte und Event-Locations, deren Gestaltung von unterschiedlichen Architekturbüros realisiert wurde. Die Fassade trägt dagegen klar die Handschrift von Hild und K Architekten, die in stets neuer Herangehensweise das Thema Oberfläche und Materialität erforschen und moderne und historische Elemente häufig überraschend verknüpfen. Alt und Neu verbinden sich auch in der Technik, in der die Fassadenornamente ausgeführt wurden.

Sgraffito-Technik im Kontext der Altstadt

An diesem Standort stellt die Sgraffito-Technik eine Reminiszenz an die Architektur des Münchner Wiederaufbaus dar. Die handwerkliche Putztechnik war für Fassadengestaltungen beliebt, weil sie dauerhaft und relativ kostengünstig schützende Gebäudehülle und individuell gestaltete Oberfläche in einem Material vereint. Die ornamentalen oder figürlichen Dekore der Sgraffito-Fassaden prägen das Bild der moderaten Moderne, die typisch ist für die Nachkriegsarchitektur der Münchner Innenstadt – an manchen Gebäuden noch bis heute. Ein Beispiel dafür findet man nur wenige Schritte vom Projekt entfernt am Marienplatz mit der Fassade des Münchner Malers Max Lacher für das Kaufhaus „Beck am Rathauseck.“

Sgraffito ist eine Kratzputztechnik, die häufig in der Renaissance für Fassadendekorationen eingesetzt wurde. Der Name leitet sich vom italienischen sgraffiare (kratzen) ab. Viele Beispiele finden sich auch an den historischen Häusern des Engadins. Bei dieser Technik werden mehrere farbige Putzschichten übereinander aufgetragen und anschließend im noch feuchten Putz vorher festgelegte Flächen mit speziellen Werkzeugen in verschiedenen Tiefen abgetragen. Dadurch kommen darunterliegende Farbschichten zum Vorschein und setzen sich zu einem mehrfarbigen und mehrlagigen Bild zusammen. Da die Arbeiten im feuchten Putz vor dessen Aushärtung erfolgen müssen, sind möglichst genau gezeichnete Motive im Maßstab 1:1 nötig, die mit Folie oder Papier auf die Fassade übertragen werden.

Der Unterputz auf Kalkzementbasis sollte gut saugend sein. Wichtig ist, die Putzlagen frisch in frisch zum richtigen Zeitpunkt aufzutragen, um eine optimale Verbindung der Schichten zu erzielen. Bei den Fassaden des Münchner Geschäftshauses wurden zwei (Gebäuderückseite) beziehungsweise drei Putzlagen (Hauptfassade auf der Gebäudevorderseite) mit verschiedenen Farben aufgebracht, mit denen sich die Architekten ebenfalls auf den Kontext beziehen: Das klassische Ziegelrot korrespondiert mit dem Mauerwerk der Frauenkirche, das dunkle Grau nimmt Bezug zur Muschelkalkfassade des Rathauses.

Gründerzeitliche Fassade neu interpretiert

Die Fassadengestaltung basiert auf historischen Originalzeichnungen, die sich im Stadtarchiv befinden. Mithilfe digitaler Techniken wurden die typischen Schmuckformen des repräsentativen Geschäftshauses der Gründerzeit zeichnerisch abstrahiert und in eine Dreifarbigkeit transponiert – die Fassade ist keine Rekonstruktion, sondern eine grafische Neuinterpretation. Auch die technische Umsetzung kombiniert auf innovative Weise Alt und Neu und wurde mit der Restauro Putz GmbH Arte Antica sowie mit Sarah Nonnenmacher entwickelt. Die Illustratorin setzte die Fassadenzeichnung im Maßstab 1:1 um und plottete sie auf Schablonen. Diese zugeschnittenen Schablonierfolien dienten als Vorlage für die Putzarbeiten, womit sich die Motive detailgetreu direkt auf die Oberfläche des Putzes übertragen ließen. Auf die aus 350 mm Stahlbeton, 180 mm Wärmedämmziegel, 20 mm Kalk-Zement-Leichtputz mit rein mineralischem Leichtzuschlag sowie Textilglasgewebe als Armierung bestehenden Außenwände trugen die Handwerker von der Restauro Putz GmbH Arte Antica zwei Schichten eines mineralischen Klebe- und Armierungsmörtels auf – zunächst einen zementösen Feinputz mit einer Dicke von etwa 5 bis 8 mm in Anthrazit, darauf eine 5 mm dicke Schicht in Rot. Auf diese rote Schicht brachten sie die Schablonierfolie auf und zogen mit der Traufel darauf eine 2 mm dicke Schicht aus hochhydraulischem Kalkfeinputz im Farbton Naturweiß auf. Die Herausforderung bestand darin, alle drei Putzschichten in ausreichender Feuchte übereinander aufzutragen. Beim letzten Spachtelgang, noch vor der Ansteifung des Materials, zogen die Mitarbeiter der Restauro Putz GmbH Arte Antica die Folie Stück für Stück ab, der weiße Putz löste sich an diesen Stellen ab, die roten Flächen kamen zum Vorschein, zugleich entstand dabei eine plastische Vertiefung. Und schließlich wurde für den Schatteneffekt der rote Putz an den entsprechenden Stellen durch händisch Kratzen entfernt, so dass hier die schwarze Schicht zum Vorschein kam und deren Linien und Flächen sichtbar wurden. Abschließend wurde die Oberfläche gereinigt und mit einer Schutzimprägnierung versehen. Da für dieses dreilagige Fassadenrelief zwei Techniken kombiniert wurden – die traditionelle Sgraffito-Kratztechnik mit der innovativen Schabloniertechnik – wurde zunächst an anderer Stelle eine Musterfassade erstellt, welche die Stadtgestaltungskommission positiv aufnahm. Im Kontrast zum Kopfbau an der Weinstraße wurden im nördlichen Gebäudeteil nur zwei Putzlagen – weiß und schwarz – ausgeführt, und die Ornamente sind hier zurückgenommener. Der Wechsel markiert die historische Parzellengrenze und verweist auf die städtebauliche Hierarchie.

Hohe Handwerkskunst – individuelle Gestaltung

War Sgraffito früher eine kostengünstige Art der Fassadengestaltung, ist diese handwerklich anspruchsvolle und zeitintensive Technik in heutzutage relativ kostspielig. Doch ist die hochwertige Gebäudehülle zum einen eine robuste, witterungsbeständige und dauerhaft mit den Außenwänden verbundene Konstruktion, die sich durch die optischen und haptischen Qualitäten der Putzoberflächen auszeichnet. Zum anderen bietet sie große Gestaltungsfreiheit. Und nicht zuletzt zeigen die Fassaden dieses Projekts in der Verbindung von traditioneller Handwerkskunst und individueller grafischer Interpretation, dass sich zeitgenössische Architektur in vielschichtiger Weise auf den historischen Kontext beziehen kann.

Autorin

Dipl.-Ing. Claudia Fuchs studierte Architektur an der TU Mün­chen. Sie arbeitet als freie Redakteurin und Autorin un­ter anderem für die Zeitschriften Detail, Baumeister, dach+holzbau und bauhandwerk.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Nymphenburg Immobilien, München 

Architekten Hild und K Architekten BDA, Andreas Hild, Dionys Ottl, Matthias Haber, Projektleitung Markus Schubert, München, www.hildundk.de

Architekturbüro Thomas Hetfleisch & Joachim Leppert, München, www.hetfleisch-leppert.de

Schablonierfolien Sarah Nonnenmacher, München

Sgraffitoarbeiten Restauro Putz GmbH Arte Antica, Hans Nonnenmacher, München, www.arteantica.de

Putz Baumit, Bad Hindelang, www.baumit.de

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