Sanierung und Umnutzung des ehemaligen Dominikanerklosters in Mechelen zur Stadtbibliothek

Die besondere Atmosphäre des über 40 Jahre lang leerstehenden Klosters inspirierte die Architekten Korteknie Stuhlmacher für den Umbau zur Stadtbibliothek in Mechelen. Sie wollten den Zustand des vom Verfall gezeichneten Gebäudekomplexes weitestgehend wie vorgefunden erhalten.

Das Predikherenklooster am nördlichen Stadtrand von Mechelen war einst ein beeindruckender Gebäudekomplex. Um 1650 begannen die Dominikaner mit dem Bau der Anlage. Nach der Entweihung Ende des 18. Jahrhunderts diente er bis ins 20. Jahrhundert hauptsächlich als Kaserne, Arsenal und Militärkrankenhaus. Seit 1975 stand das Gebäude leer und verfiel zusehends. Vermauerte Fenster, bewachsene Fassaden, abblätternde Farben, zerborstene Decken – was für manche als Schandfleck im Stadtbild galt, faszinierte die Architekten Rien Korteknie und Mechthild Stuhlmacher von Beginn an, da diese Spuren die wechselvolle Geschichte der Klosteranlage unmittelbar zeigen. Dies zu erhalten und den besonderen Charakter des Gebäudes zu stärken, war die grundlegende Entwurfsidee der Rotterdamer Architekten: „Wir betrachten die Unvollkommenheiten des Bestands, die die Veränderungen der letzten Jahrhunderte und die Vernachlässigung der vergangenen Jahrzehnte mit sich brachten, als große Stärke des Gebäudes“, erläutern die Planer, die 2012 mit ihrem Konzept des Weiterbauens und der minimalen Eingriffe den internationalen Architekturwettbewerb gewannen. „Ein wesentlicher Leitgedanke war auch, jede historische Schicht als gleichwertig zu behandeln, nicht das Haus in einem spezifischen Moment seiner Geschichte zu zeigen“. Das bedeutet, dass die Architekten mit dem Vorgefundenen arbeiten und nicht versuchen, einen oft idealisierten historischen Zustand wiederherzustellen. So bleiben auch die Spuren der späteren Nutzungen sichtbar und dokumentieren den Umgang mit dem Bau. Trotz Beschädigungen war die originale Architektur noch gut erkennbar und die Substanz bis auf wenige Ausnahmen zwar baufällig, aber erhalten. Der ursprünglich klar strukturierte Klostergrundriss war räumlich zum Teil stark verändert. Insbesondere der vielfach unterteilte Kreuzgang um den Innenhof ähnelte einem Labyrinth. Auch die Ausstattung aus den unterschiedlichen Jahrhunderten war teilweise erhalten, die barocken Stuckornamente der Gewölbe ebenso wie die farbigen Anstriche aus Zeiten der Militärnutzung, manchmal in mehreren Schichten übereinander. Um diese Besonderheiten so weit wie möglich zu bewahren, entwickelten die Architekten kontextspezifische und teilweise ungewöhnliche Lösungen für Raumprogramm, Innengestaltung und die erforderlichen technischen Anlagen. Prinzipiell sollten die benötigen Räume in die bestehende Gebäudestruktur integriert werden. So nimmt das Erdgeschoss großzügige Multifunktions- und Ausstellungsbereiche sowie ein Restaurant auf. Das erste Obergeschoss mit den Räumen der früheren Klosterbibliothek ist in Lesebereiche und Studiensäle umgewandelt, während das imposante Raumvolumen des Dachbodens die allgemeine Bibliothek aufnimmt. Die südlich anschließende einstige Kirche wird in einem zweiten Bauabschnitt saniert. Als offenes Forum konzipiert, wird sie mit minimalen Eingriffen zugänglich gemacht und soll dann ab 2022 für Vorträge, Performances und Märkte dienen.

Kommunikativ und kontemplativ

Geprägt wird das Erdgeschosses vom lichtdurchfluteten Kreuzgang, der von nachträglich eingezogenen Wänden befreit und räumlich in seinem Originalzusammenhang wiederhergestellt wurde. Er ist Erschließungsbereich, Treffpunkt, Café und Ausstellungsraum zugleich. Um ihn gruppieren sich die Eingangshalle mit Informationstheke, Veranstaltungsräume, das auch von außen zugängliche Restaurant sowie zwei zusätzliche Treppenhäuser. Mit den bestehenden Fenstern und einigen zu Türen vergrößerten Fensteröffnungen ist der Kreuzgang mit dem Innenhof verbunden, dessen Terrasse als vielseitiger Außenbereich genutzt wird.

Auch im ersten Obergeschoss greifen die Architekten die klare Struktur der einstigen Klosteranlage wieder auf. Die extrovertierten Räume des „äußeren Rings“ sind wie einst für verschiedene Funktionen ausgelegt – hier befinden sich Seminar- und Besprechungsräume sowie Büros. Der auf den Innenhof orientierten Kreuzgang als „innerer Ring“ ist mit seinem introvertierten Charakter, angenehmen Raumproportionen und dem weichen Licht sehr gut für die kontemplativen Leseplätze der Studienbibliothek geeignet. Die Räume der ehemaligen Klosterbibliothek im Südflügel des Kreuzgangs mit ihren eindrucksvollen Gewölben und den von Büchern gesäumten Wänden sind so nach zwei Jahrhunderten wieder das Herz einer Bibliothek.  

Sanierungskonzept der Innenräume und Fassaden

Im Erd- wie im Obergeschoss wurden die Raumstrukturen weitestmöglich erhalten. Nachträglich eingezogene Wände wurden analysiert, und diejenigen, die mit dem neuen Raumkonzept übereinstimmten, in die neue Innengestaltung einbezogen. Den vorgefundenen Zustand der Gewölbe und Wände hat man konserviert. Dafür wurden die Putz- und Farbschichten vorsichtig gereinigt und nach verschiedenen Versuchen mit Tylose, einem natürlichen Bindemittel, fixiert. In ihrer zufälligen Überlagerung wirken sie wie abstrakte Wandgemälde und prägen eine Vielzahl der Räume mit ihrer Farbigkeit.Teilweise waren die Räume hoch genug, um Zwischendecken mit den erforderlichen technischen Anlagen einzufügen. Im Nordflügel, dem neuen Restaurantbereich, wurden die bestehenden Betonbalken aus der Militärzeit durch eine zusätzliche Schicht mit extern angeklebten Kohlenstofffaser-Lamellen verstärkt. Bei den Holzdecken musste ein Großteil der Balkenköpfe ersetzt und einige Balken komplett ausgetauscht werden. Dort wo möglich, wurden beschädigte Stellen ausgebessert, die Spuren bleiben sichtbar. Das gilt auch für die Fassaden, die ursprünglich aus Backstein mit Leisten und Verzierungen aus Sandstein bestanden. Sie wurden teilweise mit neuen Klinkern, teilweise mit Sandstein ausgebessert. Der Fassadensanierung lagen verschiedene Spielregeln als konzeptionelle Basis zugrunde. Für die Sanierung der äußeren Fassaden mit ihren groben Narben und Bau- und Abrissspuren setzten die Handwerker gröbere Mittel ein als für die besser erhaltenen Fassaden um den Innenhof. Beispielsweise führten sie außen nur technisch notwendige Reparaturen in Sandstein aus und alle anderen Reparaturen in Backstein, während sie im Innenhof alle fehlenden Sandsteinteile mit neuen Sandsteinelementen ersetzten. 

In den Innenräumen sind auch die neu hinzugefügten Einbauten klar ablesbar. In den wandbegleitenden Holzpaneelen haben die Architekten die erforderliche neue technische Infrastruktur geschickt verborgen. Leitungen verlaufen unsichtbar im Hohlraum zwischen Paneelen und Wänden, während die Lüftungskanäle in Sitzbänke und Bücherschränke integriert wurden. Wie die Holzpaneele sind auch die Bänke, Tische, Regale aus Eiche gefertigt und bilden eine gestalterische Einheit, die den ruhigen, offenen und einladenden Raumeindruck verstärkt. Die Beleuchtung ist an den Möbeln selbst platziert, um die Decken nicht zu beeinträchtigen.

Der Dachboden als Raumressource

Das riesige Raumvolumen des Dachbodens war vorher nicht genutzt. Die Architekten entschieden, hier die allgemeine Bibliothek mit Kinder- und Musikabteilung einzufügen – als offener, durch halbhohe Regale gegliederter Raum, mit Lesenischen und neuer Galerieebene. Dabei sollte die erhaltene beeindruckende Holzkonstruktion aus dem 17. Jahrhundert sichtbar bleiben. Um die neue Nutzung zu ermöglichen und den Charakter des Raums zu bewahren, wurde die bestehende Holzkonstruktion durch ein neues Dachtragwerk aus Stahl verstärkt. Dieses liegt über dem Bestandsdachstuhl; seine Dreiecksschenkel sind über den bestehenden Deckenbalken des ersten Geschosses zu einer kraftschlüssigen Einheit verbunden. Die neue Struktur trägt die Lasten der Bibliothek, der neuen Dachgauben und der Galerie über das Bestandsmauerwerk ab. Stahl- und Holzkonstruktion sind verbunden und bilden eine statische Einheit. Als Dacheindeckung dienen Schieferschindeln, die die Dachdecker in traditioneller Verlegeart auf die erneuerten Dachlatten nagelten. Der Zwischenraum wurde ausgedämmt. So bietet das Dachgeschoss zum einen den Komfort eines gut klimatisierten Raums. Zum anderen entspricht es dem Passivhausstandard und kompensiert somit in energetischer Hinsicht die anderen Gebäudebereiche, bei denen eine Dämmung der historische Ziegelfassade mit ihrer markanten Gliederung und Textur nicht möglich war. Tageslicht wird über die neuen Dachgauben und Oberlichter in den Innenraum geleitet, die zugleich auch Ausblicke auf die Stadt bieten. Die Dachgauben dienen zudem der Entrauchung im Brandfall – dank der RWA-Anlage konnte in Abstimmung mit den Behörden die historische Holzkonstruktion unverkleidet belassen werden.

Bibliotheksgebäude mit besonderer Atmosphäre

In den letzten Jahren haben sich Charakter und Bedeutung öffentlicher Bibliotheken rasant weiterentwickelt. Auch wenn künftig andere Informationsquellen an Bedeutung gewinnen, werden Bibliotheken weiterhin eine entscheidende Rolle im öffentlichen Leben der Städte spielen – auch als öffentliche Wohnzimmer, kollektive Arbeitsumgebungen und Veranstaltungsräume. Nach seiner subtilen Sanierung ist der markante, kraftvolle Baukörper der Predikheren-Bibliothek mit der hohen Qualität seiner Innenräume dafür bestens vorbereitet und wird sich, wie schon mehrfach in seiner Geschichte, auch kommenden Nutzungen anpassen können. 

Autorin

Dipl.-Ing. Claudia Fuchs studierte Architektur an der TU Mün­chen. Sie arbeitet als freie Redakteurin und Autorin un­ter anderem für die Zeitschriften Detail, Baumeister, dach+holzbau und bauhandwerk.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Stad Mechelen, www.mechelen.be 

Entwurf Korteknie Stuhlmacher Architecten, Rotterdam, www.kortekniestuhlmacher.nl, in Zusammenarbeit mit Callebaut Architecten, Drongen, https://callebaut-architecten.be, und Bureau Bouwtechniek, Antwerpen, http://b-b.be 

Projektarchitektin Mechthild Stuhlmacher, Korteknie Stuhlmacher Architecten

Projektleitung

Arne Weiss, Korteknie Stuhlmacher Architecten, und Cedric D’haese, Callebaut Architecten 

Statik ABT, Antwerpen 

Arbeiten an Fassade, Dach und Struktur Renotec, Geel, https://renotec.be 

Restaurierung und Innenausbauarbeiten Monument Vandekerckhove, Ingelmunster, https://www.monument.be

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