Vom Wasserturm zum Hotel Umnutzung des Wasserturms in Radolfzell zum ersten Null-Energie-Hochhaus

Mit der Umnutzung des Wasserturms in Radolfzell zum Aquaturm-Hotel entsteht das erste Null-Energie-Hochhaus der Welt. Klar, dass dabei auch die Dämmung der Gebäudehüllte eine wichtige Rolle spielt, für deren Befestigung die Handwerker passivhaustaugliche Dämmhalter verwendeten.

Die Familie Räffle realisiert ein ehrgeiziges Bauprojekt und setzt damit ein energieeffizientes Wahrzeichen direkt am Bodensee: Ein stillgelegter Wasserturm wird zum weltweit ersten Null-Energie-Hochhaus umgebaut. „Vermutlich entsteht sogar ein Plus-Energie-Hochhaus“, erklärt Architekt Norman Räffle, denn das Pilotprojekt nutzt sämtliche regenerativen Ener­gie­quellen wie Geothermie, Solarthermie, Photo­voltaik und Windenergie.

Umnutzung als Familienprojekt

1956 wurde der Turm zur Wasserversorgung für das angrenzende Milchwerk gebaut und bereits 1979 wieder stillgelegt. Norman Räffle war bereits als Kind vom Wasserturm fasziniert. Später entstanden erste Zeichnungen, die er seinem Vater, dem Unternehmer Jürgen Räffle, vorlegte. Der Wasserturm zog den jungen Mann derart in seinen Bann, dass er aus den Umbau­plänen einen Beruf machte und Architektur studierte. Bruder Thorsten Räffle stellte als Finanzfachmann für das Familienprojekt einen Businessplan auf, so dass der Vater 2002 das Gebäude schließlich für 25 000 Euro in den Besitz der Familie brachte.

Der Spatenstich erfolgte 2008. Im Krisenjahr 2009 musste der Baufortgang erst mal auf Eis gelegt werden. Unter dem Namen „aquaturm“ nahm das Projekt 2011 wieder Fahrt auf. Insgesamt belaufen sich die Umbaukosten auf etwa 2,5 Millionen Euro. „Wenn man das Vorhaben unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, dürfte man so etwas gar nicht machen“, meint Jürgen Räffle, der als Autodidakt eine Leidenschaft fürs Bauen entwickelt hat. Gut, dass der Bau als Demonstrationsanlage der Bundesrepublik Deutschland gilt und vom Bundesumweltministerium mit immerhin 435 000 Euro unterstützt wird.

Ausgeklügeltes Energiekonzept
für den Passivhausstandard

Neben den verbauten Technologien zur Herstellung von Energie glänzt das ehrgeizige Bauprojekt außerdem durch die Verwendung intelligenter Energiesparlösungen, nachhaltiger Rohstoffe und hochwertiger Befestigungselemente. Der Aufzug im Treppenturm, der neben dem Hauptturm errichtet wurde, verfügt beispielsweise über eine Konstruktion zur Energierückgewinnung. Die Betonbauteile wurden mit Hüttensand aus granulierter Hochofenschlacke hergestellt. Der Einsatz von Hüttensand bewirkt weniger CO2-Emissionen bei der Produktion von Zement. Die Gebäudedämmung wird mit passivhaustauglichen Dämmhaltern befestigt.

Für höchste Aufmerksamkeit wird die regenerative Fassade sorgen, deren Oberfläche weitestgehend mit Solarpaneelen bedeckt sein wird. Im Detail handelt es sich um ein vorgehängtes hinterlüftetes Fassadensystem in Kombination mit einer vlieskaschierten Wärmedämmung und einer Energiegewinnung aus Photovoltaik-Elementen.

Befestigungsspezialist Ejot
sponsert über 5000 Dämmhalter

Unterstützt wird das Bauvorhaben von namhaften Herstellern der Baubranche. Der Befestigungsspezialist Ejot steuerte zum Beispiel neu entwickelte zweiteilige Dämmhalter zur Befestigung der Wärmedämmung bei, welche  die hohen energetischen Ansprüche des Pilotprojekts erfüllen. So verhindern die Dämmhalter durch eine nachträgliche Tellermontage den so genannten „Steppdeckeneffekt“, der durch das punktuelle Eindrücken der Dämmung entsteht, wenn herkömmliche einteilige Dämmhalter zu tief in den Untergrund getrieben werden. Außerdem wird ein Aufklaffen der Fugen zwischen den einzelnen Dämmplatten im Bereich der Plattenstöße vermieden. „Die Dämmhalter von Ejot lassen sich sehr gut verarbeiten“, weiß Norman Räffle, der bereits etwa 2200 Dämmstoffhalter für eine 100 mm dicke Dämmung auf Beton verbaut hat. Weitere 3000 Dämmstoffhalter kommen noch für eine 240 mm dicke Dämmung auf Vollziegeluntergrund zum Einsatz. Dank des zweiteiligen Prinzips der Dämmhalter ist eine äußerst effiziente Montage einer zweilagigen Dämmung möglich.

Insgesamt wurde der Turm von 30 auf 46 m aufgestockt. Die Endhöhe von 50,5 m wird durch die vertikal drehende Windturbine erreicht, deren Gewicht von 2500 Tonnen von15 m tiefen Gründungspfählen getragen wird. In Anlehnung an die ursprüngliche Nutzung wird der Aquaturm in einem 22 m x 11 m großen Wasserbecken stehen.

Autor

Matthias Möldner ist Medienfachwirt und arbeitet als Marketingmanager bei der Ejot Baubefestigungen GmbH in Bad Laasphe.
Wasserturm wird nach Umnutzung zum ersten Null-Energie-Hochhaus der Welt

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