Lehm, Teil 6: Lehmwände aus dem Werk

Im sechsten Teil unserer Lehm-Serie beschäftigen wir uns mit Mauerwerkselementen aus Lehmsteinen. Bereits im Werk vorgefertigt beschleunigen sie nicht nur den Bauprozess, sondern sorgen auch für saubere Abläufe und eine verbesserte Ausführungsqualität, wie der Holz-Lehmbau Campus in Berlin zeigt.

Lehm – ein Baustoff, der sich bereits seit Jahrhunderten bewährt hat. Doch während früher überwiegend auf den Baustellen, oft witterungsabhängig gemauert wurde, rückt heute eine neue und effizientere Methode in den Fokus der Bauindustrie: Lehm als werksseitig vorgefertigtes Wandelement.

Dieses Verfahren bringt die Qualität des Materials in Einklang mit einer modernen und industriell organisierten Arbeitsweise. Dabei werden die Lehmsteine mit einer Mauermaschine auf Maß gesetzt und zu formstabilen Wandelementen zusammengesetzt – so wie es heute schon im Rahmen der Vorfertigung von Ziegelmauerwerk gemacht wird. Alternativ besteht auch die Möglichkeit, nach der konventionellen Methode, also per Hand, die Elemente zu mauern, um Sonderformen und spezielle Wünsche der Bauherren zu erfüllen, wie das beim Holz-Lehmbau-Campus  gefertigte Sichtmauerwerk, der Zierverband mit herausstehenden Köpfen und eine Rundung.  Ob an der Mauermaschine oder konventionell im Werk hergestellt, der gesamte Arbeitsprozess findet unter trockenen und konstanten Bedingungen statt. Somit entstehen Wände, die sowohl maßhaltig, planeben und aussparungsgenau gefertigt sind. Ebenso können aber auch baustellenkritische Schnittstellen wie Installationskanäle, Anschlussdetails oder der Havarieschutz aus Klinkerstein oder zementären Baustoffen exakt nach Plan integriert werden. Die Wände erhalten folglich eine Qualität, die auf der Baustelle unter Zeitdruck kaum erreichbar wäre.

Die fertigen Elemente werden im Werk witterungsbeständig verpackt, auf Kassetten geladen und termingenau mit dem Innenlader auf die Baustelle verbracht. Das erleichtert die Logistik und sorgt dafür, dass die Bauteile trocken und einbaubereit auf der Baustelle ankommen. Während der Hersteller beim Transport und der Anlieferung auf den Schutz vor Wassereinwirkung achtet, müssen die Handwerkerinnen und Handwerker auf der Baustelle und während der Bauphase sicherstellen, dass der Schutz vor Wassereinwirkungen sichergestellt wird.

Montage auf der Baustelle: Tempo und klare Abläufe

Auch wenn sich der Einbau der Lehmelemente grundlegend vom herkömmlichen Mauern unterscheidet, ist diese Bauweise auf Basis anderer Baustoffe schon erprobt, wie zum Beispiel das Mauern von Ziegelelemente aus Planziegeln. Innen- und Außenwände werden formgenau und entsprechend den Anforderungen der Bauunternehmen vorgefertigt und mithilfe eines Krans auf der Baustelle gesetzt. Statt eine Wand Schicht für Schicht in Stunden aufzumauern, stehen die einzelnen Elemente innerhalb weniger Minuten. Dementsprechend ergeben sich für die Baufirmen eine Vielzahl an praktischen Vorteilen:

deutlich kürzere Montagezeiten

geringere körperliche Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

weniger Materialbewegung an der Baustelle

saubere und trockene Baustellen, besonders in Innenstädten

Für viele Handwerkerinnen und Handwerker hat dies einen sichereren und entspannteren Baustellenalltag zur Folge. Das wetterabhängige Warten auf trockene Mörtel- und Putzbereiche entfällt sowie eine Vielzahl an körperlich schweren Tätigkeiten. Die Arbeit konzentriert sich auf das Versetzen, Ausrichten und Verbinden dieser Elemente. Diese Tätigkeiten können auf den Baustellen auch unter engen Zeitvoraussetzungen von speziell ausgebildetem Personal zuverlässig ausgeführt werden. Auf die Frage an das Handwerksunternehmen Modreno Baupartner Slawik & Kindorf GbR, warum sich das vorelementierte Mauern für sein Handwerksunternehmen gelohnt hat, führt Mattis Kindorf aus: „Für uns hat sich das Vorelementieren der Mauern vor allem deshalb gelohnt, weil wir mit sehr wenig Personal arbeiten konnten. Gute Leute für Sichtmauerwerk und Montage zu finden, ist heute nicht einfach. Mit den vorgefertigten Elementen waren wir meist nur zu zweit oder zu dritt auf der Baustelle, statt mit einer großen Mannschaft. Außerdem waren der Verband und die Rundungen bereits vorgegeben. Daher mussten wir vor Ort vieles nicht mehr ausmessen oder aufwendig mauern. Das hat uns enorm viel Zeit gespart und den Bauablauf deutlich entspannter gemacht.“

Ökologische Vorteile: Nachhaltigkeit im gesamten Prozess

Verschiedene Eigenschaften sorgen dafür, dass Lehm von Natur aus ressourcenschonend ist. Er wird nur getrocknet, nicht aber gebrannt und somit in seiner chemischen Zusammensetzung nur geringfügig verändert – er kann folglich in Gänze wiederverwendet werden. Die elementierte Bauweise verstärkt diesen ökologischen Gedanken, da durch das maßgenaue Produzieren der Wandelemente kaum Verschnitt entsteht. Geringe Reste hingegen können im Werk wiederverwendet und zu neuen Lehmsteinen verpresst werden. Dadurch wird der Transport eingespart und die ökologische Bilanz des Baustoffs weiter verbessert. Zusätzlich ist das sortenreine Bauen durch die Kombination von Lehmsteinen, -mörtel und -putz und das einfache und sortenreine Trennen von zum Beispiel Holzständerkonstruktionen ein großer Vorteil in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft. So können Steine, die nicht oder nur in Teilen verwendet wurden, wiederverwendet werden.

Holz-Lehmbau Campus Berlin-Weißensee

Wie gut ein solches System in der Praxis funktioniert, zeigt der Holz-Lehmbau Campus in Berlin. Hier errichtet die Firma B&O Bau und Gebäudetechnik GmbH & Co. KG mit den Architekten Sauerbruch Hutton ein Demonstrationsbau, der Holz als Konstruktion mit massiven, tragenden Lehmsteinwänden kombiniert. Die vorgefertigten Wandelemente trafen in Absprache mit den Bauunternehmern und den Maurern auf der Baustelle ein und konnten ohne größere Nacharbeit in den Neubau eingesetzt werden.

Die Wandelemente wurden mit Verzahnung hergestellt und mit passendem Abstand voneinander gesetzt, so dass vor Ort die „Lücke“ lediglich ausgemauert werden musste, um ein nahtloses Sichtmauerwerk zu erhalten. Vorteile, wie eine frühzeitige Fertigstellung der einzelnen Bauabschnitte, Koordination zwischen den Gewerken und saubere Arbeitsbereiche trotz intensiver Bauphase, kamen hier zum Tragen.

Das Projekt zeigt, dass die Nutzung traditioneller Baustoffe kombiniert mit moderner Produktionstechnik  zu großen Vorteilen in der Baubranche führen kann. Sowohl die Bauzeit als auch die Arbeitsbedingungen werden verbessert, während keine Kompromisse bei der Qualität eingegangen werden müssen. Mattis Kindorf von Modreno führt aus: „Die größte Herausforderung für uns war, ein durchgängiges Sichtmauerwerk mit kleinformatigen Steinen in Elementbauweise herzustellen, inklusive der Rundungen. Dafür braucht es extrem genaue Maße, weil die Abstände zwischen den einzelnen Elementen überall gleich sein müssen. Sie mussten so präzise gesetzt werden, dass man am Ende nicht erkennt, wo sie zusammenstoßen. Der Verband mit den hervorstehenden Steinen hilft dabei, ein ruhiges, gleichmäßiges Gesamtbild zu erzeugen und kleine Maßtoleranzen im fertigen Mauerwerk optisch zurücktreten zu lassen.“

Fazit

Lehm zeigt in seiner elementierten Form, welche Potenziale durch die Werkvorfertigung möglich sind. Präzise gefertigte Bauelemente von ganzen Wänden bis hin zu aufwändigen Fenster- und Türelementen mit Laibungen ermöglichen auf der Baustelle einen planbaren Ablauf und schnelles Vorankommen. Gleichzeitig werden Ressourcen geschont,  Abfälle vermieden und ein gesundes Raumklima gefördert.

Mit Projekten wie dem Holz-Lehmbau Campus wird deutlich, dass Lehm weit mehr kann als klassische Innenwände oder Putzaufbauten: Er wird als vorgefertigtes Wandelement zu einem leistungsfähigen und tragenden Bauteil, das ökologische Anforderungen erfüllt und handwerkliche Abläufe spürbar erleichtert. Die elementierte Bauweise zeigt somit einen klaren Weg in die Zukunft des nachhaltigen Bauens – schnell, sauber und kreislauffähig.

 

Autorin

Dr. Ipek Ölcüm ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin des Industrieverbands Lehmbaustoffe e.V. in Berlin.

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