Passend statt pauschal
Mitarbeiterbindung im Handwerk, Teil 3: Benefits für Beschäftigte passend gestaltenBenefits werden meist für die gesamte Belegschaft eingeführt – unabhängig davon, ob sie zum tatsächlichen Bedarf der unterschiedlichen Beschäftigtengruppen passen. Anhand eines Beispiels erläutern wir, für wen welches Versorgungssystem sinnvoll ist.
Maurer und Bauleiter arbeiten für dasselbe Handwerksunternehmen, vielleicht sogar auf derselben Baustelle. Trotzdem unterscheiden sich Arbeitsalltag, körperliche Belastung, Verantwortung und Einkommen deutlich. Warum sollten dann ausgerechnet die Mitarbeiterleistungen für beide identisch sein?
Viele Unternehmen im Bauhandwerk investieren längst in ihre Beschäftigten: in Gesundheit, Einkommensschutz, Altersversorgung oder Zuschüsse. Trotzdem bleibt die Wirkung häufig hinter den Erwartungen zurück. Denn eine Leistung wird nicht dadurch wertvoll, dass sie angeboten wird. Sie wird wertvoll, wenn sie ein konkretes Problem löst und der Mitarbeiter diesen Nutzen auch erkennt.
Ein Handwerksunternehmen, verschiedene Arbeitswelten
Bei unserer Arbeit bei PelfWave zeigt sich deshalb immer wieder: Eine Versorgung mit System beginnt nicht mit der Frage, welches Produkt angeboten werden soll. Sie beginnt mit dem Handwerksunternehmen selbst. Wer arbeitet dort? Welche Belastungen entstehen? Welche Altersgruppen und Einkommen treffen aufeinander? Was besteht bereits – und was möchte die Geschäftsführung mit der Versorgung erreichen?
In einem Unternehmen im Bauhandwerk treffen völlig unterschiedliche Tätigkeiten aufeinander. Maurer und andere gewerbliche Fachkräfte arbeiten überwiegend körperlich. Bauleiter koordinieren Projekte, Termine und Gewerke und tragen Verantwortung für Abläufe und Beschäftigte. Deshalb greift die klassische Frage „Was können wir allen anbieten?“ zu kurz. Die entscheidende Frage kommt vorher: Welches Problem soll für welche Beschäftigtengruppe gelöst werden?
Der Maurer: Wenn der Körper das wichtigste Arbeitsmittel ist
Nehmen wir einen 30-jährigen Maurer mit einem beispielhaften Bruttogehalt von rund 3300 Euro monatlich. Sein Einkommen hängt unmittelbar von seiner körperlichen Leistungsfähigkeit ab. Rücken, Knie und Schultern werden täglich beansprucht. Beschwerden am Bewegungsapparat sind deshalb nicht nur ein gesundheitliches Problem. Sie können darüber entscheiden, ob er auf der Baustelle noch voll eingesetzt werden kann.
Zeigt die Analyse, dass körperliche Belastungen für diese Beschäftigtengruppe besonders relevant sind, kann die Versorgung genau dort ansetzen. Physiotherapie, Osteopathie oder ein erleichterter Zugang zu medizinischen Leistungen können Bestandteile sein. Sie sind aber nicht das Konzept. Welche Leistungen sinnvoll sind und wie sie miteinander verbunden werden, ergibt sich erst aus den tatsächlichen Belastungen und der Struktur des jeweiligen Handwerksunternehmens.
Für mich muss eine Gesundheitsleistung im Handwerk deshalb nicht vor allem auf dem Papier gut aussehen. Sie muss an einem Dienstagmorgen funktionieren, wenn eine Fachkraft mit Rückenproblemen auf der Baustelle steht und Unterstützung braucht.
Wenn aus Gesundheit ein Einkommensproblem wird
Doch selbst eine passende Gesundheitsversorgung beantwortet eine zweite Frage nicht: Was passiert, wenn der Maurer seinen Beruf langfristig nicht mehr ausüben kann? Dann wird aus einem körperlichen Problem ein finanzielles.
Bei der Arbeitskraftabsicherung zählen deshalb nicht nur Beruf und Alter. Entscheidend sind auch Einkommen, laufende Verpflichtungen, Lebensstandard und bereits bestehende Absicherung. Innerhalb eines für das Unternehmen entwickelten Systems kann sich der Arbeitgeber an der Finanzierung beteiligen.
Der Bauleiter: Gleiche Baustelle, anderes Risiko
Ein 30-jähriger Bauleiter mit beispielsweise 5000 Euro Bruttogehalt arbeitet in derselben Branche, aber unter anderen Bedingungen. Er koordiniert Baustellen, Termine und Gewerke und trägt Verantwortung. Körperliche Belastungen können in den Hintergrund treten, während organisatorischer Druck, Stress, Einkommen und finanzielle Verantwortung stärker ins Gewicht fallen.
Das bedeutet nicht: Führungskraft gleich mehr Leistung. Es bedeutet: anderes Risiko, andere Gewichtung. Der Bauleiter braucht nicht automatisch die bessere Versorgung. Er braucht die für seine Situation passende. Maurer und Bauleiter sind Beispiele, keine zwei neuen Versorgungsschubladen. Der eine braucht nicht mehr und der andere weniger. Beide brauchen das Richtige.
Gleicher Beruf bedeutet noch lange nicht gleicher Bedarf
Die Differenzierung endet nicht bei der Tätigkeit. Ein 25-jähriger Maurer kann eine völlig andere Ausgangslage haben als sein 55-jähriger Kollege. Einkommen, Lebensphase, vorhandene Vorsorge und die verbleibende Zeit bis zum Ruhestand verändern die Anforderungen. Das zeigt sich besonders beim Rentenkonzept. Gerade jüngere gewerbliche Beschäftigte verschieben zusätzliche Altersvorsorge häufig, wenn sie dafür selbst Geld aus dem bereits versteuerten Nettoeinkommen zurücklegen sollen. Wird die Versorgung dagegen innerhalb des Unternehmens strukturiert und beteiligt sich der Arbeitgeber, entsteht eine andere Bedeutung. Bei älteren oder leitenden Beschäftigten können bestehende Versorgung, höheres Einkommen und steuerliche Rahmenbedingungen die Gewichtung wiederum verändern.
Für mich ist dabei ein Punkt entscheidend: Zusätzliche Versorgung sollte für den Mitarbeiter nicht als irgendein Vertrag neben vielen anderen wahrgenommen werden. Er soll später sagen können: Das hat mein Arbeitgeber für mich möglich gemacht.
Der Mitarbeiter muss den Nutzen verstehen
Genau deshalb gehört Kommunikation zur Struktur. Der Maurer muss nicht erklären können, welcher Tarif hinter einer Leistung steckt. Er muss wissen, was sein Arbeitgeber für ihn eingerichtet hat und welchen konkreten Nutzen er davon hat. Denn ein Benefit, den niemand versteht, stärkt weder Arbeitgeberattraktivität noch Mitarbeiterbindung. Eine Versorgung, die im Alltag spürbar wird und nachvollziehbar auf die eigene Situation zugeschnitten ist, kann dagegen genau diese Verbindung schaffen.
Versorgung mit System bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Versicherungen oder Benefits in einem Handwerksbetrieb unterzubringen. Der Wert liegt in der Struktur, die für dieses Unternehmen entwickelt wird. Die einzelnen Lösungen kommen erst danach.
Perspektivwechsel
Zwei Unternehmen im Bauhandwerk können auf den ersten Blick nahezu identisch aussehen und trotzdem unterschiedliche Anforderungen haben. Beschäftigtenstruktur, Tätigkeiten, Altersgruppen, Einkommen, bestehende Versorgung und die Ziele der Geschäftsführung entscheiden darüber, welche Gewichtung sinnvoll ist. Damit verändert sich auch die Perspektive des Unternehmers. Die Frage lautet nicht mehr nur: „Was kostet mich dieser Benefit?“ Sondern: „Was bewirkt meine Investition im Unternehmen?“
Genau dort setzt der vierte und letzte Teil dieser Serie an. Für die Geschäftsführung wird entscheidend, was die gewählte Struktur wirtschaftlich auslöst: Wie entwickeln sich Arbeitgeberaufwand und Lohnkosten? Welche Rolle spielen Fehlzeiten? Wo entstehen unnötige Kosten? Und welchen Einfluss kann die Gestaltung auf die Liquidität haben? Im letzten Serien-Teil wechseln wir deshalb bewusst die Perspektive: weg von der einzelnen Mitarbeiterleistung hin zur Unternehmerrechnung. Denn gute Mitarbeiterbindung muss nicht nur beim Team ankommen. Sie sollte auch für den Chef wirtschaftlich nachvollziehbar sein.
Autorin
Bianca Hasselbacher ist Gründerin von „PelfWave - Versorgung mit System“ in Grünwald. Mit ihrem Team entwickelt sie Versorgungssysteme für kleine und mittelständische Handwerksbetriebe, die über klassische Einzelverträge hinausgehen. Im Fokus stehen klare Strukturen, die Haftungsrisiken reduzieren und Kosten planbar machen.
