Serielle Piloten
Neue Fassadenlösungen für die serielle Sanierung im Einfamilienhaus-Segment im PilotstadiumDie serielle Sanierung von Einfamilienhäusern kommt in Bewegung. Mehrere Unternehmen arbeiten derzeit an neuen Fassadenlösungen, die zeigen, wie Sanierungen künftig noch einfacher, schneller und bezahlbarer werden können. Wir stellen vier Pilotprojekte vor.
„Wir sehen gerade, wie viel Innovationskraft im Markt steckt“, sagt Nils Bormann, Seniorexperte dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren/Energiesprong DE. „Neue Materialien, kompaktere Module oder kleinflächigere Formate im Holzrahmenbau – die Vielfalt ist groß. Das ist entscheidend, um künftig die unterschiedlichen Gebäudetypen und Eigentümergruppen zu erreichen und serielles Sanieren in der Breite zu ermöglichen.“
Die neuen Ansätze zielen darauf ab, serielle Sanierungen noch besser zugänglich zu machen – durch günstigere Materialien, leichtere Konstruktionen oder nachhaltigere Komponenten. So entstehen derzeit unterschiedliche Systeme, die jeweils ein gangbarer Weg sind, um Klimaschutz und Marktentwicklung zu verbinden.
Vier Innovationsansätze zeigen exemplarisch, in welche Richtungen sich die serielle Sanierung im Einfamilienhausbereich entwickelt. Alle Lösungen sind zudem auch für Mehrfamilienhäuser geeignet.
Biobasierte Sanierung mit Stroh und Lehm
Im mecklenburgischen Tentzerow wird erstmalig ein Einfamilienhaus mit Strohdämmung seriell saniert – ein Pilotprojekt des jungen Unternehmens Halm GmbH, das bisher vor allem im Neubau aktiv war. Die Fassadenelemente bestehen aus Holzrahmen, die mit Stroh gedämmt und mit Lehm verputzt werden. Sie werden in der Werkhalle gefertigt und in wenigen Tagen montiert. Mit dieser seriellen Lösung sollen nachwachsende Rohstoffe in die Baupraxis gebracht werden – regional gefertigt und im Kreislauf gedacht. Die Fassade wirkt dabei als CO2-Speicher und zeigt, wie eine klimapositive Sanierung aussehen kann.
„Wir wollten herausfinden, ob unsere Holz-Stroh-Module auch in der seriellen Sanierung funktionieren – und können nun zeigen, dass nachhaltige Materialien mit standardisierter Vorfertigung kombinierbar sind“, so Thorin Wäschle, Eigentümer und Mitgründer der Halm GmbH.
Leichtbau als Schlüssel zum Erfolg
Das Münchner Start-up dcarbonize GmbH, eine Ausgründung der TU München, setzt auf eine hinterlüftete Blechfassade – ein Bauteil, das Tragstruktur, Dämmung und Wetterschutz miteinander kombiniert. Die leichten Profilelemente werden hochpräzise vorgefertigt und geschossweise montiert – ideal bei engen Baustellen und kurzen Montagezeiten.
Ziel ist es, durch die Abwandlung des klassischen Holzrahmenbaus den Prozess zu beschleunigen und Material sowie Kosten zu reduzieren. „Wir haben ein System explizit für die serielle Sanierung entwickelt – eine deutlich schlankere Konstruktion als der übliche Holzrahmenbau, die etwa die Hälfte wiegt und nur halb so viele Bauteile hat wie dieser. So kann sie schon beim Markteintritt mit der konventionellen Sanierung mithalten“, so Valentin Übelhör von der dcarbonize GmbH.
Unterstützt vom Venture Lab der TU München zeigt das junge Team, wie durch Leichtbau-Elemente eine Fassade entstehen kann, die energieeffizient, skalierbar und dabei kostengünstig ist. Das Energiesprong-Team der dena begleitet dcarbonize bei der Markteinführung und war zu Besuch in der Produktionshalle und auf der Baustelle.
Vorfertigung und Flexibilität für Bestandsgebäude
Mit kleineren, leichteren Fassadenelementen adressiert die modulyte GmbH die hohe Heterogenität des Einfamilienhausbestands: Viele Gebäude haben Anbauten, Erker oder weisen unterschiedliche Höhen auf. Ihre Fassadenflächen sind im Vergleich zu den von Mehrfamilienhäusern deutlich kleiner – hier stoßen großflächige, vorgefertigte Module oft an ihre Grenzen. Das System der modulyte GmbH besteht im Kern aus modularen Holzbauelementen. Diese lassen sich an verschiedene Gebäudeformen anpassen. So können auch individuelle Häuser effizient und seriell modernisiert werden. „Unser Ansatz ist ein modulares, zirkuläres und leicht montierbares System, das energetisches Sanieren einfacher, schneller und nachhaltiger macht. Ziel ist es, serielle Sanierung auch dort möglich zu machen, wo Standardlösungen bisher nicht passen“, erläutert Detlef Lenschen von der modulyte GmbH.
Vorgefertigte EPS-Dämm-Module
Das Familienunternehmen Schweiger Rollladen GmbH entwickelt ein modulares Wärmedämmverbundsystem (WDVS), das im Werk nach Maß vorgefertigt und mit Fenstern und Lüftung ausgestattet wird. Der Ansatz: bewährte WDVS-Technik in ein vorgefertigtes System überführen, das schneller montiert und passgenauer produziert werden kann als bisherige serielle Sanierungslösungen. Noch basiert das System auf verklebten und erdölbasierten Materialien wie EPS und mineralischem Putz – eine Lösung, die in puncto Kreislauffähigkeit noch nicht am Ziel ist, aber wichtige Erfahrungen ermöglicht.
Für das Energiesprong-Team ist dies ein wichtiger Zwischenschritt: Er zeigt, dass serielle Sanierung auch mit etablierten Baustoffen funktioniert. Im nächsten Schritt müssen nachhaltigere, biobasierte und kreislauffähige Materialien folgen, um die Sanierungen langfristig zukunftsfähig und ressourcenschonend zu gestalten.
Vom Piloten zur Marktlösung
Alle vier Systeme befinden sich noch im Pilotstadium – und doch zeigen sie, dass der Markt für serielle Sanierung im Einfamilienhausbereich Fahrt aufnimmt. Während einige Ansätze auf maximale Vorfertigung und Geschwindigkeit setzen, zielen andere auf Kreislauffähigkeit oder höhere Flexibilität.
Das Energiesprong-Team der dena unterstützt Unternehmen bei der Produktentwicklung, der Planung von Pilotprojekten und der Vernetzung mit Energieberaterinnen und Energieberatern, Anbietern und Kommunen. So entsteht schrittweise ein Marktumfeld, in dem die serielle Sanierung zum neuen Standard werden kann – auch im individuellen Bestand von Einfamilienhäusern und ähnlichen Gebäuden.
Wer sich tiefer mit seriellen Lösungen beschäftigen oder eigene Projekte anstoßen möchte, findet im Energiesprong-Produktkatalog einen aktuellen Überblick über verfügbare Fassadenlösungen und Anbieter. Ergänzend bietet das Informationspaket zur seriellen Sanierung im Einfamilienhausbereich praxisnahe Einblicke, Infomaterial und Argumentationshilfen für Beratung und Umsetzung. Beide Materialien unterstützen dabei, den Einstieg in die serielle Sanierung zu erleichtern und erste Schritte von der Idee bis zur Umsetzung zu begleiten.
Hintergrund: Energiesprong Deutschland
Energiesprong ist ein international erprobter Ansatz für serielle Gebäudesanierungen mit vorgefertigten Elementen. Ziel ist es, Bestandsgebäude schnell, effizient und klimaneutral zu sanieren – mit hoher Wohnqualität und langfristig stabilen Kosten. In Deutschland wird die Marktentwicklung von der Deutschen Energieagentur (dena) koordiniert und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) unterstützt.
AutorinJoseline Silva Cousiño ist Seniorexpertin Kommunikation & Netzwerke beim dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren/Energiesprong DE in Berlin.
