Alleinarbeit auf Baustellen ist gefährlich

Arbeitsrisiken gibt es auf jeder Baustelle. Wie sich Unfall-Risiken erkennen und minimieren lassen, das erklärt Steve Hough, Vorstandsmitglied des britischen Unternehmens SoloProtect, im Interview.

In allen Unternehmen und in jeder Branche sind die Beschäftigten bei ihren jeweiligen Tätigkeiten mehr oder weniger großen Risiken und Gefahren ausgesetzt: Auf jeder Baustelle gibt es einige Stolperfallen oder ungesichertes Equipment könnte plötzlich vom Gerüst fallen. Handwerker können sich an scharfem Werkzeug aufgrund von nur kurzer Unachtsamkeit verletzen.

Diese Beispiele sind laut des Unternehmen SoloProtect natürlich höchst alarmierende Szenarien. Doch noch bedrohlicher seien derartige Vorkommnisse für Personen, die den kompletten Arbeitstag oder auch nur zeitweise völlig allein und ohne Kolleginnen und Kollegen in Ruf- oder Sichtweite tätig sind. Diese sogenannten Alleinarbeiter sind im Job umso stärker gefährdet, weil ihnen im Notfall niemand zur Seite stehen und nötige Hilfe holen kann.

Welche möglichen Gefahren für die Angestellten in Unternehmen lauern, wo und wann alleinarbeitende Personen eventuell in Not geraten könnten und wie Arbeitgeber die verschiedenen Sicherheitsrisiken für ihre Mitarbeiter identifizieren und verringern können, weiß Steve Hough, Vorstandsmitglied vom britischen Unternehmens SoloProtect. Als Anbieter von Sicherheitslösungen für Alleinarbeiter in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Europa hat SoloProtect bereits mehr als 260.000 Notrufgeräte in der täglichen Nutzung und überwacht diese kontinuierlich.

1. Wie können Arbeitgeber und Verantwortliche überhaupt wissen, ob und wann ihr Personal potenziell gefährdet ist?

Steve Hough: Dazu müssen die Verantwortlichen die möglichen Risiken zunächst erkennen, dann auflisten und sie schließlich nach Art und Relevanz klassifizieren. Das Bewusstsein für mögliche Gefahren, der Dialog mit allen beteiligten Mitarbeitern sowie deren Kooperation bei der Gefährdungsbeurteilung rund um ihre spezifischen Aufgabenbereiche sind wichtige Bestandteile dieses Prozesses. Um schließlich das aus betriebswirtschaftlicher Sicht erkennbare Risiko zu minimieren, müssen unter Umständen auch Arbeitsprozesse einzelner Abteilungen und Mitarbeiter verändert und bestimmte Hilfsmittel eingesetzt werden.

2. Auf welche Weise können Arbeitgeber ihre Angestellten schützen?

Steve Hough: Dafür gibt es viele Möglichkeiten, aber zunächst sollte man sich die jeweilige Unternehmenskultur der eigenen Organisation ansehen. Wenn man daraus einen einheitlich geltenden Sicherheitsstandard schaffen kann, ist das ein guter Start für den gesamten Prozess. Teil dieser Entwicklung ist auch das Festlegen einer dynamischen Sicherheitsregelung für Alleinarbeiter, die jedem Mitarbeiter bekannt sein und die stetig erneuert und individuell angepasst werden muss. Jegliche Sicherheitsmaßnahmen für Alleinarbeiter sollten auch den Einsatz von Technologien umfassen, die im ganzen Unternehmen genutzt werden. Dadurch wird verdeutlicht, was von allen Beteiligten erwartet wird und welche Vorteile diese Maßnahmen der gesamten Organisation bieten.

3. Was kann man tun, wenn die Mitarbeiter die festgelegten Sicherheitsmaßnahmen nicht befolgen?

Steve Hough: Ich denke, es geht weniger um Zusammenarbeit als vielmehr um gemeinsame Werte und Verantwortlichkeiten. Schließlich ist jeder mitverantwortlich für die Sicherheit an unseren Arbeitsplätzen. Das Thema ist als eine stetige Initiative zu betrachten, auf die alle Parteien hinarbeiten oder die sie aktiv aufrechterhalten. Diese Herangehensweise ist ein maßgeblicher Teil der Entwicklung einer eigenen unternehmerischen Sicherheitskultur. Es ist wichtig, alle Beschäftigten in das Thema als gemeinschaftliches Projekt miteinzubeziehen und die Vorteile eines sichereren Arbeitsplatzes für die komplette Organisation effektiv zu kommunizieren.

4. Wie kann ein Arbeitgeber feststellen, ob die eingerichteten Schutzmaßnahmen von den Arbeitnehmern ignoriert werden?

Steve Hough: Wenn festgelegte Sicherheitsmaßnahmen von Beschäftigten nicht ausreichend umgesetzt werden, sollte dies in einem persönlichen Gespräch über die verpflichtenden Sicherheitsrichtlinien deutlich thematisiert werden. Außerdem sollte es diesbezüglich regelmäßige Überprüfungen, Sicherheitstrainings sowie einen stetigen Dialog zum Thema Arbeitsschutz geben. Die regelmäßige und gern auch prämierte Auslobung sogenannter "Sicherheits-Champions" – Personen, die die festgelegten Sicherheitsmaßnahmen in der Firma vorbildlich umsetzen – kann die laufende Diskussion zum Thema Arbeitsschutz unterstützen und aufzeigen, wo irgendwelche Probleme weitere Aufmerksamkeit erfordern.

5. Wie kann der Arbeitgeber sicherstellen, dass die Arbeitnehmer langfristig selbst eventuelle Gefahren erkennen und möglichst frühzeitig melden?

Steve Hough: Ermöglichen Sie eine für alle Mitarbeiter zugängliche Kommunikationsplattform für den regelmäßigen Dialog über beste Arbeitspraktiken. Das kann beispielsweise im Rahmen eines speziellen Forums in Ihrem Firmenintranet sein oder auch in monatlichen Abteilungsmeetings. Lassen Sie dort über Erfolgsgeschichten und mögliche Risikofaktoren berichten und ermutigen Sie Ihre Belegschaft weiterhin, Risiken im Rahmen ihres Arbeitsalltags aufzuzeigen und dynamisch zu bewerten. Auch hierbei kann der Einsatz von Technologie helfen, indem bestimmte Funktionen gezielt periodisch ausgeführt werden.

6. Wieviel Zeit, Arbeitskraft und Budget sollten Unternehmen für wirksame Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen aufwenden?

Steve Hough: Ich denke, das ist bei jedem Unternehmen ganz individuell. Es hängt von den jeweiligen Risiken und dem entsprechenden unternehmerischen Verantwortungsgefühl ab, wie sehr man die Sicherheitsbedürfnisse der Belegschaft im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen befriedigen kann und möchte. Jeder Mensch, der zur Arbeit geht, sollte am Ende des Tages unversehrt nach Hause kommen, doch das ist leider nicht immer der Fall. Ich halte es im Übrigen auch aus nüchterner betriebswirtschaftlicher Sicht für ratsam, die Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen nicht nur als reine Kosten zu betrachten. Denn sie sind langfristig eine Investition in die körperliche und psychische Gesundheit des Personals, die der Organisation auf lange Sicht Vorteile bringt – zufriedene Angestellte und dadurch weniger Fehlzeiten und Kündigungen.   (bhw/ela)

 

Wie gefährdet sind die eigenen Mitarbeiter?

Jedes verantwortungsbewusste Unternehmen sollte überprüfen, ob und in welcher Form die Mitarbeiter Alleinarbeit verrichten und ob sie in Notfallsituationen angemessen geschützt sind. Eine erste Orientierung geben laut SoloProtect die Antworten auf folgende Fragen:

- Sind alle Arbeitsplätze erfasst, die komplett oder auch nur zeitweise von Mitarbeitern allein besetzt sind?

- Ist das jeweilige Gefahrenpotenzial dieser Arbeitsplätze realistisch eingestuft (geringe, erhöhte und besondere Gefährdung)?

- Wie ist sichergestellt, dass die alleinarbeitenden Personen bei einem unvorhergesehen Notfall Hilfe erhalten?

- Sind die technischen Möglichkeiten bekannt, die zur Sicherung eines Alleinarbeitsplatzes eingesetzt werden können?

- Sind die eingesetzten Mitarbeiter psychisch und körperlich für Alleinarbeit geeignet?

- Wissen die allein arbeitenden Mitarbeiter, was sie bei Störungen und Notfällen zu tun haben?

 

Über SoloProtect:

Als Anbieter von Sicherheitslösungen für Alleinarbeiter in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Europa hat SoloProtect bereits mehr als 260.000 Notrufgeräte in der täglichen Nutzung und überwacht diese kontinuierlich. SoloProtect hat seinen Hauptsitz in Sheffield (Großbritannien). Mehr Infos unter www.SoloProtect.de

 


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