Umnutzung eines Konsum-Marktes in Sundhausen als „DesignBuild“-Projekt

Bei der Umnutzung eines Konsum-Marktes in Sundhausen ging es um mehr, als nur darum, in eine Gebäudehülle aus den 1970er Jahren ein Holzhaus hineinzubauen. Es ging auch darum, gesellschaftliches Engagement mit theoretischem und praktischem Lernen in einer Bauhütte zu verknüpfen.

Was haben wir von der Redaktion der bauhandwerk in Sundhausen zu suchen? Und wo liegt das überhaupt? Es ist ein kleines Dorf in Thüringen mit gerade mal 360 Einwohnern, das man von Bad Langensalza in einer Viertelstunde mit dem Auto erreichen kann – wenn man will. Wir wollten und fuhren Anfang März auf Einladung der Sto-Stiftung dorthin. Vor Ort staunten wir nicht schlecht, wie viele Institutionen in die Umnutzung des dortigen Konsum-Marktes involviert sind. Allen voran der Bürgermeister der Gemeinde, dann die Sto-Stiftung, die Stiftung Landleben, der Landengel e.V., die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen, und – um unsere Verwirrung komplett zu machen – auch noch die TU Berlin, vertreten durch Prof. Ralf Pasel vom CODE, Entwerfen und Baukonstruktion. CODE steht für Construction Design. Aber was macht der Professor mit seinen Studentinnen und Studenten in der thüringischen Pampa? Und wie hängt das mit den Stiftungen und dem Landengel zusammen? Was ist überhaupt ein Landengel? Aber eines nach dem anderen, wir müssen manches erklären.

Viele Köche verderben nicht den Brei

Landengel und die Stiftung Landleben hängen zusammen. Die vier Gemeinden Blankenburg, Kirchheilingen, Tottleben und Sundhausen haben vor mehr als zehn Jahren gemeinsam mit der Agrargenossenschaft die Stiftung Landleben gegründet. Ihr Ziel ist die Umsetzung altersgerechten Wohnens und die Wiederbelebung der ländlichen Bausubstanz sowie – ganz allgemein – die Versorgung des ländlichen Raums. Die Stiftung kümmert sich also vor dem Hintergrund des demografischen Wandels um Fragen der Daseinsvorsorge und Lebensqualität. So soll soziale Isolation vermieden und Pflege, Altenhilfe und das Wohlfahrtswesen auch auf dem Lande ermöglicht werden. Um dies zu erreichen, vernetzen der gemeindeübergreifende Verein Landengel und die Stiftung Landleben gemeinsam medizinische, therapeutische und pflegerische Leistungen im Unstrut­-Hainich­-Kreis. Sie bieten ein Landzentrum mit Kita, Tagespflege sowie verschiedene Gesundheitsangebote und Dienstleistungen an. Dazu gehört auch die Organisation ehrenamtlicher Fahrdienste und die Einrichtung so genannter „Gesundheitskioske“ als Anlaufstelle und Treffpunkt für Versorgungsfragen und Beratung in den beteiligten Orten, die gemeinsam mit der IBA Thüringen Leistungen der „Primärversorgung niedrigschwellig zugänglich macht“. Die Internationale Bauausstellung IBA Thüringen ist wiederum ein auf mehr als zehn Jahre angelegtes Planungs- und Baukulturformat, das im kommenden Jahr zu Ende gehen wird. Unter dem Motto „StadtLand“ arbeitet die IBA zusammen mit verschiedenen Partnern beispielhaft an nachhaltigen Projekten mit hohem Gestaltungsanspruch. Die Umnutzung des Konsum-Marktes in Sundhausen ist ein solches „DesignBuild-Projekt“ mit hohem Gestaltungsanspruch. Es dockt thematisch unter anderem an den IBA-Schwerpunkt „LeerGut“ an, der sich intensiv mit dem Bestand als Ressource und den Potentialen des Um- und Weiterbauens im ländlichen Raum auseinandersetzt. Und weil es hier um einen hohen gestalterischen Anspruch geht, kommt nun auch die TU Berlin mit Prof. Ralf Pasel und seinen Studentinnen und Studenten ins Spiel. Denn „DesignBuild“ ist wiederum ein Projekt an der TU Berlin, das sich damit beschäftigt, wie dem Aufbruch auf dem Lande kleinmaßstäblich Gestalt gegeben werden kann.

Und die Sto-Stiftung, was hat die mit alledem zu tun? Nun – die gemeinnützige Stiftung fördert junge Architektinnen und Architekten sowie junge Handwerkerinnen und Handwerker. Diese Förderung nimmt auch in konkreten Projekten Gestalt an: Bei der Sanierung eines Bauhausgebäudes von Max Liebling in Tel Aviv, wo Azubis des deutschen Stuckateur- und Malerhandwerks gemeinsam mit ihren israelischen Kollegen Hand in Hand arbeiteten, oder dem internationalen Denkmalcamp, das wir im vergangenen Jahr im rumänischen Martinsdorf besuchten. Dort konnten Auszubildende verschiedener Gewerke handwerkliche Erfahrungen bei der Sanierung und Restaurierung eines wehrhaften Pfarrhauses und einer Kirche sammeln. Das Besondere an der Umnutzung in Sundhausen ist, dass dort Architektur und Handwerk vereint werden. „In der Zusammenführung von Architekturstudierenden und jungen Fachkräften des Bauhandwerks soll über die konkrete Zusammenarbeit am Bau ein besseres Verständnis der Bauaufgabe sowie Wissen und Austausch gefördert werden. Die Architekten sollen die konkrete Umsetzung erleben, die Handwerker ein Gefühl dafür bekommen, wie der Planer das Projekt als Ganzes sieht“, erklärt Till Stahlbusch von der Sto-Stiftung.

Architektur und Handwerk – alles in einer Hand

„DesignBuild“ kann man sich als Prozess vorstellen, bei dem die Planung und Ausführung von der ersten Idee an in einer Hand liegt. In der Architektur ist „DesignBuild“ mittlerweile eine alternative Forschungs-, Lern- und Lehrform, wie sie unter anderem an der TU Berlin praktiziert wird, die gesellschaftliches Engagement mit theoretischem und praktischem Lernen verknüpft. Lehre, Forschung und Praxis werden so unmittelbar miteinander in einer Bauhütte zusammengeführt. „Es geht darum, nicht nur zu entwerfen, sondern vom Kopf bis in die Hand den Über- beziehungsweise Umsetzungsprozess zu erleben“, sagt Prof. Ralf Pasel von der TU Berlin.

Eine erste Bauhütte widmete sich in Sundhausen im September 2021 der Frage, wie dem Aufbruch in der Dorfregion gestalterisch begegnet werden kann. Nach einer ersten, vorübergehenden Umnutzung des ehemaligen Konsum-Marktes entwarfen und bauten die Studentinnen und Studenten Holzmöbel, die den Außen- und Innenraum des Gebäudes miteinander verbinden und sehr flexibel einsetzbar sind. Ein viertel Jahr später wurden zur zweiten Bauhütte weitere Entwürfe und Transformationsideen für den Altbau erarbeitet. In der dritten Bauhütte ging es von Mitte Februar bis Anfang März dieses Jahres dann um die konkrete Umsetzung dieser Entwürfe.

Leerstand in neues Zentrum verwandeln

„Eigentlich das perfekte Gebäude für den Abriss“, sagt Ralf Pasel. Er meint den Konsum-Markt in Sundhausen und hat damit auch noch recht, denn es ist ein eher hässliches Gebäude aus den 1970er Jahren der DDR. Obendrein hat es weder Fundamente noch eine Horizontalsperre. Eine Ertüchtigung der Bausubstanz würde Unsummen verschlingen. Also weg damit? Aber nein. Aus dem seit vielen Jahren leerstehenden Altbau soll ein neuer Dorfmittelpunkt werden. Neben gemeinschaftsbildenden Funktionen soll das Gebäude künftig auch kleinen lokalen Akteuren eine kostengünstige Arbeitsumgebung bieten. Ein Friseur und ein Physiotherapeut haben sich bereits angemeldet. Mit der Umnutzung soll das menschliche Zusammenkommen in der Dorfmitte neu organisiert werden. Ein hehres Ziel. Aber wie soll dies baulich zu vernünftigen Kosten gelingen? „Das Haus-im-Haus-Prinzip ist eine angemessenere Lösung, als den ganzen Bestand auf EnEV zu ertüchtigen. Der Bestand dient quasi als Pufferzone“, erklärt Prof. Pasel.

Ein Haus aus Holz im Haus aus Stein

Holz drängt sich als Baustoff für ein Haus im Haus geradezu auf. Man kann es leicht ein- und auch wieder ausbauen. „Wir bauen kleine Holzhäuser in den ehemaligen Supermarkt hinein“, sagt Ralf Pasel. Um mit wenig Aufwand und Kosten das Gebäude von außen zu verschönern, sollten an der Fassade zumindest stellenweise neuer Putz und Farbe aufgebracht werden. Erfahrene Maler zeigten den Studentinnen und Studenten wie man den anthrazitfarbenen Putz auf der Straßenseite des Gebäudes an die Außenwand bringt. Später trugen die Maler auf dem grauen Untergrund mit Hilfe von Schablonen den Schriftzug „Sundhausen“ auf. Im gleichen Farbton der Putzfläche fassten sie auf der Hofseite mit einem Anstrich zwei Fenster zu einem Band zusammen. An eine energetische Ertüchtigung brauchte und konnte weder von außen noch von innen gedacht werden, denn die Einbauten aus Holz sind gedämmt.

Zunächst bauten die Studentinnen und Studenten ein Traggerüst aus Holz mit genügend Luftschicht zum Bestand in den Altbau ein. Die Räume zwischen den Ständern und Balken wurden an Wand, Fußboden und Decke mit Mineral- beziehungsweise Holzfaserplatten gedämmt. So entsteht eine gedämmt Holzhülle, der das ungedämmte Steinhaus als Wetterschutz dient. Zur Raumseite hin bilden geschliffene Dreischichtplatten die äußerste Schicht der Holzhülle. Diese könnte man später auch noch mit einem Putzträger und Lehm beschichten. Vorerst bleibt die Holzoberfläche der Nut- und Federplatten jedoch sichtbar.

Leider machte Corona dem Projekt Anfang März einen Strich durch die Rechnung. Nachdem mehrere Studenten und Studentinnen an Corona erkrankten, mussten die Bauarbeiten vor unseren Augen vor Ort abgebrochen werden. Kurz vor Redaktionsschluss haben wir noch einmal nachgefragt: Mittlerweile haben die Holzbauarbeiten im Altbau ihren Abschluss gefunden und auch der Schriftzug „Sundhausen“ hat auf der Fassade zur Straße hin seinen Platz gefunden.

Fazit

Ein bisschen Berliner Kiez ist das schon, was Prof. Ralf Pasel da mit seinen Studentinnen und Studenten, der IBA Thüringen, dem Landengel e.V., der Stiftung Landengel und der Sto-Stiftung in Sundhausen veranstaltet. Solche Projekte findet man sonst eher in Berliner Hinterhöfen oder im Umfeld der Hausbesetzerszene. Der seit langem leer stehende Supermarkt wurde mit einer neuen Funktion gefüllt. Ob das Projekt der Dorfgemeinschaft eine neue Mitte gibt, muss sich erst noch zeigen. Die Verknüpfung von Handwerk und Architektur mit gesellschaftlichem Engagement hat unseren vollen Respekt. In das „Leergut“ des ehemaligen Konsum-Marktes wurde eine neue Nutzung gefüllt. Das finden zumindest wir voll gut!

 

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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